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StartseiteBüchermarktKindheitserinnerungen von Patti Smith12.12.2013

MemoirKindheitserinnerungen von Patti Smith

Patti Smith ist Dichterin, Performance-Künstlerin, Malerin und Fotografin. Als Sängerin wurde sie zur "Godmother of Punk". 2010 erschien ihr preisgekröntes Buch "Just Kids", in dem sie sich an ihren verstorbenen Gefährten Robert Mapplethorpe erinnert. In ihrem neuen Buch "Die Traumsammlerin" geht sie in ihrer Erinnerung noch weiter zurück.

Von Annette Brüggemann

Patti Smith, amerikanische Rocklegende, vor einem Gemälde des Schweizer Fotorealisten Franz Gertsch (AP)
Patti Smith, amerikanische Rocklegende, vor einem Gemälde des Schweizer Fotorealisten Franz Gertsch (AP)

"1991 lebte ich mit meinem Mann und zwei Kindern am Stadtrand von Detroit in einem alten Steinhaus, gelegen an einem Kanal, der in den Lake Saint Clair mündete. Efeu und Purpurwinde kletterten an den bröckelnden Mauern empor. Den Balkon umrankte eine Fülle von Weinreben und Wildrosen, in deren Geschlinge Tauben nisteten. Der Garten war leicht verwildert, sehr zum Entsetzen unserer Nachbarn, und sie versuchten oft, ihn zu zähmen, während wir weg waren. Auf unserem überwucherten Gelände wuchsen jede Menge Wildblumen, Fliederbüsche, zwei alte Trauerweiden und ein Birnbaum. Ich liebte meine Familie und unser Zuhause aufrichtig, doch in diesem Sommer litt ich an einer schlimmen und unbeschreiblichen Schwermut. Ich saß stundenlang da, wenn ich die Hausarbeit erledigt hatte und die Kinder in der Schule waren, unter den Trauerweiden, tief in Gedanken versunken. Dies war meine Gemütsverfassung, als ich mit dem Schreiben von “Traumsammlerin” begann."

Zum Zeitpunkt, als Patti Smith mit dem Schreiben ihres Buches beginnt, liegen wilde Jahre als Punkpoetin und Sängerin hinter ihr. Anfang 20 ist sie, als sie mit dem bildenden Künstler und Fotografen Robert Mapplethorpe ins legendäre New Yorker Chelsea Hotel zieht - dem kreativen Hotspot im USA der 70er. Einer Epoche im politischen Klima des Vietnamkriegs - zwischen Flowerpower, Beat Generation und Punk.

Patti Smith lernt nicht nur Jimi Hendrix, Neil Young, Lou Reed, Janis Joplin und Bob Dylan kennen, sondern auch die Beatpoeten Gregory Corso und William S. Borroughs. Sie schreibt ihre ersten von der Beat Generation beeinflussten Texte und gründet die “Patti Smith Group”. Es ist ihr Gitarrist Lenny Kaye, der das Wort “Punk-Rock” ins Leben ruft. “Horses” heißt ihre stilbildende erste LP. Als die Epoche zuende geht - 1979 - kehrt Patti Smith New York den Rücken und zieht mit dem Gitarristen Fred “Sonic” Smith aufs Land. Die beiden heiraten und bekommen zwei Kinder.

Über 20 Jahre später tritt sie mit ihrem Buch “Traumsammlerin” eine Reise in ihre  Vergangenheit an. In kurzen, poetischen Prosatexten - assoziativ zusammengefügt wie eine Patchworkdecke voller Erinnerungen.

"Ich hatte vor, eine Patchworkdecke für meinen Bruder zu machen – im Cowboystil. Die Arbeit machte mir nicht nur Freude, weil ich meinen Bruder liebte, sondern auch jeden Flicken, denn alle stammten aus unserer Kindheit oder von einem erinnerungsträchtigen Ort. Der Karostoff unserer Hemden, der gepunktete Schweizermusselin meiner Schwester, brauner Flanell aus Nepal, glänzender Moiré aus Roberts Atelier, Gingham, Samtreste … jedes Quadrat berauschend wie Wildsamen oder eine Tasse kostbaren Tees. Ich gestehe allerdings, dass mich das Unterfangen müde machte und ich zu einem Ort driftete, der präsenter war als ich, die dasaß und pflichtbewusst nähte, während meine Finger den Faden verloren und sich zu meinen Gedanken gesellten – anderswohin."

Feine Ariadnefäden führen durch das Labyrinth von Patti Smiths Kindheit. Und überschreiten – erzählt aus der Perspektive eines Mädchens - den Ort des Sichtbaren und Mittelbaren. Hinein in eine Welt voller Magie und Animismus, in der jedes noch so kleine Dinge beseelt scheint. So werden die Murmeln, die das Mädchen Patti Smith in ihren Socken überall mit hinnimmt, zu kleinen leuchtenden Planeten, Wolken zu Wohnstätten und die Wiese vorm Fenster mit ihrem hohen, wogenden Gras zu einer unermesslich weiten Welt. Auch die Zeit gerät aus den Fugen, weil nur noch der Augenblick zählt – wie auf den Ausflügen mit Bruder und Schwester:

"Wir gingen ins Stadtzentrum und erklommen die Steinmauer, die wie Arme einer Mutter den Quäker-Friedhof beschützte. Unter dem großen Walnussbaum begruben sie ihre Toten, und für uns war es selbst am helllichten Tag der verschwiegenste und stillste Ort auf Erden. Hier, umgeben von einer feierlichen, milden Luft, pafften wir an den Zunderholzstöckchen, die wir aus dem Sumpf geholt hatten, unterhielten uns stundenlang ohne auch nur ein Wort. Solche Tage erfüllten uns mit Freude. Unbändige Freude, die mich noch heute erfasst, wenn ich daran denke."

Die poetische Sprache von “Traumsammlerin” ist inspiriert von den amerikanischen Beat-Poeten, aber auch vom französischen Dichter Arthur Rimbaud, den Patti Smith seit ihrer Jugend verehrt. „Fremdartige, unergründliche, abstoßende, kostbare Dinge aufdecken“, war das Credo Arthur Rimbauds, das auch für die Texte Patti Smiths gilt. In ihnen kommen Erinnerungen wie lang gehütete Geheimnisse zum Vorschein:

"Später, nach dem Baden, kämmte mir meine Mutter das Haar, und ich sprach mein Gebet, bevor sie mich ins Bett brachte. Ich wartete, bis alles still war. Dann stand ich auf, stieg auf einen Stuhl, schob den Vorhang am Fenster beiseite und betete weiter, wanderte in Gedanken, um meinen Gott zu grüßen. In klaren, besonderen Nächten sah ich manchmal Bewegung im Gras. Zuerst hielt ich es für die Schwingen einer Schleiereule oder die großen bleichen Flügel einer Motte, die sich ausbreiteten und zusammenlegten wie eine mittelalterliche Kutte. Eines Nachts begriff ich, dass es Leute waren, wie ich sie noch nie gesehen hatte, mit merkwürdig altertümlichen Kopfbedeckungen und Kleidern. Ich meinte immer, das Weiß Ihrer Hauben zu erkennen und manchmal eine greifende Hand, erhellt vom Mond und den Sternen oder vom Licht eines vorbeifahrenden Autos."

Die im Text beschriebenen Wollsammler werden zum wiederkehrenden Motiv in Patti Smiths kleinem Buch – und stehen stellvertretend für das Sammeln von kostbaren Träumen und Erinnerungen, die bis zu den eigenen Vorfahren – Bauern und Schafhirten aus Norfolk – zurückreichen. Begleitet werden die Texte von einer charismatischen Auswahl an privaten Fotos.

Patti Smiths Buch ist das Tagebuch einer Träumerin. Auf wunderbar leise, zärtliche und poetische Weise erinnert es einen daran, seinen Wünschen treu zu bleiben – mit dem Kopf in der Luft und beiden Beinen auf festem Grund.

"Eine kleine Hand reichte mir einen Löwenzahn. Wünsch dir was! Ich nahm ihn. Ein gelbes Leuchten - wild, unbedeutend, von Gott geliebt. Das sich für unser Sehnen in eine sehr alte Pusteblume verwandelt. Kleine Mannaflocken, die auf die Erde regnen … Wünsch dir, was, puste … Ich atmete, ja was konnte ich mir anderes wünschen? Mein ganzes Sein lag darin -beschlossen. Ich hatte die Gabe des Himmels, der, in einem winzigen Augenblick, alles werden konnte. Ich suchte in den Wolken nach Zeichen, Antworten. Sie bewegten sich rasend schnell, kleine Kuppeln, zart, wie Bindegewebe. Das Gesicht der Kunst, im Profil. Das Antlitz der Verweigerung, gesegnet. Was tun wir hier, großer Barrymore? Wir stolpern. Was soll’n wir tun, schlichter Mönch? Guten Mutes sein. Und dieser Rat, erteilt mit einer so allumfassenden Anmut, erfüllte meine Glieder mit einer Leichtigkeit, die mich erhob und übers Gras schweben ließ, auch wenn es allen schien, dass ich noch unter ihnen war, umhüllt von menschlichen Pflichten, mit beiden Füßen auf dem Boden."

Patti Smith: "Traumsammlerin", Kiepenheuer & Witsch, 112 Seiten. 16,99 Euro.

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