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StartseiteBüchermarktMelodramatisch wie in einer Seifenoper10.11.2008

Melodramatisch wie in einer Seifenoper

Carlos Fuentes: "Alle glücklichen Familien", S. Fischer Verlag

Sein Geburtstag ist Mexiko einen ganzen Monat Programm und Feiern in verschiedenen Städten wert: Carlos Fuentes. In verschiedenen Werken hat er sich mit der Geschichte zwischen Mexiko und den USA sowie der Geschichte und Literatur der hispanischen Welt auseinandergesetzt. Zu seinem 80. Geburtstag hat der Schriftsteller auf Spanisch den neuen Roman "La voluntad y la fortuna" vorgelegt. Auf Deutsch erscheint pünktlich zum Jubiläum sein Roman "Alle glücklichen Familien".

Von Margrit Klingler-Clavijo

Carlos Fuentes, mexikanischer Autor (AP)
Carlos Fuentes, mexikanischer Autor (AP)

"Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie aber ist auf ihre Art unglücklich" schrieb Leo Tolstoi in Anna Karenina. Carlos Fuentes hat den Anfang dieses Zitat als Titel eines Romans gewählt, in dem er grundverschiedene Familienkonstellationen anhand von 16 Erzählungen durchspielt: Familie aus der urbanen Mittelschicht, homosexuelle Partnerschaft, reicher und armer Bruder, bindungsscheuer Single mit zwei Geliebten, langjähriges Ehepaar, und so weiter und so fort.

Über drei Generationen hinweg - von den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit - zeigt er den familiären und politischen Wandel Mexikos, melodramatisch wie in einer Seifenoper, desillusionierend wie im "Don Quijote", dicht am Puls des Zeitgeschehens, durchsetzt mit Rückblicken auf die Vergangenheit, gespickt mit literarischen Querverweisen, etwa auf "Pedro Paramo" von Juan Rulfo oder Bezug nehmend auf seinen Großstadtroman "Landschaft im klaren Licht". Klar, mit Anflügen von Nostalgie, hatte Mexiko-Stadt doch damals nur eine Million Einwohner und die Künstler und Schriftsteller, die sich in den Bohemèkneipen der Zona Rosa trafen, blickten mit verhaltenem Optimismus in die Zukunft.

Carlos Fuentes: "1958 gab es noch eine gewisse nationale Euphorie, das Gefühl, dass man eine Revolution gemacht hatte und dass es, obwohl es keine Demokratie gab, doch das Gefühl von einer Art Fortschritt gab, eine Art Verbesserung für die sozialen Klassen, Aufstiegsmöglichkeiten für die Arbeiterklasse und die Mittelschicht, die es heute nicht mehr gibt. Derzeit scheint es kein nationales Projekt zu geben, abgesehen von der Demokratie und der Armutsbekämpfung, damit aus der Demokratie kein Zugvogel wird."

Und was hat zum moralischen Verfall des Landes beigetragen, zur berechtigten Angst vor der Gewalt? Vetterwirtschaft und Korruption, augenfällig im einvernehmlichen Zwinkern der Drahtzieher. Im Roman haben die Söhne wohlhabender Familien keine zukunftsweisenden Visionen, weder der vergnügungssüchtige und narzisstische Präsidentensohn, noch Abel Pagán aus der urbanen Durchschnittsfamilie.

Letzterer macht zwar als Günstling eines Unternehmers in jungen Jahren Karriere, was ihn jedoch nicht befriedigt. "Du sollst das Gefühl haben, dass ein Arbeitsplatz ein Privileg ist, weil du Abel überflüssig bist", gab ihm sein Chef zu verstehen. Größer könnte der Unterschied wohl nicht sein zu den rebellischen Bauernsöhnen Jaliscos im Mexiko der 30er Jahre oder zu dem Guerillero Andrés Miles, der in den 50er Jahren im öden Bergland von Guerrero agitierte.

Das ist heute nicht mehr so. Die drei Töchter der letzten Erzählung mit dem bezeichnenden Titel "Der unsterbliche Vater" sind selbstständig und können für sich selbst aufkommen. Das ist wichtig, da der Vater testamentarisch verfügte, seine drei Töchter würden erst erben, wenn sie sich zehn Jahre lang an seinem Geburtstag in einer einfachen Garage am versunkenen Park eingefunden hätten, da sie nur so den Wert des Geldes schätzen könnten, das er sich mühselig erarbeitet hatte. Das zehnte Treffen wird zur furiosen Abrechnung mit dem autoritären, selbstherrlichen Vater, und eine seiner Töchter fragt: "Weshalb hat er nicht begriffen, dass es ihn stärker gemacht hätte, wenn wir frei gewesen wären?"

Zur Bekräftigung des Erzählten oder als Kontrast wechselt Carlos Fuentes zwischen Familiengeschichten und Chorstimmen, in denen die Randfiguren der Gesellschaft das Wort ergreifen: junge Straßenmütter, Schüler, zum Drogenkonsum animiert und als Drogenkurier missbraucht, gewalttätige transnationale Jugendbanden, Maras genannt, oft Waisen infolge der blutigen Bürgerkriege im Mittelamerika der 80er Jahre.

"Sie kontrollieren die zugstrecke von chiapas nach tabasco
Sie fesseln ihre opfer an die schienen
der zug trennt ihnen die beine ab
die mareros verschwinden im dschungel
tauchen in los angeles wieder auf
spezialisieren sich auf drive-by-shootins
feuern wahllos aus ihren autos
auf die mexikanischen rivalen
sie geben sich als mexikaner aus der akzent verrät sie
captain bobby vom los angeles police department schnappt sie alle
sie kommen aus den kriegen von ronalddanger ronaldranger
ronalddanger in mittelamerika"


Den ständigen Wechsel zwischen Erzählung und Chor hat Carlos Fuentes wie folgt erklärt:

"Ich merkte, dass ich keine Geschichten von Einzelmenschen, ja nicht einmal von Familien erzählen konnte, ohne Bezug zu nehmen auf das, was draußen geschah, auf die, die in meinem Werk keine eigene Stimme hatten, auf die, die auf der Straße flehen, in aller Stille. Ich folgte dabei diesem schriftstellerischen Drang, jenen eine Stimme zu verleihen, die keine haben, eine große literarische Errungenschaft. Das verleitete mich, zwischen die einzelnen Erzählungen einen Chor zu schieben, um zu sagen: Hier sind wird!"

Carlos Fuentes: Alle glücklichen Familien
Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen,
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main,
416 Seiten, 22,90 Euro

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