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Meisterfälscher mit Hang zum Humanismus

Sarah Kaminsky: "Adolfo Kaminsky. Ein Fälscherleben". Antje Kunstmann Verlag

Von Katrin Hillgruber

Im Mai 1968 half Kaminsky Daniel Cohn-Bendit, mit einem falschen Pass nach Frankreich einzureisen.
Im Mai 1968 half Kaminsky Daniel Cohn-Bendit, mit einem falschen Pass nach Frankreich einzureisen. (AP)

Sarah Kaminsky hat das Leben ihres Vaters Adolfo zu Papier gebracht. Mit seinem Fälschertalent rettete Kaminsky unzähligen Menschen das Leben - immer im Dienste des Humanismus. Herausgekommen ist ein Lebensbericht, den man über weite Strecken mit angehaltenem Atem liest.

Adolfo Kaminsky: "Nein, ich habe nichts notiert. Es war gefährlich, etwas aufzuschreiben, da man mich jederzeit hätte verhaften können. Meine Notizen hätten ja auch andere gefährdet. Alles befand sich in meinem Kopf. Meine Tochter war so klug, alle aufzusuchen, die noch am Leben waren, denn viele sind ja mittlerweile gestorben. Ich war der Jüngste in meinem Netz innerhalb der Résistance. Es gab ein wahres Blutbad. Enorm viele meiner Kameraden wurden verhaftet. Aber es war für uns selbstverständlich, dieses Risiko auf uns zu nehmen. Es ging nicht anders."

Der 86-jährige Adolfo Kaminsky ist ein praktizierender Humanist. Stets sieht er den Menschen jedweder Nationalität im Vordergrund, dessen Freiheit und Würde. Sobald staatlicherseits diese Werte eingeschränkt oder gar das jeweilige Individuum mit dem Tode bedroht wurde, half er mit einem falschen Pass oder einem sonstigen Dokument. Weit mehr als tausend Menschenleben hat er seit 1942 durch sein geniales Fälschertalent gerettet.

Unter dem Titel "Adolfo Kaminsky. Ein Fälscherleben" hat Kaminskys Tochter Sarah das Leben ihres Vaters zu Papier gebracht. 2009 in Frankreich erschienen, wurde ihre Biografie europaweit zu einem überwältigenden Erfolg. Am 22. April wollen Vater und Tochter nach Hamburg kommen, zu ihrer bislang einzigen Lesung in Deutschland. Hat Sarah Kaminsky der Erfolg ihres Buches überrascht?

Sarah Kaminsky: "Ja, ich bin überrascht. Ich hatte natürlich gehofft, dass das Buch gelesen wird, aber ich war doch sehr überrascht. Es war zunächst durch viele Besprechungen ein Erfolg in der Presse, der sich dann aber durch Mund-zu-Mund-Propaganda fortsetzte. Und was mich besonders erfreut, ist, dass es nicht nur Menschen im Alter meines Vaters gefällt, sondern auch denen meiner Generation, ja sogar den ganz Jungen. Das ist eine sehr, sehr schöne Überraschung."

Sarah Kaminsky schenkt grünen Tee ein. Die beiden sind ein wunderbares Paar: die lebhafte junge Frau mit den schwarzen Locken, die ihrem Vater liebevoll assistiert, und der stille, freundliche Herr mit dem schlohweißen Bart und den dunklen, wissenden Augen hinter einer großen Brille. Sie dürften mehr Dokumente gesichtet haben als jedes andere Augenpaar. Das rechte, sein Mikroskop-Auge, hat darunter gelitten. Jahrzehntelang behielt er sein Geheimnis für sich. Auch jetzt, wo ihn so viele Journalisten in seiner Wohnung unweit des Eiffelturms besuchen und Auskunft begehren, spricht Adolfo Kaminsky leise. Seine Worte wählt er mit Bedacht:

"Ich habe nicht gern darüber gesprochen, denn es war sehr schmerzhaft für mich. Also redete ich so wenig wie möglich über diese Zeit. Aber meine Tochter hat sehr stark insistiert, sie wollte nicht, dass meine Erinnerungen mit mir verschwinden, schließlich ist der Altersunterschied zwischen uns ja ziemlich groß: Als sie zur Welt kam, war ich 49 Jahre alt."

Sarah Kaminsky: "Nein, du warst 54!"

Adolfo Kaminsky: "54 Jahre. 49 war ich, als ich ihre Mutter geheiratet habe."

Diese Heirat bezeichnet Kaminsky im Scherz als seine letzte Aktion, seinen letzten Kampf. Zuvor, im berühmten Mai 1968, hatte er noch Daniel Cohn-Bendit geholfen, mit einem falschen Pass nach Frankreich einzureisen: eine Fingerübung für den Meisterfälscher, der selbst das Geheimnis des angeblich fälschungssicheren Schweizer Passes knackte.

Ende Dezember 1971, nach fast 30 Jahren Tätigkeit im Untergrund, fühlte sich Adolfo Kaminsky ausgebrannt. Er kehrte nach Algerien zurück, wo er zuvor für diverse Unabhängigkeitsbewegungen gearbeitet hatte. Er sollte eine Aktivistin der angolanischen Befreiungsbewegung MPLA vom Flughafen abholen: die Algerierin Leila, Tochter eines progressiven Imams, Jurastudentin und seine spätere Frau. Sarah, Jahrgang 1979, ist das jüngste ihrer drei Kinder, halb Jüdin, halb Muslima. 1992 kehrte die Familie nach Frankreich zurück, 60 Jahre nach Adolfos erster Ankunft in der Heimat der Menschenrechte, seinerzeit aus Argentinien kommend.

Adolfo Kaminsky: "Deshalb habe ich auch im Algerienkrieg interveniert. Ich hatte mich entschieden, in Frankreich zu leben. Für mich war es das Land von Liberté, Egalité, Fraternité, wie es überall in großen Lettern geschrieben war und ich es in der Schule gelernt hatte. Und nun hegte dieses Land rassistische Vorurteile, diesmal nicht gegen Juden, sondern gegen Araber. Für mich gibt es keinen guten oder schlechten Rassismus. Der Rassismus ist etwas Verachtenswertes. Ich habe immer dagegen und für die Gleichberechtigung aller Völker gekämpft, ganz einfach."

"Mein Leben war ein ununterbrochener Widerstand, auch nach dem Nationalsozialismus" lässt Sarah Kaminsky ihren Vater resümieren. Sie arbeitet als Drehbuchautorin und Schauspielerin. Das merkt man ihrem Buch an: Die filmische Qualität ihrer Schreibweise bewirkt, dass man diesen Lebensbericht über weite Strecken mit angehaltenem Atem liest. Ständig fürchtet man die Enttarnung und Verhaftung Julien Adolphe Kellers – so sein Tarnname – im deutsch okkupierten Frankreich. Das Buch setzt ein, als er knapp 17 ist.

Sarah Kaminsky: "Mir war wichtig zu zeigen, in welchem Augenblick sein Widerstandsgeist erwachte. Deshalb fängt es so lebendig an. Ich finde sein Leben absolut unglaublich, und ich wollte keinesfalls, dass man sich beim Lesen dieses unglaublichen Lebens langweilt."

Der unmittelbare Eindruck entsteht vor allem dadurch, dass Sarah Kaminsky in der Ich-Form erzählt. Eine konventionelle Biografie in der dritten Person zu verfassen, was sie zunächst versuchte, hätte für sie die Anwesenheit ihres Vaters geleugnet. Beim Schreiben musste sie sich auf die Erzählungen überlebender Zeitzeugen und die Adolfos verlassen, denn Notizen hätten ihn und vor allem andere in Gefahr gebracht.

Adolfo Kaminsky: "Das war absolut notwendig, entsprach aber auch meinem Charakter. Man musste die Geheimhaltung respektieren, durfte nie über Aktionen am Telefon sprechen. Ich achtete sehr streng auf diese Grundsätze. Ein Mann allein kann leicht das Domizil wechseln und sich woanders verstecken, aber ein ganzes Laboratorium zu verlegen, hätte große Probleme bereitet. Kein Unbefugter hätte jemals davon erfahren dürfen."

Das klandestine Leben begann mit dem Methylenblau, aus dem Tinte besteht. Die Résistance sprach den Färberlehrling an, der sich in einer Molkerei in dem normannischen Städtchen Vire chemische Kenntnisse erworben hatte: Gibt es tatsächlich eine Substanz, die Tinte unsichtbar machen kann? Adolfo, der enthusiastische Autodidakt, verwies auf Milchsäure – und war von seinem Kontaktmann "Pingouin" engagiert. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits seine Mutter durch die Nazis verloren – Ende 1940 war sie aus einem fahrenden Zug gestoßen worden.

1943 wurden Adolfo, sein Vater und seine Brüder verhaftet. Sie kamen für drei Monate ins Internierungslager Drancy, von wo aus regelmäßig Transporte in die Vernichtungslager ausgingen. Ihr Kontakt zum argentinischen Konsul rettete die Kaminskys vor diesem Schicksal. "Technische Kenntnisse, Erfindergeist und unerschütterliche Utopien" bilden für Sarah Kaminsky die drei Grundpfeiler, auf denen der Erfolg ihres Vaters beruht. In einer besonders spektakulären Nacht-und-Nebel-Aktion stellten er und seine Kameraden circa 900 Ausweise für jüdische Kinder her, die deportiert werden sollten. Noch heute fällt es ihm schwer, über seine Heldentaten zu sprechen:

"Man kann sein Leben nicht im Schatten zubringen und dann einfach so aus diesem Schatten heraustreten. Es hat lang gedauert und war auch ziemlich traumatisch für mich, aber ich bin sehr zufrieden und stolz auf das, was Sarah und wie sie es geschrieben hat. Denn es liest sich gut und nicht zu schwer. Wenn ich selbst meine Erinnerungen niedergeschrieben hätte, wäre es ein unverdauliches Geschichtsbuch geworden."

Ein weiteres Charakteristikum des anarchistischen Humanisten Kaminsky besteht darin, dass er sich auch von den zahlreichen Befreiungsbewegungen, für die er nach 1945 arbeitete, niemals bezahlen ließ. Sonst hätte er seine Unabhängigkeit verloren:

"Ich würde nicht 'Anarchist' sagen, sondern unabhängig. Ich habe meine eigenen Ansichten und hätte auch nie einer politischen Partei beitreten können. Denn ich war nie hundertprozentig mit einer Sache einverstanden. Und selbst wenn ich zu achtzig Prozent einverstanden gewesen wäre, hätte ich nicht das ganze Paket genommen."

So kam es, dass Kaminsky trotz chronischer Finanznot 1962 in einer Grube Unmengen von Falschgeld verbrannte: Die falschen Franc-Scheine waren zur Destabilisierung der französischen Wirtschaft während des Algerienkriegs gedacht. Durch den Waffenstillstand am 18. März 1962 jedoch wurde die Aktion hinfällig:

"Ich tat es mit einem Gefühl der Genugtuung und der Erleichterung. Und Geld brennt schlecht, Madame! Es brennt wirklich sehr schlecht und dauert lange."

Sarah Kaminsky: "Ich möchte ergänzen, dass ich, nachdem mir mein Vater sein ganzes Leben erzählt hatte, wusste, dass er ständig pleite war. Er wollte ja nicht bezahlt werden und konnte daher von seinen Fotoarbeiten nicht leben. Als er mir diese Episode von dem verbrannten Falschgeld erzählte, habe ich gesagt: Papa, es muss doch schwer für dich gewesen sein, das ganze Geld zu verbrennen! Und er hat genau das geantwortet: Ja, es war sehr schwer, denn Geld brennt so schlecht!"

Einige Apparate, sein Archiv und eine Litographie-Presse besitzt Kaminsky nach der Auflösung seines Labors noch. Stolz zeigt er Stempel und Dokumente aus eigener Produktion. Kann man als derart passionierter Fälscher überhaupt in den Ruhestand gehen, fehlt ihm nicht dieser ständige Anreiz?

"Nein, denn das, was mir jetzt Freude macht, ist die Fotografie. Gerade suche ich einige – was heißt einige, es sind viele – Fotos heraus, die ich nach der Befreiung von Paris aufgenommen habe. Davor wäre es zu riskant gewesen. Diese Fotos hat noch niemand gesehen, denn ich hatte sie entwickelt und weggeräumt. So sind viele schöne Bilder zusammengekommen, die ich erstmals ausstellen will. Ich dachte, sie würden nur mir gefallen, aber sie gefallen auch anderen. Also werde ich weitermachen."

Im Herbst sollen in der Pariser Banlieue seine fotografischen Liebeserklärungen an die Stadt erstmals ausgestellt werden. Sie werden in einem hellen Bereich gezeigt, ein dunkler Bereich widmet sich seinem Wirken in der Résistance. Noch heute sprechen den stillen Adolfo Kaminsky fremde Menschen an, die ihr Leben seinen Fälschungen verdanken.

Sarah Kaminsky: "Adolfo Kaminsky. Ein Fälscherleben". Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer. Verlag Antje Kunstmann, München 2011. 224 Seiten, 19,90 Euro.



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