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MECEM - Multimedialer Auftritt gegen Vorurteile

Die Roma-Medienagentur in der Slowakei

Von Robert B. Fishman

Roma gelten in osteuropäischen Staaten als ethnische Minderheit, die oft mit Vorurteilen zu kämpfen hat.
Roma gelten in osteuropäischen Staaten als ethnische Minderheit, die oft mit Vorurteilen zu kämpfen hat. (AP)

In den slowakischen Medien kommen Roma vor allem als Problem vor: arm, ungebildet, kriminell und nicht integrationsfähig. Im ostslowakischen Kosice haben Journalisten vor zwölf Jahren die Roma-Medienagentur MECEM gegründet, die Radio-, Fernseh-, Zeitungs- und Internetangebote produziert.

"Das Projekt der Roma Pressagentur ist vor zwölf Jahren entstanden. Damals war es ein Projekt, das vor allem positive Informationen über die Romas bringen sollte und das Auditorium waren die Nicht-Roma also die Mehrheit."

Erzählt Chefredakteurin Jamila Vanova, selbst eine Roma.

"Später haben sich schon Roma-Journalisten herausprofiliert, sie sind heraufgewachsen und diese Leute haben nicht mehr nur positive Informationen geschrieben, sondern sie haben wirklich eine publizistische Arbeit gemacht und sie haben wirklich gute Arbeit geleistet."

Für ihre Sendungen und Artikel hat die Roma-Presse- und Medienagentur MECEM schon einige Preise bekommen - zuletzt den Preis der österreichischen Erste Bank Stiftung für soziale Integration und einen Medienpreis des slowakischen Kulturministers.

Wichtigstes Anliegen der MECEM-Journalisten und ihrer Programme: Sie wollen bei den Nicht-Roma im Lande Verständnis für ihre Kultur wecken. Chefredakteurin Jamila Vanova:

"Also, sie haben gefragt, was wirklich das Andere ist an die Roma Kultur. Also, ich denke, es ist sehr gut, dass wir immer die alte Traditionen haben, und das ist erstens, ältere Menschen ehren - das ist immer noch sehr lebendig, eigene Mutter sehr ehren, die große Familie, es ist, was die anderen nicht haben, dass die Leute nicht nur die eigene enge Familie als Familie bezeichnen, sondern den breiten Kreis. Diese große Familie hilft, wenn man in Schwierigkeiten gerät, kann man zu den Leuten kommen, die aus dieser breiten Familie stammen, und die werden helfen, die werden sich bemühen, sie werden das Brot, was sie haben, mit dir teilen. Das ist etwas, was die anderen nicht haben."

Im Osten der Slowakei leben die meisten Roma in bitterer Armut: In ihren selbst gezimmerten Siedlungen am Rande der Dörfer haben nur die wenigsten Strom oder fließendes Wasser. Arbeit findet kaum einer von ihnen. Die wenigen Jobs in der strukturschwachen Region gehen an "weiße" Slowaken. Die heißt es heißt es, seien ohnehin zu faul zum Arbeiten.

Die Lehrer schicken Roma-Kinder meist auf die Sonderschule, wo sie unter ihresgleichen bleiben. Weiterführende Schulen in der Kreisstadt Kosice sind für meisten unerreichbar, weil ihre Eltern die Fahrkarten für den Bus nicht bezahlen können. Seit Generationen bleiben Roma so in einem Teufelskreis aus Armut und fehlender Bildung gefangen. Hinzu kommt, dass die immer noch sehr viele Familien sechs, acht oder mehr Kinder haben. Die Älteren müssen sich schon mit zehn oder zwölf um die kleinen Geschwister kümmern. Mit 15 oder 16 sind dann schon viele verheiratet und bekommen selbst ihr erstes Kind. Fürs Lernen bleibt da wenig Zeit.

Die Konflikte zwischen Roma und Nicht-Roma um Kleinkriminalität, Nachbarschaftsstreitigkeiten und die angeblich nicht miteinander verträglichen Kulturen sieht Jamila Vanova nicht als Probleme zwischen Volksgruppen:

"Wissen Sie, diese Sachen sind überhaupt nicht ethnisch. Sie sind nicht genetisch, wie oft gesagt wird. Sie sind auch nicht kulturell. Sie haben mit der Kultur der Roma überhaupt nichts Gemeinsames, es ist leider die Kultur der Armut. Das, was wir heute in den kleinen Siedlungen, in den ärmsten Siedlungen überall in der Slowakei sehen, das ist keine Kultur der Roma, das ist die Kultur der Armut. Und diese Kultur der Arm ... - keine Kultur natürlich - diese Armut, die ist die Ursache von den schlechten Sachen, die die Mehrheit, die Gesellschaft sieht und die sie nicht gern sieht, weil es natürlich keine schöne Sachen sind."

Seit Jahrzehnten wenn nicht Jahrhunderten hören die Roma immer wieder, sie seien minderwertig. Ihre Sprache, das Romanes, war sogar noch zu Ostblockzeiten verboten. Die Menschen wurden so - wie die Indianer Nordamerikas und viele andere Minderheiten weltweit - entwertet, entwurzelt und ihrer Identität beraubt.

Erst allmählich besinnen sich zumindest die Gebildeteren unter ihnen wie MECEM-Chefredakteurin Jamila Vanova auf ihre kulturellen Wurzeln:

"Ich bin wirklich sehr stolz auf meine Kultur, auf meine Identität. Es bereichert mich, ich bin stolz, dass ich Roma bin, warum sollte ich das wegwerfen? Ich denke, ich kenne meine Kultur, meine Identität, ich kenne auch die slowakische, oder ich habe auch ein Teil von ihr, irgendwie, dann habe ich beides und ich fühle mich als reicher Mensch. Das ist die Antwort auf die erste Frage."

Viele junge Roma wollen wieder Romanes, die Sprache ihrer Vorfahren lernen. In Kosice ist Mitte Mai das erste slowakisch-romanes-Wörterbuch erschienen. MECEM sendet sein Programm auch auf Romanes.

Neben Beiträgen von Roma für Roma und der Information der Mehrheitsgesellschaft über die Roma-Minderheit in der Slowakei kümmert sich MECEM um die Ausbildung: Junge Roma lernen bei MECEM das Journalistenhandwerk in der Praxis. Inzwischen sind vier der fünf festen Journalisten bei MECEM Roma.

Wie nötig ihre Arbeit weiterhin ist, zeigen ein paar einfache Zahlen: Obwohl nach Schätzungen fast zehn Prozent der slowakischen Bevölkerung Roma sind, sitzt nur einer von ihnen im Parlament. Selbst dort dürfen Abgeordnete ungestraft gegen die Minderheit hetzen: "Aktiv sind die Roma nur, wenn sie Kinder machen und da sind sie sehr aktiv", zitiert MECEM einen nationalistischen slowakischen Politiker.

"Dass die Politiker klug sind, dass sie vernünftig sind, dass sie so sprechen, wie es sich gehört, ist eine Sache. Und dann die zweite Sache, die für langfristig ist, und daran arbeiten wir auch in unserem Roma-Center, dass man quasi die Ideen der Leute verändert und es ist ein sehr langer Prozess und dabei möchten wir behilflich sein, die Denkweise der Leute zu verändern."



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