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StartseiteCorso"Breitbart ist eigentlich nur der Aufhänger"11.01.2017

Medieninitiative Schmalbart"Breitbart ist eigentlich nur der Aufhänger"

Mit der Online-Initiative "Schmalbart" wollen rund 200 Medienexperten dem amerikanischen Newsportal "Breitbart" Paroli bieten. "Breitbart" plant nach eigenen Angaben einen deutschen Ableger. Der "Schmalbart"-Initiator Christoph Kappes sagte im DLF, man wolle gerade im Wahljahr aktiv werden und aufklären, aber "kurz und knackig".

Christoph Kappes im Gespräch mit Tanja Runow

Ein Laptop mit Social Media Icons auf dem Bildschirm, dahinter Menschen auf der Rollstreppe eines Einkaufszentrums in Hamburg. (picture alliance / dpa / Axel Heimken)
Sich in Social-Media-Diskussionen live einschalten oder Suchbegriffe in Informationsströme einzuschleifen - das sind Projekte, die von "Schmalbart" derzeit vorbereitet werden. (picture alliance / dpa / Axel Heimken)
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Tanja Runow: Das amerikanische Newsportal "Breitbart" hat sich auf Stimmungsmache spezialisiert, gegen Einwanderer, Afroamerikaner, Feministinnen und natürlich den politischen Gegner. Die Eigenbezeichnung dafür lautet "Plattform der alternativen Rechten", und die wähnt sich nach dem Trump-Sieg in den USA im Aufwind, so sehr, dass man expandieren möchte. Man denke über weitere Niederlassungen nach, nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Europa, hieß es schon im November. Da kämen zum Beispiel Frankreich, Belgien oder Deutschland in Frage. In zweien dieser Länder wird ja ebenfalls bald gewählt. In Großbritannien hat man sich schon engagiert, pro Brexit natürlich, und angeblich haben auch schon Verhandlungen mit deutschen oder deutschsprachigen Journalisten stattgefunden.

Als Starttermin für den deutschen Ableger wurde der Februar 2017 gehandelt, aber zur PR-Strategie des Unternehmens gehört auch, dass man gern ein paar Gerüchte streut und sich des Weiteren bedeckt hält, bis es dann so weit ist. So lange wollen aber nicht alle warten. Der Publizist und Onlineberater Christoph Kappes hat auf seiner Webseite kurzerhand das Projekt "Schmalbart" ins Leben gerufen, und er ist mir jetzt per Telefon zugeschaltet. Guten Tag!

Christoph Kappes: Hallo, guten Tag!

Runow: Herr Kappes, "Schmalbart", das ist aber erst mal ein Arbeitstitel, wenn ich das richtig verstanden habe?

Kappes: Ja, das ist ein Arbeitstitel, der mehrdeutig ist. Unter dem Namen werden wir als Netzwerk auftreten, also als Personen, die relativ viele Projekte machen. Die eigentlichen Projekte werden anders heißen, wir werden aber kenntlich machen, dass wir es sind.

"Snackable Content"

Runow: Was stellen Sie sich denn da vor? Wie wollen Sie dem "Breitbart"-Angebot entgegentreten, von dem Sie ja noch gar nicht wissen, wie es aussehen wird?

Kappes: Es gibt relativ viele Möglichkeiten, die klassischen, die ja auch in den Massenmedien gemacht werden, ist natürlich, aufzuklären zu versuchen, sich mit Fakten zu beschäftigen. Das werden wir auch tun. Die Besonderheit ist aber, dass wir dies so tun werden, dass wir andere Menschen, die online diskutieren, mit entsprechendem Material versorgen. Das heißt, wir produzieren nicht einfach längere Analysen, so wie man es in der Medienkritik macht, sondern wir versuchen, es kurz und knackig auf den Punkt zu bekommen, was sicherlich auch nicht ganz leicht ist, aber das wollen wir versuchen, damit andere das Material verwenden können.

Runow: Also Aufklärung in Häppchenform, snackable, wie man so schön sagt.

Kappes: Snackable Content – ich wollte das Wort jetzt vermeiden. In unserer Branche sagt man "Snackable Content", ja, das ist kein so schönes Wort. Es geht darum, dass Sie, wenn Sie heute zum Beispiel in der Wikipedia ein Thema nachschlagen, die Wikipedia zwar sehr gut ist, an vielen Stellen aber, dass sie eben zunächst mal relativ ausbordend ist wie ein Lexikon, dass eben mit den ersten drei Sätzen einen Begriff lang abgrenzt gegen andere Begriffe. Das können Sie, wenn Sie das auf Facebook posten wollen, nicht gebrauchen. Da muss es kurz und knackig sein. Und mir selbst geht es auch so, dass ich häufig das Know-how gar nicht habe. Wenn ich also bei der Frage bin, wie hoch ist die Kriminalität von Flüchtlingen beispielsweise, oder was ist der durchschnittliche Bildungsgrad eines Syrers im Jahr 2016 gewesen, der nach Deutschland kam, dann habe ich dazu keine Zahlen zur Hand, und die kann ich dann zwar googeln oder irgendwo nachgucken, aber selbst dann sind sie nicht so aufbereitet, dass man sie auch verwenden kann.

Eine Online-Faktenbank erstellen

Runow: Das heißt, wo nehmen Sie die dann her?

Kappes: Wir werden eine eigene Redaktion haben, die das entwickelt. Wir haben ja jetzt schon beinahe 200 Leute, von denen sind mehr als hundert Medienprofis. Da mache ich mir wenig Sorgen, das kriegen wir hin.

Runow: Das ist so ein lockeres Netzwerk, das Sie dann beschäftigen?

Kappes: Ja. Es wird zwar eine Stiftung geben, aber die Personen stehen eigentlich lose zueinander, die arbeiten zusammen, um sich eben zu bestimmten Projekten zusammenzutun, und dies, was ich eben beschrieben habe, nennen wir Faktenbank, und das wird dann auch unter der Domain im Internet zu finden sein. Es gibt aber auch viele andere Projekte, das ist bei Weitem nicht das Einzige.

Runow: Ich habe natürlich sofort an das Vorbild "Bild-Blog" denken müssen.

Kappes: Ja, das war auch mein erster Gedanke, aber tatsächlich ist es so, dass die tägliche Medienkritik ja doch ein relativ hartes Brot ist und dass es auch fürs Publikum auf Dauer wirklich nur für Profis wirklich interessant, wenn es nicht der Unterhaltung dienen soll. Die ständige Bewertung von Schlagzeilen, die ständige Korrektur von Details, das sind Dinge, die wir eigentlich eher bei klassischen Massenmedien sehen. Große Redaktionen bauen da zurzeit schon auch mehr journalistische Ressourcen auf, die dann Fact Checking machen beispielsweise.

"Was wir an Netzwerk aufbauen, wird sicherlich hoch vierstellig werden"

Runow: Ja, genau, das wollte ich gerade sagen. Es haben sich ja einige etablierte Medien zusammengeschlossen, zum Beispiel zu dieser Initiative "First Draft Coalition", da ist "Zeit online" zum Beispiel dabei, die Presseagentur DPA. Wo sehen Sie da jetzt speziell Ihre Rolle?

Kappes: Wir sind sehr froh, wenn Massenmedien da so viel wie möglich leisten, wie sie können. Unsere Rolle ist, das zu verbreiten, unsere Rolle ist, das wirklich auch verständlich und einfach zu machen. Unsere Rolle ist, sehr schnell zu sein, weil wir das eben können. Wir sind jetzt schon ein paar Hundert Leute, und bei dem, was wir da an Netzwerk aufbauen, wird das sicherlich hoch vierstellig werden. Und wir können eben auch in Diskussionen sehr viel tun. Uns geht es ja auch darum, dass wir durch Onlinemedien, also Social Media, insbesondere Facebook, viele Debatten auf die Spitze getrieben werden und problematisch werden. Und in diesen Situationen können wir eingreifen. Wir haben also auch die Möglichkeit, dass wir gemeinsam in Diskussionen einsteigen.

Wir haben auch technische Möglichkeiten, wie wir überhaupt erst sichtbar machen, wo diskutiert wird, da arbeiten wir gerade an konkreten Softwarelösungen. Und wir arbeiten beispielsweise auch daran, was manche Medien nicht tun, dass wir bestimmte Begriffe, die bei Google eingegeben werden, eben dann auch mit bestimmtem Material zugänglich machen, die sonst nicht zugänglich sind. Also, Beispiel: Das Wort "Massenvergewaltigung", bei Google eingegeben, erweckt anhand der Treffer bei Google sofort den Eindruck, als wäre es in Deutschland ein völlig alltäglicher Vorgang, dass Frauen in Massen vergewaltigt werden. Dagegen wollen wir was tun, indem wir Inhalte ins Internet stellen und damit Google auch entsprechend füttern.

"Es muss den Menschen klar werden, wer "Breitbart" ist"

Runow: Das heißt, es geht über diesen Blog allein hinaus.

Kappes: Genau.

Runow: Jetzt gibt es Beispiele, wo ich mir das gut vorstellen kann mit dem Gegenrecherchieren. Silvesternacht in Dortmund, da hat "Breitbart" ja gezielt eine Falschmeldung verbreitet von einem Angriff muslimischer Männer auf eine christliche Kirche. Das ist einfach, da gibt es Polizeimeldungen, nach kurzer Zeit hatten verschiedene Zeitungen das widerlegt. Aber nehmen wir mal den legendären "Breitbart"-Artikel mit der Headline "Verhütungsmittel machen Frauen unattraktiv und verrückt" – was soll man da sagen? Wollen Sie so was widerlegen? Wie geht man damit um?

Kappes: Das ist nicht leicht, damit umzugehen. Bloße Behauptungen, Vagheiten kann man schlecht widerlegen. Was man aber schon tun kann, ist, dass man durch ständige Hinweise so ein Medium beispielsweise in der Reputation entsprechend nach unten beeinflusst. Es muss den Menschen klar werden, wer "Breitbart" ist. Man ist ja doch recht überrascht, wenn man das das erste Mal sieht, wie hart die arbeiten. Das findet sich in Deutschland eigentlich kaum.

"Bestimmte Suchbegriffe in diese Informationsströme einzuschleifen"

Runow: Ja, leider erreicht man ja mit solchen Angeboten wie Ihren meistens eher diese Leute, die sowieso schon relativ gut informiert sind, oder? Vielleicht weniger die "Breitbart"-Leser?

"Filterblasen auf Facebook durchstechen"

Kappes: Jein. Wir haben eben Möglichkeiten, beispielsweise durch Google-Treffer, wenn bestimmte Suchbegriffe, die Rechtspopulisten wie "Breitbart" verwenden, benutzt werden, uns eben genau in diese Informationsströme einzuschleifen. Also, wenn jemand – ich nehme noch mal das Wort "Massenvergewaltigung" wieder, wenn er das eingibt, dann wird er unsere Inhalte finden, und nicht nur die Inhalte von rechtsextremen Akteuren beispielsweise. Die andere Möglichkeit ist, dass wir in Diskussionen auftauchen und in diesen Diskussionen – das haben wir bereits ausprobiert – können wir Kommentare auf Facebook sehr prominent platzieren, und damit können wir diese sogenannten Filterblasen durchstechen.

"Im Moment sind wir ja alles Freiwillige"

Runow: Das klingt alles ganz gut, aber jetzt sind Sie wahrscheinlich personell und finanziell ein bisschen anders aufgestellt als "Breitbart", oder? Wie wollen Sie das stemmen?

Kappes: Im Moment sind wir ja alles Freiwillige, die kein Honorar bekommen. Unsere Kosten sind sehr gering. Das sind ja eigentlich nur Sachkosten, vor allem Servertechnik und ein paar Kleinigkeiten. Wir sind gut abgesichert, was eventuelle Rechtsstreitigkeiten angeht, weil einige erstklassige Juristen bei uns dabei sind, auch ehrenamtlich, soweit das im rechtlichen Rahmen zulässig ist. Und wir werden aber für unsere Projekte doch ein wenig Geld brauchen, das wir dann eben auf verschiedenen Kanälen einsammeln. Eines sieht man jetzt schon, das sind monatliche Spenden. Da sind wir jetzt schon bei fast tausend Euro im Monat, die da regelmäßig gespendet werden. Das ist vielleicht nicht viel, aber für ein Onlineprojekt schon mal ganz beachtlich. Wir werden die einzelnen Projekte wahrscheinlich über Crowdfunding-Maßnahmen finanzieren. Wir haben Stiftungen, mit denen wir kooperieren, die auf uns bereits zugekommen sind, ob man nicht gemeinsame Aktivitäten machen kann. Und wir können uns auch gut vorstellen, dass wir Inhalte produzieren, die wir dann beispielsweise den öffentlich-rechtlichen Medien anbieten.

Runow: Am kommenden Samstag findet im Beta-Haus in Berlin auch ein "Schmalbart"-Camp statt. Ist das so was wie das allererste Arbeitstreffen?

Kappes: Genau. Wir haben uns schon online versammelt. Wir sind bereits fast hundert Leute, die in bestimmten Onlinekanälen sich unterhalten, diskutieren, Konzepte erstellen, an den ersten Produkten arbeiten. Wir werden uns aber insgesamt am 14. Januar in Berlin treffen und uns erst mal persönlich auch kennenlernen, weil wir uns nur aus digitalen Räumen kennen überwiegend.

"Wenn Politiker agieren wie Populisten, ist keine sachliche Debatte möglich"

Runow: Und was machen Sie eigentlich, wenn ""Breitbart Deutschland" gar nicht kommt? Sagen Sie dann alles wieder ab?

Kappes: Nein, überhaupt nicht, im Gegenteil. Breitbart ist ja eigentlich nur der Aufhänger. Der Hintergrund ist ja ein ganz anderer. Der Hintergrund ist, dass wir am Beispiel von Trump, aber auch in Deutschland sehen, dass, wenn Politiker agieren wie Populisten, die demokratische Öffentlichkeit in Gefahr ist, weil durch bloßes Behaupten, durch Lügen, durch Verleumden von anderen Personen ein Klima entsteht, in dem gar keine sachliche Debatte mehr möglich ist. Und das ist leider auch ohne "Breitbart" zu befürchten, dass das passiert. Und gerade im Wahljahr, das jetzt ja stattfindet, glauben wir, dass wir da aktiv werden müssen, weil unser Ziel ist, dass die Zivilgesellschaft eingreift.

Runow: Gibt es schon einen Starttermin für "Schmalbart" oder wie immer es dann heißen wird, Ihr Angebot?

Kappes: Das Angebot wird unter verschiedenen anderen Namen zu finden sein. Wir glauben, dass wir im Februar das erste Produkt im Internet zu Wasser lassen können, live stellen können. Und wir werden im März und April dann noch mehr Projekte starten, das ist relativ offensichtlich. Zurzeit diskutieren wir ein gutes Dutzend Projekte, die werden wir am 14. ein wenig durchsortieren, und wir werden dann an fünf, sechs ganz konkreten Projekten arbeiten.

Runow: Christoph Kappes war das von der Initiative "Schmalbart", die dem US-Nachrichtenportal "Breitbart" und anderen Falschmeldern Paroli bieten will. Ob der deutsche Ableger des amerikanischen Hetzportals jemals kommt, ist ungewiss, aber Fake News verbreitet es jetzt schon. Also gibt es schon einiges zu tun und zu besprechen auf dem ersten "Schmalbart Camp" kommenden Samstag in Berlin. Christoph Kappes, vielen Dank und guten Start!

Kappes: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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