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StartseiteBüchermarkt"Mein Leben wird eine Grille gewesen sein"19.01.2009

"Mein Leben wird eine Grille gewesen sein"

Hans-Dieter Gelfert: "Edgar Allan Poe. Am Rande des Malstroms", C.H.Beck Verlag

Edgar Allan Poes literarische Karriere ist eine typisch posthume. Heute zählt er unbestritten zu den Klassikern der amerikanischen Literatur - Konsens herrscht allenfalls nicht in der Frage, ob er der Sparte "E" oder "U" zuzuordnen sei. Der Anglist Hans-Dieter Gelfert legt nun eine Biographie vor, die den jüngsten Forschungsstand zusammenfasst sowie eigene Akzente setzt, die das tradierte Bild des Dichters zurechtzurücken helfen.

Von Bernd Mattheus

Ein Zimmer im Edgar-Allan-Poe-Haus in Baltimore (AP)
Ein Zimmer im Edgar-Allan-Poe-Haus in Baltimore (AP)

Edgar Poes so tragisches wie kurzes Leben beginnt 1809 in Boston. Seine Eltern sind Schauspieler, die zwei weitere Kinder haben. Mit drei Jahren wird er Halbwaise, da seine Mutter der TBC erliegt; faktisch aber Vollwaise, da sein alkoholabhängiger Vater die Familie verlassen hat. Edgar wächst bei Pflegeeltern auf, den Allans, deren Namen er fortan in seinen eigentlichen integriert. Er wächst in Richmond, einer Kleinstadt des Staates Virginia auf.

Zunächst von seinem vermögenden Ziehvater gefördert, kommt es zur Entfremdung zwischen Allan und Poe, als letzterer zu studieren beginnt. Er belegte Französisch und Latein, konnte aber nachweislich auch deutsch lesen. Edgar musste Schulden machen, schließlich aus Armut das Studium gänzlich abbrechen. Einen Ausweg schien der Eintritt in die US-Army zu bieten.

Zwischen 1827 und 1830 studierte er an der Militärakademie Westpoint Französisch und Mathematik. Auch diesen Karriere-Ansatz musste er vorzeitig aufgeben, da ihm die Mittel fehlten. Poe sucht bei seiner Großmutter Maria Clemm in Baltimore Zuflucht. Da hatte er bereits zwei Gedichtsammlungen veröffentlicht: die eine, stilistisch an Lord Byron orientiert, als Privatdruck, die andere auf Subskriptions-Basis.

1832 werden seine ersten Erzählungen gedruckt, und als er im folgenden Jahr mit dem "Manuskriptfund in einer Flasche" ein Preisausschreiben gewinnt, scheint sich das Blatt für ihn zu wenden. 1835 heuert er als Redakteur beim neu gegründeten "Southern Literary Messenger" in Richmond an. Fortan wird der Journalismus, neben Vorträgen, Poes Haupterwerbsquelle darstellen. Da es kein Copyright-Gesetz gab, verdienten die Autoren dieser Epoche mit ihren Büchern meistens wenig bis nichts, aber ihnen blieb der Vorabdruck ihrer Werke in den Feuilletons von Zeitungen und Zeitschriften.

Obwohl Poes Produktivität immens ist - der streitbare Kritiker bringt es auf 57 Rezensionen jährlich, manche davon im Umfang von 40 Druckseiten -, ermöglicht ihm dies gerade einmal das Überleben. Gelfert weist darauf hin, dass der Schriftsteller mehr Grotesken und Satiren geschrieben hat als jene phantastischen Erzählungen, die für uns zu seinem Markenzeichen geworden sind.

Ziemlich regelmäßig überwirft sich Poe mit seinen Arbeitgebern, den Zeitschriften-Verlegern, was ihn zu häufigen Ortswechseln nötigt. Die Ehe mit seiner Cousine Virginia Clemm, 1836 geschlossen, als diese noch keine 14 Jahre alt ist, gibt zu gewagten Spekulationen Anlass: Könnte es sich nicht um ein asexuelles Verhältnis gehandelt haben? Edgar Allan hatte das Mädchen von engelhafter Schönheit und fragiler Gesundheit im Haushalt seiner Großmutter kennengelernt, die nun seine Schwiegermutter wird - mehr noch: Vertraute und Ersatzmutter zugleich. Man wird an die Passion des Novalis für die 13-jährige Sophie v. Kühn erinnert.

In den folgenden sieben Jahren schreibt Poe die für ihn charakteristischen Prosastücke "Ligeia", "Der Fall des Hauses Usher", "William Wilson", "Der Maelstrom", "Eleonora", "Die Maske des roten Todes", "Der Goldkäfer" etc. Poe erweist sich als Meister darin, den Einbruch des Unheimlichen, Übernatürlichen in das anscheinend Normale zu schildern. Einzigartig sein Verständnis für pathologische Reaktionen, unmotiviertes delinquentes Verhalten. Das eigentlich Irrationale, Unberechenbare aber ist die Psyche des Menschen selbst. Häufig bei ihm das Motiv der Widergängerin, kurz: das der allmächtigen femme fatale.

Recht kurios Gelferts Bemühen, das Imaginäre vermessen zu wollen und dem Autor logische Ungereimtheiten nachzuweisen in den Geschichten, so als hätte dieser keinen Sinn für Proportionen gehabt.

"Im Hause Usher leben Menschen", so Gelfert, "deren geschwächter Wille nicht mehr ausreicht, ihre hypertrophe Geistigkeit aufrechtzuerhalten, weshalb sie zurück in die Einheit des Uranfangs fallen." Zwar interessierte sich Poe für Esoterik wie auch für die Parawissenschaften seiner Zeit, so Mesmerismus oder Phrenologie. Andererseits war aber sein klaustrophobisches Erzähluniversum, bevölkert von "neurasthenischen" Untoten, eine negative, genuin romantische Reaktion auf die technologischen Revolutionen von Dampfmaschine, Heißluftballon und mechanischem Webstuhl. Grundsätzlich vermochte er an keine Vervollkommnung des Menschen noch an Fortschritt in diesem Leben zu glauben.

Nachdem sein einziger Roman, "Die denkwürdigen Erlebnisse Arthur Gordon Pyms", 1838 anonym publiziert, ebenso ein Misserfolg war wie die 1840 erschienenen Erzählungen "Grotesken und Arabesken", hielt Poe nach einer bürgerlichen Sinekure Ausschau. Freundschaftliche Verbindungen rückten 1843 ein Staatsamt in greifbare Nähe. Bevor es zu dem entscheidenden Termin kam, torpedierte der Schriftsteller durch Trunkenheit das Unterfangen. Waren ihm "hoaxes", Machtspiele im Geschriebenen möglich, so versagte dieses Mittel im prosaischen Alltag, dem Poe häufig mit Ohnmacht begegnete.

1847 stirbt Virginia in Fordham bei New York an Tuberkulose. Poe hatte dort für sich und die beiden Frauen ein Cottage gemietet. Nach dieser Verlusterfahrung häufen sich seine alkoholischen Exzesse - einschließlich paranoider Episoden als deren Folge. 1848 überlebt er einen Suizidversuch mit Laudanum, damals eine jedermann zugängliche Opiumtinktur. Um seine ökonomische Notlage zu wenden, hatte Poe die Heirat mit einer vermögenden Witwe angestrebt, war aber gescheitert.

Der zweite Versuch, sich mit dem Möglichen zu arrangieren, das heißt, sich durch eine Vernunftehe mit einem Jugendschwarm zu konsolidieren, endet in einem Fiasko. 1849 wird der frisch verlobte Witwer in einer Spelunke von Baltimore in hilflosem Zustand aufgefunden. Rätselhaft bleibt nicht allein seine abgerissene Bekleidung, hatte er doch unmittelbar vorher einen Vortrag absolviert. Wurde er ausgeraubt? Nach vier Tagen haucht Poe im Krankenhaus der Stadt im Alter von 40 Jahren delirierend und agitiert sein Leben aus. "Mein Leben wird eine Grille gewesen sein", hatte er einst vorausahnend notiert.

Charles Baudelaire erkannte in ihm einen Geistesverwandten und übersetzte ab 1852 Poes Werke ins Französische. Übrigens gleicht das angedeutete ironische Lächeln des amerikanischen Dandys demjenigen des französischen poète maudit, wie man es auf den weniger bekannten Lichtbildern der beiden entdecken kann.

Poes Wirkung auf spätere Generationen von Schriftstellern kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. So auf Villiers de l'Isle Adam, Barbey d'Aurevilly oder Oskar Panizza. Nicht zuletzt war Poes Amateurdetektiv Dupin der Prototyp von Arthur Conan Doyles "Sherlock Holmes".

Die Surrealisten schließlich hätten sich auf den Prolog zu Eureka berufen können. Poe hatte das Buch jenen gewidmet, "die eher fühlen als denken, den Träumern und denen, die an Träume als die einzigen Realitäten glauben". Antonin Artaud zählte Poe zu den Opfern der Gesellschaft, so als müssten nicht konsensfähige Überzeugungen mit Elend und frühem Tod abgebüßt werden. Hatte Poe nicht auch bekannt: "Man behauptet von mir, ich sei wahnsinnig; aber es ist noch sehr die Frage, ob der Wahnsinn nicht die höchste Stufe der Geistigkeit ist, ob nicht aller Ruhm und alle Tiefe ihren Ursprung in der Krankhaftigkeit des Gedankens haben"?

Hans-Dieter Gelfert: Poe. Am Rande des Malstroms.
C.H. Beck, München 2008. 249 S., Euro 19,90

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