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StartseiteThemen der WocheMedizin, Geld und Prestige05.01.2013

Medizin, Geld und Prestige

Der Arztberuf nach dem Leipziger Organspendeskandal

Daten für Transplantationen zu fälschen, das kommt derzeit wohl keinem Arzt mehr in den Sinn. Hier ist durch die öffentliche Diskussion ein Unrechtsbewusstsein entstanden, das Manipulationen künftig eher unwahrscheinlich macht.

Von Christina Berndt, "Süddeutsche Zeitung"

Wer besonders viele Transplantationen vornimmt, gilt in Chirurgenkreisen etwas. (picture alliance / dpa / Balazs Mohai)
Wer besonders viele Transplantationen vornimmt, gilt in Chirurgenkreisen etwas. (picture alliance / dpa / Balazs Mohai)

Geld und Medizin. Man mag beide Wort gar nicht gern in einem Satz nennen. Zu wenig hat ihre Verknüpfung mit dem schönen Bild zu tun, dass für den Arzt der medizinische Fortschritt, die Möglichkeiten zu helfen wichtiger sind als Reichtum.

Doch so ist der Arztberuf leider allzu häufig nicht mehr. Kalkulieren und Ökonomisieren gehören zum täglichen Medizingeschäft dazu - im Universitätsklinikum ebenso wie in der Landarztpraxis. So stark sind Ökonomie und Heilkunst inzwischen miteinander verflochten, dass sich Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr sogar genötigt sieht, ein Gesetz gegen korrupte Ärzte auf den Weg zu bringen.

Wenn das Berufsethos manche Mediziner nicht mehr davon abhält, sich etwa von Pharmafirmen umwerben zu lassen, dann sollen es wenigstens Paragrafen tun. Die Entscheidung ist ebenso richtig wie wichtig. Denn die gezielte Beeinflussung von Ärzten auch mit unlauteren Mitteln gehört für viele Big Player im Medizingeschäft längst zur Marktstrategie.

Geld und Medizin. Die Gefahr, dass diese mitunter eine unheilige Melange bilden, kam jüngst auch in Sachen Organspende noch einmal zur Sprache. Hier wurden vor wenigen Tagen Unregelmäßigkeiten bei Lebertransplantationen in Leipzig bekannt. Schon seit dem Sommer reiht sich ein Organskandal an den nächsten. Erst Göttingen, dann Regensburg, dann München rechts der Isar - und nun Leipzig.

An inzwischen vier Universitätsklinika haben Ärzte offenbar Krankenakten von Leberpatienten manipuliert. So haben Patienten eine Spenderleber bekommen, obwohl sie noch gar nicht an der Reihe waren. Haben sich die Ärzte von den verzweifelten Kranken dafür bezahlen lassen? Der Gedanke drängt sich als Erklärung auf.

Einen starken Beweggrund müssen die Mediziner schon gehabt haben. Schließlich haben andere, kränkere Patienten an anderen Kliniken wegen der Manipulationen erst später ein Organ bekommen, als es ihnen zustand - manch einer ist während der zusätzlichen Wartezeit womöglich gestorben.

Und doch: Um Geld ist es in Leipzig und auch an den anderen Kliniken wohl nicht gegangen. Auch die für Göttingen zuständige Staatsanwaltschaft betonte noch einmal, dass bisher keine Hinweise auf Korruption gefunden worden seien. Warum aber haben die Ärzte dann so rücksichtslos betrogen? Dass die Mediziner das Leid ihrer Patienten einfach nicht mit ansehen konnten, ist unwahrscheinlich. Es würde auch bedeuten, dass sie das Leid all der anderen Kranken ausgeblendet hätten, die sie mit ihren Manipulationen hintergingen.

Nein, die Ärzte wurden wahrscheinlich in einer anderen harten Währung bezahlt, die gerade in der Universitätsmedizin von ungeheurem Wert ist: Die Rede ist von Prestige. Wer besonders viele Transplantationen vornimmt, gilt in Chirurgenkreisen etwas. Der kann es ganz nach oben schaffen. Das Prinzip gilt auch in anderen chirurgischen Disziplinen, und es erfreut, ganz nebenbei, auch die kaufmännischen Direktoren der Kliniken.

Prestige und OP-Zahlen: Auch das aber ist eine absurde Verknüpfung. Ist nicht ein guter Arzt der, der Patienten nur dann operiert, wenn es unbedingt nötig ist? Der mit knappen Ressourcen verantwortlich umgeht? Und der zunächst versucht, seine Patienten mit sanfteren Methoden zu heilen?

Medizin, Geld und Prestige: Es wäre gewiss naiv, dafür zu plädieren, dass diese drei Bereiche nichts miteinander zu tun haben sollten. Aber Ärzte erfüllen in der Gesellschaft nun einmal eine ganz besondere Aufgabe. Deshalb wird ihnen eine teure Ausbildung bezahlt. Dafür genießen sie hohes Ansehen.

Wer den Arztberuf retten will und wer möchte, dass Patienten sich auch in Zukunft ihren Ärzten anvertrauen können, der muss in Medizinerkreisen ein neues Bewusstsein schaffen. In einem Punkt immerhin ist das gelungen: Daten für Transplantationen zu fälschen, das kommt derzeit wohl keinem Arzt mehr in den Sinn. Hier ist durch die öffentliche Diskussion ein Unrechtsbewusstsein entstanden, das Manipulationen künftig eher unwahrscheinlich macht.

Es ist nur wichtig, dass die Bevölkerung das jetzt auch zur Kenntnis nimmt. Damit Menschen, die zur Organspende bereit sind, sich nicht davon abhalten lassen. Auch wenn wir es schon fast vergessen haben: Es geht in der Medizin ja um die Patienten. Nicht um die Ärzte.

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