• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 12:30 Uhr Nachrichten
StartseiteForschung aktuellMeereszensus: Die Welt der Quallen21.09.2010

Meereszensus: Die Welt der Quallen

Moderne Technik enthüllt Geheimnisse jenseits des Lichts

Neue Arten sind nicht wirklich neu: Es gibt sie bereits seit vielen Millionen Jahren - nur, dass die Menschheit nichts von ihrer Existenz ahnte. Wenn die Forscher des Meereszensus nun einige von ihnen finden, dann hat das auch damit zu tun, dass die Technik zur Erforschung der Ozeane inzwischen weit fortgeschritten ist.

Von Dagmar Röhrlich

Steve Haddock forscht im Reich der Quallen. (Stock.XCHNG / Zando Escultura)
Steve Haddock forscht im Reich der Quallen. (Stock.XCHNG / Zando Escultura)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Meereszensus: Das Verhalten der Meeresbewohner
Haarige Strukturen

Das trifft besonders für die Tiere zu, die sozusagen "mitten im Wasser" leben, in dem "Universum" jenseits des Lichts und etwa 100 Meter über dem Meeresboden. So gibt es eine noch knapp einen Zentimeter große Rippenqualle, die vollkommen durchsichtig ist. Selbst wenn man sie in einem Wasserglas direkt vor Augen hätte, könnte man sie nicht sehen, es sei denn, das Licht fällt genau im richtigen Winkel ein. Mit den modernen Kameras an den ferngesteuerten Tauchrobotern gelingt es jedoch, sie hin und wieder einzufangen.

Als die Wissenschaftler vor 140 Jahren die Ozeane systematisch zu erforschen begannen, sah es zunächst so aus, als würde sich das Leben nahe der Oberfläche und am Grund konzentrieren. Dazwischen schien Leere zu herrschen. 1898 stellte sich heraus, dass der Grund für diese vermeintliche Leere einfach nur die groben Netze der Frühzeit waren, erklärt Steve Haddock vom Forschungsinstitut des Monterey Bay Aquarium in Kalifornien:

"Viele der Tiergruppen, die in diesem "Zwischenwasser" leben, sind sehr zerbrechlich und schwer zu fangen. Entweder rutschen sie zwischen den Maschen des Netzes durch oder werden zerdrückt, und es bleiben nur kleine Fetzen übrig. So richtig erforschen können wir diesen Lebensraum erst durch modernste Technologie. Für den Meereszensus haben wir beispielsweise ferngesteuerte Tauchroboter eingesetzt, um tiefer lebende Organismen zu sammeln."

Die Tauchroboter scheinen für die Erforschung dieses "Zwischenwassers" das zu sein, was Teilchenbeschleuniger für die Physik sind. Und immerhin geht es dabei um den größten Lebensraum der Erde. Er beginnt 200 Meter unter dem Meeresspiegel, wo das Licht nicht mehr für die Fotosynthese reicht und endet 100 Meter über dem Ozeangrund. Dieses Wasseruniversum ist das Reich der Quallen. Haddock:

"Dieses Gebiet wird ständig von Quallen und anderen Tieren mit geleeartigen Körpern dominiert. Wir haben durch den Meereszensus festgestellt, dass ihr Anteil an der Biomasse viel größer ist als erwartet. Unterhalb von 300, 400 Metern Wassertiefe besetzen sie alle möglichen ökologischen Nischen: Manche filtern mikroskopisch kleine Partikel aus dem Wasser, andere fressen Krebse oder Fische und wiederum andere fangen andere 'Geleetiere'."

Nahrung ist in diesem Lebensraum jedoch eine noch größere Mangelware als am Meeresgrund, wo sich wenigstens anreichert, was dort dank Schwerkraft landet. Im "Zwischenwasser" fällt alles nur durch. Wer hier lebt, muss nicht nur hungern können, er darf sich möglichst keine Mahlzeit entgehen lassen. Daran sind die Bewohner dieser Welt körperlich angepasst. Das gilt auch für die die Rippenquallen, die äußerlich Quallen gleichen, jedoch keine Nesselzellen haben, sondern Rippen aus kammartigen Plättchen:

"Einige der Rippenquallen sind so groß wie ein amerikanischer Football, andere wie eine Bohne. Sie haben die unterschiedlichsten Fressmethoden entwickelt: Einige haben lange, klebrige Tentakel, andere fliegen wie Flugzeuge durch das Wasser und fangen ihre Mahlzeit mit klebrigen Flügeln. Wieder andere packen ihre Beute mit dem Mund und saugen sie ein."

Rippenquallen sind wohl die älteste Tiergruppe, die sich auf der Erde entwickelt hat. Unter ihnen gibt es bizarre Wesen, und einige unbekannte sind beim Meereszensus entdeckt worden:

"Wir haben eine weniger als einen Zentimeter große Rippenqualle gefunden, die eine seit Langem offene Frage beantwortet. Und zwar lebt zwischen 500 und 2500 Metern eine Wurmart, die organische Partikel aus dem Wasser filtert und zahlenmäßig das Ökosystem dominieren kann. Wir wussten nicht, wer diese Würmer frisst - bis wir diese Rippenqualle entdeckten. Als der Tauchroboter an ihr vorbeifuhr, schnappte sie sich gerade einen dieser Würmer, faltete ihn und stopfte ihn sich in den Magen. Sie hat eine einzigartige Art zu jagen: Um ihren Mund stehen so etwas wie Knötchen, die sie regelrecht hinausschießt, um den Wurm dann wie mit einer Hand zu packen und in sich hinein zu ziehen."

Richtig dramatisch sehe das aus, so Steve Haddock. Eine andere Entdeckung, die auf einer Expedition für den Meereszensus gelungen ist, beschäftigt derzeit nicht nur die Spezialisten für diese geleeartigen Tiere:

"Eine der neuen Arten, die wir gerade beschreiben, gehört zu den Staatsquallen. Das sind Gemeinschaften von spezialisierten Polypen, die alle zusammen so etwas wie einen Organismus bilden. Diese besondere Staatsqualle, um die es hier geht, lebt in 1500 Metern Tiefe. An ihren Tentakeln sind Anhänge, die rotes Licht produzieren. Für einen hungrigen Fisch sieht es so aus, als schwämmen dort kleine Ruderfußkrebse. Wer darauf hereinfällt, endet in den Tentakeln und wird gefressen."

Das Ungewöhnliche: Rot sollte in der Tiefsee eigentlich nicht wahrzunehmen sein. Es ist die Tarnfarbe. Wenn aber diese Staatsquallen darauf setzen, um Beute anzulocken, müssen die Biologen über die sensorischen Fähigkeiten von Tiefseetieren neu nachdenken. Inzwischen haben sie auch Fische gefunden, die Rotlicht für die Jagd und die Kommunikation nutzen. Könnte es niemand wahrnehmen, hätte die Evolution die Räuber nicht damit ausgestattet.

Lesen Sie mehr zum Zensus des Marinen Lebens und zur Biodiversität auf unserer Übersichtsseite.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk