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Medienkonsum immer und überall

Wie Mediensüchtigen geholfen werden kann

Von Isabel Fannrich

Süchtige User müssen sich eine Alternative zum Internet suchen.
Süchtige User müssen sich eine Alternative zum Internet suchen. (Deutschlandradio - Jan-Martin Altgeld)

Wenn Kinder, Jugendliche oder Erwachsene das Internet zu ihrem Lebensmittelpunkt machen, gibt es dafür verschiedene Bezeichnungen: Internetsucht oder Medienabhängigkeit, exzessive oder pathologische Mediennutzung. In Berlin trafen sich Experten aus Praxis und Forschung, um insbesondere über die Versorgung der Betroffenen zu diskutieren.

"Also es ist erstmal so der männliche Nutzer, der exzessiv im Grunde Online-Rollenspiele betreibt, also das viel genannte World of Warcraft, aber auch andere. Und dort im Grunde seine sozialen Kontakte hat, dort seine Herausforderung hat, dort seine Anerkennung hat, dort seinen Lebensmittelpunkt hingelegt hat. Und im Grunde dann vielleicht seine zehn, zwölf Stunden am Tag da dran sitzt, im Grunde nichts anderes mehr macht."

Philipp Theis kennt sich aus mit Menschen, die vom Computer nicht mehr los kommen. Er arbeitet als Suchtberater im Projekt "Real Life" des Diakonischen Werkes Kassel - aber auch in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik. Hier werden die schweren Fälle von Mediensucht therapiert, in denen die virtuelle Welt zum alles beherrschenden Mittelpunkt geworden ist.

"Wenn wir dann die Leute dort haben, merkt man schon, okay, da ist jemand, der beschreibt, das macht eigentlich gar nicht alles mehr so Spaß. Aber wenn ich das jetzt abstelle, ist drumherum alles so trist und grau oder so ätzend. Dann mach ich lieber das am PC weiter, was im Grunde mich auch schon nervt, aber das ist allemal besser, als was mich draußen erwartet. "

Dass Internetabhängigkeit sowohl in der Praxis als auch in der Forschung ein noch junges Thema ist, zeigt auch die 4. Berliner Mediensucht-Konferenz. Der Psychologe Kai Müller erforscht die pathologische Nutzung des Internets an der Ambulanz für Spielsucht der Uniklinik Mainz:

"Fest steht, Internetsucht ist ein Label, ein grobes Oberlabel, ungefähr so präzise wie Drogensucht, also gar nicht präzise. Da kann eine ganze Reihe von suchtartig entgleitenden Verhaltensweisen, die sich auf verschiedene Internetanwendungen beziehen, hineinfallen, also beispielsweise das Spielen, das Gambeln, also das Glücksspielen, das Chatten, das Informationsrecherchieren, das Einkaufen, das Surfen auf pornografischen Seiten, das kann da alles reinfallen."


Die Mainzer Ambulanz für Spielsucht wurde 2008 gegründet. Rund 430 Menschen haben sich seitdem dort gemeldet. Zwei Drittel von ihnen waren tatsächlich von Internetsucht betroffen, berichtet Müller.

Obwohl Suchtberatungsstellen und Kliniken von steigenden Anfragen berichten, gibt es bislang nur wenige spezialisierte Anlaufstellen. Deshalb stand die mangelhafte Versorgung im Mittelpunkt der Tagung. Wie kann geholfen werden? Wer ist für die Behandlung zuständig? Und wer finanziert sie?

Zentral in diesem Zusammenhang ist, dass es für exzessiven Medienkonsum noch keine festgelegte Diagnose, kein anerkanntes Störungsbild gibt. Immer noch streiten die Experten, ob es sich um eine Impulskontrollstörung oder um eine Verhaltenssucht handelt. Letztlich geht es darum, wer die Internetnutzer therapieren darf und dafür bezahlt wird.
Knut Kiepe vom Gesamtverband für Suchtkrankenhilfe im Diakonischen Werk:

"Und dieser Riss zieht sich durchaus auch quer durch die Forschung. Und wir sind eigentlich der Meinung, dass es so etwas wie eine Suchtstörung gibt, weil es ganz, ganz ähnliche Auffälligkeiten gibt, Symptome wie Kontrollverlust, Rückzugstendenzen, dass man immer mehr will vom Internet in diesem Fall dann auch - zeigen doch, dass es sehr große Ähnlichkeiten gibt zu substanzgebundenen Störungen wie Alkohol, Heroin oder so etwas - in der Wirkung."

"Wenn man wirklich Leute sieht, die eine Mediensucht haben, dann erfüllen die ganz ähnliche Kriterien und Symptome wie Personen, die eine andere klassische Suchterkrankung haben: Wir haben da so etwas wie Entzugserscheinungen, die auftreten, wenn das Verhalten nicht ausgeführt werden kann. Wir haben so etwas wie den Kontrollverlust, also die Unmöglichkeit, das Verhalten zu steuern. Der Alkoholabhängige kann irgendwann auch nicht mehr sagen: Heute trinke ich nur einen Schluck Wodka. Und genauso wenig kann der Internetsüchtige sagen: Okay, heute surfe ich nur eine halbe Stunde und dann höre ich auf und mache meinen anderen Kram."

Sagt Kai Müller. Unklar ist, wie vielen Menschen das World Wide Web zur Obsession gerät. Internationale Studien nennen weit auseinander liegende Zahlen. Und auch in Deutschland fehlen repräsentative Untersuchungen. Drei bis neun Prozent der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen sollen sich im Grenzbereich zur Sucht bewegen bis hin zu einer deutlichen Abhängigkeit.

Kinder und Jugendliche sind häufiger süchtig nach der virtuellen Welt als Erwachsene, Männer öfters als Frauen - so lautete der Tenor auf der Konferenz. Kai Müller will dies aus eigener Berufserfahrung anders gewichten:

"Internetsucht ist kein reines Kinder- und Jugendphänomen, auf gar keinen Fall. Es ist noch nicht mal so, dass von unseren Patienten - wenn man nur diese Population anguckt -, dass da die meisten jugendlich wären, ganz im Gegenteil. Also: Durchschnittsalter bei unseren Patienten ist so 27, 28 Jahre. Und da ist jeder drin oder kann jeder rein fallen vom zwölfjährigen Zocker bis zum 68-jährigen Rentner, der suchtartig irrelevante Informationen im Internet recherchiert."

Die Älteren nutzen das Netz häufiger für Einkäufe, Cyber-Sex und zur Information. Die Jüngeren interessieren sich mehr für die sozialen Netzwerke wie Facebook oder SchülerVZ. Oder sie spielen. Insbesondere die sogenannten Online-Rollenspiele können mit der ihnen eigenen Spieldynamik dazu verlocken, länger im Netz zu bleiben als geplant: Das Spiel läuft weiter, auch wenn man sich zeitweilig ausloggt. Wer Pause machen will, muss sich der Gruppe entziehen, wer weiter macht, steht unter Dauerspannung.

"Und diese Onlinerollenspiele haben eine ganze Reihe von verschiedenen Charakteristika, die ein bestimmtes Suchtpotenzial bergen können, beispielsweise die Tatsache, dass sie unendlich sind. Also ein Onlinerollenspiel können Sie nicht wie Spiele der früheren Generation durchspielen. Da kommt nicht irgendwann ein großer Endgegner, danach war's das. Sondern das ist quasi wie eine Parallelwelt, in die man sich auch jederzeit flüchten, in der man sich jederzeit verkriechen kann."

Dass manche süchtig werden und andere nicht, liegt in einer "klassischen Sucht-Trias" begründet, sagt der Psychologe Kai Müller. Wenn die Droge, das Spiel oder das Medium auf bestimmte Persönlichkeitsmerkmale und soziale Rahmenbedingungen trifft, kann daraus eine Abhängigkeit entstehen. So zeigen sich viele exzessive User als sozial ängstlich und isoliert, sie haben ein geringes Selbstwertgefühl und fühlen sich von ihrer Familie entfremdet.

Die problematische Mediennutzung kann aber auch mit Störungen wie einer Depression, Ängsten und mangelnder Konzentration sowie sozialen Phobien einhergehen.

"Und wenn ich dann jemanden auf Station sehe, dann ist das manchmal ganz schön hart, weil dann gibt es ja erstmal diesen harten Cut, und dann kann man doch deutlich beobachten wie die Leute in so ein tiefes Loch fallen, so dass wir teilweise medikamentös unterstützen müssen, gerade so in den ersten Wochen, damit im Grunde die Stimmung, die massiv kippt, aufgefangen wird. Aus klinischer Sicht würde man sagen: Wir beobachten heftige Entzugssymptome."

Es sind zwei entscheidende Schritte hin zu einer Verhaltensänderung, erzählt der Suchtberater Philipp Theis. Zunächst muss der süchtige User dazu motiviert werden und seinen eigenen Anteil an der Abhängigkeit erkennen. Dann sei eine Alternative zum Internet wichtig. Ängste müssten mit therapiert werden. Und die sozialen Fähigkeiten, die auch im Netz gefragt sind, könnten in die Wirklichkeit übertragen werden.

Der Computer wird dabei nicht zum Tabu. Die Eltern sind gefragt, klare Regeln für einen kompetenten Umgang vorzugeben. Das Wichtigste sei aber ein gutes Miteinander, betont Philipp Theis. Dann könne das Computerspiel ein wertvolles Hobby werden.

"Das Ziel ist ja nicht Medienabstinenz, sondern kontrollierter Umgang. Wir müssen heute kompetent mit den Medien umgehen können. Es gibt so ein Ampelmodell, dass man vielleicht sagt: Okay, bestimmte Spiele, entdeckt derjenige, das kann ich nicht spielen, die triggern mich an, dann bin ich ruckzuck wieder in meinen Mustern drin. Da lass ich die Finger von. Aber ich kann meinetwegen meine Facebook-Seite noch betreiben, oder mein soziales Netzwerk oder meine Chat-Geschichten hier noch machen. Aber andere Sachen mach ich nicht mehr."

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