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StartseiteForschung aktuellWenn das Tier den Menschen ansteckt 02.02.2015

MedizinWenn das Tier den Menschen ansteckt

Als sogenannte Zoonosen werden Krankheiten bezeichnet, die von Tier zu Mensch übertragen und später auch von Mensch zu Mensch weitergegeben werden können. Diese Erreger werden in Zukunft zunehmen, befürchten manche Forscher.

Von Franziska Badenschier

Eine Mittelmeer-Hufeisennase (Rhinolophus euryale) im Flug (imago / imagebroker )
Die verheerende Ebola-Epidemie in Westafrika nahm ihren Anfang wohl bei einem Baum in Guinea, der für unzählige Fledermäuse ein Zuhause war. (imago / imagebroker )
Weiterführende Information

Epidemie - Fledermaus hat offenbar Ebola übertragen
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 30.12.2014)

Symposium - Risiko-Lebensmittel Fleisch?
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 11.11.2014)

Ebola-Ausbruch - Wissenschaftler haben Mühe mit der Rekonstruktion
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 17.10.2014)

Ende 2013 ist in der Karibik das allererste Mal Chikungunya ausgebrochen, eine Krankheit, die von Mücken übertragen wird und vor allem Fieber mit sich bringt sowie schwere Muskel- und Gliederschmerzen und Hautausschlag. Mittlerweile hat sich das Chikungunya-Virus in Lateinamerika ausgebreitet; mehr als eine Million Menschen haben sich in gut einem Jahr infiziert.

Infektionskrankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden oder auch umgekehrt vom Menschen aufs Tier, werden Zoonosen genannt. Und diese seien auf dem Vormarsch. Das haben vor kurzem Forscher in den USA verkündet, als sie eine einzigartige Datenbank vorgestellt haben. Sie umfasst mehr als 12.000 Ausbrüche von 215 ansteckenden Krankheiten, die weltweit innerhalb von drei Jahrzehnten erfasst worden sind. Eine erste Auswertung hat ergeben: In den Jahren zwischen 1980 und 1985 gab es knapp 1.000 Krankheitsausbrüche ; im Zeitraum 2005 bis 2010 waren es dreimal so viele. Mehr als jeder zweiter Ausbruch war eine Zoonose; und mit der Zeit wurde die Zoonosen-Statistik vielfältiger. Chikungunya zum Beispiel tauchte erst zuletzt in der Top-Ten der Zoonosen auf.

"Einer der Gründe ist natürlich, dass wir Diagnostikverfahren zur Verfügung haben, die Erreger detektieren können, die wir früher nicht detektieren konnten. Das heißt: Wir sehen jetzt einfach mehr."

Bloß eine statistische Verzerrung?

Gülsah Gabriel leitet am Heinrich-Pette-Institut in Hamburg eine Forschungsgruppe zu viralen Zoonosen. Die Virologin bezweifelt, ob heutzutage tatsächlich öfter zoonotische Krankheiten ausbrechen. Es könnte sich ja nur um eine statistische Verzerrung handeln. Einerseits. Andererseits:

"Das andere ist natürlich, dass wir immer mehr in die Lebensräume der Tiere vordringen und damit auch die Kontaktbarriere zwischen Tier und Mensch verringern. Und wenn die Kontaktbarriere verringert wird, dann steigt natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass das Virus vom Tier auf den Menschen überspringt."

Das ist ein Grund, der in der Vergangenheit zu manchem Ebola-Ausbruch geführt hat. Die verheerende Ebola-Epidemie in Westafrika nahm ihren Anfang wohl bei einem Baum in Guinea, der für unzählige Fledermäuse ein Zuhause war und für Kinder ein Spielplatz. Dort ist wohl das Virus von einem Tier auf einen zwei Jahre alten Jungen übergesprungen. Wochenlang war die Welt in Panik, dass Ebola zur Pandemie wird – auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafür sehr gering war.

Im Prinzip können sich Zoonosen über die ganze Welt ausbreiten, praktisch passiert dies aber selten. Das zeigt unter anderem das Beispiel des Nahost-Atemwegsyndrom MERS. Fast täglich kommt von der arabischen Halbinsel die Meldung: Wieder hat sich ein Mensch bei Dromedaren mit dem MERS-Coronavirus angesteckt. Das Virus sorgt für schwere Atemnot und Lungenentzündungen und kann tödlich enden.

"Das ist ein Virus, das immer wieder auftaucht, aber nicht für große Ausbrüche sorgt, was damit zu tun hat, dass es nicht wirklich gut von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Das wissen wir mittlerweile. Im Gegensatz zum SARS-Coronavirus: Das ist ja 2002/2003 aufgetreten, hat eine große Epidemie verursacht und danach nie wieder aufgetreten."

Marcel Müller von der Universität Bonn forscht seit Jahren an Coronaviren. Die Lungenkrankheit SARS war zuerst in China aufgetreten und dann zur Pandemie geworden. Das Nahost-Atemwegssyndrom MERS hingegen habe – zumindest momentan – nicht das Potenzial zur Pandemie, sagt der Virologe. Aber es gebe ein anderes Problem mit dem MERS-Coronavirus:

"Es zirkuliert in den Kamelen, sehr wahrscheinlich bei jungen Kamelen, wie so eine Art Kindergarten-Grippe. Und da kann sich ein Mensch immer wieder infizieren."

Damit verlängert MERS die Chronik an Krankheitsausbrüchen nicht um eine einzelne Epidemie oder gar Pandemie, sondern um mehrere kleinere Ausbrüche. So kann letztlich ein einzelner neu entdeckter Erreger die Zoonosen-Statistik verändern.

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