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StartseiteKultur heuteSpiegelbilder und Projektionen06.04.2018

"Medea. Stimmen" am Deutschen Theater BerlinSpiegelbilder und Projektionen

Medea ist im antiken Drama des Euripides eine rachsüchtige Kindsmörderin. In Christa Wolfs gleichnamigen Roman von 1996 wird die Frau zum Opfer von männlicher Macht und Fremdenhass umgedeutet. Das Deutsche Theater fächert den Medea-Thriller auf.

Von Barbara Berendt

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Die Schauspielerin Maren Eggert umarmt den Schauspieler Edgar Eckert von der Seite und stützt ihr Kinn auf seine Schulter. Beide Darsteller sind naß, er blickt ernst, sie hat die Augen geschlossen (Arno Declair)
Medea. Stimmen (Arno Declair)
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Medea: "Ich, Medea, hätte meine Kinder umgebracht? Ich, Medea, hätte mich an dem ungetreuen Jason rächen wollen – wer soll das glauben?"

Christa Wolfs Freispruch für Medea ist die wohl radikalste Korrektur des Mythos, wie er seit Euripides erzählt wird. Die blutrünstige Furie, die unmenschlich rasende Kindsmörderin ist hier ein Opfer von patriarchaler Willkür und Machtkalkül.

Diese Medea folgt Jason nicht aus Liebe nach Korinth, sie muss vor dem maroden Regierungssystem in Kolchis fliehen. Hier hat ihr Vater, um seine Macht zu erhalten, den eigenen Sohn umgebracht. Doch im reichen Korinth ist der Herrschaftsapparat noch repressiver und Akamas, der engste Berater des Königs, ein Zyniker:

Es ist doch lächerlich zu glauben, die Menschheit würde gebessert, indem man ihr die Wahrheit über sich sagt. Mutlos, bockig, unregierbar werden sie dann.

Weil sich die Geflüchtete nicht total assimilieren will und dem dunklen Regierungsgeheimnis auf die Spur kommt, dem Mord an der Königstochter Iphinoe, wird Medea erst verleumdet, dann verfolgt. Nicht sie bringt ihre Kinder um, sondern der gegen sie aufgehetzte Mob.

Eine undurchsichtige Frau

Regisseur Tilmann Köhler erzählt diesen Thriller in einem so düster-poetischen wie bedeutungsschweren Bühnenbild. Zwei Zentimeter tief steht das dunkle Wasser auf der leeren Bühne. Wenn Medea am Rand dieses Beckens verharrt, spiegelt sich ihr Körper im totenstillen See. Wenn sie einen Schritt ins Wasser setzt, ziehen die Wellen auch an der schwarzen Bühnenwand immer größere Kreise. Ein Spiel mit Licht- und Schattenfiguren, mit Spiegelungen und Projektionen von Realität. Ein Seil hängt von der Decke herab, als seien die Figuren bis in den tiefsten Schacht ihres Selbst hinabgestiegen und legten hier vor Publikum Zeugnis ab.

Ob man dieser Medea Glauben schenken darf, bleibt zunächst fraglich. Maren Eggert spielt sie als undurchsichtige Frau, spröde, unsinnlich, eher vernunftbegabt. Sie watet klitschnass durchs hochspritzende Wasser, später versteinert sie in der ihr auferlegten Rolle der Mörderin. Ihr verzerrtes Spiegelbild ist die unglückselige Glauke, Kreons jüngste Tochter, die von ihrem Vater so verraten wird, wie es Medea in Kolchis ergangen ist. Aber Glauke fügt sich den Lügen ihres Vaters. Die zarte Kathleen Morgeneyer gibt sie anrührend als waidwundes Opfer, das sich epileptisch auf dem Boden windet wie ein verendender Fisch in seichtem Wasser. Schon Christa Wolf erzählt Glaukes schwere Traumatisierung und Medeas Therapie als Lehrstunde der Psychoanalyse.

Glauke: "Sie brachte es fertig, mich wieder in jene Tiefe zu führen, wo ich mich, sehr klein noch, untröstlich weinend, zwischen einem der Räume des Palastes und dem langen, eisigen Gang sitzen sah."

Medea: "Was für ein Zimmer ist das, auf dessen Schwelle du sitzt?"

Glauke: "Ich weiß es nicht. Ich hatte Angst, ich wollte mich nicht umsehen. Es ist ein Zimmer, in dem ein Mädchen wohnte."

Medea: "Glauke, du weißt es doch!"

Glauke: "Nein, ich weiß es nicht! Das Zimmer ist verschwunden, sie ist verschwunden! Vielleicht denke ich mir das alles aus, vielleicht hat es sie gar nicht gegeben!"

Medea: "Wen denn, Glauke?"

Glauke: "Die Schwester! Iphinoe!"

Zu diesen Sätzen führt eine Puppenspielerin Glaukes tote Schwester als heraufdrängende Schuld über die Bühne.

Tilmann Köhler übersteuert diese in Monologen erzählte Enthüllungsgeschichte viel zu oft ins Gebrüll. Dabei wirkt die Inszenierung gerade dann eindringlich, wenn die Stimmen leiser werden und die Schauspieler nicht wie eine Horde panischer Kinder durchs Wasser rasen. Doch trotz der oft überzogenen Lautstärke bleibt man dran an Wolfs spannender Umdeutung, die weit über die schlichte feministische Lesart "gute Frau, böser Mann" hinausgeht. Auch Frauen können hier intrigant, auch Männer freundschaftlich sein. In vielen Facetten spiegelt sich unsere Gegenwart: im Fremdenhass, in den Herrschaftsmechanismen und vor allem in der Frage: Welche Mächte haben heute die Deutungshoheit über die Geschichte – und welche Geschichten bleiben unerzählt?

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