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StartseiteInterviewZu häufig "der Selbstinszenierung der AfD gefolgt"13.08.2017

MedienZu häufig "der Selbstinszenierung der AfD gefolgt"

In der Berichterstattung über die AfD habe es sehr viele Fehler gegeben, sagte der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler im DLf. Oft hätten Medien die falschen Dinge aufgebauscht. Journalisten sollten der AfD weder die Opferrolle gönnen, noch über jedes Stöckchen springen, was die AfD ihnen hinhalte.

Bernd Gäbler im Gespräch mit Jonas Reese

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Der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler am Rednerpult des Medienforums NRW 2012 (imago stock&people)
"Medien sind interessiert an emotionalen, an personalisierbaren, an dramatischen Konflikten, das hat der AfD sicher in der ersten Phase geholfen", sagte der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler im Dlf. (imago stock&people)
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Jonas Reese: "Zum Regieren brauche ich BILD, BamS und Glotze" - dieses Zitat von Ex-Kanzler Gerhard Schröder hat mittlerweile Flügel bekommen. Und es scheint so, als ob es heute mehr denn je gilt. Wer nicht in den Medien vorkommt, ist quasi nicht präsent. Und das gilt gerade und ausgerechnet auch für eine Partei, die Medien gerne von Parteiveranstaltungen aussperrt oder als Lügenpresse bezeichnen. Zum Verhältnis zwischen der Alternative für Deutschland und Medien hat der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler jetzt ein Diskussionspapier vorgelegt. Ihn habe ich gefragt, wie viel Anteil die Medien am Aufstieg der AfD haben.

Bernd Gäbler: Es ist schon in erster Linie ein gesellschaftliches Phänomen, weil in dieser Phase, als Angela Merkel in zwei großen Fragen - bei der Eurorettungspolitik, das war die erste Phase des Entstehens der AfD, und dann bei der Flüchtlingskrise - eine Politik behauptete, die alternativlos war. Da regte sich natürlich Widerstand. Diesen Widerstand hat diese Partei ausgedrückt und sie ist dann sehr dynamisch größer geworden. Sicher gab es auch in der Medienberichterstattung sehr viele Fehler und auch strukturelle Gemeinsamkeiten. Also Medien sind interessiert an emotionalen, an personalisierbaren, an dramatischen Konflikten, das hat der AfD sicher in der ersten Phase geholfen.

"Auch Medien sind oft oberflächlich"

Reese: Welche Fehler haben denn die Medien da gemacht, haben Sie da ein Beispiel?

Gäbler: Ja, ich kann da ein paar nennen. Zum Beispiel, es ging geradezu eine Welle der Empörung durch die Zeitungen, der Vorwurf lautete: Alexander Gauland nennt Flüchtlinge "Barbaren". In Wirklichkeit war es so, dass Herr Gauland - das macht er in fast jeder Rede - Bezug nahm auf einen Aufsatz von Christoph Stölzl im "Cicero". Der hatte eine These über den Untergang des Römischen Reiches und sagt, das lag auch am Grenzmanagement, die haben den Barbaren zu viel Raum gelassen. Was man Gauland nun vorwerfen könnte, ist eine völlig absurde Gleichsetzung des ersten universalistischen Weltreiches der Menschheit, also des Römischen Reiches mit der kleinen Bundesrepublik im 21. Jahrhundert. Vorgeworfen wird ihm aber die Bezeichnung Barbaren, die gar nicht zutraf. Daran sieht man, auch Medien sind oft oberflächlich, ihnen geht's um die Schlagzeile, nicht um die Substanz.

Oder noch ein anderes Beispiel, wo man gewissermaßen der Selbstinszenierung der AfD nur gefolgt ist: Beim letzten Parteitag ist Frauke Petry gescheitert, und in allen Nachrichtensendungen kam die Aussage, sie sei mit einem realpolitischen Kurs gescheitert. Guckt man genauer hin, hat Frau Petry aber gesagt, sie wolle bei der übernächsten Bundestagswahl 2021 stärkste Partei werden, sie selbst Kanzlerin, und um dies werden zu können, müsse die AfD dann Koalitionen machen, was die anderen Flügel abgelehnt haben. Das ist keine Realpolitik, das ist eine völlig absurde Konstruktion, die Journalisten haben es nicht erklärt, nicht durchschaut, nicht dem Publikum durchschaubar gemacht.

"Die These der AfD ist immer: Alles, was vermittelt, verzerrt"

Reese: Also die Medien, sagen Sie, vereinfachen, überspitzen teilweise auch und nähern sich so sozusagen auch den populistischen Strategien der AfD an. Meinen Sie das mit den strukturellen Gemeinsamkeiten?

Gäbler: Ja. Das habe nicht ich erfunden, sondern Paula Diehl, eine Professorin, weist immer wieder darauf hin, und ich glaube, da hat sie recht: Es gibt gewissermaßen zwischen den Funktionsmechanismen der Massenmedien - sie sind interessiert an Konflikt, nicht an einer kontinuierlichen Entwicklung, an der Dramatisierung und Zuspitzung, nicht an der Versöhnung, an der Personalisierung und Emotionalisierung von Konflikten, statt auf die Strukturen zu schauen, und das entspricht auch dem Aufstieg dieser, ich sage es, populistischen Partei.

Insofern gibt es eine Entsprechung zwischen Funktionsweise von Massenmedien und dem, was die AfD behauptet, die ja immer mit dem sterilen Konstrukt arbeitet: Es gibt sozusagen ein homogenes Volk auf der einen Seite, dem will die AfD eine Stimme gibt, und die korrupten Eliten dagegen. Und dieses sterile Konstrukt durchzieht sozusagen die AfD und bedingt, dass sie Medien kritisiert, weil Medien sind immer Vermittlungsinstanzen zwischen den Menschen und den politischen Eliten, den politischen Institutionen, sind selber Institution der Vermittlung. Und die These der AfD ist dann immer: Alles, was vermittelt, verzerrt. Darum: Grundsatzkritik an Medien.

"Die redaktionelle Freiheit soll begrenzt werden"

Reese: Aber das ist ja interessant, irgendwie scheint es ja doch so ein gewisses, na ja, Abhängigkeitsverhältnis ist vielleicht ein bisschen viel gesagt, aber doch so ein Wechselverhältnis zwischen AfD und Medien zu sein. Wir würden Sie das beschreiben?

Gäbler: Ich beschreibe das ganz klar als einen Begriff aus der Psychologie, eine Double-Bind-Situation, weil die AfD sagt das ja auch, sagt auch Lügenpresse oder abgemildert Pinocchio-Presse, also eine Grundsatzposition gegen Medien. GEZ sind ja quasi die drei Buchstaben des Teufels für die AfD - dahinter steht immer eine sogenannte Nirwana-Vermutung. Also sie sagen: Medien müssen eins zu eins die Wirklichkeit spiegeln, das ist die Position der AfD. Das können Medien aber nicht, weil dann wären sie die Wirklichkeit und nicht mehr Medien. Medien schieben sich immer zwischen Subjekt und Objekt, Medien haben ein Eigenleben, auch eigene Interessen.

Gleichzeitig hat die AfD die ganz generelle Sehnsucht, unbedingt drin vorzukommen in diesen Medien. Man sieht das: Frauke Petry geht zum Bundespresseball, lässt sich in der "Bunten" interviewen, Herr Meuthen will sich sogar einklagen in die Talkshows. Das heißt natürlich, dass das Eigenleben der Medien, redaktionelle Freiheit begrenzt werden soll, und Medien leben von Freiheit und Unabhängigkeit und vom Pluralismus, also dem Wettstreit der Ideen. Das ist Medienfreiheit, dem widerspricht eine Partei, die strukturell wegen dieses Konstruktes Volk/Elite antipluralistisch ist.

"Oft  ist es eben so, dass Dinge verloren gehen, die eigentlich wichtig sind"

Reese: Den Medien wird ja oft vorgeworfen, über jedes Stöckchen zu springen, was die AfD ihnen hinhält, alle Tweets sozusagen, die eine Frauke Petry oder eine Beatrix von Storch so in die Welt pustet, zu dokumentieren und zu kommentieren. Jetzt am Wochenende hat uns eine Meldung beschäftigt aus Düsseldorf, wo die AfD ein Urteil des Amtsgerichts bekommen hat und Recht bekommen hat, einen Saal in Düsseldorf anmieten zu dürfen - die Vermieter wollten diesen Mietvertrag eigentlich auflösen. Wäre das jetzt eine relevante Meldung, wo Sie sagen, okay, das ist richtig, dass die Medien darüber berichten, oder ist da schon das Stöckchen hingehalten, über das die Medien da springen?

Gäbler: Also ich gebe in dieser kleinen Broschüre, die ich geschrieben habe, keine Tipps im Sinne von "zehn Regeln und dann wisst ihr Bescheid", aber ich will anregen, dass Redaktionen diskutieren und auch lesen, dass sie sich auch mit der Sache beschäftigen. Bei dem Fall würde ich sagen, ja, das ist eine kleine Meldung wert, mehr aber auch nicht. Oder dass Frauke Petry ein Wahlplakat macht mit ihrem neu geborenen Baby Ferdinand, da würde ich sagen, kann man melden. Aber darüber eine Riesenempörungswelle in Gang setzen zu wollen, ist sicher die falsche Haltung, wenn man weiß, dass auch Franz Josef Strauß, Willy Brandt oder Edmund Stoiber schon mit minderjährigen Kindern, wenn auch nicht mit Babys auf Wahlplakaten erschienen sind.

Also ja, nennen, benennen, aber immer diskutieren über die Dimension. Und oft ist es eben so, dass Dinge aufgebauscht werden, die gar nicht so sind, wie sie sind - Beispiel realpolitischer Kurs -, dann aber Dinge verloren gehen, die eigentlich wichtig sind. Auf diesem Kölner Parteitag war zum Beispiel sehr wichtig der Inhalt der Rede von Herrn Meuthen, der sagte, er trifft, wenn er durch die Karlsruher Innenstadt geht, gar keine Deutschen mehr. Daran sehen wir, er erkennt auf den ersten Blick, wer Deutscher ist und wer nicht. Was ist das für ein Begriff von Deutschsein? Das muss man hinterfragen. Das war eine sehr nationalistische Rede von diesem Herrn Meuthen. Solche Inhalte gehen dann flöten über rein taktische Berichterstattung, und das kritisiere ich.

Flüchtlingskrise als "Geschenk"?

Reese: Es gibt ja die Theorie, dass es der AfD schade oder beziehungsweise dass sie dann eben nicht in den Medien vorkommt, wenn wenig über linksliberale Themen wie zum Beispiel Flüchtlingspolitik, Europa, Griechenlandrettung oder so was berichtet wird. Stimmen Sie dieser Theorie zu?

Gäbler: Na ja, für die AfD war - so hat es Gauland auch gesagt - die Flüchtlingskrise ein Geschenk. Ich glaube, dass es ein zusätzliches Geschenk war, dass es eigentlich keine große offene politische Debatte gab. Es war ja so, dass Merkel gewissermaßen gesagt hat, die Willkommenskultur ist alternativlos, und mehr oder weniger alle, Rot und Grün das mitgemacht haben. Es gab keinen richtigen Diskurs - ist das nicht die Stunde, in der wir ein Einwanderungsgesetz brauchen -, keine Diskussion. Wenn wir ein Einwanderungsgesetz haben, müssen wir festlegen, wen wollen wir, aber eben auch, wen wollen wir nicht. Das hat sich die Linke nicht getraut. Und weil es keine strategische Diskussion war, war ein großer Raum aufgetan, in dem die AfD sich dann bewegen konnte.

"Die Themen, die die AfD hochbringen, haben im Moment nicht so große Konjunktur"

Reese: In den jüngsten Umfragen hat die AfD ja doch verloren, muss man sagen. Im jüngsten Deutschlandtrend liegt sie jetzt "nur noch", in Anführungsstrichen, bei acht Prozent. Liegt es vielleicht auch daran, dass jetzt die Flüchtlingsdebatte nicht das bestimmende Thema war in den letzten Wochen, sondern eher der Dieselskandal zum Beispiel?

Gäbler: Ja, unbedingt liegt es daran, dass die Themen, die die AfD hochbringen, im Moment nicht so große Konjunktur haben. Ich habe die leise Hoffnung, immer wieder mal, sie wird dann doch wieder enttäuscht, dass es auch daran liegt, dass diese Journalisten ein bisschen bewusster und reflektierter mit der AfD umgehen, also weder ihr die Opferrolle gönnen, das heißt sie ignorieren, nicht einladen, ausladen oder Ähnliches tun, noch sozusagen auf jedes Stöckchen anspringen, was die AfD ihnen hinhält.

Reese: Heute Abend wird Frauke Petry im "Bericht aus Berlin" in der ARD zu Gast sein und hier im Deutschlandfunk Alice Weidel, die Spitzenkandidatin der AfD hier im "Interview der Woche". Um diese Diskussionskultur mal anzuregen in den Redaktionen: Finden Sie das richtig oder falsch, jetzt quasi ohne Anlass die einzuladen?

Gäbler: Nein, nein, der Anlass ist ja sicher, Alice Weidel ist die Spitzenkandidatin zur Bundestagswahl, die wollen gewählt werden, also muss man vertiefend mit ihr diskutieren und eine Eins-zu-eins-Situation ist sicher besser als eine Talkshow-Situation, wo immer nur Satzfetzen hin und her fliegen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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