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StartseiteInterview"Wir lassen uns die Pressefreiheit nicht kaputtmachen"10.01.2015

Medien zwischen Terror und Pegida"Wir lassen uns die Pressefreiheit nicht kaputtmachen"

Der Intendant des Deutschlandradios, Willi Steul, sieht die Pressefreiheit durch die Terrorakte von Paris nicht in Gefahr - solange Journalisten dem Druck nicht nachgäben. Zur Freiheit der Meinungen gehörten selbst verletzende Respektlosigkeiten, sagte Steul mit Blick auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo".

Willi Steul im Gespräch mit Christine Heuer

(Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)
Willi Steul ist seit 2009 Chef des Deutschlandradio (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)
Weiterführende Information

Anschläge von Paris - Wo Wissen ist, können Vorurteile nicht wuchern
(Deutschlandfunk, Themen der Woche, 10.01.2015)

Anschlag auf Charlie Hebdo - Medien sind Zielscheiben in brüchigen Gesellschaften
(Deutschlandradio Kultur, Kommentar, 08.01.2015)

Vokabular der Pegida - "Lügenpresse", "Abendland" und "Volksverräter"
(Deutschlandfunk, Aktuell, 08.01.2015)

Grußwort des Intendanten - "Ein Symbol der Deutschen Einheit"
(Deutschlandradio, 20 Jahre Deutschlandradio, 30.12.2013)

Christine Heuer: "Wir trauern um unsere ermordeten Kollegen von 'Charlie Hebdo' und die anderen Opfer des Terroranschlags von Paris", außen rum schwarzer Rand, eine Art Traueranzeige der Redaktion der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" heute auf Seite zwei im Blatt – und auf der gleichen Seite ruft der Bundesverband deutscher Zeitungsverleger zur Verteidigung der Pressefreiheit auf, auch gegen Pegida und den Lügenpresse-Vorwurf in Deutschland, das alles unter der Überschrift "Wehren wir uns". Frage an Willi Steul, den Intendanten unseres Senders, von Deutschlandradio: Ist es wirklich so weit? Müssen wir, müssen die Medien sich wehren? Ist die Pressefreiheit allen Ernstes in Gefahr?

Willi Steul: Nein, die Pressefreiheit ist nicht in Gefahr und sie ist so lange nicht in Gefahr, wie wir nicht in die Knie gehen, das heißt, wie wir Journalisten unsere Arbeit tun und wie wir Journalisten diesem Druck nicht nachgeben. Die Pressefreiheit ist auch unsere Freiheit und die Freiheit der ganzen Gesellschaft, und die lassen wir uns nicht kaputtmachen.

"'Lügenpresse' ist ein Begriff aus dem Wörterbuch der Nazis"

Heuer: Auch die Deutschlandfunk-Redaktion wird ja mit Lügenpresse-Vorwürfen überzogen, in einer Mailflut beschimpft und der Propaganda bezichtigt. Sie sagen, man reagiert darauf, indem man standhält. Was heißt denn das konkret?

Steul: Erstens einmal: Lügenpresse – das ist übrigens ein Begriff aus dem Wörterbuch der Nazi-Unmenschen, und diesen Begriff zu verwenden ist nicht gestattet. Das sind auch Menschen, die unserer Demokratie feindlich gegenüberstehen. Aber tatsächlich ist zu beobachten, dass in den letzten etwa anderthalb Jahren zunehmend – das wird durch das Internet befördert, auch im Deutschlandradio, ich selber auch persönlich – ein ganzer Tsunami von Beschimpfungen und Kritik an unseren Sendungen kommt und darin auch von Lügenpresse die Rede ist. Man darf sich davon nicht beeindrucken lassen. Wir machen Fehler, wir machen, wie alle Menschen, auch in der Berichterstattung Fehler. Das sind jedoch keine substanziellen Fehler, von einer Manipulation, einer Steuerung kann überhaupt nicht die Rede sein. Und wissen Sie, Frau Heuer: Wir beide überblicken schon sehr gut unser Haus, das Deutschlandradio, und Sie wissen, wie in den Redaktionen diskutiert wird über die Qualität unserer Programme. Die Pressefreiheit ist dann in Gefahr, wenn wir diesem Druck nachgeben und unserer Verantwortung nicht gerecht werden. Ich habe da allerdings überhaupt keine Bedenken.

"Nur Aufklärung immunisiert gegen populistische Rattenfänger"

Heuer: Was ist denn unsere Verantwortung, was ist die Aufgabe der Medien, des Journalismus in dieser aufgewühlten Zeit?

Steul: Zu den allerwichtigsten Aufgaben gehört das Vermitteln von Wissen, von Fakten, damit Menschen sich ein begründetes Urteil bilden können. Und diese Frage jetzt auch, was machen wir im Zusammenhang mit dem Islam und den islamistischen Bedrohungen und dem Terrorismus: Wir werden uns 2015 in vielen Sendungen dem Thema Islam besonders widmen, denn es geht um Aufklärung. Wir bereiten seit mehr als einem Jahr eine Reihe vor, die voraussichtlich im März beginnen kann: An jedem Freitag, dem heiligen Tag der Muslime, stellen wir einen Koranvers vor, der von renommierten, muslimischen Koran-Experten interpretiert wird. Wir werden auch die in der Diskussion immer wieder auftauchenden Begriffe erläutern müssen. Nur Aufklärung immunisiert auch gegen populistische Rattenfänger, und damit sind wir bei dieser Pegida. Europäische Patrioten – das ist geradezu lächerlich. Die Organisatoren sind rechtsradikal, aber nicht jeder, der dort leider mitläuft, ist rechtsradikal, und wir müssen auch sensibel aufgreifen, was die Ängste der Menschen sind, und Ängsten begegnet man nur mit Aufklärung.

"Wir dürfen nicht zu ängstlich sein"

Heuer: Im Internet, Herr Steul, versammeln sich jetzt, wenige Tage nach dem Attentat in Paris, Kritiker auch von "Charlie Hebdo" unter der Überschrift "Je ne suis pas Charlie", ich bin nicht Charlie. Sie distanzieren sich von rassistischen, sexistischen, auch blasphemischen Veröffentlichungen in dem Satiremagazin. Hätte "Charlie Hebdo", um im Bild zu bleiben, die Kirche im Dorf lassen müssen?

Steul: Mal andersherum angefangen: Ja, "Charlie Hebdo" hat den Propheten beleidigt. Aber auch Christen und Juden stockt der Atem, wenn sie "Charlie Hebdo" lesen. Die Verspottung des Religiösen zieht sich seit Jahrzehnten durch die Tradition von "Charlie Hebdo" und seines anarchistischen Vorgängerblattes "Hara Kiri". In einer freien Gesellschaft gehört selbst verletzende Respektlosigkeit zur Freiheit der Meinungen. Und die Grenzen dafür ziehen Gesetze, ziehen Richter und ziehen wir selbst in unserer Verantwortung. Man kann darüber diskutieren, ob "Charlie Hebdo" zu weit gegangen ist oder nicht. Man muss es sehen auf dem Hintergrund der Tradition der französischen Blätter, die ist anders als bei uns. Aber wir dürfen auch nicht zu ängstlich sein in dieser Diskussion. Im Zweifel, im Zweifel stehe ich als Katholik selbst hinter den beleidigenden Karikaturen von "Charlie Hebdo" zum Papst und zu meiner Kirche. Dies gehört zu unserer Demokratie, dies gehört zu unserer Freiheit. Und die Freiheit – was ist denn Freiheit? Es ist die Möglichkeit, alles infrage zu stellen und über alles Zweifel zu haben.

"Die politische Karikatur war immer antiklerikal"

Heuer: Es ist ja in den letzten Tagen auch viel darüber gesprochen worden, dass "Charlie Hebdo" und die französische Satiretradition sich sehr von der deutschen zum Beispiel unterscheiden, viel derber ist. In Deutschland ist das alles etwas harmloser. Liegt es daran, dass hier weniger erlaubt wird, oder ist das ein Mentalitätsunterschied einfach?

Steul: Das ist ein Mentalitätsunterschied. Wenn wir uns die Geschichte der politischen Karikatur ansehen, dann haben wir auf der einen Seite England, aber da haben wir vor allen Dingen auch im 19. Jahrhundert – Daumier, das ist der große Karikaturist dieser Zeit – die politische Karikatur und die war immer antiklerikal. Und dieses Antiklerikale und damit auch die Verspottung des Religiösen ist Teil der Entstehungsgeschichte Frankreichs und seines heute geprägten Laizismus. Das ist etwas anderes als in Deutschland. Ich glaube, in unserer Gesellschaft würde die große Mehrheit sich ebenfalls durch das, was in "Charlie Hebdo" steht, beleidigt fühlen. Dort sind auch Karikaturen veröffentlicht, die interpretiere ich als antisemitisch. Aber auch dies muss, diese Respektlosigkeit muss eine freie Gesellschaft aushalten. Wir argumentieren miteinander, wir streiten miteinander und wir greifen niemals zur Bombe.

Heuer: Pressefreiheit und die Rolle der Medien, das war Willi Steul, der Intendant des Deutschlandradios, und Herr Steul, jetzt rechnen wir noch mal mit einem Haufen Hörerbriefe. Die können wir dann gemeinsam beantworten.

Steul: Machen wir so!

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