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StartseiteBüchermarktMeister des vergifteten Lobes17.10.2006

Meister des vergifteten Lobes

Neuer Sammelband zeigt eine andere Seite von Alfred Polgar

Es gibt in der Literaturgeschichte das Phänomen des tot gelobten Autors. Auch Alfred Polgar kann man dazu rechnen. Denn dieser, 1873 in Wien geborene Feuilletonist und Schriftsteller wurde schon von Zeitgenossen so hartnäckig in Positiv-Floskeln verpackt, dass eine eingehende Beschäftigung mit seinem Werk meist von vorneherein entfiel. Nach seinem Tod 1955 geriet Polgar dann schnell in Vergessenheit. Bis die Literaturkritik ihn Anfang der 80er Jahre im großen Stil wiederentdeckte.

Von Gisa Funck

Alfred Polgar (Kein & Aber)
Alfred Polgar (Kein & Aber)

Seitdem gilt Alfred Polgar als ebenso sakrosankter wie gar nicht mehr so geheimer "Geheimtipp" der Branche. Und wer als Literat hierzulande auf sich hält, der kennt und preist ihn: am liebsten mit der Polgar-Lobesformel schlechthin: als "Meister der kleinen Form" nämlich. Eine höchst zwiespältige Etikette, wie schon dem Autor selbst zu Lebzeiten schwante. "Ich bin seit Jahr und Tag als Feuilletonist stigmatisiert", klagte Polgar etwa 1951 in einem Brief an seinen Freund Alfred Neumann. Tatsächlich wurde er das Stigma eines Nur-Nebenbei-Literaten, dem man die große Literatur nicht so recht zutraute, nie ganz los. Doch übersehen Polgar-Leser dabei bis heute nicht nur leicht den Schriftsteller im Feuilletonisten. Sie blenden auch gern den Kritiker neben dem gewitzten Glossenschreiber und weitsichtigen Essayisten aus. Umso lobenswerter ist es darum, dass Harry Rowohlt nach seinem 2004 herausgegebenen "Großen Polgar-Lesebuch" nun mit einem Nachfolgeband von Kritiken aufwartet, der den Wiener Autor in einem anderen und keineswegs nur sympathischen Licht zeigt. Denn Polgar, Sohn eines jüdischen Klavierschul-Lehrers, begann seine Schreibkarriere in Wien als gnadenlos-scharfzüngiger Theaterkritiker. Und war in den Zehner- und Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts als Meister des vergifteten Lobes geradezu gefürchtet. So schreibt der Schriftsteller Robert Musil in einem 1926 erschienen Porträt über ihn, das Rowohlt nun nicht ohne Grund seinem neuen Polgar-Band als Vorwort vorwegschickt:

" Eine ernste Unterredung mit Alfred Polgar zustande zu bringen, ist für einen Mann von Literatur schwieriger, als eine Forelle mit der Hand zu fangen. (...) Polgar lässt die Dinge laufen, wie sie behaupten es zu können; er sieht ihnen bloß zu und beschreibt sie. Aber seit Busch hat niemand ihre Misere so boshaft freundlich beschrieben wie er. (...) In Polgars Eindrücken liegt ein System. Er lässt die Dinge vorbei, versetzt ihnen eins von hinten - und dadurch zerfallen sie wie auseinander genommene Spielzeuge. "

Ein Lieblingsopfer des Burgtheater-Rezensenten Polgar war ab 1905 der zehn Jahre ältere Dramatiker Arthur Schnitzler. Beide verband eine ungleichgewichtige Hassliebe zueinander. Denn, während Schnitzler - trotz seiner Empörung über die ständigen Verrisse Polgars - seinem Kontrahenten zumindest Schreibtalent zubilligte, sprach der Kritiker dem Dramatiker selbiges rundweg ab. Polgars Rezension des Schnitzler-Stücks "Der einsame Weg" von 1914 ist unter seinen Schnitzler-Kritiken ein wahres Meisterwerk an unterschwelliger Boshaftigkeit. Und ein gelungenes Beispiel dafür, wie nett-harmlos Polgar selbst noch negativste Urteile zu formulieren wusste:

" Alle Personen des Stücks haben eine Neigung, in sich selbst zu schauen, aus den Kellern ihres Bewusstseins Verstecktes ans Tageslicht zu fördern. Und wie ein guter Vater sorgt der Dichter für sie. Er gibt ihnen Gelegenheit. Wenn sie ein Bedürfnis haben (und sie haben immer ein Bedürfnis) führt er sie alsogleich innern. (...) Gewiss, das Leben ist hart, das Sterben bitter, und die Einsamkeit das Unentrinnbare von Anbeginn bis Ende. (...) Mancherlei Blicke in mancherlei Abgründe werden getan. (...) Es wird viel gezweifelt, aber mit Manieren, geschmackvoll. (...) Ach, und immer müssen Frauen sterben, damit Männer erlöst werden! Aber der gerührte Zuschauer weiß in seinem Innersten: es war nicht der Mühe wert. (...) Ibsen aus dem Wienerwald? Oder liegt vielleicht die Ahnung eines künstlerischen Mangels zugrunde? "

Alfred Polgar war 1914, als er diese Schmähungen auf Schnitzler abfeuerte, ein geachteter Mann von vierzig Jahren. Ein bekannter Kritiker und Bohemien, der sich gern in den einschlägigen Wiener Cafes aufhielt, um über Kunst und Weltpolitik zu diskutieren. Seinen Durchbruch als Schriftsteller feierte er hingegen erst sehr viel später, Mitte der Zwanzigerjahre nämlich. Da war er schon über fünfzig Jahre alt. Als Polgar 1917 unverhofft seine feste Redakteursstelle bei der Wiener Allgemeinen Zeitung verlor, ging er als freier Theaterkritiker nach Berlin, wo er unter anderem für die Weltbühne von Siegfried Jacobson arbeitete - und bald zum Lieblingsautor des Herausgebers aufrückte. Es waren nicht zuletzt Jacobsons ständige Ermunterungen, die Polgars zweite Karriere als Literat beflügelten. 1926 hatte er dann mit dem Rowohlt-Band "An den Rand geschrieben" einen überraschenden Bestsellererfolg. Es folgten weitere Bücher mit Kurzprosa im Rowohlt-Verlag - und weniger erfolgreiche Versuche als Kabarett- und Bühnen-Autor. Was Polgar aber auch in der Folgezeit nicht davon abhielt, weiterhin als Kritiker tätig zu sein. Als sein einziges Theaterstück "Die Defraudanten" 1931 nach der Uraufführung bei der Kritik weitgehend durchfiel, schreckte er noch nicht einmal davor zurück, sich selbst als Rezensent seines eigenen Stückes zu Wort zu melden. Einmal mehr typisch Polgarisch-ungnädig: sowohl gegen sich selbst als Autor - als auch gegen die hämischen Kritikerkollegen:

" Beabsichtigt war: ein Spiel vom armen Mann, der in Schande fällt wie in Ohnmacht. (...) So weit meine Intention. Dass sie gänzlich missverstanden wurde, lag vielleicht nicht nur an ihrer gewiss mangelhaften Ausführung, sondern wohl auch an der Verwöhntheit der Beurteiler durch Glanz und Geist der heutigen Komödien-Produktion. "

Es ist ein bisschen schade, dass Harry Rowohlt auch in seinem zweiten Polgar-Buch, das den etwas trotzigen Titel "Lauter gute Kritiken" trägt, erneut auf Hinweise zur Biographie des Autors verzichtet. Wie im Vorgänger findet man zwar auch hier einen Lebenslauf Polgars im Anhang. Doch dürften sich, zumindest für Laien, viele Anspielungen der Texte nicht ganz erschließen, die erst mit Blick auf den Werdegang des Kritikers und Schriftstellers vollends verständlich werden. Angefangen von Polgars Aversion gegen Schnitzler. Über seine lebenslange Skepsis linkspolitischen Ideologien gegenüber - bis hin zu seinen Bucherfolgen und den weniger erfolgreichen Versuchen als Bühnen- und schließlich auch Film-Autor: all' das bleibt in Lauter gute Kritiken unerwähnt. Ebenso wie der politische Hintergrund und der Aufstieg der Nationalsozialisten, der die Situation des jüdischen Autors natürlich dramatisch verschlechterte. 1930 wurde Polgar zusammen mit seinen Weltbühnen-Kollegen Kurt Tucholsky und Erich Kästner in die so genannte "Schmutzsonderklasse" eingeordnet. 1933 gelang ihm buchstäblich im letzten Moment die Flucht aus Deutschland. Von da an war Polgar auf die finanzielle Hilfe reicher Gönner angewiesen - und blieb es bis zu seinem Lebensende. Vom Verlust der Heimat, auch der Sprach-Heimat, aber erzählen die, aus diesen Jahren von Rowohlt ausgewählten Kritiken auffallend wenig. 1949 kehrte der US-Emigrant schließlich in sein geliebtes Wien zurück, um doch ein Außenseiter der deutschen Literaturszene zu bleiben. Das lag sicherlich auch daran, dass Polgar bis zuletzt an seiner Doppelrolle eines Autors und Kritikers festhielt. Also stets eine Zwischenstellung zwischen den literarischen Stilen und Fronten einnahm, die ihn gerade im deutschen Literaturbetrieb suspekt machte. Umso mehr, als Polgar selbst den Wert seiner eigenen Literatur und Artikel selbst übermäßig hoch eingeschätzt hat. Vor allem seinen Status als Kritiker hat er immer wieder auch selbstzweiflerisch hinterfragt. Sein Aufsatz vom "Sinn des Buchreferats" aus dem Jahr 1932 steht hier stellvertretend für mehrere Kritik-kritische Aufsätze Polgars, die man in Rowohlts Auswahl-Band nun nachlesen kann. Und darin klingen seine Zweifel an der eigenen Beurteiler-Rolle heute mindestens so aktuell wie damals:

" Wichtigkeit für viele könnte die Buchkritik dadurch erlangen, dass sie die Lektüre der Bücher erspart. In diesem geistig-ökonomischen Sinne käme ihr große Bedeutung zu. Leider aber legen Buchkritiker meist geringeren Wert drauf, vom Was und Wie des Buches einen Begriff zu geben als darauf, diese mit eigenen Anschauungen, Grundsätzen und Forderungen zu konfrontieren. Doch wie soll der Lesewillige unter den Büchern, die ihm als wertvoll, als notwendig, als wesentlich von der Kritik empfohlen werden, wählen? Seine Situation ist in den "Meistersingern" gut umschrieben: "Überall Meister!" (...) Bedeutung überschüttet ihn. Beklommen murmelt er: "Wo faß' ich dich, unendliche Literatur?" Und setzte mechanisch fort: "Euch Brüste, wo?" Was ihn auf andere Gedanken bringt. Ihren einzig unbestreitbar guten Sinn hat die Buchkritik für den Buchkritiker. Sie gibt ihm Gelegenheit, durch Feststellen von Minderwertigkeiten anderer seinen eigenen Minderwertigkeitsgram zu besänftigen. Und in der Verdunkelung des fremden Geistes das Licht des eigenen leuchten zu lassen. "

"Alfred Polgar. Lauter gute Kritiken". Zusammengetragen von Harry Rowohlt, Kein & Aber Verlag, Zürich, 301 Seiten, 20.40 Euro.

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