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StartseiteKultur heutePolitische Berichterstattung im Russland-Ukraine-Konflikt07.12.2014

Medienkrieg Politische Berichterstattung im Russland-Ukraine-Konflikt

Der Krieg in der Ostukraine wird auch über die Medien ausgetragen. Chef der Medienagentur Sputnik in Russland ist Dimitri Kiseljow. Er ist der Chef von Rossija Sewodnja, Russland Heute. Journalisten, die ein Interview mit Kiseljow möchten, bekommen zunächst einen Fragebogen geschickt.

Von Thomas Franke

Der Chef von "Russia Today", Dimitri Kiseljow,bei der Präsentation des neuen Großprojekts Sputnik. (picture alliance / dpa / Alexey Filippov)
Der Chef von Russia Today, Dimitri Kiseljow, präsentierte das neue Großprojekt Sputnik. (picture alliance / dpa / Alexey Filippov)
Weiterführende Information

Russland - Putin verteidigt Ukraine-Politik
(Deutschlandfunk, Aktuell, 04.12.2014)

"Das ist im richtigen Krieg auch so. Das ist auch ein Problem, wenn die eine Seite anfängt, dich zu beschießen", sagt Julian Hans, Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" in Moskau:

"Ich find das vor allem deshalb interessant, diese Bezeichnung, weil die russische Seite gerade alles Mögliche als Krieg bezeichnet. Wir haben einen Medienkrieg, das sagen die Offiziellen, Lawrow sagt das und Kiseljow sagt das auch. Wir haben einen Wirtschaftskrieg, sagen sie auch, den einzigen Krieg, den sie nicht als Krieg bezeichnen, ist der echte Krieg, der mit der Ukraine stattfindet."

Dmitri Kiseljow ist der Anführer der medialen Truppen in Russland.

"Russland ist das einzige Land, dass die USA in nuklearem Staub verwandeln kann."

Dmitri Kiseljow ist der mächtigste Propagandist in Russland. Unlängst verglich er, positiv, Putin mit Stalin. Unter anderem deshalb steht Kiseljow auf der Sanktionsliste der EU.

Kiseljow ist der Chef von Rossija Sewodnja, Russland Heute. Unter dem Dach ist nicht nur die staatliche PR- und Nachrichtenagentur RIA-Novosti, auch die Stimme Russlands ist Teil von Rossija Sewodnja ist und der Auslandsfernsehsender RT, der früher mal Russia Today hieß und u. a. CNN Konkurrenz machen soll, und die Fernsehagentur Ruptly. Die sieht sich als Alternative zu den gängigen Anbietern von Fernsehbildern. Verstärkt wird das Ensemble neuerdings von dem Multimediadienst Sputnik. Kiseljow:

"So erkennbar, so warm, so zielstrebig, so romantisch. Sputniknews.com: Das sind Informationen, unsere Interpretation und unsere Kommentare."

Fragenbogen für Journalisten

Journalisten, die ein Interview mit Kiseljow möchten, bekommen zunächst einen Fragebogen geschickt.

"Ihre Antworten werden mir helfen zu verstehen, wie sehr Sie die Meinungsfreiheit schätzen:
- Sind sie der Ansicht, die EU-Sanktionen gegen den Journalisten sind legitim?
- Sind Sie bereit, Ihre Position öffentlich zu vertreten, indem Sie sie in ihrem Artikel aufnehmen?
- Sind Sie bereit, Herrn Kiseljow zu zitieren?
- Haben Sie Dmitri Kiseljows Artikel 'Russland und der Westen tauschen bei der Meinungsfreiheit die Plätze' gelesen, der im 'Guardian' erschienen ist."

Teil des "Medienkriegs" ist das Bombardement von Journalisten mit E-Mails, Leser-, Hörer- und Zuschauerpost, das Posten in Internetforen und sozialen Netzwerken. Die Vorwürfe darin sehr oft: Journalisten seien gesteuerte Weisungsempfänger. Die Post kommt, wohl wissend, dass gute Journalisten Kritik ernst nehmen, sagt Julian Hans.

"In diesen Mechanismus der Selbstkritik grätschen die rein und machen jeden Fehler groß. Und das ist Zersetzung. Ich möchte die nicht gern von einem bezahlten Lügner und Propagandisten, wie Herrn Ivan Rodionov infrage stellen lassen. Es ist ein Unterschied, ob ich einen Fehler mache oder ob ich lüge, manipuliere und Dinge einfach erfinde."

Ivan Rodionov ist Putins Mann für Deutschland. Er ist der Chef der Agentur Ruptly in Berlin und gern gesehener Talkshowgast. Dort wird er als Chefredakteur vorgestellt. Systematisch arbeitet Ruptly an einer Parallelrealität.

Journalisten werden dabei nicht mehr als quasi neutrale Berichterstatter dargestellt, systematisch werden sie als einseitig und gelenkt bezeichnet.

Der Diskurs im Westen, das Darstellen unterschiedlicher Positionen, wird unglaubwürdig gemacht. Timothy Snyder, Professor für Osteuropäische Geschichte und einer der besten Kenner der Ukraine und des Konflikts mit Russland.

"Worauf das Ganze hinausläuft, ist die Loslösung von der Wahrheit selbst, dass es 'so was wie Wahrheit nicht gibt', wir verzichten darauf, sie wurde abgeschafft. Wenn Sie nicht mehr an sie glauben, dann gibt es sie nicht mehr."

Zielgruppe der russischen Propaganda

Die Zielgruppe der russischen Propaganda ist die von jeher US- und Medienkritische Linke. Gepaart wird das mit der Warnung vor einem angeblich immer mächtiger werdenden Faschismus.

Bewusst werden in russischen Inlands- und Auslandsmedien Fakten und Bilder manipuliert. Das ist erfolgreich. Und die staatlichen russischen Medien präsentieren sich als Gegengewicht zur Manipulation westlicher Medien.

Die Sendung vom 1. Oktober dieses Jahres.

"Meine Damen und Herren, ich habe nun ein Wort in eigener Sache: Die 'Tagesthemen' haben am 20. Mai einen fehlerhaften Bericht aus der Ostukraine gesendet. Dies hat uns der Autor, unser Moskaukorrespondent Udo Lielischkies gestern Abend mitgeteilt. Wir bedauern unseren Fehler und möchten uns bei Ihnen dafür entschuldigen."

In einem "Medienkrieg" werden Fehler genüsslich aufgegriffen.

"Beispiele für solche Fehler findet man auf der Website der deutschen Bloggerin Maren Müller. Auf publikumskonferenz.de findet man Hunderte von ihnen. Wie Frau Müller behauptet, sind alle Fehlinformationen in den deutschen Medien gegen Russland gerichtet. Anlass genug, nicht über Fehler zu reden, sondern über die bewusste Verdrehung von Tatsachen - den Propaganda Mainstream, dem alle europäischen Medien in der Ukrainekrise folgen."

Der Angriff der "Medienkrieger" zielt auf den Diskurs in Westeuropa, gerade in Deutschland. Julian Hans, Moskaukorrespondent der "Süddeutschen Zeitung", ist trotzdem optimistisch.

"Ich glaube, wir verlieren tatsächlich, wenn wir genauso werden, wie man uns vorwirft, nämlich uns hermetisch abriegeln und in einer Burg Verschließen, um bei diesem Bild des Krieges zu bleiben, und zu sagen, wir schotten uns gegen alles ab und machen das jetzt so, wie wir es für richtig halten. Also, die Gefahr ist natürlich, dass man ähnlich wird, wie in Anführungsstrichen, wie der Gegner."

Journalismus, der sich diese kriegerischen Kategorien aufzwingen lässt, ist keiner mehr.

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