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StartseiteBüchermarktMeisterin der Kommunikation12.06.2011

Meisterin der Kommunikation

Buch der Woche: Rahel Levin Varnhagen: "Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde". Wallstein Verlag

Rahel Levin Varnhagen ist nicht durch ihr veröffentlichtes Werk berühmt geworden, sondern durch ihre unvergleichliche Kunst des Briefeschreibens. In Berlin schuf sie unter mehr als dreihundert Beteiligten eine Art briefliches Gesamtkunstwerk.

Von Harro Zimmermann

Rahel Levin schuf ein unerhörtes Kaleidoskop subtiler Briefbotschaften. (AP)
Rahel Levin schuf ein unerhörtes Kaleidoskop subtiler Briefbotschaften. (AP)
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1547 Seiten Familienkorrespondenz
Ihre Zeit in Briefen erfasst

Heinrich Heine hat sie die "geistreichste Frau des Universums" genannt, Leopold von Ranke schränkte dieses Lob immerhin auf Europa ein, Jean Paul nannte sie die "einzige humoristische Frau" seiner Zeit, und für andere war sie eine "Seelenentflammerin" mit Worten, wie sie sonst keinem Menschen zu Gebote stünden. Ihr Name - Rahel Levin, eine Frau jüdischer Herkunft, eher klein und unscheinbar als schön, und wie sie selber sagte, ein Weibsbild ohne Grazie.

Ohne Grazie? Hier beginnt schon die kaum erfassbare, vielstimmige, auch ironische Aura wirksam zu werden, die Rahel Levin, spätere Varnhagen, seit zwei Jahrhunderten immer noch umgibt. Dass sie die gute Gesellschaft schätze und eigentlich dafür geboren sei, dass sie eine unendliche Gegenwart und Schnelligkeit des Geistes besitze, einen subtilen Sinn für Scherz und Ernst, ja dass sie alles Menschliche dulde und liebe - das hat sie sich selber zuerkannt, und sie hat Wort für Wort Recht behalten.

Rahel Levin besaß in der Tat ein "urbanes Herz", sie war die Seele des berühmtesten der Berliner Salons am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Sie war eine Meisterin der Konversation und Kommunikation, sie hat die brillantesten und irrlichternsten Köpfe ihrer Zeit angezogen, und sie war in der Lage, mit ihnen allen auf Augenhöhe zu diskutieren, zu streiten und zu lachen.

Im Grunde hat Rahel 1794 die Inspiration zu der nun vorliegenden Werkausgabe in einem Brief an ihren Bruder Marcus selber formuliert: "Verwart meine Briefe, denn das sind meine Journale", schrieb sie. Rahel, die Tochter des Berliner Juwelenhändlers und Bankiers Markus Levin, war damals 23 Jahre alt. Seither begleitete sie der Gedanke, ihre intimen Reflexionen und brieflichen Bekundungen könnten mehr darstellen als tagtägliche Schreibereien unter Freunden. Versammelte man irgendwann einmal ihre Briefe, dürfe man auf etwas Großes gefasst sein: "Es wird eine Original-Geschichte und poetisch", notierte sie.

Recht hat Rahel behalten, aber sie war auch klug genug, selber einiges dafür zu tun, dass ihr Werk die Zeiten überdauern konnte. So lange diese bildungs- und geselligkeitshungrige Frau lebte, konnte ihre empathische Intellektualität keine öffentliche Gestalt annehmen, Rahel war als gleichsam unmündige Person im Haus der Familie eingeschlossen. Jüdischer Herkunft und Frau zu sein und gleichzeitig Intellektuelle, Schriftstellerin, gesellige Freundin vieler Größen der Zeit und liebessehnsüchtiges Weib - das konnte auch in einer Welt des sich auflösenden Ständewesens nur zu einer schmerzvollen Biografie führen. Und vor allem, es hätte ihr Werk, dieses unerhörte Kaleidoskop subtiler Briefbotschaften, eigentlich in die literarhistorische Subkultur verbannen müssen. Aber es ist anders gekommen. Im März 1810 schreibt Rahel an ihre Freundin Pauline Wiesel:

Es ist eine Schande, dass ich Ihnen nicht schrieb: ein Unglück; ein Unglück wie jede Schandtat! Teure geliebte Freundin, und Freund! Weh! - mein wundes Herz weint! Dieses Weh! - Weh! Dass unser Leben wegrinnt, ohne dass wir zusammen leben. Sie sind allein, getrennt von mir, und ich bin allein; entfernt von Ihnen. Nur Einmal konnte die Natur zwei solche zugleich leben lassen. In diesem Zeitalter. Alle Tage sehe ich Sie, und die Natur, und mich, mehr. Entfernt von Ihnen, tue ich nichts, als mir jedes Wort, jede kleine Tat von Ihnen repetieren, jede Äußerung; und glauben Sie, zu nennen weiß ich die Prinzipien Ihres ganzen Wesens, Ihres Seins, besser als Sie selbst: es ist nur e i n Unterschied zwischen uns, Sie l e b e n alles, weil Sie Mut haben und Glück hatten; ich d e n k e mir das Meiste; weil ich kein Glück hatte und keinen Mut bekam; nicht den, dem Glück das Glück abzutrotzen, es ihm aus den Händen zu ringen; ich habe nur den des Tragens erlernt; aber groß verfuhr die Natur in uns beiden. Und wir sind geschaffen, die Wahrheit in dieser Welt zu leben. Und auf verschiedenem Wege sind wir zu einem Punkt gelangt. Wir sind n e b e n der menschlichen Gesellschaft. Für uns ist kein Platz, kein Amt, kein eitler Titel da! A l l e Lügen haben einen: die ewige Wahrheit, das richtige Leben und Fühlen, das sich unabgebrochen auf einfach tiefe Menschenanlagen, auf die für uns zu fassende Natur zurückführen lässt, hat keinen! Und somit sind wir ausgeschlossen aus der Gesellschaft. Sie, weil sie sie beleidigten... Ich, weil ich nicht mit ihr sündigen und lügen kann.

Zwei kluge und stolze Frauen um 1800, die eigentlich nur in ihren Briefen so etwas wie ein selbstbestimmtes Leben führen können, die junge Levin viel eingeschränkter noch als die freizügige Pauline Wiesel. Aber genau dieser Leidensdruck ist der Intensität eines nun endlich ganz sichtbar gewordenen Schriftwerkes zugute gekommen. In Rahels Lebensspanne, zwischen 1771 und 1833, sind einzigartige Texte des Herzens entstanden.

Mit den berühmtesten Männern und Frauen ihrer Zeit hat sie, oft nach der Erstbegegnung in ihrem kleinen Salon unterm Dach des Elternhauses in der Jägerstraße, jahrelangen intensiven Briefverkehr gepflegt. Dass hier etwa 6000 Schreiben mit rund 300 Korrespondenzpartnern zusammengekommen sind und überliefert werden konnten, ist vor allem das Verdienst von Rahels Ehemann Karl August Varnhagen von Ense, der schon im Todesjahr seiner Frau das Buch "Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde" herausgab.

Sie hatte daran zunächst noch mitgewirkt. Dieser frühen, sehr selektiv bestimmten Ausgabe ihrer Schriften verdanken wir einen erstmaligen Blick auf die besondere Werk- und Autorschaftsvorstellung, die für Rahel maßgeblich gewesen ist. Dieses Werk im Verborgenen, das doch in vieler Hinsicht mit der öffentlichen Geschichte und mit dem subkutanen Zeitbeben der Revolutionsära von 1789 verbunden war, das ein grandioses Netzwerk gespannt hat zwischen so vielen empfindsamen, nach Selbst- und Welterklärung suchenden Individuen jener Jahre, besitzt ein eigentümliches kommunikationsästhetisches Gepräge.

Wenn Rahel schreibt: "Ich kann es nicht zwey mahl schreiben, ich thu alles par inspiration du moment", bekommt man davon einen Begriff. Viele dieser Briefe sind so hautnah auf das jeweilige Gegenüber abgestimmt, so sehr in seine Temperaments- und Gefühlslagen, oder in gemeinsam erlebte und erörterte Begebenheiten hineingeschmiegt, dass ihre Sinnbezüge nur im Kommentar zu erhellen sind.

Ich hab' in meinem vorigen Briefe gesagt, dass ich zu gut wüsste, was bei manchen Gelegenheiten im Menschen vorgehen könnte, um dass ich mich zieren würde, aber ich hab' es so gesagt, dass Sie mich missverstehen müssen. Ich meine es in der Art: dass ich nie etwas übel deute oder nehme, weil es Andre thun, sondern ich sei gewöhnt, alles zu untersuchen, was in mir vorgeht, wie es wohl bei Andern kann gegangen sein, was ich von ihnen wahrnehme; und wie ich das wiederum am besten nehmen könnte.

Die oft gewitzten und impressionistischen Mitteilungen dieser Einfühlungskünstlerin sind nicht einfach dialogisch strukturiert, sondern beziehen sich oft gleichzeitig auf mehrfach verortete Austauschprozesse. Immer wieder sind Dritte und Vierte mitgemeint, auf das Entlegenste wird jetzt und hier Bezug genommen, das übernächste Schreiben aktualisiert das scheinbar überholte erste. Hier bringt jemand eine virtuelle Gemeinschaft von ähnlich gestimmten Zeitgenossen in ein Simultangespräch mit sich selber, eine Vernetzung der inspiriertesten Köpfe jener Zeit wird zum vielschichtigen literarischen Ereignis. So gesehen, ergibt sich das Werk der Rahel tatsächlich erst im Rückbezug auf das System von Brief und Gegenbrief und vice versa, es offenbart sich als Gesamtkunstwerk einer in sich verspiegelten Gesprächslust.

Sie wissen, wie gut jeder Herzensseufzer bei mir aufgenommen ist: aber schreiben kann ich nicht wieder auf jede Ergießung. Denken Sie nicht, dass ich böse bin! Und antworten Sie mir. Ich bin nur jetzt ärgerlich, weil mir etwas Ärgerliches begegnete; und unter andern ich neun Briefe seit gestern erhielt, worunter drei von Frauen sind, die ich in zehn und sechzehn Jahren nicht gesehen habe; und die schnelle empfindsame Antwort wollen, und das sich ihnen ihr Schicksal arrangieren soll!... Glauben Sie nicht, Golda, dass ich jene Briefe mit Ihren in Ein Fach setze! Aber schreiben Sie mir immerhin ein paar Mal, ehe ich Ihnen antworten kann!... Ich bin so dickfellig und so weichfellig geworden,, dickfellig bei allem was Inkommodität ist. Schreiben Sie ja bald wieder; und genau was Sie machen, wollen und können.

Welch ein Kabinett voller brieflicher Zauberkunststücke liegt hier vor. Doch Rahel Levin Varnhagen, die alles Menschliche, ja "beinah alle Menschen" so sehr geliebt hat, musste ihr Leben, je älter sie wurde und je weiter sie von ihrer Heimatstadt Berlin entfernt war, gleichsam in die Fernschriftlichkeit verlegen. In diesem "wohlgemeinten Feuerwerk", wie Clemens von Brentano einmal sagte, trägt sich denn auch alles aus, was zu den Beschwerlichkeiten, Enttäuschungen und Verzweiflungen des Alltags gehört.

Wer dichten will, muss durch "Höllen" gegangen sein, hat sie bei dem hoch verehrten Goethe lesen können. An beidem hat Rahel hineichend teilgehabt - von wie viel Intrigen, Gerüchten, Missgunst und Neid ist hier die Rede, wie viel Eifersucht, Gemeinheit und Schlechtrederei findet immer wieder Anklang, wie sehr hat Rahel gelitten unter den selbst empfundenen "Makeln" des Frauseins und des Jüdischseins. Von zwei schmählich geplatzten Liebesbeziehungen und der problematischen christlichen Taufe nicht zu reden. Nie hätte Rahel erwartet, dass es den Juden in Preußen nach der liberalen Ära des späten 18. Jahrhunderts schon bald wieder schlecht ergehen sollte, dass sie trotz erheblicher kultureller Anpassungsleistungen und trotz guten staatsbürgerlichen Verhaltens wieder zu Parias und Gehetzten werden könnten.

Ich bin grenzenlos traurig; und in einer Art, wie ich es noch gar nicht war. Wegen der Juden. Was soll die Unzahl Vertriebener tun? Behalten wollen sie sie: aber zum Peinigen und Verachten; zum Judenmauschel schimpfen; zum kleinen dürftigen Schacher; zum Fußstoß und Treppenrunterwerfen. Die Gesinnung ist's, die verwerfliche, gemeine, vergiftete, durch und durch faule, die mich so tief kränkt, bis zum Herzerkalten? Schreck.

In den 90er-Jahren des 18. Jahrhunderts herrscht im Preußen Friedrich Wilhelms II. und Friedrich Wilhelms III. ein relativ liberales Klima für die Juden, die Salons der Henriette Herz und Rahel Levin blühen im Glanz der illustren Aufklärer und Romantiker, Stars wie Jean Paul und Goethe werden heiß verehrt, das jüdische Kulturelement gilt als besonders apart und faszinierend. Doch die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten, bald sollte ein preußischer Reaktionär wie Friedrich von der Marwitz schon einen "neumodischen Judenstaat" befürchten.

Was der jüdische Schriftsteller Saul Ascher wenig später die "Germanomanie" nennen wird, der unterschwellige bis offene Antijudaismus, erhält neue Nahrung nach der Niederlage Preußens in den Schlachten bei Jena und Auerstedt im Jahre 1806. Ein Schock geht durch das Land, schon wieder ist der französische Imperator siegreich gewesen über ein politisch und kulturell krisengeschütteltes Preußen. Weit entfernt sind die glorreichen Zeiten Friedrichs des Großen, jetzt hält immer wortstärker der Nationalismus Einzug in die Herzen vieler Zeitgenossen. Auch und vor allem die Juden bekommen das zu spüren.

Staatskanzler Hardenberg kann 1812 gegen den Widerstand der konservativen Kräfte noch ein sogenanntes Emanzipationsedikt durchsetzen, das der preußischen Judenheit bürgerliche Lebensverbesserungen verspricht, aber die schwelende Judenfeindschaft greift mehr und mehr um sich. Judesein heißt für viele damals, den Napoleonfreunden und der Französischen Revolution nahe zu stehen, rationalistisch und antichristlich eingestellt zu sein, ja der deutsch-preußischen Wohlanständigkeit den Garaus zu wünschen. Das Deutsch-Nationale, das Preußische und das Christliche bilden nun zunehmend eine anrüchige ideologische Melange.

Ich kenne mein Land! Leider... Die gleißnerische Neuliebe zur christlichen Religion - Gott verzeih mir meine Sünde!, zum Mittelalter, mit seiner Kunst, Dichtung und Gräueln, hetzend das Volk zu dem einzigen Gräuel, zu dem es sich noch an alte Erlaubnis erinnert, aufhetzen lässt! Judensturm. Die Professoren, unser Verkehr; und die noch höheren Personen mit Vorurteil. Es ist nicht Religionshass; sie lieben ihre nicht, wie wollten sie andere hassen: kurz, wozu die Wörter, die ich ohne Ende häufen kann: es ist lauter Schlechtes; - Tat und Motiv und nicht die Tat des Volkes, das man hep schreien lässt.

Dieses Briefkorpus birgt die Konfession einer brillanten jüdischen Intellektuellen aus Deutschland, die in kein soziales Schema passt, die in mehrfacher Hinsicht randständig leben muss und sich doch selber für eine der ersten Kritikerinnen des Landes halten möchte. Ihre Briefe sind die Bekenntnisse einer schillernden Artistin: "Analytische Beobachterin, Intelligenzbestie, Nervenbündel oder Stilistin" - Brigitte Kronauer hat recht in ihrem Vorwort zu dieser Edition, für all das finden sich Belege bei Rahel.

Nein, sie hat wohl wirklich nie die Wollust der künstlerischen Produktivität in einem öffentlichen Werk genießen können, sie vermochte nur eines im Schatten der großen Künstlerpersönlichkeiten zu erbringen, die sie allesamt und zum Teil bis auf die Haut genau kannte. Gerade deshalb sollte man aber darauf hinweisen, dass sich dieses Briefwerk in seinen intellektuellen Ursprüngen und ästhetischen Ausprägungen denselben sozialen und politischen Beben der Revolutionsära verdankt, die auch das Romantikerwesen im Berlin der 90er-Jahre zur Blüte gebracht haben. Dessen subtile, unaufhörlich pulsierende Gedankenströme blitzen immer wieder auf in dem faszinierenden Sprachkraftwerk dieser Briefe.

Das Beste, was gesagt werden kann, ist doch nur das, welches am besten ausdrückt, was nicht gesagt werden kann.

Das ist im besten romantischen Geist formuliert, den Rahel hat einsaugen können im Scherz-, Ironie- und Satirefluidum ihres kleinen Salons. Ludwig Tieck, Friedrich Schleiermacher, Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Brendel Veit, die spätere Dorothea Schlegel, die Brüder Humboldt, Fichte, Friedrich Gentz, Jean Paul - sie alle lernen sich in diesem und anderen Berliner Salons kennen. Es handle sich um eine "freie, durch keinen äußern Zweck gebundene und bestimmte Geselligkeit", wird Friedrich Schleiermacher 1799 im "Berlinischen Archiv der Zeit und ihres Geschmacks" schreiben.

Vermöge einer solchen freien Geselligkeit könne jeder seine eigenen "Grenzpunkte" überschreiten und Einsichten gewinnen noch in die "fremdesten Gemüter und Verhältnisse". Keinesfalls komme es darauf an, was der einzelne an Eigenschaften, an Fähigkeiten und sozialer Zugehörigkeit mitbringe, nicht einmal um die Übereinstimmung unter den Mitgliedern gehe es, sondern allein darum, dass sich jedes Individuum dem "freien Spiel seiner Gedanken und Gefühle" überlasse. Die einzelnen sollen so "mannigfaltig als möglich von einander abweichen, weil nur so der Gegenstand in Beziehung auf die Geselligkeit erschöpft" werden kann. Das ist nicht nur ein Geselligkeits-, sondern ein veritables Lebensprogramm.

In diesem Reizklima avanciert die junge Rahel Levin zum Mittelpunkt einer neuen Geselligkeitskultur inmitten eines überständischen Gesprächs- und Beziehungskreises. Ihre Dachstube beherbergt bald einzigartige Gäste - Stars der Ifflandschen Theatertruppe, Autoren wie Jean Paul, Ludwig Tieck und Friedrich Schlegel, die Brüder Humboldt, Friedrich Gentz, internationale Diplomaten, Adelsgrößen vom Schlage des Fürsten de Ligné, oder des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen. Sie begegnen einander auf einem exterritorialen Gebiet, das nur wenige Jahre zuvor kaum jemand für gesellschaftsfähig hätte halten können - dem der Salons exquisiter jüdischer Frauen.

Wo sonst gäbe es in den späten Neunzigern des 18. Jahrhunderts einen Ort der Zusammenkunft für jene aus dem fest gefügten adligen und bürgerlichen Milieu abbröckelnden Existenzen, für die empfindsamen, oft problematischen Naturen, die allesamt eine geistige und moralische Kompensation suchen angesichts der umstürzenden Ereignisse seit 1789? Denn die Wirklichkeit um 1800 hat längst den Nimbus einer Zeitenwende angenommen, ihr Grundbeben wird besonders spürbar in den neuen Geselligkeitsformen. Intellektuelle wie Schleiermacher und Friedrich Schlegel versetzen die avancierteste Kunstauffassung ihrer Tage, die Schillersche Spieltheorie, ins Bezugsfeld eines konkreten Sozialexperiments - "Sinn der sich selbst sieht wird Geist; Geist ist innere Geselligkeit [ ... ], wie eine Musik von Gedanken", schreibt Friedrich Schlegel damals.

Lassen Sie sich "beleben! Anfachen, bezaubern, stärken, ergänzen! Dazu hat der Mensch Sprache, Mitteilung: das ist der Musterumgang", schreibt in den 90er-Jahren auch Jean Paul. Nicht nur Paris und London, auch Berlin kommt den Zeitgenossen jetzt vor wie ein "unaufhörlicher Jahrmarkt", auf dem alles mehr oder minder käuflich ist. Hier entfaltet die Konstellation von "Schönheit, Grazie, Koketterie, Neigung, Leidenschaft, Witz, Eleganz, Kordialität, und launigem Scherz", die schönsten Blüten.

Schreiben Sie nur, und sprechen Sie's heraus! Dies thut dem Geiste, Körper, Seele und dem Herzen gut. Auch können Sie's; wie ich mit Ihrem Briefe belegen kann. Ist Einem zum Schweigen zu Muthe, so finde ich das gut; muss Einer sprechen, so ist mir, als wäre dies wieder besser: und so ist es auch. Sprechen und sich äußern besonders, ist besser: man entwickelt sich eigenst dadurch, und da dies niemandem schadet, so ist es für Studierende gut; dies sollten wir alle sein, wenn uns die Lagen und Ereignisse nicht beengten.

Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Hahn kann nach langwierigen Vorarbeiten, die schon etliche Früchte erzeugt haben in Sachen Rahel Levin Varnhagen, endlich diese unerhörte und glanzvolle Edition vorlegen. Damit ist nicht nur eine Fundgrube für akribische Forscher bereitet, sondern auch ein Quellbrunnen für literatur- und kulturhistorisch ambitionierte Normalleser. Es ist aufregend zu sehen, wie die Rahel-Überlieferung, die mit den liebevollen systematischen Bemühungen Varnhagen von Enses begonnen hatte, zu Beginn der 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts endlich in Barbara Hahns wissenschaftliche Obhut übergehen konnte. Das Rahel-Konvolut in der Biblioteka Jagiellonska in Krakau ist seitdem zu so etwas wie einem Sakralort von Forschung und Edition geworden.

Im Zentrum des Ganzen steht eine zierliche Frau von aparter Geistigkeit, eine deutsche Schriftstellerin und Intellektuelle jüdischer Herkunft, die der verehrte Goethe wohlgesetzt eine "schöne Seele" genannt hat. Ja, wir werden Barbara Hahns Empfehlung folgen und Rahels Briefwerk wie eine Sternenkonstellation mit ausschweifender Konversationslust zur Kenntnis nehmen, jeder auf seine Weise, denn diese Künstlerin ist noch dem anspruchsvollsten Lesertemperament gewachsen. Oder, wie der Weimarer Minister schwärmte: "Man fühlt sich, je näher man sie kennen lernt, desto mehr angezogen, und lieblich gehalten".

Rahel Levin Varnhagen: "Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde". Herausgegeben von Barbara Hahn. Mit einem Essay von Brigitte Kronauer. Band 1-6. Wallstein 2011, 69 Euro.

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