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StartseiteDeutschland heuteBürgermeister auf Hartz IV06.03.2017

Mecklenburg-VorpommernBürgermeister auf Hartz IV

Eigentlich wollte Holger Klukas nie Bürgermeister seiner Gemeinde Gallin-Kuppentin in Mecklenburg-Vorpommern werden. Doch dann war Not am Mann - und Klukas stand bereit. Von der Aufwandsentschädigung für sein Amt bekommt er allerdings nicht viel - denn er ist Hartz-IV-Empfänger.

Von Silke Hasselmann

Holger Klukas, Bürgermeister der Gemeinde Gallin-Kuppentin in Mecklenburg-Vorpommern, vor dem Ortsschild "Gallin" (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)
Holger Klukas, Bürgermeister der Gemeinde Gallin-Kuppentin in Mecklenburg-Vorpommern. (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)
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Zu Gast in Gallin, einem der fünf Gemeindedörfer, zu denen noch Zahren, Penzlin, Daschow und Kuppentin zählen. Vor einem weiß getünchten Haus am Dorfrand bringt Holger Klukas sein kleines, grünes Auto zum Stehen.

- "Wie alt ist der denn schon?"

Kuklas: "16 oder 17 Jahre. Der klappert schon, ne? Jetzt sind die Stoßdämpfer auch dahin. Ja, der ist schon was älter, aber fährt."

- "Müssen Sie denn viel fahren in Ihrer Eigenschaft als Bürgermeister?"

Klukas: "Ja. Und wenn ich einmal alle Dörfer abgeklappert habe und auf dem kürzesten Weg gefahren bin, dann sind das 26 km. Einmal rum!"

Hinein ins Gemeindezentrum. "2008 selbst gebaut.", sagt Holger Klukas."Das ist erst nach meiner Amtsübernahme entstanden. Das war vorher der Werkraum von der Schule. Hier rechts ist die Turnhalle. Da können wir gern auch mal reingucken... Das haben wir ohne Fördermittel hingekriegt. Sind wir ganz stolz drauf."

Küche, kleines Büro, großer Gemeinderaum - heute belebt durch den Damenkreis Gallin. Jeden Donnerstag Kartenspielen, Singen, Kaffeeklatsch. Bürgermeister Klukas schaut gern vorbei, erzählt und hört zu. Eine Nachrichtenbörse in der 480-Einwohner-Gemeinde.

"Ich kann doch nicht immer nur sitzen und meckern"

Begonnen hatte es 2006, als Ersatz für den schwer erkrankten damaligen Bürgermeister gesucht wurde, erinnert sich der gebürtige Mecklenburger.

"Und da bin ich dann angesprochen worden von Bürgern: 'Mensch, Du kriegst Hartz IV, hast doch Zeit. Willste nicht Bürgermeister werden?' Und da hab ich gesagt (lacht): 'Nö, will ich nicht.'"

Doch dann habe er sich mit seiner Frau beraten:

"Ich sag: Ich kann doch nicht immer nur sitzen und meckern. Ich bin auch ein Kind der DDR; ich habe gelernt, immer irgendwas auch für die Gesellschaft zu machen und für andere, weil man ja nicht auf irgendwas warten kann. Wenn man wartet, passiert sowieso nix. Tja, und da bin ich mit fast 70 Prozent gewählt worden."

Seitdem sei er jederzeit und überall ansprechbar, spätestens jeden Donnerstag von 16 bis 17 Uhr in seinem kleinen Bürgermeisterbüro.

"Wir haben nicht mal einen Telefonanschluss. Das Einzige, was wir hier haben, ist ein Computer. Der ist aber auch schon - den müssen wir noch mit Dampf heizen, damit der überhaupt läuft (lacht). Aber die Sprechstunde mache ich schon seit 2006, praktisch von Anfang an. Es gibt Tage, da sitzen sie zu dritt und einer lauert auf den anderen. Es gibt Tage, da bin ich auch alleine. Aber zu tun gibt's trotzdem. Der Computer muss gepflegt werden, die Dateien. Es müssen Aushänge gemacht werden. Irgendwas ist immer."

Nur zwei Drittel der Entschädigung wird ausgezahlt

Dazu kommen die wöchentlichen Fahrten nach Lübz in die zuständige Amtsverwaltung. Der Kampf für die Wiedereröffnung einer stillgelegten "Südbahn"-Teilstrecke. Die Vorbereitung des Frühjahrsputzes. Bürgerbesuche bei runden Jubeltagen. Das kostet Zeit und Geld, und deshalb erhalten ehrenamtliche Bürgermeister in Mecklenburg-Vorpommern eine monatliche Aufwandspauschale - bei Holger Klukas sind es derzeit 350 Euro. Eigentlich. Denn anfangs bekam er die volle Summe ausgezahlt.

"Aber 2011 hat die damalige Arge (Bundesagentur für Arbeit) mit irgendeiner Dienstanweisung beschlossen: Das ist als Einkommen zu werten. Und damit war ich raus aus dem Rennen. Also ich kriege im Prinzip zwei Drittel ausbezahlt. Das andere Drittel wird mit angerechnet."

Und zwar mit seinem Arbeitslosengeld II, von dem der 62-jährige Maschinenbau-Ingenieur und seine Frau leben - nach vielen Jahren in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Weiterbildungen und Zeitarbeitsjobs. 

"Wenn ich jetzt Arbeit hätte, dann hätte ich die 350 Euro gekriegt. Bloß weil ich Hartz-IV-Empfänger bin, werde ich auch noch schlechter gestellt. Das ist eine Sache, wo ich Ungerechtigkeit empfinde bis zum geht nicht mehr."

Hilfe von Martin Schulz?

Selbst zeitlebens parteilos, wandte sich Holger Klukas an allerlei Berufspolitiker - bis hoch zum SPD-Ministerpräsidenten in Schwerin.

"Alle haben sie mir geschrieben: 'Mensch Klukas, gut, dass du das machst und so ein Ehrenamt - das ist ganz wichtig. Mach das bloß weiter! So Leute wie dich brauchen wir! Aber es ist alles rechtlich. Wir können da im Prinzip nichts machen.' Nun habe ich vor lauter Übermut und um mal zu gucken an Herrn Schulz geschrieben, der ja so für soziale Gerechtigkeit kämpft. Der hat dann zurückgeschrieben - oder seine Leute - 'Ja, warten Sie mal ab. Lassen Sie erst mal die Wahlen vorbei und dann würden wir uns mal kümmern.'"

Ob und wann das geschieht? Holger Klukas winkt ab und wendet sich zwei Bauern zu, die in seine Bürgersprechstunde gekommen sind. Es geht um die Bewirtschaftung der Weiden in der gemeindeeigenen Sandkuhle von Gallin. Holger Klukas kümmert sich - und zwar sofort.

"Auf die Kacke hauen kann keiner ab hier. Wenn man was sagt, muss man das auch tun. Die lassen sich nichts vormachen. Die wissen ganz genau. Man muss ehrlich sein. Und zuverlässig."

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