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StartseiteBüchermarktMehr asketisch als sexuell03.04.2005

Mehr asketisch als sexuell

Biographie über Hans Christian Andersen

Hans Christian Andersen verliebte sich eher in Männer als Frauen. Diese Vorliebe muss aber aus den Voraussetzungen seiner Zeit verstanden werden. Zum Menschenbild der Romantik gehörte die platonische Liebe. Auch Andersen war eher asketisch als sexuell. Nun ist eine lesenswerte Biographie über den dänischen Nationaldichter erschienen.

Von Christoph Bartmann

Hans Christian Andersen. Eine Biographie (Insel, Frankfurt)
Hans Christian Andersen. Eine Biographie (Insel, Frankfurt)

Die Aufklärungsepoche liebte die Vorstellung vom "natürlichen Kind", von Wolfsjungen und anderen Findlingen, die durch wundersame Fügung vom menschlichen Zivilisationsprozess verschont geblieben waren und nun ihren staunenden Entdeckern ein Bild vom Urzustand der Menschennatur gaben. "Peter of Hanover", ein Findelkind am Hofe König Georgs I. war ein solcher Fall aus dem Geist Jean-Jacques Rousseaus, der "wilde Knabe von Aveyron" - François Truffauts "Wolfsjunge" ein anderer, ehe mit Kaspar Hauser im Jahre 1828 die Ära der Naturkinder zu Ende geht. Man sollte diese Beispiele vor Augen haben, um zu begreifen, was im September 1819 in Kopenhagen geschah. Da klopft bei Just Mathias Thiele, einem Dichter und Sammler von Märchen und Sagen, ein merkwürdiger Jüngling an die Tür:

"’Herein!’ rief Thiele, der mit dem Rücken zur Tür saß und sich nicht beim Schreiben stören ließ. Es klopfte noch einmal, diesmal heftiger, dann ging die Tür auf und herein trat, ja, fiel beinahe, ein langer, magerer junger Mann von höchst sonderbarem Aussehen. Er blieb an der Tür stehen und sah Thiele an, dann warf er plötzlich seinen Hut zur Seite und breitete die Arme aus: ‚Darf ich um die Ehre bitten, meine Gefühle an diesem Ort in einem Gedicht auszudrücken, das ich selbst geschrieben habe?’

Bevor Thiele überhaupt antworten konnte, sagte der Besucher bereits sein Gedicht auf. Er beendete den letzten Vers mit einer hastigen, tiefen Verbeugung, und ohne jegliche Unterbrechung oder Einleitung folgte die Aufführung einer Szene aus Adam Oehlenschlägers Stück Hagbarth und Signe, in der der Vortragende alle Rollen selbst übernahm. Thiele saß mit offenem Munde da, völlig überrumpelt und verblüfft. Seine unmittelbare Umgebung nahm dieser Bursche offensichtlich nicht mehr wahr, immer tiefer geriet er in seine improvisierte Theaterwelt. Hastig spielte er die Szene zu Ende, und der Epilog, der die ganze Vorstellung abrundete, wurde mit einer tiefen, theatralischen Verbeugung beschlossen. Dann griff der Junge zu seinem Hut und verschwand ohne ein Wort über die Treppe."

Mit diesem allerersten Auftritt, mit dieser Urszene des Künstlers Hans Christian Andersen lässt Jens Andersen seine Biographie beginnen. Nicht also mit Andersens Geburt in Odense auf der Insel Fünen vierzehn Jahre zuvor, und nicht mit seiner problematischen Herkunft, die Andersen selbst gern verklärte. Am 6. September 1819 ist Andersen als sogenannter "blinder Passagier" mit der Postkutsche in Kopenhagen angekommen, das heißt, er hat den billigsten Tarif bezahlt und muss bereits vor dem Erreichen des Stadttores aussteigen, genauer auf dem Hügel von Frederiksberg, von wo aus sich ihm ein umfassendes Panorama seiner Traumstadt bietet. Kopenhagen, das ist zu dieser Zeit eine zwar imposante, doch von Kriegen und dem nachfolgenden Staatsbankrott schwer mitgenommene Stadt, die auf viel zu engem und überdies von einer mittelalterlichen Wallanlage eingezäuntem Raum viel zu viele Menschen und noch mehr Tiere beherbergt und deshalb von einer Epidemie nach der anderen heimgesucht wird. Trotzdem wird man die Epoche, in die Andersens Ankunft fällt, später das "Goldene Zeitalter" nennen. Die Friedensjahre zwischen 1815 und 1848 sind zwar Jahre der politischen Restauration, doch zugleich eines enormen Aufschwungs der Künste und der Wissenschaften.

Auf einen Knaben wie Hans Christian Andersen hat, wie es aussieht, das geistige Kopenhagen, sehnlich gewartet. Endlich einmal kein Höfling, kein Akademiker, kein Salonlöwe, sondern ein Landkind, das nichts weiter will als, so hat es ja selbst zu Thiele gesagt, "seine Gefühle ausdrücken". Dichten und deklamieren will das Kind, schauspielern und tanzen, oder, in Andersens eigenem Wort, "improvisieren". "Der Improvisator" heißt einer von Andersens frühen Romanen, und diese Berufsbezeichnung erfasst wie keine andere das Spezifische und Einzigartige an Andersens Kunst. Gleich ob man von Andersens Märchen und Gedichten, seinen Scherenschnitten und Collagen oder seinen Reiseskizzen spricht, stets handelt es sich um improvisierte, von der Gunst des Augenblicks bestimmte Schöpfungen, an denen nur der wirklich Anteil hat, der auch Zeuge ihrer Herstellung war. Auch mit seinen Lieblingswerkzeugen Feder und Schere ist Andersen im Grunde ein Theatermann, ein Mann der "Vorstellung" im doppelten Sinn: der Einbildung ebenso wie der Aufführung. Kein Wunder also, dass es ihn in Kopenhagen 1819 sogleich auf die Bühne drängt. Zuvor muß freilich die Bühne von seinem Talent überzeugt werden.

Viele andere berühmte Köpfe des Goldenen Zeitalters hat Andersen in jenen Wochen mit seinem Besuch überrascht: Direktoren des Königlichen Theaters, die erste Tänzerin des selben Theaters und nicht zuletzt Giuseppe Siboni, den Sing- und Kapellmeister. Wie der günstige Zufall es will, hat Siboni an diesem Abend Besuch. Jens Baggesen ist zugegen, einer der großen dänischen Dichter dieser Zeit, und er wird, kaum dass Andersen sein Potpourri aus Liedern und Gedichten dargeboten hat, die Prophezeiung wagen, "aus ihm wird einmal etwas werden!". Und Baggesen fügt noch, an den Jungen gewandt, vielsagend hinzu: "Aber werde nur nicht eitel, wenn das ganze Publikum dir applaudiert!", was Andersen nicht hinderte, ein, wie sein Biograph sagt, großer ‚Poseur’ zu werden. Noch am selben Abend ist jedenfalls beschlossen: Andersen wird eine Stimm- und Gesangsausbildung erhalten und außerdem Deutschunterricht nehmen. Später kommen noch Tanzstunden hinzu, bis irgendwann schmerzlich klar wird, dass der junge Mann vom Lande mit seinem dürren Leib, dem Vogelkopf und der spitzen Nase allenfalls fürs komische Fach geeignet ist.

Aber die Enttäuschung ist nicht von langer Dauer. Wieder finden sich Gönner und Förderer, die bereit sind, in Andersens Anlagen zu investieren. Jonas Collin, der Finanzchef des Königlichen Theaters, erwirkt, dass Andersen aus dem königlichen Fonds für öffentliche Aufgaben eine Schulausbildung ermöglicht wird - durch die Andersen seine literarische Neigungen entweder schulen oder, noch besser vielleicht, besiegen kann. Fünf lange Jahre verschwindet Andersen nun hinter den Internatsmauern von Slagelse und Helsingør, wo ihm der strenge Rektor Meisling Mathematik und Griechisch beizubringen und die poetischen Flausen auszutreiben versucht. Was das Letztere angeht, bleibt der Versuch ohne Erfolg. 1828 ist Andersen wieder in Kopenhagen, hat sich einen Fundus an klassischer Bildung erworben und will erst recht ein Dichter werden. 1829 erscheint sein erstes Buch, die spätromantisch-groteske "Fußreise von Holmens Kanal zur Ostspitze von Amager", und macht Hans Christian Andersen mit einem Schlag berühmt.

Jens Andersens Biographie ist nicht die erste des Märchendichters (von den vorangegangenen sind besonders die Bücher von Elias Bredsdorff aus dem Jahre 1979 und die von Jackie Wullschlager von 2000 zu nennen), sicher aber die gründlichste; wobei die Gründlichkeit an keiner Stelle die Lesbarkeit beeinträchtigt. Im Gegenteil, dies ist eine mit Vergnügen zu lesende, überaus lehrreiche und dabei höchst anschauliche Lebenserzählung, in der das neunzehnte Jahrhundert, Andersens Jahrhundert, stets mit porträtiert wird. Besondere Mühe verwendet Jens Andersen darauf, das Gewebe aus Fakten und Fiktionen zu untersuchen, das Hans Christian Andersen selbst seinem Lebensstoff übergezogen hat, sei es um Unliebsames zu verbergen oder um dem Verborgenen zur einzig möglichen Darstellung zu verhelfen. Märchenromantik und Lebensrealismus oder, warum nicht umgekehrt, Märchenrealismus und Lebensromantik gehen dabei Hand in Hand. Beschönigung und Grausamkeit, Alptraum und Idylle, beides findet sich bei H. C. Andersen auf engstem Raum. Wäre das nicht Grund genug, dem Mann und seinem Werk mit den Methoden der Psychoanalyse zu Leibe zu rücken? Gibt es in seinen Märchen nicht zuhauf Symptome wie jene, die Freud und nach ihm Lacan an E.T.A. Hoffmanns "Sandmann" freilegten? Und ist nicht Andersens sexuelle Konstitution, und mit ihr die mancher seiner Figuren, ein "offenes Geheimnis"?

Auf alle diese Fragen würde Jens Andersen mit "Ja" antworten, aber er lehnt es ab, mit Begriffen zu hantieren, die zu Lebzeiten seines Helden noch nicht existierten. Zwar räumt er in seiner Biographie Andersens Geschlechtlichkeit sehr viel Raum ein, aber er ist dennoch nicht bereit, ihr deshalb eine moderne Diagnose auszustellen. Hans Christian Andersen war, wie Leser seiner Tagebücher und Briefe wissen, unzählige Male verliebt, mal in Frauen, mal in Männer, in der Regel jedoch unglücklich. So etwa in seinen Lebensfreund Edvard Collin, den Sohn des Theaterprinzipalen und Gönners Jonas Collin. Nicht einmal zum freundschaftlichen "Du" ließ Edvard sich erweichen, geschweige denn zu anderen Herzlichkeiten, auch wenn er Andersen sein Lebtag lang unterstützte und ihm zuletzt sogar seinen Platz in der Familiengrabstätte überließ. Zurückweisungen und Verschmähungen wie diese sind bei Andersen zu Märchenstoff geworden. Sie sorgen für die Bitterkeit in der Süße, die im Zusammenklang das besondere Aroma dieser Märchen erzeugt. Aber was war Andersen, geradeaus gefragt nun: ein Homosexueller? Sein Biograph meint:

"Man sollte sich davor hüten, Hans Christian Andersens Sehnsucht nach einem intimeren und vertrauteren Verhältnis zu Edward Collin als Beweis seiner Homosexualität zu werten. Denn in Wahrheit ist damit nur ein kleiner Teil des Eros dieses Dichters beschrieben, dessen Zuneigung und Liebe sich auf mehr als nur einen Menschen oder ein Geschlecht erstreckte. Andersen war - auch auf diesem Gebiet - eine ausgefallene Spielart der Natur. Wir verstellen uns nur den Blick auf sein extrovertiertes Wesen und die damals erheblich nuanciertere Auffassung von der Rolle des Mannes, wenn wir ihn in eine Schublade mit der Aufschrift ‚homosexuell’, ‚heterosexuell’, ‚bisexuell’ oder ‚asexuell’ stecken wollten. Andersens Art, sich in viele Männer und nur relativ wenige Frauen zu verlieben, seine Neigung zu Männerfreundschaften, muss aus den Voraussetzungen seiner Zeit verstanden werden. Zum Menschenbild der Romantik gehörte auch die platonische Liebe.

In der Idee der empfindsamen Freundschaft unter Männern lag immer die Möglichkeit der Entscheidung zwischen einem ‚Gefühl der Liebe’ und dem direkten sexuellen Akt. Ein Mann wie Hans Christian Andersen bevorzugte den platonischen Aspekt, den Voltaire als ‚Metaphysik der Liebe’ bezeichnete. Für jenen waren seelische Eigenschaften anziehender als die körperlichen, den größten Teil seines Lebens verhielt er sich asketisch gegenüber der sexuellen Seite des Lebens."

Nun ist "Askese" für Andersens Enthaltsamkeit vielleicht nicht das passende Wort. Falsch wäre jedenfalls die Vorstellung, Andersen hätte sein sexuell-erotisches Unglück in der Kunst erfolgreich "sublimiert" - auch dies ein Begriff aus neuerer Zeit. Eher verhält es sich wohl so, dass Andersens sexueller Schwebezustand, sein "Wollen, aber nicht Können", sein "Nicht Wollen, aber Müssen" in allen seinen Lebensäußerungen, den künstlerischen wie den künstlerischen, mehr oder minder offen zu Tage tritt, nicht immer als Problem, immer jedoch als Tatsache. Daß Andersens Leben und Schaffen insgesamt im Zeichen einer sexuellen Anomalie stehe, hat als Erster - und mit kaum zu überbietender Deutlichkeit - Søren Kierkegaard festgestellt. Selbst ein Junggeselle par excellence, verfügt Kierkegaard obendrein über das Quantum an Scharfsinn und Bosheit, um Andersen mit einem einzigen Satz dem Gespött preiszugeben.

In seinem achtzig Seiten langen Verriss des Andersen-Romans "Nur ein Spielmann" bemerkt der junge Theologe Kierkegaard im Jahre 1838 in einer Fußnote: "Andersens erste Potenz ist eher mit jenen Blumen zu vergleichen, bei denen das Männliche und das Weibliche auf einem Stengel bei einander sitzen." Um die These vom androgynen Andersen weiter zu stützen, vergleicht ihn Kierkegaard mit einer Amphibie, die, mit Froschbeinen und Salamanderschwanz, von Ferne an Andersens "Kleine Meerjungfrau" erinnert. In dieser Äußerung manifestiert sich nicht gerade das große Herz des Romantik für männliche Erotik gleich welcher Spielart, sondern eher schon Kierkegaards Bereitschaft, einen literarischen Rivalen notfalls auch sexuell zu diskriminieren. Andersen empfand "Seelenmarter", als er von Kierkegaards Attacke Kenntnis erlangte; und er rächte sich mit einem Einakter, in dem er dessen Gemeinheiten einem schwadronierenden "Theater-Friseur" in den Mund legte. Zwischen Kierkegaard und Andersen war fortan das Tischtuch zerschnitten. Sie fanden nicht mehr zusammen, auch nicht, als Kierkegaard Andersen 1849 ein Exemplar seines "Entweder - Oder" schickte und Andersen gerührt antwortete: "Gott segne sie! Danke, danke! - Ihr von Herzen ergebener H. C. Andersen."

Von den vielen Lebensrollen des H.C. Andersen ist in dieser Biographie die Rede: vom Stamm- und Dauergast in europäischen Höfen und Herrenhäusern, vom Reisenden, der, oft jahrelang unterwegs, halb Europa erkundete, weil man ihn zu Hause nicht genug liebte, vom Hypochonder, dessen Zipperlein, ähnlich wie die Thomas Manns, ganze Tagebücher füllten, vom Verehrer des Fortschritts, der sich für Eisenbahnen und Dampfschiffe begeisterte wie kaum ein Dichter vor ihm, und vom "natürlichem Kind", das aus einer armseligen Schuhmacherfamilie in Odense davonlief, um eine europäische Berühmtheit, ein reicher Mann und, bis heute, einer der meistgelesenen Autoren der Welt zu werden. Andersen war, wie man weiß, mehr als nur ein Märchenerzähler , und er litt darunter, dass sein übriges Werk dahinter zurückstand. Ohne die Märchen aber, die er ab 1835 - und zunächst in der Absicht, endlich Geld zu verdienen - schrieb, wäre Andersens Ruhm längst verblasst. Mit Andersens Märchen ist, so kann man beinahe ohne Übertreibung, die Kindheit literarisch in die Welt gekommen; nicht die strenge und pädagogisch flankierte Kindheit der deutschen Klassik, sondern eine ungestümere, weniger gezähmte Version des Kindes, die ihm das Recht einräumt, notfalls auch gegen die Erwachsenen "natürlich" zu sein und zu bleiben.

"In der Romantik wurde das Kind auf das hohe Piedestal der Poesie gehoben und die kindliche Natur als unbestechliches Ideal und nie versiegende Inspirationsquelle verehrt; als Andersen 1835 auf die Bühne der Weltliteratur trat, hob er das unmündige Kind von diesem Sockel herunter und wies ihm mit den kindgemäßen, natürlichen Voraussetzungen seinen Platz in der Literatur zu. Von nun an ließ er Kinder jeden Alters und Geschlechts - ‚die Stimmen der Unschuld’ - mit eigenständigen Äußerungen und Dialogen zu Wort kommen, in denen die Lebenslügen der Erwachsenen hinterfragt und bloßgelegt werden. ‚Aber er hat ja gar nichts an!’ sagt das kleine Kind unter lauter stummen Erwachsenen, als der nackte Kaiser in seinen vermeintlich neuen Kleidern vorbeikommt. Bis das ganze Volk schließlich im Chor ruft: ‚Er hat ja auch nichts an’!" (...)
In seinem Vorwort zu Émile schrieb Rousseau, er wünsche sich, dass irgendwann einmal ein Mann mit Klugheit und Urteilskraft den Menschen ein Lehrbuch geben würde, wie man Kinder wahrzunehmen habe, eine derartige Schrift wäre von großer Bedeutung für die Bildung der Menschheit. Gewissermaßen hat Hans Christian Andersen mit seinen mehr als einhundertfünfzig Märchen, die in den Jahren von 1835 bis 1875 entstanden, dieses ‚Lehrbuch’ geschrieben."

Ein "Lehrbuch" also über Kindheit und Kinder, vor allem aber eines für Kinder, ist damit, wie der Biograph meint, Andersens Märchen-Korpus treffend beschrieben? Gibt es einen Weg, der von Rousseau über Hans Christian Andersen bis hin zu Astrid Lindgren führt, einen Weg, auf dem "das Kind" lernt, frei zu sein und frei sein zu dürfen? Der heitere Plauder- und Fabulierton in Andersens Märchen kann kaum über die Abgründe hinweg täuschen, von denen seine Geschichten zeugen. Jens Andersens Biographie zeigt sich, wenn es um das Unheimliche, das Ambivalente und Perverse an Andersens Erfindungen angeht, ein wenig zu geburtstäglich-gutmütig. Dabei genügt doch ein Blick auf die Instrumente von Andersens Schaffen, um nicht nur kindliche Ängste zu wecken. Was für ein Erlebnis mag es gewesen sein, wenn der spindeldürre Mann mit einer Schere in der Hand ein Kinderzimmer betrat, um, klippklapp, mit seinem Werkzeug im Handumdrehen die wunderlichsten Figuren auszuschneiden, klein genug, dass sie in einer Streichholzschachtel Platz fanden? Die Schere, das Instrument der Kastration und der Zensur, sie spielt bei Jens Andersens bloß die Rolle eines anderen harmlosen Requisits neben Klebstoff und Papier. Dabei sind die Scherenschnitte, genau wie die Märchen, in ihrer Mitteilung oft so eindeutig, dass sie der Interpretation kaum noch bedürfen.

Auf einem der Scherenschnitte ist beispielsweise zu sehen, wie man Frauen auf Distanz hält; freilich nicht in allegorisch verschlüsselter Darstellung, sondern in Form zweier überlanger und dünner Hände, die von oben dem kleinen Kopf einer Ballerina entgegen gestreckt sind, als wollten oder müssten sie sich ihrer erwehren. So sprechend sind fast alle Bilder und Texte Andersens; kaum je machen sie aus ihrem Geheimnis ein Geheimnis. Dass sie außerdem noch zu vielerlei anderen Deutungen einladen und sich in privaten Assoziationen keineswegs erschöpfen, macht ihren Reichtum aus; einen Reichtum, den Kinder nicht ausloten können und Erwachsene erst recht nicht. Vielleicht bietet das Geburtstagsjahr 2005 noch einmal die Chance, den ganzen Andersen in Erinnerung zu rufen, den Märchenerzähler neben dem Romancier, dem Lyriker und Dramatiker; und nicht nur nebenbei den bildenden Künstler. Keiner hat wohl Andersens Bedeutung treffender in einen Satz gefasst als der französische Schriftsteller André Gide in einem Gespräch mit Julien Green. Es werde nicht genug bedacht, so Gide, dass Andersen "einer der wenigen Menschen waren, die Mythen schufen".

Jens Andersen: Hans Christian Andersen. Eine Biographie.
Insel Verlag, Frankfurt am Main 2005
806 Seiten, 28,00 €

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