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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenMehr als nur Verdrängung?15.09.2005

Mehr als nur Verdrängung?

Die Debatte über die Macht des Unbewussten

Schillernd und schwer zu fassen - so lautete lange Zeit der wenig vertrauenerweckende Steckbrief für das Unbewusste. Doch inzwischen sind die Hirnforscher bei der Suche nach dem Grund der Seele fündig geworden und haben dem Unbewussten eine neue wissenschaftliche Weihe verliehen: sie verkünden, dass der größte Teil der geistigen Aktivitäten beim Menschen unbewusst abläuft.

Von Martin Hubert

Für Sigmund Freud war der Traum der Königsweg zum Unbewussten.  (AP)
Für Sigmund Freud war der Traum der Königsweg zum Unbewussten. (AP)

"Tagsüber hatte der Träumer viel über das Unbewusste gelesen: Bücher von und über Sigmund Freud, Texte von Verteidigern und von Kritikern des Vaters der Psychoanalyse. Dann hatte er sich auf den Schlaf gefreut, wollte Ruhe, befreit werden von dem wilden Durcheinander der Ideen und Argumente in seinem Kopf.

Doch nun, in der Nacht, dreht sich der Träumer unruhig im Bett herum. Der Schlaf hat ihn in eine unwirtliche Landschaft entführt: er geht durch die engen Schluchten eines Gebirges aus braunem, messerscharfen Fels. Vorsichtig muss er sich vortasten, jede Berührung vermieden. Er weiß, er muss durch diese Felsschluchten hindurch, dann wird er am Ende des Gebirges Ruhe und Geborgenheit finden.

Doch als sich die Felsen endlich zu einer Ebene weiten, ist sie übersät von schreienden Säuglingen, die wild mit dem Finger in eine Richtung zeigen - jeder in eine andere. Sie haben die Gesichter geschichtlicher Gestalten, Caesar, Bismarck, Hitler. Verzweifelt hastet er weiter, wieder ins Gebirge hinein. Als der Boden unter ihm heiß und schlüpfrig wird, beginnt er zu rennen, verletzt sich im Felsenlabyrinth. Endlich sieht er ein helles Licht - und ist wieder dort, von wo er aufgebrochen war. Verwirrt wacht der Träumer auf."

Der Traum war für Sigmund Freud der Königsweg zum Unbewussten. Noch vor dem Witz, den Fehlleistungen und Versprechern oder den Symptomen frühkindlich entstandener Konflikte. Wer allerdings heute versucht, einen Zugang zum Phänomen das Unbewussten zu finden, der könnte in einen Alptraum geraten. Denn die Literatur über das Unbewusste ist kaum mehr zu überschauen. Labyrinthisch hat sich die Theorie der Psychoanalyse in verschiedene Richtungen und Schulen verzweigt, die sich mehr oder weniger befehden.

"Als würde das nicht genügen, mischen sich noch andere Disziplinen ins Gespräch über das Unbewusste ein: Die Philosophie pocht darauf, viel ältere Rechte am Begriff des Unbewussten zu haben als die Psychotherapeuten. Die Hirnforscher erklären, sie könnten den emotionalen Einfluss des Unbewussten empirisch belegen. Außerdem werfen sie den Begriff eines "kognitiven Unbewussten" in die Debatte. Sozialwissenschaftler und Historiker schließlich sprechen von Mythen und Traumata, von Manifestationen eines "kulturellen Unbewussten", die unterschwellig die Geschichte und das Denken großer Massen beeinflussen."

Kein Wunder, dass Psychoanalytiker wie Günter Gödde aus Berlin den alten Fundamenten ihrer Disziplin nicht mehr so recht trauen.

"Ich bin irgendwie auch skeptischer geworden. Ich glaube, das gilt jetzt nicht nur für mich, das gilt vielleicht auch für meine Generation, die wir auch von einer solchen Vorstellung herkamen, also auch von Freud, als ob man das Unbewusste - natürlich mit aller Vorsicht - prinzipiell erkennen könnte. Als ob es da eine bestimmte Dynamik gibt, die man erfassen kann. Gut, das ist nicht leicht, wer kann schon sagen, er hätte es erfasst, das liegt in der Natur der Sache. Aber ich glaube, schon die Vorstellung als solche, dass es das geben kann, ist fragwürdig."

Diese Skepsis gegenüber dem Glauben, das Unbewusste zumindest prinzipiell erfassen zu können, steht aber nicht alleine. Sie verbindet sich mit der Einsicht, dass die therapeutische Praxis sowieso keine Methode kennt, die allein selig macht.

"Wenn ich mir jetzt so einen Arbeitstag im Rückblick vor Augen führe, die verschiedenen Patienten mit denen ich gearbeitet habe, dann ist das frappierende, dass die Sitzungen höchst unterschiedlich verlaufen. Also es ist überhaupt nicht so, dass ich mit einem bestimmten Konzept reingehe in die Sitzungen und es läuft dann gewissermaßen abgewandelt, aber alles in einer bestimmten Richtung. Das hängt sehr davon ab, was der Patient anbietet und auch, wie die Kommunikation zwischen uns läuft, und die Sitzungen laufen ganz ganz unterschiedlich."

Wo so viel Selbstzweifel und so viel Vielfalt herrschen, tut eine Bestandsaufnahme not. Nach diesem Motto konzipierte Günter Gödde gemeinsam mit dem Göttinger Psychoanalytiker Michael B. Buchholz ein dreibändiges Buchprojekt über das Unbewusste.

"Es soll die verschiedenen Schulen, Traditionen und wissenschaftlichen Zugänge zum Unbewussten in großer Breite dokumentieren und so einen neuen Dialog über den dunklen Grund der Psyche ermöglichen. Der erste Band des ambitionierten Projekts heißt " Macht und Dynamik des Unbewussten" und ist bereits im Giessener Psychozial-Verlag erschienen. Er behandelt theoretische Konzepte des Unbewussten in Philosophie, Medizin, und Psychoanalyse. Er fragt nach den körperlichen Grundlagen und den geistigen Besonderheiten des Unbewussten und er untersucht, inwieweit das Unbewusste mehr ist als nur das, was wir aus dem bewussten Geist verdrängen."

Der Träumer war aufgestanden, war kurz in der Wohnung herumgelaufen, holte dann frische Luft auf dem Balkon. Beim Rückweg ins Schlafzimmer hatte er dann kurz lächeln müssen, als er den Wust der Papiere und Bücher auf seinem Schreibtisch sah.

Nun liegt er wieder im Schlaf und der Traum hat ihn wieder in ein Gebirge geführt. Es ist nicht dasselbe wie beim ersten Mal, aber wieder sind die Schluchten anfangs so eng, dass ihn erneut ein Gefühl der Verzweiflung überkommt. Er rennt ziellos dahin, kommt aber schnell auf einen Weg, der sich allmählich verbreitet. Pflanzen tauchen auf, Bäume mit exotischen Früchten sprießen aus dem Boden, bunt leuchtende Tiere springen aus den Büschen.

Dann steht er über der Ebene, in der sich unübersehbar der See erstreckt, der aussieht, als kenne er ihn seit uralten Zeiten. Er steigt hinunter, am Ufer liegt das Floß aus weichem Holz. Er legt sich darauf, das Floß gleitet ruhig ins Wasser, er spürt den gleichmäßigen Wellenschlag, legt den Kopf nieder. Und schläft im Traum träumend ein, ganz bei sich selbst.

Lange vor Sigmund Freud hat sich die Philosophie mit dem Problem des Unbewussten beschäftigt, auch wenn der Begriff nicht immer explizit auftauchte. Schon zu Beginn der philosophischen Moderne, bei Rene Descartes und Gottfried Wilhelm Leibniz, spielt das Unbewusste eine wesentliche, jedoch gegensätzliche Rolle. Zwei Motive stehen hinter ihren Theorien: die neuzeitliche Verzweiflung über eine unsichere Welt und die Suche nach einem sicheren Grund des Geistes. Mit dieser These versucht der Berliner Philosoph Johannes Oberthür im Band von Günter Gödde und Michael B. Buchholz die Anfänge der modernen philosophischen Beschäftigung mit dem Unbewussten auf den Punkt zu bringen.

Rene Descartes zweifelt im 17. Jahrhundert an allem und findet im Denken einen Halt. Nichts ist sicher, alles lässt sich in Frage stellen, nur der Zweifel , die Tatsache des Denkens selbst ,kann nicht hinwegdiskutiert werden. Für Johannes Oberthür jedoch beruht dieser Versuch, eine sichere Insel in einem Meer der Unsicherheit zu finden, auf einer Verdrängung.

"Das, was sich diesem Bewusstsein des Menschen entzieht, zum Beispiel im Schlaf, im Traum, in körperlichen Zuständen, das bleibt ausgeschlossen. Descartes sagt: ich bin nichts anderes als Bewusstsein, ich bin nichts anderes als Denken. Das, was den Zusammenhang meiner Glieder ausmacht, was wir gemeinhin "Leib" nennen, das alles bin ich gar nicht. Ich bin nur dieses Denken."

Descartes suchte Sicherheit, indem er den Körper und die unbewussten Regungen des Geistes zur Seite schob. Im Gegensatz dazu verankerte Gottfried Wilhelm Leibniz das schwankende Bewusstsein des Menschen im Unbewussten, im Meer der kleinen Perzeptionen, der unwillkürlichen Wahrnehmungen. Für ihn galt:

"Wir haben zwar unaufhörlich auch ein Bewusstsein, aber die Perzeptionen, die an uns kommen in Form von sinnlichen Wahrnehmungen, treten nicht jederzeit ins Bewusstsein. Das heißt, es gibt hier eine Riesenmenge, ein Meer von Wahrnehmungen, von Perzeptionen, die uns sogar immer unbewusst bleiben, es gibt ein Meer von Perzeptionen, von denen uns einiges ins Bewusstsein tritt, aber dieses, was uns ins Bewusstsein tritt ist nur die Spitze eines Eisbergs. Vermittels dieser unbewussten Perzeptionen sind wir an die Welt gebunden, sind wir in der Welt verankert."

Schon zu Beginn der eigentlich rationalistisch geprägten Moderne existiert also bei Leibniz ein Konzept, das das Unbewusste zur Ursprungssphäre des Bewusstseins erklärt, zu dessen konstitutiven Grund, auf dem es sich erhebt und über das es mit der Welt um sich herum in Kontakt tritt.

Damit ist Leibniz für Johannes Oberthür noch vor Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche ein Gewährsman dafür, dass die Philosophie einen umfassenderen Begriff des Unbewussten besitzt als die Freudsche Psychoanalyse.

"Ich stehe ein wenig kritisch zur Theorie Freuds, insofern weil ich hier konstatiere eine Verkürzung des Phänomens des Unbewussten. Es wird ja oft gesagt, dass mit der Herausbildung von Psychologie und Psychoanalyse das Unbewusste allererst zu einer wissenschaftlich greifbaren Instanz wird, aber wir müssen glaube ich konstatieren, dass hier zugleich eine Verkürzung des Unbewussten geschieht in dem Sinne, dass jetzt das Unbewusste nichts mehr ist, das genuin zum Denken, zum menschlichen Bewusstsein selbst gehört als konstitutiv für dieses Bewusstsein, sondern dass es so etwas wie eine dunkle Seite des Bewusstseins ausmacht, die aber ans Licht zu bringen ist."

Freud habe im Unbewussten vor allem die verdrängten und verbotenen Wünsche und Triebe angesiedelt, er habe es als dunkle, pathologische Seite des menschlichen Geistes gesehen, die rationalisiert werden soll.

"Wo Es war, soll Ich werden" lautet Freuds berühmtes Diktum. Das Es, die Quelle unbewusster Triebregungen verursacht Neurosen und andere psychische Störungen, weil es sich nicht an die Normen der Realität hält. Das Es soll daher in die Verfügungsgewalt des bewussten, realitätstüchtigen und rational überlegenden Ich überführt werden. So deutet Johannes Oberthür wie viele andere Interpreten diesen Satz. Und folgert: Freud vernachlässige die alte philosophische Einsicht, dass das Unbewusste das Bewusstsein überhaupt erst konstituiert.

Günter Gödde jedoch, der Berliner Psychoanalytiker, sieht Freud hier missverstanden.

"Er ist zwar vom Pathogenen ausgegangen, also von der Hysterie und von diesen Neurosen, die aus einer Dynamik von Abwehr, Verdrängung und ähnlichem erwachsen, das war zwar sein Ausgangspunkt. Aber als er dann zum ersten Mal von einem Unbewussten gesprochen hat, in der "Traumdeutung", wird das Unbewusste ja zu einem System neben dem System des Vorbewussten und Bewussten.

Ein System, in dem so manches kreist und das sicher auch pathogene Wirkungen entfaltet, aber das ist jetzt nicht nur auf die Kranken und die Neurotiker bezogen, sondern es ist ein Konzept der allgemeinen Psychologie oder ein anthropologisches Konzept, das für jedermann gilt. Freud sagt dann auch, es gibt sozusagen ein phylogenetisches Unbewusstes, also ein vererbtes Unbewusstes, das also nicht nur durch Entwicklung und Verdrängung entstanden ist, sondern es gibt einen Kern des Unbewussten, der schon da ist."

Freud entwarf tatsächlich ein durchaus differenziertes Bild des Unbewussten , das er zudem im Lauf seines Lebens mehrfach veränderte. So fasste er seit 1923 zwar das "Es" als eine unbewusste Stör- und Triebkraft auf, aber das "Ich", das den Geboten der Realität Aufmerksamkeit schenkt, operiert seiner Auffassung nach nicht nur bewusst. Wenn das "Ich" unangemessene Triebwünsche des Es abwehrt und verdrängt, tut es das selber unbewusst.

Ein aggressiver Wunsch, sich an jemandem auf fiese Weise zu rächen, wird oft schon unterdrückt oder weggedrängt, ohne das man bewusst nachdenkt. Er verschwindet sozusagen automatisch wieder im selben Augenblick, in dem er sich Platz schaffen will.

Das Unbewusste umgreift also die ganze Psyche, es ist nicht nur Folge, sondern auch die Ursache von Verdrängung. Auch der Berliner Psychoanalytiker Wolfgang Hegener glaubt nicht, dass man Freud auf einen reinen Theoretiker der Verdrängung festlegen kann. Genausowenig sei es legitim, Freud zu unterstellen, er wolle das Unbewusste völlig rationalisieren und ins Ich auflösen.

"Das, was Freud vorschwebte, war eigentlich eher eine unendliche Analyse oder eine unendliche Arbeit am und mit dem Unbewussten. Auch das Ich, da gibt es ja die schönen Bilder, die Freud benutzt hat, das ist wie ein dummer August oder wie ein Reiter auf dem Pferd, aber das Pferd bestimmt die Richtung und das Ich, das glaubt nur, das es selbstmächtig sei. Wobei er schon der Meinung war, dass es darum gehen soll, das Ich zu stärken, aber nicht in der Überwindung des Es, sondern eher dass es toleranter gegenüber eigenen Es-Impulsen wird, das würde ich eher so sehen, das ist kein Modell der Beherrschung."

Gerade aber diese mehrdeutige Vielfalt in Freuds Bestimmungen vom Unbewussten, vom Es und vom Ich trägt ja bis heute zur Verwirrung bei. Ein Versuch, dieses Problem hinsichtlich des Unbewussten zu lösen, liegt darin, es nicht als eine spezielle Instanz oder einen psychischen Ort zu fassen, sondern als Prozess, als einen psychischen Vorgang.

Auch dafür hat Freud selbst die Grundlagen gelegt. Etwa mit seinem Begriff der "Entstellung":

"Entstellung würde einmal heißen "verzerren", so wie wir das auch üblicherweise gebrauchen, aber auch: "an eine andere Stelle rücken". Und das ist die beste Umschreibung, finde ich eigentlich, für die unbewussten Vorgänge. Es ist ein ständiger Prozess der Entstellung, also es wird etwas an eine andere Stelle gesetzt oder an einen anderen Schauplatz. Der Sinn erscheint immer an einer anderen Stelle.

Also wenn sie sich zum Beispiel vorstellen, jemand träumt, er würde hier in Berlin bei der U-Bahnstation "Prinzenstraße" aussteigen und würde den Trauerzug eines Professors sehen, der gestorben ist und bei dem dieser Patient Schüler war. Dann stellte sich dann in der Analyse heraus, dass er sich eigentlich als ein Prinz, als der Kronprinz dieses Professors vorgestellt hat, der diesen Professor beerben will. Das erscheint dann in einem ganz kleinen Element des Traums. Das nennt Freud die Entstellung ins Kleinste."

Das Beispiel vom träumenden Möchtegernkronprinzen zeigt aber auch, dass es immer schon Motive für die Entstellung gibt. Eine Theorie des Unbewussten müsste also auch erklären, wie die Motive, sprich die Inhalte des Unbewussten zustande kommen.

Eine in letzter Zeit viel diskutierte Theorie versucht, diese Inhalte des Unbewussten nicht auf ein immer schon existentes oder vererbtes Unbewusstes zurückzuführen. Vielmehr bezieht sie sich - fast wie bei Leibniz - auf die kleinsten Wahrnehmungen, die zwischen dem Kind und den Erwachsenen stattfinden: die allgemeine Verführungstheorie des französischen Psychoanalytikers Jean Laplanche.

Zwischen dem kleinen Kind und den Erwachsenen, so Laplanche, besteht eine grundlegende Asymmetrie. Die Erwachsenen besitzen ein Unbewusstes, das kleine Kind aber noch nicht. Deshalb werde das Kind immer wieder in einer allgemeinen Weise vom Erwachsenen "verführt", nämlich von dessen ungewollten, unbewussten Regungen. Zum Beispiel beim Säugen.

"Wenn das Kind die Mutterbrust bekommt und die Mutter das ja immer in einer bestimmten Weise erlebt. Die Brust ist ja nicht nur das Organ, das Milch gibt, sondern es ist für die Frau selbst ein sexuelles Organ, das mit ganz bestimmten Erregungen und Phantasien vor allen Dingen verbunden ist. Also darum geht es, wie in der Konfrontation des Kindes mit dem Unbewussten der Erwachsenen eine Botschaft mitgegeben wird und das Unbewusste, das bildet und speist sich aus diesen Botschaften auch."

Das kleine Kind nimmt nicht nur wahr, dass es Milch bekommt, sondern es verspürt dabei Zärtlichkeit - vielleicht sogar in einer Weise, die es momentan verwirrt. Oder es verspürt Hektik und abweisenden Druck, was ihm unangenehm ist. Es versucht diese rätselhaften Einflüsse und Botschaften irgendwie innerlich zu verstehen, reagiert mit Emotionen und inneren Bildern darauf. So entsteht nach Jean Laplanche das Unbewusste bei den Kindern aus einem untergründigen "Dialog" mit subtilsten Wahrnehmungen des Erwachsenenverhaltens, die nicht in klare Bedeutungen übersetzbar sind.

Das Unbewusste entsteht aus Interaktionen zwischen dem Keinkind und seinen Bezugspersonen. Das ist inzwischen ein weit verbreiterter Konsens unter Psychoanalytikern und Psychotherapeuten, der vor allem auch von der Entwicklungspsychologie bestätigt wird. Wobei darum gestritten wird, ob das Unbewusste - wie in der Allgemeinen Verführungsstheorie von Laplanche - hauptsächlich erotischen Ursprungs ist.

Es stellen sich jedoch noch viel grundsätzlichere Fragen: wie schlägt sich dieses interaktiv entstehende rätselhafte Unbewusste im Körper des Kindes nieder, wie wirkt es dort langfristig weiter und wann wird es pathologisch? Inwieweit kann das Bewusstsein rationalisierend darauf zurückwirken? Und worin besteht insgesamt der allgemeine Mechanismus des Unbewussten, der Verdrängung verursachen kann und zugleich auf Verdrängtem beruht, der entstellt und zugleich Entstelltes enthält?

"Der Träumer hatte die Nacht ruhig verbracht. Tief versunken war er auf dem Floß über den großen See getrieben. Dann, als draußen allmählich die Morgendämmerung einsetzte, war eine Änderung eingetreten.

Nun verkrampft sich sein Körper. Denn das Wasser des Sees verwandelt sich. Es wird hart, geht in eine unbekannte Form von Materie über. Sein Floß steckt fest im zäh gewordenen Ozean. Er tastet sich an den Rand des Floßes , blickt erstaunt ins kalt gewordene Herz des Meeres. Er sieht, es ist gebaut aus vielen durchsichtigen Quadern der unbekannten Materie, nach einem schwer verständlichen, aber fühlbaren Plan. Er begreift: dieser Plan sorgt dafür, dass die Quader letztlich wie ein Meer erscheinen, auf dem ein Träumender selig ruhig auf einem imaginären Floß dahintreiben kann. Seine Hand entkrampft sich wieder, er schläft weiter."

Die Hirnforschung boomt und beansprucht, psychische Phänomene wie Bewusstsein, das Ich oder Willensfreiheit erklären zu können. Auch das Unbewusste, so einige ihre Vertreter, kann empirisch untersucht, vermessen und seiner Rätselhaftigkeit entkleidet werden. Denn zunächst einmal belege die Hirnforschung, dass es ein kognitives Unbewusstes gibt.

Wenn wir ein Objekt wahrnehmen, zum Beispiel einen Ball, dann ist diese Wahrnehmung das Produkt blitzschnell ablaufender kognitiver Verarbeitungsprozesse in unserem Gehirn. Einige Nervenzellen haben zunächst nur die Farbe, andere die Konturen, wieder andere die Bewegung des Balles codiert. Erst indem ihre verschiedenen Aktivitäten miteinander verrechnet werden, entsteht der bewusste Seheindruck des Balles- aber diese Verrechnung geschieht völlig automatisch und unbewusst.

Solche unbewussten Verrechnungsvorgänge, sagen die Hirnforscher, liegen nicht nur unseren Wahrnehmungen zugrunde, sondern auch anderen kognitiven Fähigkeiten: Erinnerungen, Sprachleistungen, aber auch bestimmten Handlungen, die das Gehirn automatisch steuert. Zum Beispiel wenn wir Auto oder Fahrrad fahren. Das Gehirn arbeitet kognitiv hochgradig unbewusst, das bewusste Erkennen und Handeln ist nur ein kleiner Spezialbereich seines Tuns.

Hirnforscher wie Gerhard Roth von der Universität Bremen meinen aber auch, die emotionale Seite des Unbewussten neuronal erklären zu können. Verantwortlich dafür sei ein weit verstreutes System in der Mitte des Gehirns: das sogenannte Limbische System.

"Wir müssen davon ausgehen, dass Gefühle nur der subjektive Ausdruck der Aktivität des zentralen Bewertungssystems in unserem Gehirn sind, das wir Limbisches System nennen und die wahrnehmungsmäßige oder kognitive Gestaltung der Umwelt, auch Erfahrung der Umwelt, die geht nicht ohne ständige Bewertung durch das Limbische System.

Das heißt alles, was wir tun, wie wir wahrnehmen, wie wir diese Wahrnehmung verarbeiten, wird immer von diesem Limbischen System bewertet und das Resultat der Bewertung wird in unserem Gedächtnis niedergelegt. Und es ist das Bewertungssystem, dessen Arbeit wir gefühlsmäßig erfahren, das das Eingeben und das Auslesen hinsichtlich des Gedächtnisses steuert."

Der Clou der Sache: das Limbische System, das alle unsere Erfahrungen emotional bewertet und sie ins Gedächtnis eingräbt, arbeitet völlig unbewusst. Und das System entsteht bereits, während der Embryo im Mutterleib heranwächst und es reift in entscheidenden Teilen bereits in den ersten Monaten und Jahren nach der Geburt aus. Was der Embryo im Mutterleib und später der Säugling und das Kleinkind in Interaktionen mit seiner Umwelt erfahren, wird demnach primär von diesem unbewusst arbeitenden Limbischen System verarbeitet und in einem sogenannten impliziten Gedächtnis bewahrt.

Dieses ebenfalls unbewusst arbeitende implizite Gedächtnis ist eine Art körperhaftes Gedächtnis. Seine Inhalte sind nicht gezielt abrufbar, sondern sie "melden" sich auf körperlich-emotionale Weise, wenn jemand in eine Situation gerät, die den Gedächtnisinhalt aufruft oder ihm ähnelt: Jemand, der sich zum Beispiel als Säugling an einer Milchflache verbrannte, wird später vielleicht automatisch Hitzewallungen bekommen, wenn er heiße Milch sieht.

Das durch das Limbische System geprägte implizite Gedächtnis der körperhaft gemachten Erfahrungen des kleinen Kindes bildet die unbewusste Grundlage der Persönlichkeit, meint Gerhard Roth. Es scheint so, als hätte die Hirnforschung mit dieser These ein empirisches Modell für das geliefert, was Philosophen wie Gottfried Wilhelm Leibniz Jahrhunderte vorher proklamiert haben: ein Beleg für das unbewusste Fundament, auf dem alle bewussten psychischen Tätigkeiten des Menschen aufbauen. Das frühe implizite Gedächtnis erwächst aus den vielen unmerklichen Wahrnehmungen, die ein Mensch in seiner Umwelt macht und es liegt seinem Geist zu Grunde.

Sigmund Freud selbst hatte, um den Ursprung des Unbewussten zu erklären, etwas nebulös von einem "Urverdrängten" gesprochen. Wolfgang Mertens, Professor für Klinische Psychologie in München, sieht durchaus Beziehungen zwischen dem impliziten Gedächtnis der Hirnforscher und dieser Freudschen Idee der Urverdrängung.

"Man könnte sagen, das Freud bereits Vorgänge des impliziten Gedächtnisses mit seiner Urverdrängung beschrieben hat, ohne dass er damals schon wissen konnte, dass es sich hierbei um zwei verschiedene Gedächtnissysteme oder Gedächtnis-Organisationen handelt. Also in heutige Terminologie übersetzt sind das Vorgänge, die eben dem Kleinkind noch nicht bewusst sind im Sinne eines sprachlich-reflexiven Bewusstseins, sondern die einfach mit ihm geschehen in Form von einfachen Konditionierungen, wo eben eine bestimmte Handlung eines kleines Kindes gekoppelt wird mit einer bestimmten Reaktion der Mutter.

Ein Wunsch nach Sicherheit und Bindung wird zum Beispiel gekoppelt mit einer abweisenden Reaktion der Mutter und diese Koppelung geht als Erwartung in das kindliche Wesen ein."

Das implizite Gedächtnis enthält natürlich nicht nur negative oder aggressive Erfahrungen aus der frühen Kindheit, sondern auch die emotional bewerteten Spuren empfangener Liebe und Fürsorge. Bis etwa zum dritten Lebensjahr dominiert das implizite Gedächtnis, dann erst reifen auch die Hirnareale für das bewusste, sogenannte explizite Gedächtnis aus. Anschließend existieren implizites und explizites Gedächtnis nebeneinander.

Kaum ein Theoretiker des Unbewussten wird heute noch sagen, dass unbewusste Konflikte ausschließlich auf frühkindliche Entwicklungen zurückgehen. Aber die aktuelle Hirnforschung bestätigt doch die alte psychoanalytische These, dass die frühkindliche Phase den späteren Lebensweg der Persönlichkeit entscheidend mitprägt. Das liegt daran, dass die Inhalte des impliziten Gedächtnisses weiterwirken und vom bewussten, expliziten Gedächtnissystem
nicht direkt abgerufen und bearbeitet werden können.

"Also es gibt das Bild der Gedächtnis-Netzwerke, wo man dann eben sagen würde, manches davon ist bewusst und dem deklarativen Gedächtnis zugänglich, aber der größte Teil ist implizit und wird parallel verarbeitet. Eine andere Möglichkeit, es auf den Begriff zu bringen ist, dass man sagt: das Bewusstsein, von dem wir noch gar nicht so genau wissen , was es eigentlich ist, das Bewusstsein arbeitet seriell und informationstheoretisch würde man sagen, es kann vielleicht 20, 30, maximal 40 Informationsbits pro Sekunde verarbeiten, während das Unbewusste parallel arbeitet und man schätzt, dass es etwa 15, 20 Millionen bits Information pro Sekunde parallel verarbeitet, also man sieht da die Größenverhältnisse, die Freud nicht ahnen konnte, auch wenn er damals schon das Bewusstsein als die Spitze des Eisbergs bezeichnet hat."

Wenn ein Säugling von seiner Mutter zum Beispiel immer wieder abgewiesen worden ist, wird dies als eine unbewusste Erinnerungsspur in ihm nachwirken, die sehr viele Wahrnehmungen zu einem komplexen Bündel zusammenpackt: das Gefühl des Verlorenseins, der Körpereindruck der inneren Verkrampfung, die wahrgenommenen abwesenden Blicke.

Wenn der Betroffene in Folge dessen später leidet, kontaktscheu und beziehungsunfähig ist, wird er vielleicht irgendwann bei einem Psychoanalytiker landen. Der wird dann versuchen, an den unbewussten Konflikt heranzukommen. Aber es wird ihm nicht einfach gelingen, die Ursache des Konflikts in das Bewusstsein zu bringen, das klar gegliederte Sätze von seriell aufeinander folgenden Ursache-Folge-Beziehungen produziert. Stattdessen geht der Analytiker zuallererst selber körperliche und emotionale Interaktionen mit dem Patienten ein.

Was hier zwischen Patient und Therapeuten geschieht und was die Psychoanalytiker "Übertragung" und "Gegenübertragung" nennen, lässt sich ebenfalls mit Hilfe des impliziten Gedächtnisses beschreiben. Was der Analytiker dabei in sich selbst empfindet, versteht er als möglichen Hinweis auf den im impliziten Gedächtnis des Patienten steckenden Konflikt.

"Und diese Hinweise können sich zum Beispiel in unserem eigenen Körper als körperliche Empfindungen abspielen, es könnte sich als ein lähmendes Gefühl der Einfallslosigkeit in mir selbst manifestieren. Es könnte sich als ein heftig auftretender Affekt, den ich sonst gar nicht von mir kenne, manifestieren, aber auch als eine gelinde Traurigkeit, obwohl der Patient gar nicht semantisch-inhaltlich über traurige Begebenheiten spricht, und trotzdem würde ich Traurigkeit erleben.

Also an Hand des Spürens von körperlichen Indikatoren, von Stimmungen, von Gefühlen, und seien sie auch noch so schwach, könnte eine solche beginnende Symbolisierung oder Erfassung des Unbewussten des Patienten oder seiner unbewussten Konflikte und Traumatisierungen von Statten gehen. In vielen vielen kleinen Schritten."

"Der Träumer war wieder ruhiger geworden. Die Dämmerung hatte mildes Licht in sein Zimmer geworfen, sodass er in eine sanfte Stimmung glitt.

Jetzt liegt er da und lächelt. Immer noch treibt er dahin und ist gleichzeitig wie festgenagelt auf dem Ozean, dessen Wellen von wohlgeordneten Quadern erzeugt werden. Nun aber hört er etwas, das ganz von unten herauf dringt. Es ist, als wolle etwas zu ihm singen, es kennt aber die Melodie nicht genau. Er weiß, diese Melodie hat er schon einmal gehört, sie trifft ihn im Innersten, macht ihn sehnsüchtig und wirft gleichzeitig dunkle Schatten auf sein Gemüt. Doch auch ihm fällt sie nicht mehr richtig ein. So liegen sie ganz nah beieinander, das Meer und der Träumer. Die Melodie stoßweise immer aufs Neue probierend das eine- in seine Erinnerungen versinkend der andere."

Mit dem impliziten Gedächtnis und den Beschreibungen der frühen körperhaften Interaktion zwischen Kind und Bezugspersonen liegen aus der Hirnforschung und der Entwicklungspsychologie zwei Modelle vor, die die beiden scheinbar widersprüchlichen Aspekte des Unbewussten zusammenfügen können: den Aspekt des Unbewussten, der aller Verdrängung zugrunde liegt, der mithin das Fundament der Psyche bildet - und den Aspekt, dass das Unbewusste verdrängte Inhalte enthält und weiterträgt.

Wonach aber sucht der Psychoanalytiker eigentlich genau während der Therapie, wenn doch das Unbewusste nur körperhaft spürbar ist und seine Inhalte nur entstellend darbietet? Kann er überhaupt - gemeinsam mit dem Patienten- eine reale Urszene des unbewussten Konflikts aus dem impliziten Gedächtnis freilegen? Oder sind es nicht immer nur subjektive Gedächtnis-konstruktionen, die der Patient mit seiner Phantasie angereichert hat und in die Außenwelteinflüsse eingehen?

Auch viele Psychoanalytiker meinen inzwischen: wenn die Patienten von den Quellen ihrer Konflikte sprechen, dann handele es sich eigentlich um subjektive Konstruktionen, und nicht um objektive Wahrheiten. Wolfgang Mertens jedoch versucht, das Problem differenziert anzugehen.

"Ich löse das immer dahingehend, dass ich sage, obwohl eben Erinnerungen einen konstruktivischen Charakter haben muss es irgendwo auch einen Kern geben, der in sich zwar nicht völlig mit sich identisch bleibt, aber doch eine ähnliche Struktur aufweist.

Und es gibt sicherlich auch Erinnerungen, die einen solchen traumatischen Gehalt hatten, dass sie eben doch tief in das implizite Gedächtnis auf dem Wege der Urverdrängung dann eingeritzt worden sind - ich verwende jetzt absichtlich mal diese Metapher - und die nicht ständig umgeschrieben werden. Also von daher denke ich, lässt sich schon auch bei bestimmten Patienten unterscheiden, ob diese Erinnerungen jetzt aus anderen Quellen dem Patienten suggeriert worden sind, oder ob er es tatsächlich erlebt hat."

Auch Marianne Leuzinger-Bohleber, gebürtige Schweizerin und Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main, hat die Erfahrung gemacht, dass Erinnerungen in der Analyse buchstäblich zutreffen können. Und dass es manchmal den Patienten bereits hilft, diese unbewusste Erinnerung als eine reale zu identifizieren

"Es war ein sehr beeindruckendes Interview mit einer Arbeiterin, die eine schwere Kriegstraumatisierung hatte und die das so ausdrückte: ich habe immer gedacht, ich spinne, weil ich jede Nacht so komische Alpträume habe, immer an die gleichen Bilder denken muss, in gewisse Räume nicht rein kann, weil ich gewisse Gerüche wahrnehme und dann völlig panisch reagiere. Und die hat gesagt, ja wissen sie, das ist komisch.

Durch die Behandlung - diese Alpträume, diese Geruchshalluzinationen habe ich immer noch, aber ich weiss, dass ich nicht spinne, sondern dass das Spuren sind meiner ganz persönlichen Geschichte. Sie war zwei mal verschüttet als Kleinkind, dieser Geruch hatte mit dem Geruch verbrannter Leichen zu tun, das kam dann in der Behandlung raus. Und da war die Rekonstruktion dieses frühen Traumas - sie war eineinhalb, als sie das erlebte, natürlich nicht bewusstseinsfähig - aber die Rekonstruktion im Sinne einer historischen Wahrheit war für ihr authentisches Lebensgefühl unglaublich wichtig."

Ähnlich wie Wolfgang Mertens hat auch Marianne Leuzinger-Bohleberviel von der neurowissenschaftlichen Gedächtnisforschung gelernt. Wobei auch für sie vor allem der körperliche Aspekt des psychischen Geschehens wichtig ist.

Unbewusste Konflikte existieren nach ihrem Modell in Gestalt komplexer Erfahrungsmuster des ganzen Organismus. Sie werden von dynamischen Nervennetzwerken repräsentiert, die Wahrnehmungen, Reaktionsweisen, Gedanken und Gefühle in bestimmter Weise färben und miteinander verknüpfen. Diese Nervennetzwerke können sich verstärken, wenn das neuronale Gedächtnismuster in Interaktionen wiederbelebt wird - sie können sich aber auch ändern oder mildern- zum Beispiel in der therapeutischen Situation.

Insofern kann Marianne Leuzinger-Bohleber grundsätzlich der Auffassung von Gerhard Roth zustimmen, dass die frühkindlichen, limbisch geprägten unbewussten Erfahrungen das allgemeine Fundament der Persönlichkeit bilden. Allerdings wendet sie sich gegen eine romantisch anmutende Interpretation diese Unbewussten, die manchmal in der aktuellen Debatte anklingt. Etwa, wenn von Hirnforschern gesagt wird, man müsse das Unbewusste in seiner positiven Funktion sehen, der Mensch solle daher stärker auf seine inneren Gefühle hören. Natürlich sei das grundsätzlich richtig, meint Marianne Leuzinger-Bohleber, aber man müsse eben auch die negative Seite des Unbewussten sehen.

"Also der Zustand, und da wären wir beim positiven Unbewussten, wo das Kind in einer relaxten Situation ist, z.B. nach dem Stillen und in einer Situation der Neugier, wie Daniel Stern das auch nennt, wo das Fenster zur Welt offen ist, wo es in einen ruhigen Lerndialog mit der Umwelt treten kann, das ist der eine seelische Zustand. Und dann gibt es den Zustand der Spitzenaffekte. Also wenn ein Kind Hunger hat, Schmerz, etwas ist zu heiß. Der kindliche Organismus ist noch nicht in der Lage, diese Überflutung mit Reizen, mit denen selber umzugehen, da ist er in einem Zustand der Hilflosigkeit, der Ohnmacht, der Verzweiflung, der Affektüberflutung, der sensomotorischen Überflutung und eben sehr abhängig von dem hilfreichen, dem bedeutungsvollen Anderen."

Von Anfang an sei das Unbewusste ambivalent und konfliktträchtig. Die Achtung vor der Macht des Unbewussten müsse daher auch die Achtung vor seiner destruktiven Kraft einschließen. Man müsse es also auch kritisch betrachten. Das sei vor allem in Zeiten wichtig, wo gesellschaftliche Bedrohungen existieren, die der Einzelne aus seinem Alltagsbewusstsein verdrängen muss, weil sie nicht völlig beherrschbar sind. Zum Beispiel die aktuelle Gefahr terroristischer Anschläge.

"Das sind eigentlich alles Gefahren, die in bei uns allen Todesangst mobilisieren müssten. Todesangst, das ist eine Erfahrung, die man in diesen Affektzuständen, den Spitzenaffekten hat, wenn man das Gefühl hat, ich komme nicht mehr aus diesem Verzweiflungszustand oder eben auch aus einem organischen Bedrohungszustand raus.

Und das ist dann die Gefahr, dass das die Erinnerung an solche Extremzustände mobilisiert, unbewusst, und dann auch extreme Abwehrmechanismen notwendig macht, um diese Todesangst einzudämmen. Und das beschäftigt uns im Moment sehr. Auch die Reaktion auf diese Terrorismusgefahr kann zum Teil eine völlige, im Grunde genommen archaische Qualität kriegen, also paranoide Ängste vor Fremden zum Beispiel, eine Überreaktion. Also ich wollte ihnen nur mit diesem Beispiel sagen: es gibt wirklich ein Kontinuum zwischen diesen Spitzenaffektzuständen, die wir alle irgendwo als Erinnerung in uns tragen. Im Normalfall, im guten, überwiegt die nicht, da haben wir das dauernd unter Kontrolle.

Aber wenn man später mit Todesangst konfrontiert wird oder eine traumatische Erfahrung macht, dann kommt diese Erinnerung und bestimmt das seelische Erleben in einer archaischen Weise, da gibt’s keine Grautöne mehr, wenn man in Todesgefahr ist, gibt’s nur noch Entweder-Oder."

Wie aber reagiert die individuelle Psyche im Detail auf soziale Vorgänge, wie entstehen psychologische Massenprozesse?

"Es war im Zimmer des Träumers fasst schon hell geworden. Dennoch schlief er weiter.
Jetzt packt ihn eine deutliche Unruhe. Erneut verwandelt sich seine Traumlandschaft. Der See färbt sich dunkel, wird zum trüben Spiegel des Himmels, der sich rasend schnell mit schwarzen Wolken überzieht. Dazu dieses grauenhafte Geräusch, das von den Bergen um den See herum kommt und immer lauter wird. Er schaut hinauf und sieht schreiende Menschen auf den See zustürmen. Er selbst scheint es zu sein, der sie so in Rage bringt. Er will zum Ufer zurück, aber als er vom Floß aus hinüberblickt, sieht er, es ist schon umstellt. Der Träumer wacht endgültig auf und sieht erleichtert, wie die Sonne hinter dem Vorhang zu scheinen beginnt."

Schon Sigmund Freud hatte versucht, soziales Verhalten mit Hilfe unbewusster Mechanismen zu erklären. Allerdings besteht heute weitgehend Einigkeit darüber, dass seine Konzepte nicht mehr ausreichen. Freud hatte etwa von einem phylogenetischen, also vererbten Unbewussten gesprochen, um zu erklären, wie unbewusste Inhalte von Generation zu Generation weitergetragen werden.

"An dieses phylogenetische Gedächtnis, ich will nicht sagen, glauben wir nicht, aber wir setzen da große Fragezeichen, wir würden sagen, es ist das kulturelle Gedächtnis, das diese Dynamik erzeugt und nicht das phylogenetische Gedächtnis, das gibt es nicht."

Der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann arbeitet gemeinsam mit seiner Frau, der Konstanzer Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann an einem kulturwissenschaftlichen Verständnis unbewusster Tradierungsprozesse. Sie lassen sich dabei zwar von Sigmund Freud mit inspirieren, weichen aber in entscheidenden Punkten doch von ihm ab. Vor längerer Zeit bereits haben Jan und Aleida Assmann den Begriff des kulturellen Gedächtnisses in die wissenschaftliche Diskussion eingebracht.

Er bezeichnet die Texte, Bilder, Filme, Gebräuche und Riten, die in einer Gesellschaft von Generation zu Generation weitergetragen werden und das Selbstbild dieser Gesellschaft pflegen. Er steht also für das kollektiv geteilte und gepflegte Wissen einer Gesellschaft um ihre Vergangenheit.

Nun erweitern Aleida und Jan Assmann ihr Konzept des kulturellen Gedächtnisses um das so genannte "kulturelle Unbewusste" :

"Natürlich ist das nicht in dem Sinne unbewusst, dass es niemand in seinem Bewusstsein hätte, aber es ist in den kulturellen und kollektiven Diskursen nicht präsent, und die Dynamik, die das steuert, was da nun allgemeine Aufmerksamkeit findet und was da einfach nicht sich Gehör verschaffen kann, wovon einfach nicht die Rede ist, diese Dynamik, die hat viel mit Prozessen der Verdrängung zu tun."

Das bedeutet, die Inhalte des kulturellen Unbewussten werden zwar nicht direkt öffentlich erinnert, aber sie wirken unterschwellig weiter. Sie stecken den Menschen sozusagen in den Knochen, existieren als Mythen, Legenden, kurzfristig aufscheinende Erinnerungen, die jedoch über lange Zeit keine größere Resonanz erzeugen. Man könnte sagen, sie wirken wie ein implizites Gedächtnis im Gesamtprozess der kollektiven Erinnerung.

Ein gutes Beispiel dafür, wie solche unterschwelligen Themen aufgenommen und verarbeitet werden, ist der viel diskutierte Kinofilm "Der Untergang", mit Bruno Ganz in der Hauptrolle, der die letzten Tage Adolf Hitlers im Führerbunker bis zu seinem Selbstmord zeigt.

Nach 1945 hatte die deutsche Kriegsgeneration weitgehend ihre Schuld und ihre psychologisch-ideologischen Bindungen an Hitler verdrängt. Sie litten, wie es die Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich 1967 auf den Punkt brachten, an einer "Unfähigkeit zu trauern". Das soll heißen: Die vom Nationalsozialismus Geprägten hatten ihr Ich so mit dem Ich-Ideal Adolf Hitlers besetzt, dass an Stelle dieses Ideals eine Leerstelle auftrat, als Hitler nicht mehr da war. Es gab sozusagen keine psychische Instanz mehr, die über den Verlust trauern konnte. Die Leerstelle wurde übertüncht und ausgefüllt durch die erfolgreiche Arbeit am Wiederaufbau Deutschlands , die alle Energie verschlang.

Aber natürlich existierten die an Adolf Hitler gebundenen schuldhaften Verstrickungsgefühle unterschwellig weiter. Für Aleida Assmann nimmt der Film "Der Untergang" diese Situation symbolisch auf.

"Also ich finde schon mal die Figur des Bunkers selbst sehr sehr spannend und man kann ja sagen, dieser Bunker, dass da etwas unter der Erde ist und sich irgendwie auch in unheimlicher Weise unter der Erde erhält, wovon wir eigentlich nichts wissen wollen, dass es von daher auch seine Faszinationskraft erhält. Das ist mit dem Wort "Bunker" verbunden für mich und ich muss sagen, dass in den 60er und 70er Jahren es eine lebhafte Folklore der Mutmaßungen gab, was wohl mit Hitler passiert sein könnte, wo er sich wohl herumtriebe. Also er war wirklich der Zombie, von dem man mal erwartete, dass er doch noch irgendwo sein Unwesen trieb, der war extrem lebendig in der Phantasie, im Phantasma, und das hat mit dieser Bunkersituation für mich auch etwas zu tun."

Die Beschäftigung mit diesem Phantasma des unterschwellig weiterlebenden Hitlers wurde möglich, weil mit den Aufzeichnungen von Hitlers Sekretärin Traudl Jung ein Bericht vorliegt, der genau ins Herz des kollektiven Verdrängungsprozesses trifft.

"Weil für mich die Pointe ihres Berichts darin bestand, zu zeigen, wirklich am eigenen Leib noch mal zu zeigen, was es bedeutete, zu erleben, dass Hitler plötzlich nicht mehr war und wie alle in sich zusammenbrachen, wie sozusagen diese Entourage um Hitler herum überhaupt kein Ich hatte, sie alle dieses Ich nach außen verlagert hatten und in dem Moment, wo er nicht mehr da war, wie Marionetten in sich zusammenfielen, denen man die Fäden abgeschnitten hatte."

Gleichzeitig zeigt der Film "Der Untergang" Hitler zum Ende hin als brutalen Führer, der selbst die Identifikation mit dem deutschen Volk durchschneidet, indem er dessen Zerstörung will, weil es den Krieg verlor.

"Das Gerichthalten eigentlich über dieses Volk, das jetzt bitte untergehen möge, das ist die Aussage, die dieser Figur in diesem Film zugeschrieben wird und das ist natürlich ein massives Angebot an das Volk, sich von dieser Figur zu lösen. Das Band wurde nachträglich mit diesem Film noch einmal wirklich gelöst und der Abschied dieses Liebesobjekts wurde da nachträglich, nachwirkend vollzogen."

Am Anfang des 21. Jahrhundert also wird in Deutschland ein Film zum Kassenerfolg, der die verdrängten psychologischen Bindungen eines nicht unbeträchtlichen Teils der älteren Generation an Adolf Hitler thematisiert und symbolisch auflöst. Man könnte einwenden, das sei viel zu spät - aber das gerade ist ja das Schicksal aller verdrängten, unbewussten Inhalte. Allerdings werden die psychologischen Nachwirkungen der Nazi-Zeit auf solchen Wegen auch für die kommenden Generationen zumindest vorstellbar und bearbeitbar.

Wobei ein Film wie "Der Untergang" natürlich nur ein Mosaikstein in diesem Prozess ist und selbst wieder Legenden erzeugt - zum Beispiel die des "guten Deutschen" Albert Speer. Gerade dadurch zeigt er aber exemplarisch, wie verdrängte, unbewusste Inhalte ständig aufs Neue an der Ausgestaltung des kollektiven Gedächtnisses einer Gesellschaft mitwirken.

Das oftmals als unwissenschaftlich bezeichnete Konzept des Unbewussten ist also in der aktuellen wissenschaftlichen Debatte durchaus lebendig. Es spielt eine wichtige Rolle als individualpsychologische, neurowissenschaftliche und auch als kulkurwissenschaftliche Kategorie. Der Begriff meint mehr als nur Verdrängung, wenngleich das Unbewusste auch nicht ohne Verdrängung denkbar ist.

Es ist eine unterschwellige Kraft, die noch vor dem Bewusstsein existiert und parallel zum Bewussten immer an den psychischen und geistigen Zuständen mitwirkt. Es ist also nicht zu unterschätzen, sollte aber auch nicht zum Ideal romantisiert, sondern zugleich in seiner destruktiven Seite betrachtet werden. Was die verschiedenen Ansätze, das Unbewusste zu verstehen, verbindet, ist wohl die Einsicht darin, dass das Unbewusste weniger als Instanz, sondern als ein Vorgang zu verstehen ist, dessen Inhalte stark durch die Interaktionen des Einzelnen mit anderen Objekten und Personen geprägt werden. Die Frage, wie sich diese unbewusste Geistestätigkeit im Detail in sozialen Beziehungen entwickelt und sie gleichzeitig mitgestaltet, wird wohl auch in Zukunft noch für manche Debatten sorgen.

"Das ganze Selbstkonzept, Identitätskonzept, vor allem in der modernen Psychoanalyse, das ist nicht nur so, dass man quasi mit dem Feind in sich zu tun hat, sondern im Dialog mit seinem ganz unverwechselbaren Unbewussten, ganz einzigartigen Sehnsuchtstruktur ist .Das ist die große Kunst, dass wir mit dem in einen individuellen Dialog kommen und gleichzeitig ein Bewusstsein dafür haben, dass ein Teil dieses Sehnsüchte immer Sehnsüchte blieben werden und nie erfüllt werden. Also wenn ich an die Liebe denke, die lebt von diesem Spannungsfeld nach wie vor."

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