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StartseiteKultur heuteHitlers Werk "aufklärerisch transparent machen"20.02.2015

"Mein Kampf"-AusgabeHitlers Werk "aufklärerisch transparent machen"

Anfang kommenden Jahres möchte das Institut für Zeitgeschichte in München eine kommentierte Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf" veröffentlichen. Er werde ein bisschen so aussehen, als sei der Text umzingelt, beschreibt Andreas Wirsching, Direktor des Instituts, die Vorgehensweise - und das sei symbolisch wie auch physisch gemeint.

Andreas Wirsching im Gespräch Michael Köhler

Das Buch "Mein Kampf - 1. Band" von Adolf Hitler wird im Kunstmuseum in Solingen in der Ausstellung "Die verbrannten Dichter" gezeigt. (picture alliance / dpa /  Rolf Vennenbernd)
"Mein Kampf" - Bald soll es eine kommentierte Edition geben. (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
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Michael Köhler: Es ist ein lang verfolgtes editorisches Projekt, das ungeteilte Zustimmung unter den Historikern hat und findet. Das Münchener Institut für Zeitgeschichte bereitet eine kommentierte Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf" vor. Und für die Veröffentlichung läuft sich das Institut und seine Leitung schon mal ein bisschen warm. Die Urheberrechte laufen Ende dieses Jahres aus. Das Originalmanuskript umfasst knapp 800 Seiten. Ich habe deshalb Andreas Wirsching, den Direktor des Instituts, zu Beginn eher etwas unhistorisch gefragt: Wie stark, wie dick wird denn dann erst recht mal eine kommentierte Ausgabe?

Andreas Wirsching: Die kommentierte Ausgabe wird roundabout doppelt so dick. Es sind ja nicht nur die Kommentare, sondern es kommt eine Einleitung dazu, ein Index, ein Sachindex wie auch ein Personenindex. Und noch so ein paar zusätzliche Erläuterungen. Insofern kann man da schon mit gut 1700, 1800 Seiten rechnen und das Ganze wird auch in zwei Bänden erscheinen.

Köhler: Es ist eine antisemitische Hetzschrift, die Rasse- und Vernichtungspolitik vorbereitet. Wie sind Sie herangegangen? Ist das für Sie ein Stück Literatur, eine politische Kampf- und Hetzschrift? Wie haben Sie es aufgebaut?

Wirsching: Auch auf die Nachgeschichte hinweisen

Wirsching: Hitlers "Mein Kampf" ist ja mehreres zugleich. Es ist zweifellos eine politische Hetzschrift und auch rassistische Hetzschrift. Es ist aber auch der Versuch einer, ich sage mal, stark stilisierten Autobiografie und jede Menge politische Reflexionen über das Kaiserreich etwa. Insofern ist es durchaus auch heterogen. Und wichtig ist, dass wir eine Edition, wie wir das nennen, mit Standpunkt machen, das heißt nicht nur gewissermaßen neutral erklärend, sondern durchaus auch aufzeigend, wohin manche Ideentransfers, die durch Hitler verdichtet sind und in Hitlers "Mein Kampf" vorkommen, dann auch nach 1933 geführt haben. Das ist eigentlich für eine Edition eher ungewöhnlich, dass man auch auf die Nachgeschichte hinweist. Das tun wir aber, einfach aufgrund des speziellen Charakters, den das Buches hat.

Köhler: Ich wollte damit auf etwas hinaus, nämlich es ist ja auch ein Stück - so merkwürdig das zu sein scheint - Literatur und spiegelt auch den weltanschaulichen Extremismus zwischen den Kriegen, wie er ja konkorrent war.

Wirsching: Absolut, wobei ich sagen würde, der weltanschauliche Extremismus vor allem auch in der Zeit bis 1914. Wenn wir uns in die völkische Welt um 1900 begeben, dann sieht man auch sehr viele Paradigmen, Ideologeme gewissermaßen, seien sie sozialdarwinistisch, seien sie rassistisch, die bei Hitler dann in spezifischer Weise aufgenommen und zugespitzt werden.

Köhler: Dan Hardy sage ich nur, Kriegshetzer, Erster Weltkrieg.

Wirsching: Zum Beispiel, genau.

Köhler: Ihre Arbeit, Professor Wirsching, ist unabhängig von den Launen der bayerischen Staatsregierung, was die Unterstützung angeht?

Wirsching: Erstellung völlig unabhängig von Bayern

Wirsching: Die ist unabhängig. Ich meine, das Institut für Zeitgeschichte ist ja ein Mitglied der Leibnitz-Gemeinschaft und ist ein völlig autonomes Forschungsinstitut. Wir sind da in keiner Weise von Weisungen oder Ähnlichem der Staatsregierung abhängig. Es hat auch nie einen wirklichen Auftrag der Staatsregierung an das Institut gegeben, sondern was es gegeben hat war eine Sonderförderung eines bereits laufenden Projekts, eben im Hinblick auf Ende 2015 auslaufende Rechte. Und diese Sonderförderung, die ist evoziert worden, nicht mehr und nicht weniger. Und wir machen das inzwischen völlig unabhängig, ohne dass der Freistaat da direkt involviert ist finanziell. Und das läuft auch alles nach Plan.

Köhler: Das heißt, mit einer kommentierten Ausgabe ist Anfang nächsten Jahres zu rechnen?

Wirsching: Ja.

Köhler: Und die könnte ich heute schon bei Ihnen subskribieren?

Wirsching: Das ist eine gute Frage. Wir haben schon überlegt, dass wir bald eine Subskribtionsliste vielleicht einrichten sollten, denn wir machen das im Eigenverlag. Das ist auch wichtig, damit wir alle Rechte behalten - das ist bei der Thematik entscheidend wichtig - und dass wir auch vermeiden, dass privatwirtschaftliche Profite damit gemacht werden. Wenn Sie es jetzt subskribieren wollen, dann fange ich die Liste gleich an.

Köhler: Könnte am Ende Ihre Ausgabe nicht dann doch in falsche Hände geraten?

Wirsching: Vollständig ausschließen kann man das nicht, denn in dem Maße, in dem das dann frei verfügbar auch im Buchhandel erwerbbar sein wird, kann es natürlich sich im Prinzip jeder anschaffen und auch entsprechend fälschlich nutzen. Wir haben aber das Prinzip, dass keine Seite Hitler-Text verfügbar ist ohne den entsprechenden Kommentar. Das wird auch in einer möglichen digitalen Ausgabe später der Fall sein. Das heißt, wer unsere Ausgabe hat, der hat eben nicht nur Hitler und schon gar nicht einen irgendwie auratisierten oder mystifizierten Hitler-Text, der für sich zu sprechen scheint, sondern er muss im Grunde unsere Erläuterungen, unsere Kommentierungen zumindest visuell mal zur Kenntnis nehmen.

Köhler: Das heißt, Sie fürchten auch kein Verbot der Ausgabe auf Grundlage des Paragrafen 86 Strafgesetzbuch?

Wirsching: Nein, die fürchte ich nicht.

Köhler: Ein Letztes: Sie haben, glaube ich, mal gesagt - ich hoffe, ich zitiere Sie richtig -, Sie wollen mit Ihrer Ausgabe Hitler umzingeln. Was meinen Sie damit?

Wirsching: Das stimmt, das habe ich gesagt. Das ist sowohl symbolisch wie auch physisch gemeint. Wir wollen eine Ausgabe machen, die den Kommentar nicht in sozusagen reinen Fußnoten hat, wie das bei normalen zeithistorischen oder sonstigen Editionen der Fall ist, sondern das Layout wird so aussehen, dass wir die original paginierte aus der ersten Auflage 1945/46, die original paginierte Hitler "Mein Kampf"-Seite haben und darum herum in kleinen Kästen die Anmerkungen beziehungsweise die Kommentare aufscheinen lassen, und das sieht, wenn man das so im Layout sehen wird, ein bisschen aus, als ob der Text umzingelt ist. Darauf bezieht sich das. Aber das ist natürlich auch symbolisch gemeint. Wir wollen schon Hitler jetzt nicht einfach immer nur entlarven, sondern es geht um die Halbwahrheiten, die halben Lügen, die halben Wahrheiten, die Propaganda, die darin steckt, und so weiter. Das zu erläutern und damit dann in gewisser Weise auch aufklärerisch transparent zu machen.

Köhler: ... , sagt Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, zur kommenden kommentierten Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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