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StartseiteKommentare und Themen der WocheJeder Millimeter zählt13.02.2018

Meeresspiegel steigt schnellerJeder Millimeter zählt

Nach einer neuesten Studie von US-Forschern sei Gewissheit geworden, was theoretisch längst vorhergesagt wurde, kommentiert Dlf-Wirtschaftsredakteur Georg Ehring. Ein beschleunigter Anstieg des Meeresspiegels zeige, dass alle Akteure den Klimaschutz endlich wieder ernst nehmen müssten.

Von Georg Ehring

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Ein Junge sitzt auf dem Atoll Tarawa am Sandstrand neben Abfällen mit dem Blick auf das Meer. (dpa / picture alliance / Christiane Oelrich)
Ein Junge sitzt auf dem Atoll Tarawa am Sandstrand neben Abfällen mit dem Blick auf das Meer. (dpa / picture alliance / Christiane Oelrich)
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Drei Millimeter - das klingt wie ein Nichts, schon eine einzige Welle im Meer ist größer. Um diese winzig erscheinende Differenz lässt der menschengemachte Klimawandel den Meeresspiegel derzeit Jahr für Jahr ansteigen. Erst die exakte Messung per Satellit macht es überhaupt möglich, solche kleinen Veränderungen genau zu verfolgen, und so ist zur Gewissheit geworden, was theoretisch längst vorhergesagt wurde: Der Anstieg des Meeresspiegels beschleunigt sich. Wenn es so weitergeht, dann steht das Wasser gegen Ende des Jahrhunderts um mehr als 60 Zentimeter über dem heutigen Niveau. Bildlich gesprochen: Es steht den Küstenbewohnern bis zum Hals.

Und es kommt noch schlimmer: Es ist gut möglich und sogar wahrscheinlich, dass der Anstieg noch drastischer ausfallen wird. Die US-Forscher, die heute mit ihrer Studie Aufsehen erregen, haben lediglich die beobachteten Daten zu einem Trend hochgerechnet. Schmelzendes Eis auf Grönland und in der Antarktis hat das Zeug, den Anstieg des Meeresspiegels noch einmal deutlich zu beschleunigen.

Folgen für alle - besonders aber für die Armen

Die Folgen kommen langsam, aber unerbittlich: Weil die Lage am Meer bisher häufig Wohlstand brachte, leben hunderte von Millionen Menschen in Küstenregionen, die künftig aufwändig geschützt oder aber demnächst geräumt werden müssen: Länder, die es sich leisten können, werden Milliarden für den Schutz von Städten wie Hamburg, Rotterdam, New York oder Shanghai ausgeben. Und vor allem ärmere Staaten werden Gebiete aufgeben müssen, vielleicht auch Millionenstädte – in Zukunft wird das eine wichtige Ursache für Umsiedlung und Flucht von Menschen sein. Und Ökosysteme brechen zusammen – nicht nur ferne Mangrovenwälder in Asien. Auch das Wattenmeer an der Nordseeküste könnte verschwinden, wenn es bei Ebbe nicht mehr regelmäßig trockenfällt.

Auch Deutschland muss entschiedener handeln

Mit den Gesetzen der Physik lässt sich nicht verhandeln, diese Erkenntnis rufen die Forscher aus den USA wieder einmal ins Gedächtnis. Also bleibt nur das Handeln und das heißt für uns in Deutschland: Kohlekraftwerke abschalten, mehr Solaranlagen und Windräder installieren, sparsame Autos bauen anstatt schwere und schnelle Geländewagen, Häuser besser dämmen und die Landwirtschaft klimafreundlich umbauen. Seit fast zehn Jahren schafft es Deutschland nicht mehr, den CO2-Ausstoß zu verringern, das kann nicht so weiter gehen.

Den Klimaschutz endlich wieder ernst nehmen – dies ist bei den Verhandlungen über eine neue schwarz-rote Koalition im Bund zuletzt kaum noch ein Thema gewesen. Das muss sich ändern und zwar schnell.

Selbst wenn es gelingt, die Erderwärmung wie im Pariser Abkommen vorgesehen zu begrenzen – für einen Stopp des Anstiegs der Meeresspiegel ist es längst zu spät. Der Anstieg wird sich über Jahrhunderte fortsetzen. Doch es ist möglich ihn durch entschiedenen Klimaschutz zu verlangsamen – jeder Millimeter zählt.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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