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StartseiteEuropa heuteMeinungsfreiheit oder Blasphemie01.02.2006

Meinungsfreiheit oder Blasphemie

Der Streit um die Mohammed-Karikaturen in Dänemark

Erleichtert hat der dänische Regierungschef Rasmussen auf die Entschuldigung der Tageszeitung "Jyllands Posten" reagiert – doch die Auseinandersetzung über die umstrittenen Karikaturen des Propheten Mohammed dürfte damit noch nicht ausgestanden sein. Noch immer stehen die Boykottdrohungen der islamischen Welt im Raum. Und auch innenpolitisch hat sich das Klima im Zeichen der Zuwandererdebatte noch einmal deutlich verschärft.

Der dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen distanziert sich von den Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung. (AP)
Der dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen distanziert sich von den Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung. (AP)

Blågardsplads, Nørrebro – das Kreuzberg Kopenhagens. Viele der Geschäfte sind mit arabischen Lettern überschrieben. Ueberall gibt es dieser Tage nur ein Thema – die Mohammed-Karikaturen und ihre Folgen.

"Ich finde es unfaßbar, welche Ausmaße das ganze angenommen hat. Doch wenn wir Dänen Menschen verletzt haben, sollten wir etwas unternehmen, ja den anderen entgegenkommen. Das ist meine Meinung."

Hinter der Kasse steht Mohammed Ashari und nickt. Seit sechzehn Jahren lebt der Vierzigjährige in Dänemark, Mitte der neunziger Jahre eröffnete er seinen Gemüsehandel. Die Dänen sind ein freundliches, liberales Volk, sagt Ashari. Das Problem seien die Medien und die jetzige Regierung. Die Entschuldigung Jyllands-Postens, findet er, sei ein Hohn:

"Alle Zeichnungen waren volle Absicht. Unser Prophet Mohammed wurde mit Bombe im Turban sowie als Blinder dargestellt. Das war ganz bewußt, die Zeitung wollte provozieren."

Ashari ist sich sicher, politischer Druck allein habe Jyllands-Posten gezwungen, sich bei den Moslems in aller Welt zu entschuldigen. Vier Monate lang hätten die Regierung und die dänische Wirtschaft geschwiegen. Erst nach dem Boykott dänischer Waren in der arabischen Welt habe man angefangen, sich vom Vorgehen der Zeitung zu distanzieren.

"Diese Boykottwelle kann gestoppt werden, allerdings muß Dänemark mehr tun als sich zu entschuldigen. Die Regierung muß ein neues Gesetz verabschieden, daß eine rote Linie zieht – und zwar vor allen Religionen. Nicht jeder darf daher kommen und Andersgläubige beleidigen und mißbrauchen."

Noch versöhnlicher zeigte sich gestern abend die Islamische Glaubensgemeinschaft, ein Zusammenschluß von 27 in Dänemark ansässigen moslemischen Organisationen. Insbesondere über die Aussage von Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen, er persönlich hätte die Karikaturen niemals publiziert, zeigte sich deren Sprecher Achmed Akari erfreut:

"Wir fordern, daß Jyllands-Posten sich alsbald eindeutig entschuldigt. Wir freuen uns über die klare und eindeutige Distanzierung von Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen, gleichzeitig aber fragen wir uns, ob dies der Standpunkt der gesamten Regierung ist."

Unterdessen tut die dänische Regierung alles, um die Krise beizulegen. In London traf Außenminister Per Stig Møller gestern mit UNO-Generalsekretär Kofi Annan, zahlreichen EU-Kollegen und Aussenministern der arabischen Staaten zusammen. Ministerpräsident Rasmussen mahnte die moslemischen Organisationen des Landes, einen Beitrag zur Versöhnung zu leisten.

"Was mir Sorge bereitet, sind die Spannungen, die innerhalb unserer Gesellschaft aufgrund des Boykottes entstehen können. Ich denke, hier können die religiösen Führer sich selbst und der Integration in der dänischen Gesellschaft einen großen Gefallen tun, würden sie sich von dem Boykott distanzieren, in dem dänische Arbeitsplätze und die dänische Bevölkerung nun als Geisel in einem religiösen Kampf genommen werden. Sie sollten versuchen, die Gemüter in der arabischen Welt zu beruhigen."

Bis dahin aber scheint es noch ein langer Weg. Gestern wurden neue Drohungen gegen die im Irak stationierten dänischen Soldaten bekannt. In Dänemark selbst wurden die Redaktionsräume Jyllands-Postens in Århus und Kopenhagen nach einer telefonischen Bombendrohung geräumt. Entsprechend stürmisch verlief auch eine aktuelle Stunde im dänischen Parlament. Der Sozialdemokrat Sven Auken bezeichnete das Krisenmanagement von Ministerpräsident Rasmussen als katastrophal.

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