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StartseiteWissenschaft im BrennpunktVersuch und Irrtum - Ebola-Studien im Eilverfahren15.02.2015

Medizin Versuch und Irrtum - Ebola-Studien im Eilverfahren

Im Sommer 2014 explodieren die Ebola-Zahlen in Guinea, Liberia und Sierra Leone. Die Epidemie ist verheerend - aber auch eine Chance für die Forschung. Während vor den wenigen überfüllten Behandlungszentren unzählige Kranke zusammenbrechen, lassen Wissenschaftler überall in der Welt von heute auf morgen ihre Arbeit liegen und widmen sich stattdessen der Ebola-Forschung im Eilverfahren.

Von Franziska Badenschier

Ein afrikanischer Arzt in Schutzanzug verabreicht einem anderen Mann eine Spritze. (picture alliance / dpa / Alex Duval Smith)
Ein Freiwilliger bekommt in Mali eine Impfung mit einem Ebola-Impfstoff. (picture alliance / dpa / Alex Duval Smith)

"Ehrlich gesagt, wir hatten keine Erfahrungen. Wir hatten solch einen Fall bisher noch nicht im Westen behandeln müssen. Und niemand anderes hatte Erfahrungen, worauf er sich berufen konnte."

"Dass dann halt im Sommer Ebola quasi in dieser Art sich präsentiert hat: Das hatte ich in meinen kühnsten Träumen wahrscheinlich nicht mir ausgemalt. Es hat auch keiner sich ausgemalt. Sonst wären wir wahrscheinlich jetzt nicht da, wo wir jetzt sind."

"Herr Ballou von GlaxoSmithKline hat mir im März eine Nachricht geschickt: 'Wissen Sie, wir haben diesen Impfstoff im Regal. Haben Sie Interesse?' Und als ich meine Kollegen gefragt habe, war da der Gedanke: Es ist zu spät."

22. März 2014. Regierung von Guinea gibt Ebola-Ausbruch bekannt. 49 Fälle. Zwei Wochen später warnt Ärzte ohne Grenzen: Fälle so weit verstreut wie nie.

Versuch und Irrtum: Ebola-Studien im Eilverfahren.
Eine Sendung von Franziska Badenschier

8. August. 1700 Fälle. Betroffen jetzt auch Liberia und Sierra Leone. Die WHO erklärt die Epidemie zum internationalen Notfall.

Die wenigen Behandlungszentren in Westafrika sind im August bereits überfüllt. Derweil fliegt ein Patient nach Hamburg. Er ist der allererste Ebola-Patient, der je in Deutschland behandelt wird, erzählt Ansgar Lohse, Klinikdirektor am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, kurz UKE.

"Die Frage, die bei jedem erst mal im Raum stand, war die Frage, ob wir diese alternativen Therapiemöglichkeiten, diese experimentellen Therapiemöglichkeiten, monoklonalen Antikörper zum Beispiel, ob wir die einsetzen sollten oder nicht."

In den Wochen zuvor ist das experimentelle Medikament ZMapp als vermeintliches Wundermittel gepriesen worden: ein Antikörper-Cocktail, der Ebola-Viren unschädlich machen soll. Zwei US-Amerikaner, die sich in Westafrika mit Ebola infiziert hatten, waren die ersten Menschen, die je ZMapp bekommen hatten. Beide überleben. Kurz darauf sind die Vorräte aufgebraucht. Und Nachschub lässt auf sich warten, weil die Antikörper für ZMapp in Tabakpflanzen hergestellt werden und das Monate dauern kann.

Lohse und sein Team haben keine Zeit zu verlieren. Sie behandeln den schwer kranken Ebola-Patienten - und gleichzeitig forschen sie auch. Schwerwiegende Entscheidungen stehen an.

"Der Druck aus den Medien führt auch dazu, dass nicht unbedingt rein fachlich-sachlich entschieden wird: Die Frage nach den experimentellen Therapien standen so im Vordergrund, dass man fast als behandelnder Arzt meint, wir müssen jetzt unbedingt irgendwas Experimentelles machen, damit man originell ist oder damit man innovativ ist oder damit man wirklich etwas beiträgt. Obwohl wir eigentlich sicher waren - dass zum Glück dann auch gemacht haben -, dass ganz normale Medizin machen eigentlich das Wichtigste ist. "

Ganz normale Medizin, das heißt: Intensivmedizin statt Experimente mit kaum erprobten Mitteln. Dabei hatte Lohses Team durchaus zwei dieser experimentellen Medikamente zur Hand: TKM-Ebola und Favipiravir. Beide sollen verhindern, dass Ebola-Viren sich weiter vermehren. Wenige Telefonate und E-Mails reichen und TKM-Ebola kommt aus den USA nach Hamburg. Das Medikament ist sogar noch vor dem Patienten da. Der bekommt es dann aber doch nicht: TKM-Ebola hat Nebenwirkungen, die gerade erst dazu geführt haben, dass eine Sicherheitsstudie gestoppt wurde. Auch das andere Medikament, Favipiravir, wird nicht angewendet: Der Patient müsste allein am ersten Therapie-Tag 18 Tabletten schlucken. Dabei kann er zu jener Zeit weder essen noch trinken und hat literweise Durchfall. Das Schlimmste scheint ohnehin überstanden. Ist es aber nicht, erinnert sich Lohse.

"Am kritischsten war für uns die Phase, als die Virusmenge zurückging, die Antikörper anstiegen, wir eigentlich glaubten, es müsste alles besser werden, und es offensichtlich klinisch war, dass es dem Patienten schlechter ging."

Die Ärzte vermuten eine bakterielle Blutvergiftung. Ebola-Viren schädigen auch Zellen der Darmwand; so könnten Bakterien aus dem Darm in den Blutstrom gelangt sein. Der Verdacht bestätigt sich. Ein kritischer, aber auch lehrreicher Moment.

"Wir haben dieses Phänomen der Blutvergiftung wenige Tage nach der schweren Virusinfektion nicht erwartet gehabt und haben das erkannt und diskutieren, dass das ein Mechanismus ist, der auch im Feld für viele Patienten eigentlich das Gefährlichste in zumindest der zweiten Phase der Erkrankungen ist."

Mikroskop-Aufnahme des Ebola-Virus (picture alliance / dpa / Foto: Frederick A. Murpy / Cdc Handout)Mikroskop-Aufnahme des Ebola-Virus (picture alliance / dpa / Foto: Frederick A. Murpy / Cdc Handout)

Der Patient in Hamburg wird gesund. Ansgar Lohse ist überzeugt: dank Intensivmedizin inklusive Infusionen, künstlicher Beatmung und diversen Antibiotika. Ebola mit speziellen Medikamenten zu behandeln, hält er für weniger sinnvoll: Wenn ein Mensch schwer ebola-krank ist, dürfte es für antivirale Medikamente zu spät sein.

Während der Patient sich im Hamburger Krankenhaus erholt, bringt das Behandlungsteam die Krankenakte und Gedanken zu Papier. Ihre Erfahrungen sollen schnell als Einzelfall-Studie in einem Fachjournal erscheinen.

"Wir wussten ja auch, dass die Welt darauf guckt und es unsere Verantwortung war, unsere Erkenntnisse möglichst schnell weiterzugeben."

3. Oktober 2014. Ebola-Patient in Hamburg entlassen. Mittlerweile mehr als 7.500 Ebola-Fälle in Westafrika.

Während die Ärzte in Hamburg erleichtert sind, ist ein Virologe in Marburg besorgt. Stephan Becker bekommt jeden Tag die Ergebnisse des Europäischen Mobilen Labors, das seit April in Westafrika Blutproben auf Ebola testet.

"Als die Zahlen so zu explodieren schienen, das hat mich enorm betroffen gemacht. Keine Möglichkeit zu haben, da was zu tun gegen: Das macht einen depressiv. Die Möglichkeit, helfen zu können oder was zu machen, war für mich dann eben, diese klinische Studie zu initiieren."

Stephan Becker ist der Direktor des Instituts für Virologie an der Philipps-Universität Marburg. Seit rund 25 Jahren erforscht er das Ebola-Virus. Aber eine Impfstoff-Studie mit Menschen auf den Weg zu bringen: Das ist eigentlich nicht die Aufgabe eines Grundlagenforschers wie Stephan Becker. Zumal:

"Es hat keiner damit gerechnet, dass ein Ebola-Virus solche Ausmaße annimmt. Und für die Ebola-Virus-Ausbrüche, die wir in der Vergangenheit hatten, hätten wir eigentlich keine Impfstoffe gebraucht."

Zwei Impfstoffe mit ähnlichem Prinzip

Es gibt schon länger zwei Impfstoff-Kandidaten. In Tests mit Tieren waren sie auch bereits erfolgreich. Aber diese Impfstoffe erstmals an Menschen zu testen: Das war Pharmafirmen dann doch zu teuer und zu aufwendig gemessen an der Aussicht, dass der Impfstoff vielleicht nie eingesetzt würde. Immerhin hatte sich in den vergangenen Jahren die Angst gelegt, Ebola-Viren könnten für einen Bioterrorangriff in den USA verwendet werden. Und die Ebola-Ausbrüche in Afrika wurden mit Quarantäne-Maßnahmen beendet. Da war meistens nur ein entlegenes Dorf betroffen - aber diesmal gelangte das Virus in die Hauptstädte mit Millionen von Einwohnern.

Herbst 2014. Hochrechnung der US-Seuchenschutzbehörde CDC: ohne Intervention bis zu eineinhalb Millionen Ebola-Fälle denkbar.

Die zwei Impfstoff-Kandidaten in der Pipeline heißen rVSV-ZEBOV und cAd3-ZEBOV. Das sind Abkürzungen, die jeweils den Namen des Virus-Grundgerüsts nennen und den Ebola-Virusstamm, vor dem der Impfstoff schützen soll. Tierstudien legen nahe, dass der VSV-Impfstoff gegenüber dem anderen Impfstoff zwei Vorteile hat: Eine Spritze könnte reichen; und der Impfschutz entwickelt sich wohl so schnell, dass eine Impfung sich auch noch direkt nach einer Infektion lohnen könnte.

"Aber was mir dann im Sommer dieses Jahres aufgefallen ist: dass dieser VSV-Impfstoffkandidat, der entwickelt worden war und den im Ausbruchszenario eben ich sehr gut geeignet halte, dass da die Gefahr bestand, dass der überhaupt nicht getestet wird in der Klinik. Und da dachte ich dann: Das müssen wir eigentlich testen. Das ist wichtig, das zu tun."

Wir, das ist das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung DZIF. Dort koordiniert Stephan Becker den Schwerpunkt Neu auftretende Infektionskrankheiten. Das DZIF will ein paar gesunde Freiwillige in einer sicheren Umgebung - in Hamburg - impfen. Gleich mit den Impfstoffen nach Westafrika gehen: Dafür weiß man zu wenig über die Vakzine. Also zunächst einmal Phase eins: erste Tests mit Menschen, eine Sicherheitsstudie.

Klinische Studien müssen genehmigt werden. In Deutschland ist das Paul-Ehrlich-Institut dafür zuständig, eine Behörde im Geschäftsbereich des Bundesgesundheitsministeriums. 200 bis 300 klinische Studien genehmigt das Institut pro Jahr. Aber diesmal ist alles anders, sagt der Präsident Klaus Cichutek. Und das nicht nur, weil er persönlich mit der Weltgesundheitsorganisation und Impfstoff-Forschern in Kanada telefoniert.

"Ganz besonders war, dass wir immer, wenn Daten reinkamen für den Antrag, bereits die Bewertung vorgenommen haben, sodass wir im Grunde so eine Art Rolling Review diesmal vollzogen haben."

Statt alles zu sammeln und dann gebündelt einzureichen, schickt das DZIF Unterlagen, sobald eines der Formulare ausgefüllt ist. Die Behörde prüft die Unterlagen, während sich die Forscher bereits um die nächsten Fragen kümmern.

"Es haben alle miteinander und zusammen gekämpft, würde ich sagen, um das auf den Weg zu bringen."

Miteinander kämpfen heißt auch, gegeneinander zu kämpfen, erzählt der Ebola-Forscher Stephan Becker. Beispielsweise stellt sich die US-Firma NewLink Genetics zunächst quer. Die Firma hatte 2010 von der kanadischen Regierung die Lizenz zur Kommerzialisierung bekommen. Danach passierte so gut wie nichts. Auch jetzt nicht.

"Aber schließlich und endlich - nachdem es eben doch relativ massive Kritik gegeben hat an NewLink - hat sich dann ja auch einiges bewegt doch in der Firma, sodass man dann auf doch zu einem guten gemeinsamen Weg gekommen ist."

Ende November übergibt NewLink Genetics seine Lizenz für den Ebola-Impfstoff an Merck. Der Pharma-Riese hat Erfahrung mit Impfstoffen und könnte schnell viel Ebola-Impfstoff herstellen. Immerhin sollen möglichst bald mehrere tausend Menschen in Westafrika geimpft werden - zu Forschungszwecken. Aber so mancher hofft, dass die Probe-Impfungen auch helfen, die Epidemie einzudämmen.

17. Oktober 2014: Mehr als 9000 Ebola-Fälle.

An diesem Tag geht der Antrag zur Genehmigung der Hamburger Ebola-Impfstoff-Studie vollständig und offiziell beim Paul-Ehrlich-Institut ein.

6. November 2014: 13.000 Ebola-Fälle.

Und das Paul-Ehrlich-Institut erteilt die Genehmigung zur Hamburger Studie.

17. November 2014: Über 14.000 Ebola-Fälle.

Genau einen Monat nach Antragstellung wird der erste Versuchsteilnehmer in Hamburg geimpft.

"Normalerweise dauern solche klinischen Entwicklungsschritte Jahre. Und wir haben hier doch im Zeitraffer sehr schnell das Ganze komprimieren können bis zur Erstanwendung am Menschen."

Mitte Dezember 2014: 18.000 Ebola-Fälle. Doppelt so viele wie zwei Monate zuvor.

Und das Universitätskrankenhaus von Genf teilt mit: Die Studie mit dem VSV-Ebola-Impfstoff wird unterbrochen. Bei einigen Versuchsteilnehmern sind unerwartete Nebenwirkungen aufgetreten: Gelenkschmerzen wie bei Rheuma.

"Das Worst-Case-Szenario ist, dass man mit dem Impfstoff nicht nur nicht schützt, sondern auch noch irgendwas Schlimmes bewirkt."

Marylyn Addo leitet die Impfstoff-Studie in Hamburg. In Genf wird derselbe Impfstoff-Kandidat auf seine Sicherheit hin geprüft. Addo telefoniert ständig mit den Schweizer Kollegen und erfährt von den Problemen schon früher als die Öffentlichkeit.

"Das Erste, was ich gedacht habe, war, dass ich unsere Probanden informieren wollte. Ich wollte, dass unsere Probanden diese Information von uns bekommen. Und so haben wir unser lokales Safety-Board im Grunde genommen ganz spontan und schnell einberufen. Wir haben getagt. Wir haben unsere Daten noch mal angeschaut. Wir haben den Bericht aus Genf uns noch mal angeschaut und dann diese Information so gebündelt an unsere Probanden direkt per E-Mail und per Post versandt, um halt auch den Medien zuvorzukommen."

Marylyn Addo hat 15 Jahre lang in Boston geforscht, vor allem zu Impfstoffen gegen das Immunschwäche-Virus HIV. Ende 2013 kam sie zurück nach Deutschland, ans noch junge Deutsche Zentrum für Infektionsforschung. Die Ebola-Impfstoff-Studie ist dringend, denn ohne solche Sicherheitsstudien können keine Wirksamkeitsstudien in Westafrika beginnen.

Mitte Dezember 2014: Fast 19.000 Ebola-Fälle

Kurz vor Weihnachten. In Hamburg sind 20 von 30 Probanden geimpft. Zwei hatten etwas Fieber, aber das war zu erwarten gewesen wie bei anderen Impfungen auch. Außerdem reagiere das Immunsystem der Versuchsteilnehmer auf den Impfstoff; es hätten sich Antikörper gebildet, verrät die Studienleiterin. Nun pausiert die Studie aber erst einmal über die Feiertage, den Jahreswechsel - und noch etwas länger, weil man abwartet, wie es in Genf weitergeht. Wie geht es der Forscherin eigentlich in dieser Zeit voller Ebola?

"Es gab Zeiten, da wusste ich nicht so ganz, wo mein Kopf steht. Das ist immer noch eine sehr bewegte Zeit. Und wir sind sehr angespannt, aber jetzt geht es mir gut."

24. Dezember 2014: Ebola wütet nun vor allem in Sierra Leone.

In Sierra Leone ist jeder Zehnte Christ. Die Regierung hat Weihnachtsfeiern verboten und schickt das Militär auf Patrouille. In Liberia hingegen geht die Zahl der Neuinfektionen zurück.

31. Dezember 2014: 20.000er Marke an Ebola-Fällen überschritten.

Jahreswechsel. Die weltweite Panik legt sich - die Forschung läuft auf Hochtouren. Wann, wenn nicht jetzt, lässt sich am Menschen prüfen, wie wirksam Medikamente und Impfstoffe gegen das hämorrhagische Ebola-Fieber sind?

Gräber von Opfern der Ebola-Epidemie in Sierra Leone (AFP / Francisco Leong)Gräber von Opfern der Ebola-Epidemie in Sierra Leone (AFP / Francisco Leong)

Mit dem cAd3-Impfstoff vom Pharma-Unternehmen GlaxoSmithKline zum Beispiel laufen Sicherheitstests in Frankreich, Großbritannien, Mali und in den USA. Der VSV-Impfstoff durchläuft solche Phase-1-Studien in Deutschland, Gabun, Kenia, in der Schweiz und in den USA. Und in Ebola-Behandlungszentren in Guinea, Liberia und Sierra Leone werden drei Medikamente an Kranken getestet, darunter auch Favipiravir, jenes Anti-Virus-Medikament, von dem ein Patient allein am ersten Tag 18 Pillen schlucken muss. Die Studien in den Behandlungszentren sollen nicht nur offenbaren, wie gut die Medikamente wirken, sondern auch, wie gut sie überhaupt zu handhaben sind.

2. Januar 2015. Die Fallzahlen steigen weiter.

Besonders still ist es um jene Therapie-Option, die die Weltgesundheitsorganisation zur "Priorität" ernannt hatte - damals, Anfang September, als verschiedene Therapien und Impfstoffe für Ebola erörtert wurden: rekonvaleszente Blutprodukte. Menschen, die von Ebola genesen - rekonvaleszent - sind, sollen Blut oder Blutplasma spenden; und akut kranke Ebola-Patienten sollen damit behandelt werden.

Vollblutspenden nur bedingt sinnvoll 

Das gehe halt nicht über Nacht, sagt Johan van Griensven vom Tropeninstitut im belgischen Antwerpen, als er gerade wieder in Guinea ist und nur per Skype zu erreichen. Vollblutspenden seien in Westafrika zwar üblich, weil sie in der Malaria-Therapie eingesetzt werden. Aber für Blutplasma, also Blut ohne rote und weiße Blutkörperchen und ohne Blutplättchen, fehlen Geräte und Know-how. Und die Behandlungsversuche müssten wissenschaftlich begleitet werden, sagt der Tropenmediziner. Aber es dauert, bis die von ihm geleitete Studie geplant und in Guinea abgesegnet ist und auch die Finanzierung steht.

Das Blut der Überlebenden enthält keine Ebola-Viren mehr, aber Antikörper gegen die Viren. Das könnte anderen Kranken helfen.

"Ein Antikörper bindet an ein Virus und blockiert es dadurch. Dann kann der Körper das Virus zerstören. Das senkt die Viruslast und kauft dem Patienten gewissermaßen Zeit, damit sich seine Immunantwort entwickeln kann. "

Blut als Medizin: So könnten sich afrikanische Patienten gegenseitig helfen, statt auf High-Tech-Medikamente aus Industrienationen zu warten. Aber all die Monate wird die Blut-Therapie eher nur bei wenigen Patienten ausprobiert, etwa bei Kent Brantly. Der Arzt hat sich in Liberia mit Ebola infiziert und bekam eine Vollblutspende von einem Jugendlichen, den er zuvor selbst behandelt hatte und der überlebt hat.

Brantlys Fall verdeutlicht ein Grundproblem der Ebola-Forschung: Nachdem er die Blutspende erhalten hatte, verschlechterte sich sein Zustand weiter, zwei Tage später bekam er ZMapp, und all die Zeit Intensivmedizin. Im Zweifel probieren Ärzte alles aus, um ein Leben zu retten. Auch wenn dann unklar bleibt, was wie gut hilft.

"Vollblut kann nur alle drei oder vier Monate gespendet werden. Plasma hingegen in größeren Mengen und das alle zwei Wochen. Der zweite Punkt ist: Plasma hat weniger Nebenwirkungen und kann einem Patienten viel schneller gegeben werden. Und noch ein Vorteil ist, dass Plasma normalerweise inaktiviert wird, sodass Viren, Bakterien und andere Keime zerstört sind. Bei Vollblut ist das nicht üblich. In Sachen Sicherheit ist Plasma also auch besser."

Blutplasma wäre bei Ebola-Epidemien sinnvoller als Vollblut, sagt van Griensven. Aber die Arbeit mit Blutplasma ist in Guinea neu. Und ob die Blut-Therapie überhaupt wirkt, muss sich erst noch zeigen.

"Die Welt wartet darauf, dass wir diese Impfstoffe fertig bekommen"

8. Januar 2015. Fast 21.000 Ebola-Fälle. Zweites High Level Meeting der WHO zu Ebola-Impfstoffen.

Bei der anschließenden Pressekonferenz sagt die WHO-Beauftragte für die Ebola Trials, Marie-Paule Kieny:

"Das Jahr 2014 wird in Erinnerung bleiben als das Jahr, in dem Ebola die Menschheit herausgefordert hat. Aber ich bin froh, Ihnen heute zu sagen, dass 2015 als das erinnert werden wird, in dem die Menschheit unsere besten wissenschaftlichen Köpfe genutzt hat, um zurückzuschlagen. Die Welt wartet darauf, dass wir diese Impfstoffe fertig bekommen und zu den Menschen bringen, in deren Gemeinden das Virus wütet."

Bei dem WHO-Meeting zu den Impfstoff-Studien erfährt man: Die beiden Impfstoff-Kandidaten sind wohl recht gut verträglich und sie regen auch das Immunsystem an, bauen also einen gewissen Schutz gegen Ebola-Viren auf. Das sind wichtige Erkenntnisse, die es ohne den verheerenden Ausbruch in Westafrika nicht so schnell, vielleicht sogar nie, gegeben hätte.

Die Weltgesundheitsorganisation führt die Ebola-Studien nicht selbst durch. Sie entscheidet auch nicht, wer wann wo was testet. Die Rolle der WHO ist es, alle an einen Tisch zu bringen: Forscher, Hersteller, Mitarbeiter der Regulationsbehörden von jenen Ländern, wo Tests stattfinden sollen. Diesmal klären sie offene Fragen zu drei Großversuchen in Westafrika. Sie stimmen sich ab, wie die Ergebnisse später miteinander verglichen werden können. Sie erfahren, dass mittlerweile genügend Impfstoff hergestellt ist für Tausende Versuchsteilnehmer im Epidemie-Gebiet. Jetzt geht es um sogenannte Phase 2- und Phase 3-Studien und um die große Frage: Taugen die Impfstoffe tatsächlich?

Eine Wandmalerei warnt in der liberianischen Stadt Monrovia vor Ebola.  (picture alliance / dpa / Foto: Ahmed Jallanzo)Eine Wandmalerei warnt in der liberianischen Stadt Monrovia vor Ebola. (picture alliance / dpa / Foto: Ahmed Jallanzo)

21. Januar 2015. Im WHO-Situationsbericht taucht das Wort Halbierungszeit auf. Die Zahl der Neuinfektionen pro Woche sinkt nun überall.

Das sind gute Nachrichten für die Menschen in Westafrika - aber weniger gute Nachrichten für die Forscher.

"Also diese klinischen Phasen-3-Studien, die machen nur Sinn, wenn man tatsächlich in einem Ausbruch sich befindet. Also wenn kein Ausbruch mehr da ist, keine Krankheiten mehr auftreten, kann man auch die Wirksamkeit dieser Impfung nicht mehr untersuchen."

Die Zeit drängt. Die großen Studien in Guinea, Liberia und Sierra Leone müssen schnellstens starten. Die Epidemie ist vielleicht bald vorbei. Nach Monaten zeigt sich der Effekt von Aufklärungskampagnen und Quarantänezentren, vom neu geschaffenen Netz aus mobilen Laboren und Ebola-Behandlungszentren, und davon, dass Kontaktpersonen von Infizierten überwacht und nun fast alle Toten sicher beerdigt werden.

Ende Januar 2015. Die Epidemie ebbt weiter ab. Weniger als 100 Neuinfektionen in einer Woche in ganz Westafrika.

Trotzdem sollten die Impfstoff-Studien durchgezogen werden, mailt Marie-Paul Kieny von der WHO.

"Alle Beteiligten sind sich einig, dass ein wirksames Vakzin eine unschätzbare Ergänzung wäre zu den gerade genutzten Tools, um den Ausbruch zu beenden. Außerdem wissen wir nicht, wie sich der Ausbruch entwickelt. Es gibt Belege dafür, dass einige Fälle immer noch nicht berichtet werden."

Auch Stephan Becker, der Ebola-Forscher in Marburg, plädiert dafür, die Studien in Westafrika durchzuziehen. Dann könnten Forscher weiter Daten zur Verträglichkeit sammeln. Und noch mehr lernen über die sogenannten Impfstoff-Plattformen, also jene Viren, die gewissermaßen das Grundgerüst für den Impfstoff sind.

"Wenn wir nicht weiter machen würden, dann würden wir von Anfang an die Flinte ins Korn werfen, wenn wir das jetzt aufgeben würden. Also wir müssen unbedingt die Spannung halten."

An dem Tag, an dem in Liberias Hauptstadt Monrovia die erste große Wirksamkeitsstudie mit zwei Impfstoffen und einem Scheinpräparat beginnt, stehen die Menschen Schlange.

Die Forschung mit Medikamenten dagegen gerät nun in echte Bedrängnis: Ohne Patienten keine Therapie, ohne Therapie keine Daten. Eine Studie mit dem potenziellen Ebola-Medikament Brincidofovir wird nach nur einer Woche abgebrochen. Andere Forschergruppen kooperieren mit mehr Behandlungszentren, um auf signifikante Patientenzahlen zu kommen. Und in Guinea kann die Studie mit Blutprodukten von Überlebenden vielleicht gar nicht richtig starten.

Anfang Februar: Rund 22.000 Ebola-Fälle seit Beginn des Ausbruchs, darunter fast 9000 Tote.

"Diese Diskussion mit 'zu spät oder nicht zu spät' ist ein bisschen müßig."

Stephan Günther ist Chef-Virologe am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Dort untersucht er das Ebola-Genom und organisiert die mobilen EU-Diagnostik-Labore in Westafrika.

"Natürlich müssen in den afrikanischen Ländern Universitäten, Gesundheitssysteme in die Breite gestärkt werden, damit darauf aufbauend dann langsam Technologien in diesen Ländern etabliert werden. Und parallel dazu müssen wir - und das ist natürlich hier die Aufgabe jetzt der Länder des Nordens - sich um wissenschaftliche Entwicklungen in diesem Bereich kümmern."

Seine Sicht auf die Erfahrungen des letzten Jahres: Bereits in "Friedenszeiten", wie er es nennt, sollten Studien mit Kandidaten für Impf- und Wirkstoffe gegen Ebola und Co. durchgeführt werden. Und es sollte eine Art Blaupause aufgesetzt werden mit Protokollen für künftige Studien. Damit dann, wenn ein Ausbruch bekannt wird, schneller mit Wirksamkeitsstudien begonnen werden kann. Und es beim nächsten Mal weniger um "Trial and Error" geht.

"Ich denke, für mich die wichtigste Lektion ist, dass wir prinzipiell in einem Ausbruch Forschung machen können. Und das, denke ich, ist wegweisend. Und das ist ein Paradigmenwechsel: Es ist möglich, Forschungsprogramme aufzulegen und die dann auch umzusetzen."

Versuch und Irrtum: Ebola-Studien im Eilverfahren
Eine Sendung von Franziska Badenschier
Regie: Claudia Kattanek
Redaktion: Christiane Knoll

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