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StartseiteBüchermarktMehr als nur Slapstick02.01.2011

Mehr als nur Slapstick

Buch der Woche: Thomas Pynchon: "Natürliche Mängel"

In "Natürliche Mängel" entführt der amerikanische Starautor Thomas Pynchon seine Leser in das Kalifornien der 70er-Jahre. Im Mittelpunkt des Romans steht der Hippie-Ermittler Doc Sportello und seine nicht weniger chaotische Gefolgschaft - eine geistreiche Kriminalgeschichte.

Von Wolfgang Schneider

"Man weiß nämlich nicht so genau, wie dieser Thomas Pynchon eigentlich aussieht. Der Mann hat es verstanden, ein Mysterium aus sich zu machen." (AP)
"Man weiß nämlich nicht so genau, wie dieser Thomas Pynchon eigentlich aussieht. Der Mann hat es verstanden, ein Mysterium aus sich zu machen." (AP)

Für manche ist Thomas Pynchon der wichtigste amerikanische Schriftsteller der Gegenwart, seit er 1973 mit dem Roman "Die Enden der Parabel" gewissermaßen den "Ulysses" der Postmoderne vorlegte. Wenn Sie, liebe Zuhörer, jetzt gerade kein Bild des Autors vor Augen haben, dann geht das ganz in Ordnung. Man weiß nämlich nicht so genau, wie dieser Thomas Pynchon eigentlich aussieht. Der Mann hat es verstanden, ein Mysterium aus sich zu machen. Er meidet die Öffentlichkeit, gibt keine Interviews, steht für Podiumsdiskussion niemals zur Verfügung, und die wenigen Fotos, die von ihm im Umlauf sind, zeigen einen jungen Marinesoldaten mit Zahnproblemen.

Wunderbar passte die Ungreifbarkeit dieses Autors nicht nur zur postmodernen These vom "Tod des Autors", sondern auch zu den Schlüsselbegriffen seines eigenen Werkes: Paranoia und Entropie. Inzwischen ist Pynchon allerdings beinahe leutselig geworden. Er unterhält launige E-Mail-Kontakte mit seinen Übersetzern; mit einer Papiertüte über dem Kopf trat er als Zeichentrickfigur in den "Simpsons" auf und nun soll sogar seine Stimme im Trailer zum neuen Roman "Natürliche Mängel" zu hören sein.

Für die Existenz des Autors sprechen auch die markanten, von Werk zu Werk wiederkehrenden Eigentümlichkeiten von Pynchons Prosa. Aberwitzig verwickelte Handlungsstränge, pessimistische politische Einschätzungen, sexuelle Spezialitäten und Comedy-Dialoge.

In jungen Jahren hat Pynchon Physik studiert und für die Firma Boing Handbücher verfasst. Die viel beschworenen "zwei Kulturen" bringt er wie kein anderer Schriftsteller zusammen; niemand sonst hat die abstrakten Zusammenhänge von Naturwissenschaft und Macht literarisch konkreter gemacht, was allerdings nicht heißt, dass Menschen mit Mathematikdefizit und gering ausgebildetem technischen Verständnis sich durch die Lektüre seiner Romane klüger machen könnten. Kultivierte Wissensvermittlung, wie sie den Mehrwert bei manchem steilen Dialog in Thomas Manns Bildungsromanen ausmacht, ist nicht in Pynchons Sinn. Wer's nicht versteht, dem wird's auch nicht erklärt. Die Quaternionistendebatten in seinem letzten Roman "Gegen den Tag" dürften wohl nur von wenigen Eingeweihten mit überlegenem Gelächter quittiert worden sein.

"Gegen den Tag" war ein literarischer Schwertransporter und mit seinen 1600 Seiten nicht zuletzt gegen den Alltag des Lesers geschrieben. "Natürliche Mängel" dagegen umfasst nur 470 Seiten und verwickelt kaum 100 Personen in eine gar nicht mal unspannende (wenn auch sehr verknäulte) Kriminalhandlung. Pynchon zugänglich, Pynchon light!

"Doc nahm den Freeway stadtauswärts. Auf den nach Osten führenden Fahrspuren wimmelte es von VW-Bussen in tanzenden Paisleymustern, mit Grundierung gespachtelten Rostlauben, Holzkisten aus echter Dearborn-Kiefer, Porsches mit Fernsehstars am Steuer, Cadillacs, die Zahnärzte zu außerehelichen Rendezvous beförderten, fensterlosen Kleinbussen, in denen sich Teenagerdramen abspielten, und alle zusammen rollten sie unter den Hochspannungsleitungen hindurch hinab in dieses große, horizontlose Häusermeer, unter einem Himmel wie wässrige Milch und dem weißen Bombardement einer Sonne, die der Smog zu einem bloß zu ahnenden Fleck verwischte und unter deren Licht man sich zu fragen begann, ob hier jemals etwas passieren könnte, was man psychedelisch nennen würde ..."

Oh ja. Wo, wenn nicht hier, im Los Angeles des Jahres 1970, ereignet sich das, was man psychedelisch nennt? Der Roman über den Privatdetektiv Doc Sportello liest sich wie ein feingestrichelter Underground-Comic von Robert Crumb.

"LSD" lautet die Aufschrift an Docs Bürotür. Sie steht für: "Lokalisierung, Sicherheitscheck, Detektei". Rund um den Hippie-Ermittler mit dem löchrigen Kiffergedächtnis, der gerne mit falschen Bärten und Schlussverkaufs-Perücken in den Einsatz geht, hat sich eine nette Chaostruppe versammelt – Leute wie der Amphetaminspritzen-Arzt Dr. Buddy Tubeside oder der Anwalt Sauncho Smilex, der stark ins Grübeln kommt über der Frage, ob sich Donald Duck wohl täglich den Schnabel rasiert.

Arbeit gibt es, als der Immobilien-Tycoon Mickey Wolfmann, infiziert vom Flower-Power-Geist, Buße tun will für seine kapitalistischen Sünden: "Ich kann es nicht fassen, dass ich mein ganzes Leben damit verbracht habe, Leute für Wohnraum bezahlen zu lassen, wo er doch kostenlos sein sollte", meint er. Und steckt sein Geld in eine Umsonst-Wohnanlage, die als futuristische Kulisse unfertig in der Wüste steht. Unfertig, weil es nämlich Kreise gibt, denen es nicht gefällt, dass Mickey sein Gewissen entdeckt hat, nach Jahren, in denen er gut ohne auskam. Und so ist Wolfmann plötzlich von der Bildfläche verschwunden, mitsamt seiner Geliebten, bei der es sich – sehr heikler Fall – um Doc Sportellos immer noch angeschmachtete Ex-Freundin Shasta handelt.
Doc gerät selbst in Verdacht, als er in im Massagesalon "Chick Planet" neben der Leiche von Wolfmanns Bodyguard aufwacht – herzlich begrüßt von seinem ewigen Gegenspieler, Lieutenant Bigfoot Bjornsen, einem bärbeißigen Cop, der in seiner Freizeit historischen Stacheldraht in 400-Meter-Rollen sammelt:

"Glückwunsch, Hippie-Abschaum", begrüßte ihn Bigfoot mit seiner nur allzu vertrauten Motorenölstimme, "und willkommen in einer Welt voller Unannehmlichkeiten. Ja, diesmal, scheint es, hast du es endlich geschafft, in etwas hineinzuschlittern, was so real und so tief ist, dass du deinen nutzlosen Hippiearsch da nicht mehr raushalluzinieren kannst." In der Hand hielt er die gefrorene Banane mit Kuvertüre, die sein Markenzeichen war und von der er ab zu abbiss.
"Tag, Bigfoot. Ist für mich vielleicht auch ein Haps drin?"
"Klar doch, aber du musst dich ein bisschen gedulden, wir haben den Rottweiler im Revier gelassen."
"Hat keine Eile. Und ... wo sind wir im Augenblick noch mal?"
"In Channel View Estates, auf dem Grundstück eines künftigen Eigenheims, wo sich ziemlich bald Abend für Abend Elemente einer intakten Familie versammeln werden, um in die Röhre zu glotzen, ihre nahrhaften Snacks zu mampfen, sich vielleicht sogar, wenn die Kinder im Bett sind, ein bisschen am Fortpflanzungsvorspiel zu versuchen, ohne sich recht klarzumachen, dass dereinst an dieser Stelle, von Drogen benebelt, ein infamer Krimineller gelegen und den seither berühmten Beamten der Mordkomission, der ihn fasste, mit konfusem Zeug vollgequasselt hat."


Bigfoots gewaltige Rede macht die Fronten klar. Der "berühmte Beamte" ist immer im Einsatz für die machtgeschützte Idylle, die Pynchon – ganz auf Seite des "Hippie-Abschaums" – regelmäßig verspottet: "endloses kleinbürgerliches Einerlei", gut religiöse, ordnungsliebende, biertrinkende Familienväter, die zugleich bis an die Zähne bewaffnete Freizeitkämpfer sind und alle ungläubigen Nicht-Eigenheimbesitzer in die Wüste schicken möchten.

Der Fall verwirrt sich ins Unüberschaubare. Der kokainsüchtige Arzt Rudy Blatnoyd wird mit Genickbruch neben einem Trampolin gefunden. Bloß ein Sportunfall? Aber wer springt im Dunkeln in Anzug und Krawatte Trampolin? Und dann soll der Marihuana-Marlowe noch das Schicksal des Saxofonisten Coy Harlingen aufklären. Offiziell hat der sich den Goldenen Schuss gesetzt – inoffiziell scheint er als Agent der rechtsradikalen Bewegung "Kalifornien erwache!" unterwegs zu sein.

Wie ein literarisches Google-Earth-Programm zoomt sich Thomas Pynchon in seinen auf allen Kontinenten spielenden Romanen an die abgelegensten Ecken der Welt heran, was allerdings aufgrund der Welterschließungskapazitäten, die das Internet heute jedem Stubenhocker zur Verfügung stellt, nicht mehr ganz so beeindruckend wirkt wie noch zu Zeiten von "Die Enden der Parabel". Und in "Gegen den Tag" konnte man bei den in Europa spielenden Passagen den Eindruck haben, dass Pynchon etwas uninspiriert die gesammelten Baedeckers der vorletzten Jahrhundertwende in Beschreibung umsetzt.

Dagegen lebt "Natürliche Mängel" von der Passion und Involviertheit, mit der der Schauplatz vergegenwärtigt wird. Fast möchte man von "Authentizität" sprechen: Wir erleben Los Angeles als Mekka der Hippies und der Surf-Musik. Die Handlung führt durch toxische Restaurants, abgehalfterte Spielcasinos, Entzugskliniken, gewaltige Baugruben und die mit Technik vollgestopften Dunkelkammern der ARPAnet-Frickler, der Pioniere des Internets.

Aus den Gassen von Gordita Beach dringen "Salven von Doper-Fröhlichkeit." Schon der Amerikanist und Pynchon-Experte Heinz Ickstadt hat berichtet, dass es damals in seinem ersten Berliner Seminar über "Gravity's Rainbow" immer so stark nach Haschisch gerochen habe. Ständig ist in "Natürliche Mängel" von rauscherzeugenden Substanzen die Rede, psychedelische Bananen eingeschlossen:

"Anstatt die Bananenschalen wegzuwerfen, machte sich Kevin einen damals bei Hippies verbreiteten Glauben zunutze und verarbeitete sie zu einem rauchbaren Produkt, das er Yellow Haze nannte. Speziell ausgebildete Teams von Speed Freaks, diskret in einem kurz vor dem Abriss stehenden, verlassenen Ferienhotel untergebracht, kratzten im Dreischichtenbetrieb sorgfältig die Innenseiten der Bananenschalen ab und gewannen nach Ofentrocknung und Pulverisierung eine puderartige schwarze Substanz, die sie in Plastiktütchen abfüllten, welche dann an die armen Irren und Verzweifelten verkauft wurden. Einige, die das Zeug rauchten, berichteten von psychedelischen Reisen an andere Orte und in andere Zeiten. Bei anderen zeigten sich schreckliche Nasen-, Hals- und Lungensymptome, die wochenlang anhielten. Der Glaube an psychedelische Bananen jedoch währte fort, fröhlich gefördert von Untergrundzeitungen, die gelehrte Artikel brachten, in denen Diagramme von Bananenmolekülen mit denen von LSD verglichen und angebliche Auszüge aus indonesischen Fachzeitschriften über Bananenkulte von Ureinwohnern abgedruckt wurden."

"Unter dem Pflaster liegt der Strand" – so lautet doch tatsächlich das Motto des Romans, das im Fall von Los Angeles allerdings nicht einmal im übertragenen Sinn gemeint ist. Am Strand rauschen die Wellenreiter mit religiöser Ekstase "durch brodelnde Tunnel von sonnendurchflutetem Blaugrün" und frönen ihren Surferlegenden:

"In der Strandbude hing ein Bild von Jesus, wie er, den rechten Fuß vorn, auf einem grob behauenen Brett mit Auslegern, das an ein Kruzifix gemahnen sollte, durch Wellen fuhr, wie man sie im Roten Meer selten beobachtete, obwohl das Flips Glauben kaum anfocht. Was war das "Auf-dem-Wasser-Gehen" anderes als Bibelsprache fürs Surfen? In Australien hatte ihm sogar mal ein einheimischer Surfer, in der Hand die größte Bierdose, die Flip je gesehen hatte, einen Splitter vom Wahren Brette verkauft."

Üblicherweise lernt der Leser umfangsstarker Romane Haupt- von Nebenfiguren sowie einschneidende Ereignisse von signifikanten Beiläufigkeiten zu unterscheiden. Pynchons Werke kennen eine solche Hierarchisierung kaum. Sie sind basisdemokratisch erzählt. Alles scheint von gleicher Relevanz. An die Stelle dramaturgischer Höhepunkte tritt eine Atmosphäre allgegenwärtiger Konspiration. In Docs Branche, heißt es, "gehörte Paranoia zum Handwerkszeug, sie wies einen in Richtungen, die man sonst vielleicht gar nicht einschlagen würde." Bei solchen Sätzen hüpft das Herz des Pynchon-Lesers. Hat er "Paranoia" gesagt? Hat er es wieder getan? Pynchons Figuren sind nicht nur paranoid, sie reden inzwischen auch ständig von Paranoia, als wollten sie das Beste geben, um sich als wirkliche Pynchon-Figuren auszuweisen. Anlass für Paranoia gibt es in "Natürliche Mängel" allerdings genug: Das Los Angeles Police Departement zum Beispiel deckt üble Machenschaften, sofern es sie nicht selbst zu verantworten hat. Im Hintergrund wirkt eine "Reservepolizei", die immer dann zum Einsatz kommt, wenn schlechte Presse zu befürchten ist.

Und was verbirgt sich hinter dem ominösen "Goldenen Fang" – bloß ein Steuersparmodell wohlstandsverwahrloster Zahnärzte? Oder ein südostasiatisches Heroinkartell, das die Leute an die Nadel bringt, um ihnen anschließend prima Therapieprogramme anzubieten? Ein überaus fruchtbares Geschäftsmodell, "solange das Leben in Amerika so war, dass man ihm lieber entfloh".

Zugleich ist "Goldener Fang" der Name eines Schoners, der "irgendwelches Zeug in und außer Landes schafft" – ein Schiff, das ruckzuck hinter Monsterwellen verschwinden kann, ein Fliegender Holländer, dessen Heimathafen womöglich Lemuria ist. Das Atlantis des Pazifiks gibt dem Geschehen einen mythologischen Fluchtpunkt.

So verzweigt sich die Stoner-Story immer weiter in die Breite. Doc stolpert am Ende jedes Kapitels über eine Information, zündet sich einen Joint an und geht ihr im nächsten Kapitel nach. "Ich wäre schon zufrieden, wenn ich mich in dieser Geschichte zurechtfände", meint er einmal. Dabei sind die Schurken als solche meist ganz gut zu erkennen, etwa Puck Beaverton, dessen Schädel mit einem pulsierenden Hakenkreuz verziert ist.

Wie die eingestreuten Songs mit ihren Spaß-Reimen gehört auch der Slapstick zu den Zutaten dieses wie jedes Pynchon-Romans. Mal geraten Motorräder auf dem Erbrochenen vor einer Freak-Bar ins Schliddern, ein andermal rutscht ein Möchtegern-Zuhälter auf einer Bioeis-Kugel aus – oder Sportello mitten in der Arbeit an einer "schmutzigen Ehegeschichte" vom Dach:

"Der Ehemann, ein Steuerberater, hatte sich erstklassige Überwachung für billiges Geld versprochen und Doc beauftragt, seine Frau im Auge zu behalten. Nachdem er ein paar Tage lang das Haus ihres Liebhabers überwacht hatte, beschloss Doc, aufs Dach zu steigen und durch ein Oberlicht einen genaueren Blick in das Schlafzimmer zu werfen, wo sich die Vorgänge als dermaßen alltäglich erwiesen, dass er beschloss, sich einen Joint anzuzünden, der einschläfernder wirkte, als er es beabsichtigt hatte. Nicht lange, und er war weggedämmert und die flache Schräge des roten Ziegeldachs hinuntergerutscht, um mit dem Kopf in der Regenrinne liegen zu bleiben, wo er es dann fertigbrachte, die folgenden Ereignisse zu verschlafen, darunter das Eintreffen des Ehemanns, erhebliches Geschrei und mehrere Schüsse, die so laut waren, dass die Nachbarn sich veranlasst sahen, die Polizei zu rufen."

Wenn der Dude im Kultfilm "The Big Lebowski" ein Detektiv gewesen wäre – er hätte Sportello heißen müssen. Bei manchen Späßen meint man allerdings dieses herzerfrischende Konservenlachen zu hören, wie es in den amerikanischen Fernsehshows jener Epoche für Stimmung sorgte.

Man führt ein "Gefühlsleben von ungewöhnlich hoher Dichte und Inkonsistenz" – so lautet eine schöne Formulierung, nur spielt im Roman solches Gefühlsleben keine Rolle. Die Figuren sind alle ähnlich groovy drauf; munter produzieren sie ihre von Nikolaus Stingl fast ohne Pointenverlust übersetzten Comedy-Dialoge. Auf komplexe Menschendarstellung und entwicklungsfreudige Charaktere hat es Pynchon erklärtermaßen nicht abgesehen. Dergleichen gehört von seiner Warte aus zum Betriebssystem des alten Realismus.

Die Flächigkeit der Figuren, ihr Mangel an Psychologie und Innenleben, entsprechen der postmodernen Programmatik, die sich stattdessen an den Schablonen des Unterhaltungsromans und des Comics orientiert, was sich bei Pynchon ja schon an der skurrilen Namenskomik zeigt. An Comics erinnert auch die Darstellung der Frauen: lauter "aufgekratzte Stewardessen", "Sahneschnitten", "Wahnsinnsbräute", "temperamentvolle junge Asiatinnen" oder kalifornische Blondinen mit dem "weltberühmten unaufrichtigen Lächeln".

Eine Feministin könnte in Pynchonland leicht paranoid werden. Damit steht Pynchon, der alten Avantgarde verpflichtet, allerdings quer zur aktuellen Entwicklung – der Rückkehr zum figurenzentrierten "realistischen" Roman, mit allen Raffinessen. Anstatt weiterhin trickreiche Erzähllabyrinthe wie Pynchon zu entwerfen und eine Horde flacher Charaktere hindurchzujagen, erweitert ein Jonathan Franzen lieber das Innenleben von wenigen Hauptfiguren ins Labyrinthische. Verglichen mit solcher Seelenerforschungsliteratur musste man es bei einem Roman wie "Gegen den Tag" durchaus als Beschaffenheitsschaden bezeichnen, wenn man am Ende von 1600 Seiten leider mit keiner der zahllosen Figuren wirklich warm geworden war.

Bei der Genreparodie "Natürliche Mängel" stört die Schablonenhaftigkeit der Figuren weniger – die komikträchtige Typisierung trägt hier sogar bei zur Plausibilität des Personals. Vor allem Bigfoot Bjornsen hat viele Cop-Klischees zu schultern, bleibt dabei aber doch eine erstaunlich vitale Figur. Er ist die Spinne im Netz, in dem die anderen zappeln. Der Hippie-Hasser benutzt auch Sportello als Köder, um den Mord an seinem Partner Vincent Indelicato aufklären. Wie überhaupt die Figuren in Pynchons Erzähl-Universum meist "Werkzeuge im Geräteschuppen eines anderen" sind. Selbst Mickey Wolfmann war am Ende gar nicht der, um den es ging.

Die psychedelischen 60er, "diese kleine Parenthese aus Licht", wie es an einer Stelle heißt, – sie gehen unweigerlich zu Ende, münden in Dunkelheit. Blumenkinder verwandeln sich in menschliche Wracks, der Vietnam-Krieg drückt die Stimmung im Allgemeinen, die Morde der Manson-Gang im Besonderen. Hören wir Bigfoot:

"Sonderbar, ja, dass hier in der Hauptstadt der ewigen Jugend und des endlosen Sommers wieder Angst umgeht wie in alten Zeiten, wie zur Zeit der schwarzen Listen in Hollywood – sie breitet sich aus wie Blut in einem Swimmingpool, bis sie den ganzen Raum des Tages ausfüllt. Und dann kommt vielleicht irgendein zum Spielen aufgelegter Mensch mit einem Eimer voll Piranhas, kippt sie in den Pool, und sofort schmecken sie das Blut. Sie schwimmen herum und suchen, was da blutet, aber sie finden nichts und drehen immer mehr durch, bis ihre Durchgedrehtheit einen bestimmten Punkt erreicht. Und dann fangen sie an, sich gegenseitig aufzufressen."

Die alten Kräfte der "Gier und der Angst" bekommen die Oberhand. Wie noch jeder 68er beschwört Pynchon den konservativen Rollback, für den hier namentlich der kalifornische Gouverneur Ronald Reagan und der auf einer gefälschten Dollarnote konterfeite Richard Nixon zuständig sind.

Bei allem vordergründigen Kiffer-Kichern ist "Natürliche Mängel" ein hintergründig sentimentalisches Buch über die Hippie-Jahre um 1970 und die Subkultur, in der Pynchons Werke verwurzelt sind. Zum subversiven Geist der Zeit gehörte bei aller Verzotteltheit der heimliche Ehrgeiz, die Gegenkultur möge Großwerke auftürmen, die den Kanon übertrumpfen; gehörte die intellektuelle Esoterik, flankiert von der Liebe zu Kino und Genre; gehörten die Dechiffrier-Syndikate, die sich über die Texte beugen, als gälte es heilige Schriften zu entziffern. Dieser anspielungsgesättigte Roman mit seinem enzyklopädischen Wissen der kalifornischen Popkultur gibt ihnen wieder viel zu tun. Und ja – er macht Spaß.

Thomas Pynchon: Natürliche Mängel. Roman. Übersetzt von Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2010, 478 Seiten, 24,95 Euro

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