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StartseiteForschung aktuellMehr Bewegung als angenommen07.04.2006

Mehr Bewegung als angenommen

Die erstaunliche Dynamik des ostantarktischen Eisschildes

Geophysik. - Die Ostantarktis schien ein schlafender Riese zu sein, seit Jahrmillionen unter einer mächtige Eismasse begraben. Seitdem die Antarktis vor mehr als 25 Millionen Jahren vereiste, schienen sich in diesem Hochland die Gletscher dauerhaft festgesetzt zu haben. Britische Forscher haben nun überraschend herausgefunden, dass das wohl nicht so sein muss, und sie stellen ihre Ergebnisse auf der Tagung der EGU in Wien vor. Anscheinend war auch das Klima in der Ostantarktis viel variabler als bislang angenommen.

Von Dagmar Röhlich

Auch in der Antarktis herrschte nicht immer das gleiche Wetter. (Alfred-Wegener-Institut)
Auch in der Antarktis herrschte nicht immer das gleiche Wetter. (Alfred-Wegener-Institut)

Von Nord- und Südpol häufen sich die Alarmmeldungen: Grönlands Gletscher schmelzen, und in der Westantarktis fließt das Festlandeis ins Meer. Aber im Grunde haben wir noch Glück: Grönland und die Westantarktis sind kleine Fische, verglichen mit dem schlafenden Riesen Ostantarktis.

" Die Ostantarktis ist die größte Eismasse auf dem Planeten. Sie übertrifft Grönland um das Zehnfache, und sie ist auch zehnmal größer als die der Westantarktis. Sie enthält genug Eis, um den Meeresspiegel um 60 Meter ansteigen zu lassen. Daher ist es so wichtig, die Prozesse zu verstehen, die das Verhalten der Ostantarktis steuern."

Und da hat Jonathan Bamber, Professor am Eisforschungszentrum der Universität Bristol, jüngst eine Überraschung erlebt, als er mit einem sensorbestückten Forschungsflugzeug den Slessor-Eisstrom der Ostantarktis überflog. Was niemand ahnte: Dieser Gletscher in Coatsland ruht auf einem drei Kilometer dicken Sedimentbett:

" Das Sedimentbecken liegt unter dem Gletscher, der im Grunde ein Abflusskanal für das Inlandeis ist. Diese Eisströme sind daher sehr wichtig, so etwas wie die Arterien der Eismasse. Wenn in ihnen der Eisfluss schneller wird oder wenn er abbremst, hat das große Auswirkungen auf die Balance des Eisschildes. In der Tat scheint dieses Sedimentbecken den Eisfluss zu beschleunigen."

Sand und Geröll wirken zusammen mit dem Schmelzwasser am Grund eines Gletschers wie eine Schmierschicht, auf der das Eis Fahrt aufnimmt. Coatsland ist nur ein Abflussbecken. Aber das Einzugsgebiet des Slessar-Gletschers umfasst immerhin knapp ein Zehntel des Ostantarktikeises. Jonathan Bamber glaubt, dass die Eisströme auch in anderen Teilen des Schildes über Sedimentbetten ins Meer fließen könnten.

" Jeder Teil, jedes Segment, jedes "Entwässerungsbecken", hat seine eigenen Eisströme. Aber unser Vermessungsflug war nur über diesem Gebiet hier. Wir glauben daher, dass wir auch in anderen Gegenden vergleichbare Sedimente unter den Eisströmen fänden."

Doch woher kommen diese dicken, unter dem Gletscher verborgenen Pakete aus marinen Sedimenten eigentlich? Anders als die Westantarktis, wo solche Sedimentschichten unter dem Eis bekannt sind, erhebt sich die Ostantarktis fast überall weit über dem Meeresspiegel. Wo sie tiefer liegt, blockiert kilometerdickes Eis das Vordringen des Wassers. Die Sedimentpakete unter dem Slessor-Eisstrom beweisen, dass die Ostantarktis nicht so statisch ist wie gedacht. Genau wie in der labileren Westantarktis muss auch hier das Eis immer wieder großräumig getaut sein. Dann drang das Meer vor, lagerte mächtige Sedimentpakete ab. Das jüngste Abschmelzen kann nicht so lange her sein, schätzt Bamber:

" Wenn dieser Teil der Ostantarktis in den vergangenen 20 Millionen Jahren immer stabil vereist gewesen wäre, wäre das Sediment schlichtweg nicht mehr da. Das Eis hätte alles innerhalb von 20 Millionen Jahren weggeschafft."

Der Riese Ostantarktis "schläft" also anscheinend nicht so tief wie gedacht. Schmelzen dort jedoch nennenswerte Teile soweit ab, dass der Südozean vordringen kann, bedeutet das nichts Gutes für den Meeresspiegel. Allein Coatsland könnte für einen Anstieg von fünf Metern gut sein.

" Ich glaube, wir sollten uns bewusst sein, das nicht nur der Eisschild der Westantarktis zum Teil auf Sedimenten ruht, die den Abfluss beeinflussen können. Auch in der Ostantarktis ist das der Fall und das hat die Wissenschaft bislang nicht berücksichtigt."

Noch ist nicht zu erkennen, dass der Slessar-Gletscher ähnlich beschleunigt wie einige Eisströme in der Westantarktis. Doch die Rutschbahn dafür hat er schon.

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