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StartseiteBüchermarktMeilenstein und Monstrum20.02.2008

Meilenstein und Monstrum

Jonathan Littells Roman über den Holocaust

Vor seinem Roman "Les Bienveillants" über das Dritte Reich war Jonathan Littell ein völlig unbekannter Autor - und gewann als solcher gleich zwei der vier großen französischen Literaturpreise. Littell hat selbst gut zehn Jahre in den Krisengebieten dieser Welt gearbeitet, das Grauen gesehen und zu verstehen versucht. Jetzt ist der Roman unter dem Titel "Die Wohlgesinnten" auf Deutsch erschienen.

Von Oliver Seppelfricke

Der Schriftsteller Jonathan Littell hat für "Les Bienveillants" den französischen Prix Goncourt erhalten.  (AP)
Der Schriftsteller Jonathan Littell hat für "Les Bienveillants" den französischen Prix Goncourt erhalten. (AP)

""Für das, was ich getan habe, gab es immer Gründe, ob gute oder schlechte, weiß ich nicht, auf jeden Fall aber menschliche Gründe. Die, die töten, sind Menschen wie die, die getötet werden, das ist die schreckliche Wahrheit. Ihr könnt niemals sagen: Ich werde nicht töten, das ist unmöglich, höchstens könnt ihr sagen: Ich hoffe, nicht zu töten. Auch ich hoffte es, auch ich wollte ein gutes und nützliches Leben führen, Mensch unter Menschen sein wie alle anderen, auch ich wollte meinen Teil zum gemeinsamen Werk beitragen. Doch meine Hoffnungen sind getäuscht worden, man hat sich meiner ehrlichen Absichten bedient, um ein Werk zu verrichten, das sich als schlecht und verderblich erwies, und ich habe die dunklen Ufer überschritten, all dies Böse drang in mein Leben, und nichts von alldem kann wiedergutgemacht werden, niemals. Wie die meisten Menschen habe ich nie zum Mörder werden wollen. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich mich, wie gesagt, der Literatur zugewandt. Geschrieben, wenn ich das Talent gehabt hätte, falls nicht, sie vielleicht gelehrt, jedenfalls mit diesen schönen und friedlichen Schöpfungen gelebt, den besten, die menschliches Streben je hervorgebracht hat.""

Dieses Buch ist ein Meilenstein. Und es ist ein Monstrum. Wer ihn passiert, oder wer es verschlingt, wird viel darüber erfahren, warum, wo und wie die Deutschen den Völkermord an den europäischen Juden geplant, organisiert und durchgeführt haben. Jonathan Littell wählt einen Ich-Erzähler als Hauptfigur in seinem Debütroman: eine fiktive Person namens Max Aue. Nur alle dreißig bis vierzig Seiten erfahren wir etwas über ihn. Er ist seit seiner Kindheit abgöttisch in seine Schwester Una verliebt (das Thema des Inszest wird damit eröffnet), sie erwidert seine Liebe, solange bis sie verheiratet ist, dann verlieren sie sich aus den Augen. Max, ein literarischer Schöngeist, kultiviert und Doktor der Rechte, macht Karriere beim Sicherheitsdienst SD, einer Unterabteilung der SS, plant und organisiert den Völkermord an den Juden, mordet selbst. Und: Er ist homosexuell. Warum gerade dieser Erzähler? Der in den Reihen der SS doch untypisch, wenn nicht sogar unwahrscheinlich ist? Jonathan Littell:

"Aus ganz praktischen Gründen brauchte ich einen Erzähler, der etwas abseits stand zur Gesellschaft, in der er lebt. Ich brauchte einen Henker, der das, was passiert, ganz genau beobachtet. Und der es auch beschreiben kann. Ein Typ wie Eichmann hätte sich dafür überhaupt nicht geeignet. Er war verheiratet, seine Kinder spielten Geige, er war perfekt in die Gesellschaft integriert. So jemand wie er hätte das alles gar nicht erzählen können. Ich brauchte also einen Außenseiter. Und das waren die Homosexuellen ja damals per definitionem. Mit ihrem Getue, ihrem Gehabe, mit all ihren Heimlichkeiten. Mit allem, zu dem sie gezwungen waren. Der Homosexuelle ist derjenige, der aufpassen muss, was er macht. Und er schaut deshalb genau hin, was die anderen machen. Und die wiederum sehen genau hin, was er macht."

Auf 1383 Seiten erfahren wir vom Schicksal Max Aues und damit auch vom Werdegang des Dritten Reichs. Wie kam es dazu, dass Jonathan Littell sich dem Thema Holocaust zugewandt hat?

"Da gibt es viele Gründe. Man kann darüber schreiben, weil es der am besten erforschte Völkermord ist. Weil er am besten dokumentiert ist. Und weil er uns am nähesten liegt. Das, was die Deutschen damals getan haben, steht uns einfach nahe! Auch heute noch."

""Ich zog meine Pistole und ging auf eine Gruppe zu: Ein sehr junger Mann brüllte vor Schmerz, ich richtete die Pistole auf seinen Kopf und betätigte den Abzug, doch der Schuss löste sich nicht, ich hatte vergessen, die Waffe zu entsichern, ich legte den Sicherungshebel um und schoss dem Mann eine Kugel in die Stirn, er zuckte auf und verstummte augenblicklich. Manchmal musste man, um an die Verwundeten heranzukommen, über die Leichen gehen, das war entsetzlich glitschig, das weiche, weiße Fleisch verschob sich unter meinen Stiefeln, die trügerischen Knochen brachen unter meinen Schritten und ließen mich straucheln, ich versank bis zu den Knöcheln in Schlamm und Blut. Es war entsetzlich und erfüllte mich mit unüberwindlichem Ekel.""

Jonathan Littell erspart uns keine grausame und blutige Einzelheit aus dem Völkermord an den Juden. Von der sporadischen Verprügelung über die organisierte Verfolgung im "Reich" und in den besetzten Gebieten bis hin zu Judenstern, Ghettos und den Krematorien. Das Buch arbeitet auf, wie genau die Bürokratie funktioniert hat, die hinter dem Völkermord stand, und wo sie ihre Probleme hatte: in der Konkurrenz zueinander und im Kompetenzwirrwarr, von Hitler und Himmler ja zum Teil so gewollt. Fünf Jahre lang hat Littell an diesem Buch gearbeitet, hat alle verfügbaren Dokumente genauestens studiert, hat in den Archiven gewühlt, und dann in nur vier Monaten das Ganze wie im Rausch heruntergeschrieben. Gab es Momente, wo ihm die vielen Namen, Daten, Orte und Ereignisse über den Kopf wuchsen?

"Es gab natürlich Momente, wo ich alles in den Papierkorb werfen wollte. Wo ich mir sagte, daraus wird nichts. Ich mache etwas anderes, fertig, aus! Ich hatte aber eine genaue Idee von dem, wie es hinterher aussehen sollte. Sonst hätte ich das gar nicht schaffen können. Sonst hätte ich gar nicht durchgehalten. Ich habe also drauflosgeschrieben, ohne groß nachzudenken. Und dann habe ich es später zuerst selber noch einmal gelesen und es danach anderen zum Lesen gegeben. Die haben mich dann auf große Fehler hingewiesen. Und ich habe diese Probleme ausgeräumt. Manches war schwierig, manches einfacher. Ich habe es einfach darauf ankommen lassen: Entweder es klappt oder es klappt nicht. Letztlich hat es dann geklappt."

""Ich muss erwähnen, dass ich den Exekutionen wieder regelmäßig beiwohnte, niemand verlangte es, ich tat es aus eigenem Antrieb. Ich schoss nicht selbst, sondern beobachtete die Männer, die schossen, vor allem Offiziere wie Häfner oder Janssen, die von Anfang an dabei waren und nun vollkommen abgestumpft gegenüber ihrer Henkerstätigkeit zu sein schienen. Ich war wohl wie sie. Ich ahnte, dass ich, wenn ich mir dieses beklagenswerte Schauspiel zumutete, nicht mehr so sehr den Skandal vor Augen hatte, das unüberwindbare Gefühl einer Übertretung, eines ungeheuerlichen Verstoßes gegen das Gute und Schöne, sondern dass sich das Empfinden für diesen Skandal von selbst abnutzte, dass in der Tat eine Gewöhnung einsetzte und man auf lange Sicht nicht mehr viel empfand; was ich also - verzweifelt, aber vergeblich - wiederzufinden suchte, war dieser Urschock, dieses Gefühl eines Bruchs, einer unendlichen Erschütterung meines ganzen Seins; stattdessen empfand ich nur noch eine deprimierende und beängstigende Erregung, immer kürzer, bitterer, sich mit dem Fieber und meinen anderen körperlichen Symptomen vermischend, und so wühlte ich mich, ohne dessen gewahr zu werden, immer tiefer in den Schlamm hinein, während ich doch das Licht suchte.""

Herausgekommen ist ein Buch, das eine Mischung ist aus historischem Material und literarischer Fiktion, und das in vielfacher Hinsicht ein Meilenstein ist. Nicht nur, weil es Orte, Namen und Ereignisse genauestens benennt und den Ablauf der Tötungsmaschinerie nachvollziehbar macht, weil es den Lauf der Geschichte minutiös und bewundernswert plastisch nachzeichnet. Und somit fast ein Geschichtsbuch ist - als Roman. Denn da, wo Jonathan Littell Fakten findet in Dokumenten, da nimmt er sie, und da wo sie fehlen, da er-findet er sie. Aber so, daß es immer wahrscheinlich bleibt und das Buch zu einem stimmigen Ganzen macht. Das vor allem auch deshalb beeindruckt, weil es mit seinen Charakteren, gerade mit Max, Figuren schafft, die uns nahe kommen. Die wir nachvollziehen können. Die wir fühlen können. Die eigentlich wir selbst sein könnten. Jonathan Littell geht es nicht um die historische Wahrheit des Holocaust. Sondern um die literarische Wahrheit: Wieviel Grausamkeit von Max Aue steckt in jedem von uns?! Wer den Mut hat, sich dieser Frage zu stellen, der lese...

Hat das Buch also doch damit zu tun, daß Jonathan Littell Jude ist und der Holocaust in der Familie präsent?

"Ja, aber damit hat es nicht unbedingt zu tun! Ich komme aus einer jüdisch-amerikanischen Familie und die lebt seit 20 Jahren in den USA. Natürlich kommt dieses Thema in unserer Familie vor. Aber wir reden nur darüber. Niemand hat es wirklich erlebt. Das größte Problem meines Vaters während des Krieges war es, Zucker zu bekommen. Er hat also nicht viel gelitten. Niemand aus meiner Familie hat an einem Krieg teilgenommen. Weder mein Vater noch mein Großvater. Der eine war zu jung, der andere zu alt. Mein Großvater war in der Reserve und mein Vater war Ausbilder auf einer Marinebasis. Keiner von uns hatte direkten Kontakt zu dem damaligen Geschehen. Wenn es etwas gibt, das mich beeinflußt hat, dann ist es der Vietnam-Krieg. Das ist alles."

Max Aue, der das Allerschlimmste verhindern will und der lieber Plato und Stendhal lesen würde als in seinen Akten, steht dem ganzen Morden lange Zeit hilflos gegenüber. Er erfüllt eine tragische Doppelrolle dabei: Nach außen hin ist er einer der Verbindungsmänner Himmlers für die "Endlösung" (eine von dessen Marionetten letztlich), ein perfekter Erfüllungsgehilfe, wenn auch mit eigenen Ansichten, die nicht immer geteilt werden, doch nach innen hin denkt und empfindet Max häufig ganz anders. Er setzt sich wie Speer dafür ein, dass die in den KZs zur Zwangsarbeit verpflichteten Juden mehr Essen bekommen. Damit die Produktivität in der Rüstungsproduktion steigt. Merkt aber langsam, dass es nicht nur die KZ-Leiter sind, die aus Korruption die Rationen für sich abzweigen, sondern dass der Befehl von ganz oben kommt: Lieber die Juden aushungern lassen als sie im "Reich" arbeiten lassen! Der Rassenwahn hatte hier gesiegt und Deutschland noch schneller in den Abgrund getrieben. Max verzweifelt fast daran. Wird fast apathisch.

""Eichmann blieb ein glücklicher Mensch, seiner selbst gewiss, der seine Dienststelle fest im Griff hatte. Das sah bei mir ganz anders aus. Mein Unglück erwuchs vielleicht daraus, dass man mich mit Aufgaben betraut hatte, die nicht meinen natürlichen Neigungen entsprachen. Schon seit Russland fühlte ich mich wie neben mir stehend, fähig, alles zu tun, was man von mir verlangte, aber auch in mich selbst eingesperrt, was die Initiative anging, denn diese zunächst polizeilichen, dann wirtschaftlichen Aufgaben hatte ich zwar bearbeitet und bewältigt, aber es war mir noch nicht gelungen, mich von ihrer Berechtigung zu überzeugen, die innere Notwendigkeit, die sie leitete, wirklich zu begreifen und damit meinen Pfad mit der Sicherheit eines Schlafwandlers zu gehen wie der Führer und so viele meiner Kameraden, die dafür begabter waren als ich. Ob es wohl ein anderes Tätigkeitsfeld gegeben hätte, das mir mehr entsprochen, auf dem ich mich eher zu Hause gefühlt hätte? Möglich, aber schwer zu entscheiden, weil es nicht gegeben war, und schließlich zählt nur, was gewesen ist, und nicht, was hätte sein können. Die Dinge waren von Anfang an nicht so, wie ich sie mir gewünscht hätte: Damit hatte ich mich schon lange abgefunden (und gleichzeitig hatte ich die Dinge selbst nie so akzeptiert, wie sie waren, so falsch und so schlecht, allenfalls hatte ich letztlich mein Unvermögen eingesehen, sie zu verändern).""

Am Ende erwartet Max Aue seine Rachegöttinnen, "Die Wohlgesinnten". Er weiß, dass er ihnen nicht entgehen wird. Nicht nach all den Morden, die er begangen hat, nicht nach all den Morden, die er ermöglicht hat, nicht nach all dem, was er gesehen und geduldet hat. Wie ein moderner Orest (das ganze Buch hat die Orestie des Aischylos als Folie) lässt ihn Jonathan Littell nicht nur Mutter- und Gattenmord begehen, sondern am Ende auch noch zum Freundesmörder werden. Wo man nur hinsieht, überall ist Blut, Grauen, ein Vergessen ist unmöglich. Dass jemand zur Bestie werden kann und wie - Jonathan Littell zeigt es in seinem großartigen Roman an seinem tragischen Max Aue. Einer Figur, die eigentlich ein "Mann ohne Eigenschaften" ist, ein Mensch, der, wie er selber sagt, "lieber nicht geboren worden wäre", dem das Leben übel mitspielte, als er Kind war, der sich später selbst nicht erkennt, der zur Liebe nicht fähig ist und der deshalb den Wert des Lebens nicht zu schätzen lernt. Aus ihm wird ein Henker...


Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten
Berlin Verlag
1383 Seiten, 36 Euro

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