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Seit 09:30 Uhr Essay und Diskurs
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenProfessor Brinkmann, Dr. House und das Bild der Medizin in den Medien18.09.2014

Medizin und Popkultur Professor Brinkmann, Dr. House und das Bild der Medizin in den Medien

Was Patienten vom Arzt oder Krankenhaus erwarten und wie ihre Heilung verläuft, hängt auch davon ab, welches Bild sie von der Medizin und Ärzten haben. Dieses Bild wird vor allem durch Medien geprägt, die populär sind.

Von Cajo Kutzbach

Die Schauspieler Eric Klotzsch (Tobias Lewandowski, l-r), Carolin Walter (Talula Pfeifer) und Theresa Underberg (Lizzy Riedmüller) posieren am 18.09.2014 in Köln (Nordrhein-Westfalen) am Set zur neuen ZDF-Serie "Bettys Diagnose". Die Serie soll ab Januar 2015 ausgestrahlt werden. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)
Mediale produzierte Bilder beeinflussen die Debatte über Medizin (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)
Weiterführende Information

Die Tagung "Medical Images and Medical Narratives in Late Modern Popular Culture" fand am 11. und 12. September 2014 in Ulm statt.

Amerikanische Krankenhäuser zeigen Operationen auf ihren Webseiten, mittels Twitter, in Sozialen Medien und in Fernsehsendungen und werben damit für ihre Klinik. Technik und Chirurgie stehen im Vordergrund. Beides ist bei psychischen Problemen nicht immer hilfreich, zeigen Comics von Patienten. Werbung für Implantate kann fragwürdig sein, weil sie Gehörgeschädigte unter Druck setzt, wenn die stattdessen lieber die Gebärdensprache benutzen. Derartige Debatten über Medizin und ihre Wirkungen im Internet, können im Idealfall einseitige oder falsche Darstellungen anderer Medien korrigieren, aber auch fördern, wie entsprechende Videos auf YouTube zeigen.


Wissenschaftler benutzen Bilder, wenn sie versuchen, etwas zu erklären. Diese Bilder wirken manchmal noch nach vielen Jahren. Professor Heiner Fangerau, Direktor des Institutes für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Universität Ulm, belegt das mit einem über 100 Jahre alten Beispiel:

"Als Paul Ehrlich versucht hat seine Theorie der Immunität vorzustellen, hat er Dinge gezeichnet, die nie jemand gesehen hat, auch nicht im Mikroskop. Und diese Dinge sehen aus, wie das, was die Menschen kannten aus Büchern über Meeresbiologie, nämlich kleine Dinge mit Tentakeln und Fangarmen, die etwas fangen und essen: Polypen. Und durch diesen Versuch, seine eigene Theorie an die damals populäre Kultur anzudocken, war es ungeheuer erfolgreich. Noch heute, wenn sie über Immunität sprechen, dann hören sie Metaphern, die viel mit Abwehr und Krieg zu tun haben und sehen Bilder, in denen Dinge gegessen werden, eingekreist werden, gefangen werden."

Medien greifen die Bilder der Wissenschaft auf. Aber welches Bild der Medizin entsteht so in den Köpfen? Ist es richtig? Wofür wird da geworben?

Gedruckte Bildergeschichten

An der New Yorker Stadt-Universität sichtete der Historiker Professor Bert Hansen "Life", die für ihre Fotos berühmte Zeitschrift, sowie Comics, vor allem aus den 30er-, 50er-Jahren.

"Damals war alles ruhiger, die Medien waren langsamer aber dennoch sehr wirkungsvoll. Die gute Fotografie, das gelungene Layout konnten Leute dazu bringen ein Bild zu betrachten und darüber nachzudenken. Ich fürchte, heute halten wir nicht inne um nach-zu-denken, weil bereits das nächste Bild erscheint. Die Gestaltung von Film und Video ist heute so schnell und die Leute sind irgend wie daran gewöhnt. Aber: Das füllt die Lücken und verhindert, dass Zuschauer, Zuhörer oder Studenten sich noch überlegen, was da passiert, was da wichtig ist und was nicht."

In vierfarbigen Comics, die ebenfalls hohe Auflagen erreichten, wurde auf nur acht Seiten gezeigt, wie berühmten Wissenschaftlern entscheidende medizinische Durchbrüche gelangen. Und das in schönster Offenheit:

"Es war eine weniger zimperliche Zeit. Im Bereich der Medizin zeigten sie ohne zu Zögern Tierversuche und Menschenversuche. Sie konnten Dinge zeigen, die im Film unmöglich waren. In einer Geschichte über Krebs wird gezeigt, wie eine Nadel in die Brust einer Frau eindringt für eine Biopsie. Im Film hätte man überhaupt keine Nadel zeigen dürfen, die in die Haut eindringt, nicht wegen der Sexualität, sondern das tat man einfach nicht. Und hier haben sie eine Familienzeitschrift, die das zeigt, die Bilder von Geburtenkontrolle und Hilfsmitteln zeigt. Und wenn es etwa um Krebs ging, dann gab es dazu solide Daten zu Erkrankungsraten. Für ein populäres Alltagsmagazin hatte es doch eine Menge Karten, Tabellen und Grafiken."

Illustrierte und Comics zeigten amerikanischen Familien alle Bereiche des Lebens. Und die Leser machten sich die Mühe darüber nachzudenken, was ihnen da gezeigt wurde.

Hilfreiche Comics

Auf Comics wird oft herabgesehen. Der englische Arzt und Comicautor Ian Williams jedoch hält Comics auch heute für hilfreich, wenn es darum geht zu verstehen, wie Patienten Krankheiten erleben, eben weil viele Comics autobiografisch Erlebnisse verarbeiten und oft von nur einer Person stammen:

"Mich interessieren vor allem autobiografische Bildergeschichten, oder Krankheits-Erinnerungen als Quelle für Profis aus Gesundheitsberufen, damit sie beim Betrachten Einblick in die Erfahrungen der Patienten machen. Aber ich vermute, dass auch Patienten sie auf verschiedene Weise als hilfreich empfinden. In meiner Jugend litt ich unter einer Zwangsstörung. Die verging, oder ich überwand sie erst Mitte zwanzig. Aber ich habe nie darüber gesprochen, bis ich begann, Comics zu machen."

Für Ian Williams sind Comics, in denen Text und Bild nur durch die Fantasie des Autors beschränkt werden, ein Medium, in dem er sein Leiden darstellen konnte. Und damit gelang es ihm auch, sein Schweigen zu brechen, denn er fand im Internet Menschen mit ähnlichen Erlebnissen, die oft ebenfalls das vielseitige Medium Comic nutzten.

"Was ich bei Comics auch für sehr wichtig halte, ist ihre Kultur der Opposition und die Tradition der Comics. Normalerweise werden Comics als minderwertige Medien angesehen, aber ich halte das für sehr unfair, denn sie sind pfiffig, erfindungsreich und originell. Aber dieser Außenseiter-Status und die ziemlich abseitige Art der Comictreffs erlauben Scheitern. Probleme und Leiden gelten in diesen Kreisen etwas. Es gibt eine hilfreiche Gemeinschaft, die ermutigt, sich selbst zu offenbaren."

Fernsehen in den Fünfzigern

Fernsehen gibt es in den USA seit den 50er-Jahren. Wie darin die Medizin dargestellt wird, untersucht Kirsten Ostherr an der Rice Universität im texanischen Houston. Die Professorin leitet zudem ein Labor, das sich mit der Zukunft der Medizin beschäftigt. Die ersten medizinischen Sendungen waren sehr genau und dokumentarisch, so als wollten sie die Zuschauer zu Medizinern fortbilden. Dann kamen Serien mit Medizinern, die vor allem Wert auf Unterhaltung legten. Als schließlich die Kameras kleiner und handlicher wurden, führte das dazu, dass man in Krankenhäuser ging und dort die Behandlung Erkrankter, oder Verletzter filmte.

"Die letzte Kategorie nenne ich medizinisches Reality-TV; diese Sendungen werden wie Dokumentarfilme gedreht. Also die filmen Wochen und Monate hinter den Kulissen in diesen Hospitälern. Aber dann folgt eine intensive Bearbeitung. Sie zeigen ja nicht alles. Erstens gäbe das kein gutes Fernsehen; zweitens müssen sie Szenen rausschneiden, auf denen unabsichtlich Leute sind, die nicht gefilmt werden wollten."

"Und ganz entscheidend ist natürlich der Ton. Zudem, was bereits im Hospital aufgenommen wurde, da piept es, da gibt es unschöne Geräusche, wird immer Musik unterlegt, die die Gefühle anspricht. Mal beruhigend, mal spannend, aber das entscheidet, was man erlebt. Also auch, wenn das wie eine Dokumentation erscheint, und es wurde ja im Hospital gefilmt, ist es doch eher wie ein Spielfilm gestaltet."

Dass Ärzte und Patienten einwilligen, sogar eine Gesichtstransplantation im Fernsehen zu zeigen, erklärt Kirsten Ostherr so:

"Das wird immer als 'bildend' bezeichnet. Und wenn ich mir dieses Zeug anschaue, dann komme ich zu dem Schluss, dass es mindestens zwei Zwecken dient: Bildung - mag sein, aber in jedem Fall Werbung. Und diese Funktionen werden vollständig vermischt (auch bei Glass), denn nur so wird Chirurgie für Zuschauer [außerhalb des Hospitals] annehmbar, indem das Hospital das (als Bildung) legitimiert."

Aufklärung und Werbung, das Ziel hat sich seit Paul Ehrlich nicht geändert, aber die Werkzeuge. Er zeichnete und hielt Vorträge, heute begleiten US-Krankenhäuser Operationen auf ihren Webseiten, mit Tweets, in sozialen Medien und Fernsehsendungen und werben dadurch für ihr Krankenhaus.

Kirsten Ostherr sieht nicht nur Gefahren, etwa für die Privatsphäre der Patienten, sondern auch die Chance, dass alte Leute mithilfe von Kameras und anderen Geräten länger medizinisch in ihrer gewohnten Umgebung betreut werden könnten.

Die Serie "Die Schwarzwaldklinik" (AP Archiv)Die Serie "Die Schwarzwaldklinik" (AP Archiv)

Risiken und Nebenwirkungen

So weit, wie in Amerika ist man in Deutschland noch nicht, trotz Sendungen, wie "Dr. House" oder "Emergency Room". Auch hier gab und gibt es Diskussionen über die Nebenwirkungen von Medizindarstellungen. Heiner Fangerau:

"Nehmen sie denn Film der 80er-Jahre, beispielsweise die Schwarzwaldklinik, das Idealbild des bundesrepublikanischen Arztes Professor Dr. Brinkmann, älterer Herr, grau meliert, kann alles, weiß alles, persönliche Probleme werden nicht im Krankenhaus ausgehandelt, sondern zuhause gelöst.

Dieses Bild eines Arztes ist ein sehr vertrauenserweckendes Bild, was die Patienten sich gewünscht haben von einem Arzt. Wenn man jetzt einen solchen Arzt nicht antrifft in der Klinik führt das zu Kommunikationsdefekten und -defiziten. "

Wer auf einen gewöhnlichen Arzt trifft, statt auf den idealen Professor Brinkmann, hat vielleicht weniger Vertrauen in dessen Fähigkeiten. Vertrauen ist aber ein wichtiger Genesungsfaktor, wie man aus der Forschung weiß.

Dass Medien ganz anderen Gesetzmäßigkeiten unterliegen, als Medizin, kann ebenfalls zur Verfälschung von Darstellungen beitragen. Man kann das zu Beginn jeder Grippesaison beobachten:

"Sie können ja beispielsweise eine Infektionskrankheit, die kommt, skandalisieren, dramatisieren, aber auch bagatellisieren."

Mal werden Ängste geschürt und nachher weiß man nicht, wohin mit den vorsorglich gekauften Medikamenten, mal wird Leichtsinn gefördert mit unter Umständen tragischen Folgen. Hier das richtige Maß zu finden ist für Ärzte und Medien schwer.

Wenn Bilder nicht mehr bilden

Manchen Medien ist allerdings die Auflage, die Einschaltquote wichtiger, als seriöse Berichterstattung. Heiner Fangerau:

"Wenn nämlich hier die vielleicht langweilige, komplexe, schwierige, ausgewogene Darstellung einfach beiseite geräumt wird, um ein dramatisches, ergreifendes und mitnehmendes Bild zu erzeugen."

Das Schema vieler amerikanischer Sendungen sieht so aus: Erst macht man ein Bild, egal ob Röntgen oder mit moderneren Verfahren, dann wird operiert und alles ist wieder in Ordnung. In Wirklichkeit spielen Bilder eine viel geringere Rolle. Natürlich wollen die beteiligten Kliniken damit werben, dass sie moderne Technik haben. Aber Technik und Chirurgie verdrängen oft die anderen Heilungsfaktoren, wie gute Pflege, gymnastische Übungen, Psychotherapie oder später das Training in einer Kur.

Wie problematisch diese einseitige Betonung der Technik ist, wurde am Beispiel des Chochlea-Implantates dargestellt, das tauben Menschen zu einem gewissen Grad erlaubt zu hören. Dabei reizt ein Empfänger, der am Ohr eingesetzt wird, die Cochlea, die Gehörschnecke mit elektrischen Impulsen. Außen nimmt ein Hörgerät den Schall auf und sendet ihn zum Empfänger.

Auf YouTube-Länge verkürzt

Auf YouTube sind viele Videos zu sehen, wie ein Mensch nach der Operation zum ersten Mal in seinem Leben hört, weil das Gerät eingeschaltet wird. Und siehe da, viele sind überwältigt, lachen oder weinen. Die Probleme einiger Betroffener beschreibt Anna Grebe, Medienwissenschaftlerin der Universität Konstanz, die sich mit der Thematik befasste:

"Diese Videos sind deshalb sehr sehr problematisch, weil sie auch nicht zeigen was danach passiert. Wir sprechen hier von Sprachtrainings, davon dass Menschen sich vielleicht auch wieder entscheiden das Cochlea-Implantat wieder raus zu nehmen, weil sie zu überwältigt sind, von dem, was sie hören."

Die Träger müssen lernen, das Gerät nur dann zu nutzen, wenn es hilft, aber nicht, wenn es unzulänglich ist und vor allem Lärm überträgt, etwa, wenn eine Schulklasse durcheinander redet. Dann wird aus dem Segen wieder mehr zu hören ein Fluch.

Deshalb entscheiden sich einige Taube bewusst gegen diese Technik und benutzen lieber die Gebärdensprache. Für sie wirkt die Werbung für Cochlea-Implantate bedrohlich. Anna Grebe:

"Deutsche Gebärdensprache kann eine Muttersprache sein. Es ist eine anerkannte Sprache und damit eine andere anerkannte Kultur; aus unserer Perspektive zumindest.

Sobald natürlich das Cochlea-Implantat angepriesen wird als Allheilmittel dafür, dass Menschen vom Nichthören ins Hören überführt werden, wird es für diese eigenen Kulturen sehr sehr schwierig, weil: Sie haben ihre eigene Sprache, sie haben ihre eigene Daseinsberechtigung und können, in dem sozusagen das CI als Allheilmittel angepriesen wird, so nicht mehr lange existieren.

Technik ist eben nicht immer die Möglichkeit uns alle gleich zu machen. Darum geht es ja auch nicht. Wir sollten alle gleichberechtigt sein. Und die Kultur die sich über Gebärdensprache kommuniziert, wie auch diejenigen, die Lautsprache sprechen, haben so beide ihre Berechtigung, nämlich ihre Gleichberechtigung."

Im Internet gibt es lebhafte Debatten darüber, wann eine Veränderung des eigenen Körpers vom Betroffenen als hilfreich erlebt wird, oder, ob die Nebenwirkungen den Nutzen übertreffen und wann es fragwürdig wird, wie beim Doping. Medien können also nicht nur das Bild der Medizin verfälschen, sondern auch dazu beitragen, dass falsche, oder einseitige Bilder korrigiert werden.

 

 

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