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StartseiteBüchermarktMein Sandvolk05.05.2003

Mein Sandvolk

Aus dem Japanischen von Nicole Linker

Nun, soweit hergebracht ist diese Annahme wohl nicht. Dreißig Gedichtbände, neben Essays und Prosa, sind bislang von der Dichterin Kazuko Shiraishi erschienen - und noch einiges ist von der vitalen, bereits über siebzigjährigen Japanerin zu erwarten. Geboren wurde sie 1931 als Tochter eines japanischen Fischexporteurs im kanadischen Vancouver. Kurz vor dem Ausbruch des Japanisch-Chinesischen Kriegs, 1937, kehrte die Familie nach Japan zurück. Das nun in weiter Ferne liegende Kanada blieb das Land der Sehnsucht von Kazuko Shiraishi, besonders in jenen Jahren, als die erstarrte japanische Nachkriegsgesellschaft mit ihren Konventionen jungen, sich emanzipierenden Frauen deutliche Grenzen zog. Mit zwanzig veröffentlichte Kazuko Shiraishi ihren ersten Gedichtband, "Die Stadt in der es Eier regnet", das literarische Debüt sorgte für Aufsehen. Die Dichterin war damals bereits Mitglied der japanischen Künstlergruppe VOU, einer dem Surrealismus verpflichteten Vereinigung, dessen Kopf, Katsue Kitazono, ein Freund Ezra Ponds war und der die junge Dichterin entdeckt hatte. Ein Jahr nach der Veröffentlichung ihres ersten Bandes schloss Kazuko Shiraishi ihr Studium der Literatur und Kunst ab, heiratete, bekam ein Kind - und verstummte für etliche Jahre.

Cornelia Jentzsch

Alle waren erstaunt, liebten meine Dichtung, liebten diese perfekt talentierte modernistische Dichterin. Aber niemand lehrte mich tatsächlich Poesie, und so wurde ich zum liebenswürdigen, emotionslosen Haustier. Ich dachte, meine Poesie wäre zweite Wahl geworden, ich begann mich für meine Gedichte zu schämen.

Kazuko Shiraishi warf der Gruppe VOU vor, Kunst nur um der Kunst willen zu produzieren und das reale, chaotische Leben und seine Kraft zu ignorieren. Nach ihrer Scheidung, 1960, erscheint ihr zweiter Gedichtband "Tigerspiele". Nachts arbeitete sie an ihren Gedichten, tags schrieb sie für Zeitungen und Magazine, um sich und ihre Tochter finanziell über Wasser zu halten. In diese Zeit fiel ihre erste Begegnung mit amerikanischer Musik und Poesie. Sie hörte Jazz von John Coltrane und Gedichte von Dylan Thomas und Allen Ginsberg, mit dem sie sich später befreundete. Die Lyrik Kazuko Shiraishis wandelten sich radikal, wurden länger, vom Jazz rhythmisiert und von der harten Realität inspiriert. Die Poesie war ihr nicht mehr eine Kunst der Sprache, sondern sie wurde zu einer Poesie der individuellen Vorstellungskraft. 1965 veröffentlicht Kazuko Shiraishi ihren fünften Gedichtband mit dem prophetischen Titel Heute abend sieht es nach Sturm aus - und tatsächlich tobte daraufhin die japanische literarische Gesellschaft. Hatte es doch eine Frau gewagt, ein Gedicht mit dem Titel "Phallus" dem Publikum zu präsentieren. Die Bigotterie der öffentlichen Reaktion erscheint umso bizarrer, da genau zu dieser Zeit die großen alten Männer der literarischen Szene, Junichiro Tanazaki und Yasunari Kawabata, Romane mit dem Thema Sexualität veröffentlichen.

Das ist die japanische Gesellschaft, die Literaturszene! Wenn ich ein erotisches Wort benutze, meint man, ich sei eine dreckige Person, eine Prostituierte. Es ist schon komisch, benutzt ein Mann das selbe Wort, redet niemand ihm etwas schlechtes nach, später meinen die Leute sogar, er hätte interessante, aufregende Dinge gesagt. Natürlich kämpfe ich gegen diese Ansicht. Von der allgemeinen Meinung halte ich nicht viel, wichtiger ist mir, daß mich Menschen mit einem großen Herzen verstehen - und seien es auch nur einige wenige. Wie Mishima, leider bereits verstorben. Mishima mochte die Männer nicht, aber meine Poesie. Gestorben sind auch Kenneth Rexroth, Allen Ginsberg, jetzt Andrej Wosnessenskij in Rußland. Sie alle waren meine Freunde und respektierten meine Arbeit.

Yukio Mishima war seinerzeit der bekannteste Schriftsteller Japans, sein ritueller Selbstmord mit 45 Jahren erschütterte die Öffentlichkeit. Mishima übersetzte für die von ihm herausgegebene Anthologie "New Writing in Japan" das umstrittene Gedicht "Phallus" von Kazuko Shiraishi ins Englische und begründete damit ihren internationalen Erfolg.

Man sollte jetzt aber nicht annehmen, Kazuko Shiraishi sei in Japan eine verfemte Dichterin. Im Gegenteil, sie gehört inzwischen dort zu den meistausgezeichneten Poeten, wenn sie nicht sogar die bekannteste Dichterin ist. Auch der jetzt auf deutsch erschiene Gedichtband Mein Sandvolk wurde bei seinem Erscheinen 1982 mit einem Preis bedacht. Der Band enthält zwölf zu einem Zyklus zusammengefaßte Texte, die sich aus der Sicht verschiedener Kulturen und Religionen her der Wüste und dem Wesen des Sandes annähern. Die granulare Materie Sand wird von der Wissenschaft als vierter Aggregatzustand bezeichnet. Die Forscher wissen bislang immer noch nicht, ob sie sie als Festkörper oder als Flüssigkeit behandeln sollen. Nachdem Kazuko Shiraishi auf zahlreichen Reisen festgestellt hatte, daß der Sand in verschiedenen Regionen voneinander abweichende Farben hat - gelb in Kairo und in der Wüsete Gizeh, rosa in Abu Simbel und am Assuan-Staudamm, schwarz auf Hawaii - entstand die Idee zu diesem Zyklus.

Das Sandvolk, diese liebenswerten Geister aus trocknen Sandkörnern, rufen den Zauberspruch Riverside, Riverside, kommen rasch heraus und laufen, fliegen in die Wüste. Wo ich auch bin, streben meine Gedanken zur Wüste, zum Sand.... Dabei werde ich nach und nach begraben. Mein Gedächtnis wird von meinem Sandvolk überlagert und reicht schon jetzt hunderttausende von Jahren zurück... Vielleicht werde ich selbst zur Vorzeit, scheine zu schlafen.

Das den Zyklus einleitende und im gewissen Sinn auch erklärende Gedicht erzählt vom Besuch Kazuko Shiraishis bei Freunden in Riverside, das sich etwa südöstlich von Los Angeles befindet. Der Name des in der Nähe der Wüste gelegenen Ortes ist irreführend, sein Fluß ist seit fast einem Jahrhundert ausgetrocknet. Während des Besuches war es außerordentlich heiß und Kazuko Shiraishi spürte jenes Delirium eines verdurstenden Wüstenwanderers, das einem innerlichen Verbrennen gleicht. Doch eine Erregung ihrer Seele, eine Art spirituelle Vision, die eine imaginäre Welt ohne Zeit und Raum schuf, habe sie vor diesem Verbrennen gerettet, sagte sie. Dieser Kraft gab sie den Namen Sandfamilie oder Sandvolk. Sie beschreibt ihr Sandvolk als imaginäre Geister, die aus den Bildern verschiedener Mythen - wie ägyptischer, australischer, oder japanischer - gespeist werden.

Die sich in diesen Visionen verwirbelnden Religionen und Lebensweisen führen untereinender einen Dialog, stehen gleichberechtigt nebeneinander. Was Kazuko Shiraishi hier literarisch entwirft, steht gleichzeitig für ihre Vision von Leben auf dem Planeten. Auf zahlreichen Reisen quer durch alle Kontinente aufgrund von Einladungen internationaler Poesiefestivals und zahlreicher Freunde lernte die Dichterin die unterschiedlichsten Kulturen, aber auch bestehende Differenzen kennen. Bestärkt durch den Konfuzianismus glaubt sie an ein Weltgedicht, das von gemeinsamen, befruchtenden Geistern genährt wird. Sie glaubt an die läuternde, visionäre Kraft der Poesie. Konfuzius meinte, von ihrer Natur herjtünden die Menschen einander nahe, erst durch Gewohnheit entfernen sie sich voneinander/Wie der Meister einer mehr als zweitausendjahre alten Philosophie lebt auch die Dichterin in zwei sich ergänzenden Welten, der Welt alltäglicher, für sich stehender Pflichten und der Welt eines moralischen Interesses am Ganzen, die über jene erste Welt hinausweist.

Jeder fragt mich, ob denn das Schreiben nicht eine sehr harte Arbeit sei. Nein, für mich ist es eine konzentrierte Arbeit, eine Meditation. Während ich schreibe, befinde ich mich in einem sehr stillen Kosmos, ich lebe in einem reinigenden spirituellen Gefühl.

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