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Seit 11:35 Uhr Umwelt und Verbraucher
StartseiteHintergrundMehr Windenergie oder eine Renaissance der Kernkraft?06.01.2005

Mehr Windenergie oder eine Renaissance der Kernkraft?

Energiepolitik zwischen Klimaschutz und Atomrisiko

<em> Ohne das Kernkraftwerk Wyhl werden zum Ende des Jahrzehnts in Baden-Württemberg die ersten Lichter ausgehen.</em>

Von Georg Ehring

Abgeschaltet: das AKW Stade  (AP)
Abgeschaltet: das AKW Stade (AP)

Hans Filbinger, im Jahr 1975 Ministerpräsident von Baden-Württemberg, lag falsch mit seiner Prognose: Die Lichter blieben an, obwohl sich in Wyhl am Kaiserstuhl die Atomkraftgegner durchsetzten: Auf einem bereits für den Kraftwerksabbau abgeholzten Waldstück an der Wyhler Rheinaue wachsen mittlerweile wieder Bäume, in diesem Winter können örtliche Umweltschützer den 30. Jahrestag der Bauplatz-Besetzung von Wyhl als Erfolgstag im Kampf gegen die Kernenergie feiern. 30 Jahre danach ist der Atom-Ausstieg Regierungsprogramm.

Obwohl der Meiler nicht gebaut wurde, ist Deutschland von Stromabschaltungen bisher verschont geblieben. Die meisten Kraftwerke waren relativ neu, Überkapazitäten drückten auf den Markt. Ersatzbedarf gab es kaum und nach der Wiedervereinigung wurden auch in den neuen Ländern Kraftwerke modernisiert. Doch der Kraftwerkspark in Deutschland ist inzwischen in die Jahre gekommen, die Zeiten, in denen aus alten Kraftwerken Strom im Überfluss in die Netze strömte, neigen sich dem Ende zu. Rund 120.000 Megawatt Kraftwerkskapazität stehen in Deutschland derzeit für die Stromversorgung zur Verfügung - rund die Hälfte davon wird mit Kohle betrieben, knapp ein Drittel mit Atomkraft, Erdgas und erneuerbare Energien kommen auf jeweils zehn Prozent. Rund 580 Terawattstunden elektrischer Strom kommt jährlich aus diesen Anlagen - mit nur noch leicht steigender Tendenz. Mehr als ein Drittel dieses Kraftwerksparks muss in den nächsten 15 Jahren ersetzt werden, so Georg Wilhelm Adamowitsch, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium.

Die Altersstruktur der Kohlekraftwerke in Deutschland lässt bis 2020 einen Ersatzbedarf der Erzeugungskapazität um 20- bis 30.000 Megawatt erwarten. Der Ausstieg aus der Kernenergienutzung führt zu einem Ersatzbedarf von weiteren 20.000 Megawatt. Und außerdem haben wir eine Verknappung der Kapazitäten in vielen europäischen Ländern festzustellen. Die Bereitstellung dieser Ersatzkapazitäten in Höhe von 40.000 bis 50.000 Megawatt erfordert Investitionen in hoher zweistelliger Milliardenhöhe in Deutschland.

Investitionen mit Folgen: Die Erneuerung des Kraftwerksparks wird darüber entscheiden, wie sicher und wie preisgünstig Energie künftig bei uns sein wird - und wie umweltverträglich. Die Energieversorgung trägt in ihrer derzeitigen Struktur wie keine andere Branche in Deutschland zur Erwärmung der Erdatmosphäre, dem Treibhauseffekt bei: Knapp 40 Prozent der Emission des wichtigsten Klimasünders Kohlendioxid strömen heute aus Kraft- und Heizwerken. Die Bundesregierung will bis zum Jahr 2020 den Ausstoß von Kohlendioxid erheblich senken. Bundesumweltminister Jürgen Trittin nannte in einer Regierungserklärung zur Klimapolitik Anfang Dezember als deutsche Position:

Dass die EU sich festlegt, bis 2020 30 Prozent ihrer CO2-Emissionen einzusparen. Wir selber sind bereit, hierfür in Deutschland 40 Prozent einzusparen.

Diese Zahl ist auch regierungsamtliche Messlatte für den Klimaschutzbeitrag der Energiewirtschaft. Wie dies zu schaffen ist, ohne elektrische Energie allzu sehr zu verteuern, darüber streiten Politiker, Umweltschützer und Interessengruppen.

Deutlich im Vorteil sind dabei die Befürworter erneuerbarer Energien, denn sie haben die rot-grüne Bundesregierung auf ihrer Seite. Schrittweise sollen Windkraft, Sonnenenergie, Biomasse und Erdwärme die derzeitige Energieversorgung auf der Basis vor allem von Kohle, Kernenergie und Erdgas ergänzen und schließlich ablösen. Kraftwerke, die mit fossilen Brennstoffen wie Braun- und Steinkohle sowie Gas befeuert werden sollen gleichzeitig effizienter und umweltverträglicher werden - ein Kraftakt, der Investitionen von vielen Milliarden Euro erfordert. Die Zeit der Atomenergie soll dagegen zu Ende gehen - etwa um das Jahr 2020 soll nach dem Atomkonsens das letzte Kernkraftwerk in Deutschland abgeschaltet werden. Erneuerbare Energien sollen bis dahin ihren Anteil an der Stromversorgung auf 20 Prozent verdoppeln.

Ein umstrittenes Konzept, sowohl was den ehrgeizigen Ausbau von Wind-, Bio- und Solarstrom als auch die Abschaltung der Atommeiler angeht. Zu den Kritikern gehören die großen Unternehmen der Kraftwerksbetreiber, zusammengeschlossen in der Organisation VGB Powertech. Ihr Vorstandsvorsitzender Gerd Jäger erwartet, dass die Rechnung der Bundesregierung nicht aufgeht.

Bei einer langfristigen Betrachtung bis 2020 zeigt sich nach unserer Sicht, dass die verschiedenen energiepolitischen Rahmensetzungen nicht zueinander passen. In unserem zukünftigen Energiemix werden wir den Kernenergie-Ausstieg und die CO2-Ziele nicht gleichzeitig erreichen können.

Der von der Bundesregierung eingesetzte Nachhaltigkeitsrat teilt diese Ansicht. Ein schlüssiges Konzept zur Vermeidung zusätzlicher CO2-Emissionen nach dem Wegfall der Kernkraftkapazitäten sei gegenwärtig nicht sichtbar, erklärte er in einer aktuellen Veröffentlichung.

Steht Deutschland also vor einer Wende zurück zur Atomkraft, steht der Klimaschutz im Energiesektor zur Disposition - oder lässt sich die Energielücke anders klimaverträglich schließen?

Da ist zuerst die Frage nach dem Potenzial der Stromerzeugung aus Sonne, Wind, Biomasse und Erdwärme. Sie liefern das ganze Jahr über ein Vielfaches der Energiemenge, die für die Stromversorgung erforderlich ist und könnten auf lange Sicht die Versorgung ganz übernehmen. Das Erneuerbare Energien-Gesetz hat dem schnellen Ausbau dieser Energiequellen zusätzlichen Schwung gegeben. Es verpflichtet die Energieversorger zur Abnahme des Stroms zu festgelegten Preisen weit oberhalb des Marktniveaus. Windräder, Biogasanlagen und Solardächer sind dadurch zum lohnenden Geschäft geworden - mit enormen Zuwachsraten. Rund 3000 Megawatt beträgt der Zuwachs an Kapazität in diesem Bereich derzeit pro Jahr - vor allem in der Windkraft. Hermann Scheer, SPD-Bundestagsabgeordneter und Präsident der Organisation Eurosolar, hält die Ausbauziele angesichts dieses Wachstums nicht nur für realistisch.

Bei knapp zehn Prozent erneuerbaren Energien im Stromsektor würden wir bei Fortführung des Erneuerbaren Energiegesetzes und nur der jetzigen Einführungsraten diese 20 Prozent bereits im Jahr 2011/12 etwa erreichen und würden im Jahr 2020 bei über 30 Prozent angelangt sein. Das heißt: Die Zielsetzung ist absolut realistisch, eher untertrieben, allerdings immer unter der Voraussetzung, dass das Erneuerbare-Energien-Gesetz weiter existiert.

Die Hälfte dieses Weges ist bereits geschafft: Im ersten Halbjahr 2004 stieg der Anteil der Erneuerbaren zum ersten Mal auf zehn Prozent, ebenfalls zum ersten Mal überholte die Windkraft die Wasserkraft. Gut die Hälfte des Stroms aus erneuerbaren Quellen hing am Wind, Wasserkraft folgte mit einem Anteil von knapp einem Drittel. Den Rest teilen sich überwiegend Biomasse, Bio- und Deponiegas. Nur knapp ein Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien kommt derzeit von der Sonne, doch hier sind Wachstum und Steigerungspotenzial besonders groß. Gerhard Stryi-Hipp, Geschäftsführer des Bundesverbandes Solarindustrie:

Da helfen uns die verbesserten Rahmenbedingungen: eine verbesserte Einspeisevergütung im Erneuerbare-Energien-Gesetz. Das führt mittlerweile sogar zu längeren Lieferzeiten, die Branche baut mit neuen Produktionsanlagen aus - also eine sehr, sehr positive Entwicklung.

Der Aufstieg der Erneuerbaren vollzieht sich innerhalb einer sehr kurzen Zeit: Noch Anfang der 90er Jahre leistete lediglich die Wasserkraft einen messbaren Anteil zur Stromversorgung in Deutschland. Windräder, Bio- und Solarenergie waren Sache weniger Enthusiasten und Technikfreaks.

Für die Dominanz der Windkraft bei den Erneuerbaren Energien spricht der Preis: Mit Stromerzeugungskosten von ungefähr acht Cent pro Kilowattstunde ist Windstrom relativ günstig zu haben. Und die Kosten sinken mit dem großtechnischen Ausbau, sagt Hermann Scheer, der Präsident von Eurosolar.

Denn alle Kosten bei erneuerbaren Energien mit Ausnahme der Bioenergie sind ausschließlich Kosten für die Technik und für die Primärenergie, denn: Wasser, Luft, Solarstrahlung, Wind, sind umsonst. Sie werden kostenlos von der Natur geliefert. Und da, wo nur Technikkosten im Spiel sind, ist klar, dass hier genau dasselbe passiert, wie es bei allen Technologien seit Beginn der technologischen Revolutionen immer wieder festgestellt werden kann: Das ist so etwas wie ein Naturgesetz: Diese Kosten sinken mit der breiten Einführung, mit der Verbesserung der Herstellungstechniken, mit der Verbesserung der Techniken selber, mit neuen Technologien, also technologischen Weiterentwicklungen und mit der Massenproduktion.


Ein Windrad läuft im Schnitt nur 20 Prozent seiner Zeit mit Volllast - und bei starkem Sturm muss es ganz abgeschaltet werden. Je nach Wetterlage kommt es auch vor, dass viele Windräder gleichzeitig ausfallen. Wie die Windkraft trotzdem in das Stromnetz eingebunden werden kann, hat die Deutsche Energieagentur untersucht. Ihr Geschäftsführer Stephan Kohler:

Wir hatten im Jahr 2003 zum Beispiel das stabile Hochdruckgebiet über Deutschland, wo wir 900 Stunden praktisch keine Windenergieeinspeisung hatten, und auch in solchen Zuständen muss natürlich die Versorgungssicherheit gewährleistet werden. Das heißt: Wir müssen praktisch die Windenergie zu 95 Prozent durch konventionelle Kraftwerksleistung abdecken.

Das gleiche Problem hat die Solarenergie, auch wenn sie derzeit von der Menge her noch nicht ins Gewicht fällt. Hermann Scheer von Eurosolar hält diese Nachteile allerdings für behebbar: Elektrische Energie sei durchaus auch in großem Maßstab speicherbar, entsprechende Techniken müssten nur weiter entwickelt werden. Und:

Die Kombination von Windkraft und Wasserkraft aus Staudämmen ergibt perfekt ein hocheffizientes Stromversorgungssystem. Wenn die Nachfrage steigt, wird eine Turbine mehr angeschaltet.

Wo werden die erneuerbaren Energien in 15 Jahren stehen, wenn nach dem Atomkonsens das letzte Kernkraftwerk vom Netz gehen soll. Die Kraftwerksbetreiber halten einen Anteil von 20 Prozent an der Stromversorgung in Deutschland für ambitioniert, aber realistisch. Dem stimmt auch Stephan Kohler von der Deutschen Energieagentur zu:

Recht viel mehr wird nicht zu leisten sein, weil wir einfach bestimmte Infrastrukturmaßnahmen noch benötigen. Also wir brauchen Netzausbau, um zum Beispiel die Windenergie zu integrieren und das werden wir zeitlich auch aufgrund der Genehmigungsverfahren gar nicht schneller hinbekommen.

Wenn es so kommt und gleichzeitig der Atomausstieg vollzogen wird, dann werden die fossilen Energieträger wie Kohle und Gas ihren Anteil an der Stromversorgung von heute rund 60 Prozent auf etwa 80 Prozent steigern.

Die Stromwirtschaft setzt vor allem aus Kostengründen auf diese Technik: Energie aus Wind oder Biomasse ist derzeit noch mehr als doppelt so teuer wie Kohle- oder Atomstrom, andere erneuerbare Energien liegen im Preis noch weit höher. Die Erneuerbaren haben in den vergangenen Jahren allerdings kräftig aufgeholt, Kohle und Gas sind im Preis deutlich gestiegen. Irgendwann im nächsten Jahrzehnt dürfte Energie aus erneuerbaren Quellen auch preislich konkurrenzfähig werden, erwarten ihre Befürworter. Garantierte Einspeisevergütungen werden dann überflüssig. Die heutigen Preise spiegeln ohnehin nur einen Teil der Realität wider, mein Hermann Scheer von Eurosolar.

Die Folgekosten der herkömmlichen Energieversorgung sind ja immens. Und dass die herkömmliche Energieversorgung im Verkaufspreis billiger angeboten werden kann, hängt nur damit zusammen, dass es sich um großenteils von früheren Jahren her direkt oder indirekt subventionierte Systeme handelt, in großem Stil subventionierte, das gilt nicht nur für die Atomenergie, und wenn es um Neuinvestitionen geht bei herkömmlichen Anlagen, egal ob atomar oder fossil, dann haben wir überhaupt erst einen fairen wirtschaftlichen Vergleich zu neuen Investitionen bei erneuerbaren Energien, und dann schließt sich die Schere immer schneller.

Folgekosten ergeben sich vor allem aus Umwelt- und Klimaschäden. Aus deutschen Kohle- und Gaskraftwerken strömen derzeit jährlich rund 350 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre. Diese Belastungen lassen sich mit neuen Anlagen verringern, argumentieren die Betreiber. Die Effizienz von Kohlekraftwerken ist seit Mitte der 80er Jahre um 20 Prozent gesteigert worden. Diese Entwicklung ist noch lange nicht zu Ende, meint Wirtschafts-Staatssekretär Georg Wilhelm Adamowitsch:

Experten schätzen die erschließbaren Effizienzpotenziale auf 20 Prozent gegenüber dem aktuellen Stand der Technik, und auf diese Weise lassen sich nebenbei auf 20 Prozent Kohlendioxid und Ressourcenverbrauch einsparen, bis wir das erste CO2-freie Kraftwerk im Jahr 2020 wahrscheinlich gebaut haben.

Ein starker wirtschaftlicher Anreiz, dieses Potenzial auch zu nutzen, ist der Emissionshandel. Jeder große Emittent von Treibhausgasen erhält hierfür Emissionsrechte. Nicht ausgenutzte Rechte kann er verkaufen, zusätzlichen Bedarf muss er am Markt decken. Fortschritte im Klimaschutz werden so zu Geld in den Kassen der Kraftwerksbetreiber.
Mehr als die Hälfte der deutschen Kohlekraftwerke wird im Jahr 2020 aus neu gebauten Anlagen bestehen, erwartet Gerd Jäger von der Energielobby VGB Powertech.

Kohle wird 2020 50 Prozent des Strombedarfs decken, die erforderlichen Investitionen für den Ersatzbedarf liegen bei rund 30 Milliarden.

Wobei Gas erheblich umweltverträglicher ist als die Kohle:
Wenn alte Kohlekraftwerke durch moderne Gaskraftwerke ersetzt werden, lässt sich der Ausstoß von Treibhausgasen mehr als halbieren. Hocheffiziente Gaskraftwerke werden an mehreren Standorten geplant oder gebaut, gegen einen Ausstieg aus der Kohle sprechen allerdings die starken Schwankungen des Gaspreises und die begrenzte Reichweite der Gasvorräte. Erdgas könnte schon in einigen Jahrzehnten knapp werden, Kohle ist noch für Jahrhunderte vorhanden.

Die Fortschritte sind erheblich, doch um die Emission von Kohlendioxid aus dem Energiesektor um 40 Prozent zu verringern, reichen sie bei weitem nicht aus. Es bleibt eine Lücke, selbst dann, wenn der Stromverbrauch nicht weiter steigt oder sogar etwas sinkt. Denn in der zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts müssen nach dem Atomkonsens die großen Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz gehen. Das verhagelt die Klimabilanz. Kraftwerkslobbyist Gerd Jäger:

Die bittere und sehr nüchterne Erkenntnis ist also, dass trotz aller technologischen Anstrengungen im Bereich von Kohle und Gas und dem massiven Ausbau der Regenerativen die Effekte durch den Wegfall der Kernenergie zu großen Teilen aufgezehrt werden.

Nicht Wirtschaft und Umwelt, sondern zwei umweltpolitische Ziele der Bundesregierung erweisen sich damit als nicht miteinander vereinbar: Das Klimaschutz-Ziel ist in der Stromerzeugung nur erreichbar, wenn der Atomausstieg hinausgezögert wird.

In diesem Fall ließen sich die CO2-Einsparungen zwischen 2000 und 2020 von 35 Millionen Tonnen auf etwa 95 Millionen Tonnen steigern. Also fast verdreifachen. Gegenüber 1990 würde die Emission um mehr als 40 Prozent abgesenkt.

Außerdem könnte die Wirtschaft zehn Milliarden Euro einsparen, weil gleichzeitig weniger neue Kraftwerke gebaut werden müssten. Technisch gibt es keinen Grund, die Laufzeit eines Atommeilers auf 32 Jahre zu begrenzen, meint Ralph Güldner von Siemens-Framatome.


Unsere Anlagen, die wir als Siemens hier in Deutschland und auch in anderen europäischen Ländern und auch in Südamerika gebaut haben, waren auf 40 Jahre ausgelegt. Wir wissen heute, dass aufgrund der anderen Fahrweise, nämlich dass gerade der Reaktordruckbehälter nicht so stark durch Neutronenfluss belastet wird, Laufzeiten von 50 und 60 Jahren möglich sind."

Eine Alternative, die für die Bundesregierung nicht in Frage kommt. Für Bundesumweltminister Jürgen Trittin sind Atomkraftwerke auch heute zu gefährlich:

Das Gefahrenpotenzial besteht nach wie vor. Keiner dieser Reaktortypen kann die Kernschmelze ausschließen, die Frage des Atommülls ist nicht gelöst, zuletzt in dem Land wo ein Viertel der Atomkraftwerke der Welt stehen und produzieren, in den USA, hat ein Gericht in Yucca Mountains den Beschluss kassiert, wegen mangelnder Langzeitsicherheit, und es ist im Gegenteil etwas neues hinzugekommen: Nämlich ein ernstes Problem: Dass wir aus den Debatten um den Terrorismus wissen, dass diese Anlagen auf der Zielliste von Terroristen stehen.

Sind Atomkraftwerke heute sicherer als vor 20 Jahren? Sie sind relativ sicher, meint Heinz-Peter Butz von der Gesellschaft für Reaktorsicherheit:

Sicherheit ist nie festzumachen an einem bestimmten Punkt, sondern entsprechend dem Stand von Wissenschaft und Technik hat es eine sehr starke dynamische Komponente. Wenn Sie sich beispielsweise ein Auto von vor 20 Jahren vorstellen: Das lief und auch zuverlässig, aber die heute Generation von Autos ist sicherer. Denken Sie an Knautschzonen, denken Sie an die bessere Bremstechnik, das übertragen auf die Kerntechnik sieht es nicht viel anders aus. Also, wir machen heute eine Sicherheit, die auf einem technisch höheren Niveau ist als vor vielen Jahren. Das schreibt auch das Atomgesetz vor.

Auch bei der Suche nach einem Endlager müsse man sich von der Erwartung absoluter Sicherheit verabschieden, meint Butz.

Das ist das Problem der so genannten Langzeitsicherheit. Also nachzuweisen, dass ein geologisches System, ob das nun Salz ist, ob das Ton ist, ob das Granit ist, über eine Million Jahre stabil ist und das dort eingelagerte Material nicht in irgendeiner Weise mit der Biosphäre in Kontakt kommt, das ist eine Aufgabe, die naturwissenschaftlich kaum zu lösen ist.

Trotz der offenen Entsorgungsfrage werden in manchen Ländern neue Atomkraftwerke gebaut und geplant, in vielen Schwellenländern, aber auch in Finnland und Frankreich. Hessens Ministerpräsident Roland Koch forderte im vergangenen Sommer den Neubau von Atommeilern in Deutschland, stieß bei den potenziellen Bauherren allerdings auf wenig Interesse - nicht zuletzt wegen der enormen Kosten beim Bau neuer Kraftwerke. Auch Gerd Jäger von der Kraftwerkslobby VGB Powertech möchte über dieses Thema lieber nicht sprechen:

Diese Frage steht Gott sei dank jetzt hier nicht auf der Tagesordnung, denn wir haben mit Priorität andere Themen zu diskutieren.

Nämlich die Frage, ob Deutschland sein Klimaschutz-Ziel erreicht oder den Atomausstieg so umsetzt wie geplant. Die Bundesregierung spielt auf Zeit, vor allem der Grüne Koalitionspartner kann sich das Eingeständnis, dass beide Ziele im nächsten Jahrzehnt nicht miteinander zu vereinbaren sind, nicht leisten. Doch bis nach dem Atomkonsens der letzte Reaktor abgeschaltet werden muss, stehen noch mindestens vier Bundestagswahlen an. Bei einem Sieg der Opposition wäre der Atomausstieg ohnehin in Frage gestellt.

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