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StartseiteBüchermarktMehr als ein Gefühl20.08.2007

Mehr als ein Gefühl

Sammelband über den Schmerz

Was wir in unserer Happiness-Gesellschaft nur gerne ausblenden, ist der Schmerz. Es ist daher bemerkenswert, dass im Dumont-Verlag ein dicker Sammelband erschienen ist, in dem das Thema Schmerz interdisziplinär beleuchtet wird. "Schmerz. Kunst + Wissenschaft" entstand begleitend zu einer gleichnamigen Ausstellung des Museums für Gegenwart Hamburger Bahnhof und des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité.

Von Martina Wehlte

Schmerzen können ein Menschen zermürben. (dradio.de/Andreas Lemke)
Schmerzen können ein Menschen zermürben. (dradio.de/Andreas Lemke)

Die Welt des Schmerzes ist noch zu weiten Teilen eine terra incognita. Das wird einem klar bei der Lektüre der 22 Essays in dem Band "Schmerz. Kunst + Wissenschaft". Die Autoren nähern sich dem Thema Schmerz als einem hochkomplexen Bezugssystem aus kunst- und medizinhistorischer Sicht, aus literaturhistorischer, philosophischer, medizinischer, theologischer und politischer Sicht. Das geht weit hinaus über die Erfahrung eines bohrenden Zahnschmerzes, die Wundschmerzen nach einer Operation oder das Erleiden seelischen Schmerzes als Einzelphänomenen. Der Schmerz in all seinen Erscheinungsformen ist ein notwendiger Teil des Lebens, denn, so die Herausgeber des Buches: "Ein Leben ohne Schmerz wäre selbst schmerzhaft; es bliebe nur die Verzweiflung eines lauen Behagens."

Was ist Schmerz? Die Internationale Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (IASP) definiert ihn als "ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktueller oder potentieller Gewebeschädigung einhergeht oder mit den Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird". Der Schmerz hat eine Schutzfunktion und ist das Frühwarnsystem für Krankheiten, die durch Infektion oder einen Unfall entstehen, deren Ausbruch aber auch eine Disharmonie in der Beziehung zur Gemeinschaft, zu übernatürlichen Kräften oder zur Umwelt anzeige, so erläutern Andreas Kopf und Rainer Sabatowski in ihrem Beitrag. Dabei ist die Weiterleitung von Schmerzreizen ein sich selbst verändernder Prozess, der als Neuroplastizität bezeichnet wird. Schmerzen werden also nicht mehr nur als Krankheitssymptom betrachtet sondern auch als eigenständige Erkrankung, - eine Ansicht, die der Anästhesist John Bonica im 20. Jahrhundert durchsetzte.

Das Schmerzempfinden ist subjektiv und daher nicht messbar, die Leidensfähigkeit ist kulturgeschichtlich und gesellschaftlich geprägt. Wir sind heute auf eine weitgehende Eliminierung des Schmerzes in unserem Leben ausgerichtet. Gott sei Dank sind die Zeiten vorbei, als man Schmerzen mit langen Metallspießen, den Perkins-Traktoren, aus dem Körper auszuleiten versuchte. Heute helfen dabei das Morphin, das Aspirin und die Lokalanästhetika.

Wen wundert es also, wenn wir befremdet vor den mittelalterlichen Märtyrerszenen eines Stefan Lochner stehen, in denen die Apostel durch Sieden, Zerstückeln oder Häuten zu Tode gebracht werden. Nacherleben und Mitfühlen war der Zweck solcher Andachtsbilder, die ein neues Frömmigkeitsideal zwischen Scholastik und Humanismus zum Ausdruck bringen: die Devotio Moderna. Wie Helga Lutz darlegt, war für deren Verständnis die Schrift des Thomas von Kempen von zentraler Bedeutung, "De Imitatione Christi". Thomas fordert darin ein geduldiges stummes Ertragen von Schmerzen, weil alles Leid heilsam für die Seele sei. Vor dem Andachtsbild kann sich der Betrachter kontemplativ in das Geschaute versenken, kann das Subjekt mit dem Objekt gleichsam verschmelzen, wie Erwin Panofsky diesen Bildtyp charakterisiert hat. Ebenso ist es bei der Schaustellung des Schmerzes im Passionsthema, dem Ecce homo, oder der Kreuzigung Christi. An Matthias Grünewalds "Kreuzigung" um 1505 im Kunstmuseum Basel wird ersichtlich, dass der Schmerz im Bild nicht auf Christus sondern auf die Anwesenden bezogen ist. Ein solcher Schmerz ist nicht lokalisierbar sondern hallt im Bildraum, in den Figuren oder der Natur wider. Bei Caravaggio breitet er sich durch eine meisterhafte Lichtregie aus.

Eine besondere Tradition der Leidensdarstellung hat sich im Typus des Künstlerselbstbildnisses entwickelt, in dem Christus als Identifikationsfigur für den an der Welt leidenden schöpferischen Künstler herangezogen wird. Albrecht Dürer hat sich solcherart als Schmerzensmann mit nacktem Oberkörper und Schlaggeräten dargestellt, aber auch in einer frühen Zeichnung als Melancholiker, der auf seine innere Wunde, eine kranke Milz, zeigt als ein Stigma der begrenzten menschlichen Erkenntnisfähigkeit. In diese Tradition lässt sich Joseph Beuys einreihen, der unter dem besonderen Eindruck von Rudolf Steiner beschloss, "die Wirklichkeit des Übersinnlichen in dieser Welt zu verkünden", mit dem Ziel, eine neue Mythologie zu schaffen, die im Bewusstsein der Gesellschaft etwas bewirken konnte. Im Zuge einer schweren psychischen Krise nahm Beuys durch die Krankheit hindurch die spirituellen Kräfte deutlicher wahr, so dass ein Umwandlungsprozess des Geistigen aus dem Leiden heraus stattfand. Beuys Aktion "Infiltration Homogen" 1966 in der Düsseldorfer Akademie und sein Münchner Environment "zeige deine wunde" 1975 führten eindrucksvoll vor, wie die inneren Verletzungen produktiv in den schöpferischen Menschwerdungsprozess eingebunden werden können. Peter-Klaus Schuster gelingt es in seinem Text, Beuys Haltung mit dem Vergleich eines christlichen Ritters im modernen Gewand deutlich zu machen. Die Nachahmung Christi als Lehrender und Leidender beinhaltet demnach eine aktiv zum Handeln entschlossene Lebenshaltung.

Die Beispiele, die uns die Allgegenwart des Schmerzes und die künstlerische Auseinandersetzung mit ihm vor Augen führen, sind gut gewählt und vielfältig, die masochistischen Aktionen eines Rudolf Schwarzkogler in den 60er Jahren gehören ebenso dazu wie die Installationen Bruce Naumans, die Gemälde Francis Bacons mit ihren amputierten Körpern und Fleischbergen oder Aufnahmen von Narkotisierungen in der modernen Apparatemedizin. Nicht nur die Opfer des Schmerzes sondern auch der Betrachter erfährt, dass der wahre Schmerz darin besteht, zu spüren, wie sich in einem das Denken verschiebt.


Schmerz. Kunst + Wissenschaft
Hg. von Eugen Blume, Annemarie Hürlimann, Thomas Schnalke, Daniel Tyradellis
309 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
Dumont-Verlag, Köln 2007
39,90 Euro

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