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StartseiteBüchermarktMehr Trennendes als Einendes08.05.2006

Mehr Trennendes als Einendes

Briefwechsel zwischen Gottfried Benn und Ernst Jünger veröffentlicht

Holger Hof hat den Briefwechsel zwischen Gottfried Benn und Ernst Jünger aus den Jahren 1949 bis 1956 herausgegeben. Seine aufschlussreichen Kommentare richten den Blick auf eine Beziehung, in der die beiden Autoren mehr trennte als verband. Es kam nur zu einem einzigen Treffen.

Von Klaus Modick

Gottfried  Benn 1928. (Deutsches Literaturarchiv Marbach)
Gottfried Benn 1928. (Deutsches Literaturarchiv Marbach)

"Vorige Woche hatte ich Besuch von -- Ernst Jünger! Gross angekündigt: er käme inkognito usw. War ganz nett. Bescheidener als ich erwartet hatte. Wie sieht er aus? Nicht so eitel und affektiert wie seine Bilder. Meine Frau sagte, er könnte ein Tischgeselle sein, äusserlich. Der Abend war ganz interessant. Wir tranken ganz reichlich und dabei kamen wir uns näher und wurden offen miteinander."

So berichtete Gottfried Benn in der ihm typischen Schnoddrigkeit seinem Vertrauten Oelze über das einzige, persönliche Treffen zwischen ihm, Benn, und Ernst Jünger, das im Mai 1952 stattgefunden hatte. In seinem Buch "Annäherungen. Drogen und Rausch" hat auch Jünger über dies Treffen berichtet, ausführlicher freilich und übrigens sehr viel respektvoller, obwohl es an dem Abend zu einem grotesken Missverständnis kam: Benn interpretierte nämlich einen Abschnitt aus Jüngers Erzählung "Besuch auf Godenholm", in dem es um eine durch LSD hervorgerufene Identität von Erscheinung und Sein geht, als Inkarnation des Penis. Sehr gut möglich allerdings, dass Benn die Passage gar nicht missverstand, sondern provokativ in eine ihm genehmere Lesart umdeutete, war es doch nicht zuletzt Jüngers Hang zu Stilisierung und Abstraktion, die ihn vom entschiedenen Sensualismus Benns unterschied.

Den Kontakt hatte Jünger Ende 1949 aufgenommen, indem er Benn ein Widmungsexemplar seines Romans "Heliopolis" zusandte, für das sich Benn prompt mit seinem Aufsatz "Goethe und die Naturwissenschaften" und folgendem Widmungsgedicht revanchierte:

"Wir sind von außen oft verbunden,/ wir sind von innen meist getrennt,/doch teilen wir den Strom, die Stunden/den Ecce-Zug, den Wahn, die Wunden/des, das sich das Jahrhundert nennt."

Ernst Jünger 1998 (AP Archiv)Ernst Jünger 1998. (AP Archiv)Dieses Gedicht brachte das Verhältnis Benns zu Jünger treffend auf den Punkt. Denn "von außen oft verbunden" waren sie in der Nachkriegszeit durch eine Rezeption, die in den sich eher fremden Autoren die Gemeinsamkeit sah, dass sich beide geistig in der Nähe des Nationalsozialismus bewegt hatten. Jüngers antidemokratische Schriften der 20er Jahre hatten zwar faschistischem Denken Vorschub geleistet, doch entzog sich der Autor einer Vereinnahmung durch die Nazis entschieden. Benn hatte sich nach der Machtergreifung für eine Weile als rasender Mitläufer geriert, sich aber schon bald in eine innere Emigration zurückgezogen.

Dennoch blieben sie stets "von innen meist getrennt". Mit seinem Schreiben an Benn versuchte Jünger, größere Nähe herzustellen und wohl auch einen Verbündeten zu finden gegenüber den Anfeindungen, denen er sich ausgesetzt sah. Doch Benn hielt auf Distanz, und so blieb es bei dem einen erwähnten Treffen und einer sporadischen Korrespondenz, die jetzt nachzulesen ist, von Holger Hof ediert und aufschlussreich kommentiert. In diesem eher wortkargen Brief-, Telegramm- und Postkartenwechsel gilt es, zwischen und hinter den Zeilen zu lesen, und Hofs Kommentar und Nachwort gelingt das mustergültig. Genau genommen, so der Herausgeber, handelt es sich um "Mitteilungen zweier gegenüber dem anderen Verschlossener, die über die Angst, ihr Selbstbild nur ungenügend zu inszenieren, hinaus nur wenig verbindet".

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