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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Mehr produzieren mit weniger Verbrauch"13.07.2010

"Mehr produzieren mit weniger Verbrauch"

UNEP fordert Ressourceneffizienz

Rohstoff-Abbau und Industrieproduktionen bewirken laut UN-Umweltprogramm UNEP weltweit Schäden von zwei Billionen Euro. Kernziel sei daher, so UNEP-Direktor Achim Steiner, Wirtschaftskreisläufe effizienter zu gestalten - und so Ressourcen zu schonen.

Achim Steiner im Gespräch mit Jule Reimer

Der Abbau von Rohstoffen - wie hier bei der Gewinnung von Ölsanden in Kanada - verursacht gewaltige Schäden an der Umwelt. (Wikipedia/TastyCakes)
Der Abbau von Rohstoffen - wie hier bei der Gewinnung von Ölsanden in Kanada - verursacht gewaltige Schäden an der Umwelt. (Wikipedia/TastyCakes)
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TEEB-Studie (englisch)

Jule Reimer: Rohstoffe werden nicht nur knapp, ihr Abbau verursacht auch Schäden. Zum Beispiel an der Natur und in vielen Ländern ohne funktionierendes Rechtssystem werden zudem häufig die Anwohner einfach vertrieben und verlieren ihr Land und ihre Existenzgrundlage. Entschädigungen für die Umsiedlung zu berechnen und auszuzahlen, ist hier eine übliche Methode, die Folgen zu mildern. Die Schäden wiederum an der Natur hat jetzt das UN-Umweltprogramm UNEP im Auftrag der G8 und der Europäischen Union berechnet. Am Telefon in Nairobi bin ich mit Achim Steiner, dem Direktor von UNEP verbunden. Herr Steiner, Sie sagen, allein zwei Billionen Euro Schaden verursachen die 3000 größten Industrieunternehmen weltweit durch die Missachtung von Natur und Artenschutz - das sagen Ihre Experten – geht es da um Rohstoffabbau, wie kommen Sie zu diesem Ergebnis?

Achim Steiner: Frau Reimer, es ist eine Mischung aus verschiedenen Konsequenzen – einmal des Ressourcenabbaus. Zum Beispiel haben wir in den letzten 50 bis 100 Jahren die Hälfte aller Auen, Moore und Feuchtgebiete der Welt zerstört im Namen der Entwicklung. Wir haben die tropischen Regenwälder abgebaut, wir haben jedes Jahr einen Verlust von zwölf Millionen Hektar fruchtbaren Bodens, den wir für die Landwirtschaft brauchen, das ist der eine Aspekt, um ihn nur mal darzustellen. Der andere ist auch die Umweltverschmutzung. Wir sind zum Beispiel gerade dabei, in Nigeria, in dem Ogoni-Landgebiet, das ja schon seit Langem eine Kontroverse ist, zu untersuchen, was die Langzeitkonsequenzen und -schäden für die Menschen und für die Wirtschaft dort ist des ganzen Ölsektors, und auch dort geht es in die Milliarden. Umweltverschmutzung in der Luft, Chemiedeponien und so weiter, das alles lässt sich zusammenziehen in einen enormen Kostenrahmen, den letztlich die Gesellschaft wieder tragen muss.

Reimer: Sind sich denn die Unternehmen dieser Folgen bewusst?

Steiner: Ich glaube, eine wachsende Zahl der Unternehmen ist sich dies bewusst. Ob aus einer Wahrnehmung des Risikos für ein Unternehmen, das dadurch entsteht, dass man letztlich doch zu Konsequenzen gezwungen wird, wenn zum Beispiel diese Probleme entstehen, oder auch aus dem Verantwortungsbewusstsein eines modernen Unternehmens. Ich denke mir, in jedem Markt, ob in Europa oder Afrika oder Asien, ist inzwischen das öffentliche Bewusstsein viel stärker dafür sensibilisiert. Und wir haben ja auch mit Bhopal und Indien damals erlebt, was für katastrophale Konsequenzen auch Unfälle haben können. Das, was im Golf von Mexiko gerade passiert, ist ja nicht das erste Mal. Das heißt, auch Unternehmen werden immer sensibler dafür. Interessanterweise, bei natürlichen Ressourcen sind die europäischen und US-Unternehmen den afrikanischen und lateinamerikanischen Unternehmen hinterher, und das war ein interessanter Aspekt unserer Studie auch.

Reimer: Rohstoffe sind ja das Rückgrat unserer Wirtschaft – sehen Sie eine Möglichkeit, einerseits Regierungen zu sensibilisieren für die Frage von Kosten und Nutzen von Wirtschaften und andererseits auch einen Kompromiss zu finden zwischen den Bedürfnissen unserer Wirtschaft, auch unseres alltäglichen Lebens hier in den Industriestaaten?

Steiner: Wenn ich kurz das Letztere aufgreifen kann: Es geht im Grunde nicht um einen Kompromiss, sondern um eine langfristige und nachhaltige Wirtschaftspolitik, denn letztlich kann man an den Grunddaten eines Verlustes an Ökosystemen und natürlichen Ressourcen nicht vorbei. Es geht darum, unsere Wirtschaftskreisläufe effizienter zu machen. Das heißt, wir müssen mehr produzieren mit weniger Verbrauch. Es geht daher auch – und gerade das ist das Kernziel der Arbeit von UNEP heute – im Bereich der grünen oder ökologischen Wirtschaftspolitik, Ressourceneffizienz in den Vordergrund zu stellen. Und gerade bei Biodiversität und Ökosystemen ist im Augenblick in unserem Wirtschaftskreislauf einfach noch nicht einmal die Bilanzierung gegeben. Wir nehmen die Natur sozusagen als freies Gut und werden erst jetzt letztlich gezwungen, sie als eine Ressource wahrzunehmen, die, wenn sie knapp wird für unsere Wirtschaft, enorme Konsequenzen hat. Daher der Versuch auch, mit diesem TEEB-Report (englisch), der ja heute veröffentlicht wird, eine sozusagen ökologische und ökonomische Abgleichung in der Wirtschaft herbeizuführen. Das ermöglicht dann Regierungen und auch Unternehmen, anders zu investieren – nicht Entwicklungen zu stoppen, sondern langfristige Entwicklungen sicherzustellen. Das ist das Kernprinzip.

Reimer: Achim Steiner, Direktor des UN-Umweltprogramms UNEP war das. Danke nach Nairobi für dieses Gespräch!

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