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Menschen aus Mali fliehen vor radikalislamischen Rebellen

Angst vor der humanitären Katastrophe durch Flüchtlinge in Niger

Von Wibke Starck

Tuareg-Rebellen in Mali
Tuareg-Rebellen in Mali (picture alliance / dpa / EPA)

Seit im Januar in Malis Norden die Konflikte um ein unabhängiges Azawad eskalierten, sind bereits 270.000 Menschen in die Nachbarländer geflohen, auch nach Niger. Im Flüchtlingslager von Mangaize, einem kleinen Dorf an der malischen Grenze, sorgt das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen für das Nötigste.

Blaue UNHCR-Planen prägen das Bild, gespannt über krumme Äste, die eilig aus den wenigen Sträuchern geschlagen wurden, notdürftig mit Seilen festgezurrt. Das sandige Gelände ist weitläufig, nur wenige Bäume und Sträucher spenden Schatten. Die Sahelsonne brennt auf den kargen Boden.

Nasarate al Housenie kauert auf einer Decke unter einer der blauen Plastikplanen, sie versucht ihren Jüngsten zu beruhigen. Schließlich gibt sie ihm wieder die Brust und das Nuckeln lässt ihn verstummen, auch wenn er davon nicht satt wird:

"Wir haben nicht genug zu essen, mir ist die Milch ausgegangen."

Schwer vorstellbar, aber Nasarate al Housenie ist dennoch erleichtert, dass sie hier ist. Sie hat einen alten Teppich unter der aufgespannten Plane ausgebreitet. Er dient ihr und ihren fünf Kindern als Nachtlager und Wohnzimmer zugleich. Ein paar festgezurrte, bunte Tücher spenden zusätzlichen Schatten und schaffen eine minimale Intimsphäre. Seit zwei Wochen leben sie so, andere schon seit mehr als drei Monaten.

"Ich habe schreckliche Dinge gesehen, Menschen sind erschossen worden, überall Blut."

Ihr Mann Mohammed Hamadou hockt sich daneben und ergänzt:

"Soldaten, die uns eigentlich beschützen sollten, sind vor den Rebellen geflohen. Ich habe gesehen, wie Frauen vergewaltigt wurden. Da sind wir nur noch gerannt. Wenn schon die Soldaten fliehen, wie sollten wir bleiben?"

Die Soldaten der malischen Armee sollen ihre Waffen weggeworfen haben, weil sie ohnehin keine Munition mehr hatten. Längst fühlten sie sich im Kampf gegen die MNLA-Rebellen, die Nationale Bewegung für die Befreiung des Azawad, von der Regierung im Stich gelassen. Ende März kam es zum Regierungsputsch. Die Rebellen nutzen das Machtvakuum und nahmen den gesamten Norden ein. Anfang April riefen sie den unabhängigen Staat Azawad aus. Mohammed Hamadou gehört zum Volk der Tuareg. Er trägt den schwarzen Schleier seines Turbans um den Hals. Gelegentlich zieht er ihn zum Mund und zum Sprechen dann wieder zurück.

"Ich habe keine Ahnung, ob die Konflikte religiöse Ursachen haben. Ich weiß nur, dass der Islam, den ich gelernt habe, nicht erlaubt, andere Menschen zu bestehlen oder zu töten. Das sind vielleicht Leute, die behaupten im Namen des Islam zu handeln, aber sie verstecken sich nur dahinter."

Obwohl es schon vor Jahren wiederholt Aufstände im Norden Malis gegeben hatte, kam die jüngste Eskalation für Mohammed Hamadou völlig überraschend. Niemals hätte er gedacht, dass er eines Tages sein Land würde verlassen müssen. Während die MNLA sich ursprünglich für einen religiös neutralen Staat der Nomadenvölker, wie die Tuareg und Fulbe, aber auch die Songhai und Mauren einsetzte, scheint sich eine Al-Quaida nahe Gruppe namens "Ansar Dine" durchzusetzen, die im Norden Malis einen islamistischen Staat etablieren will. Die Flüchtlinge in Mangaize erzählen, dass sie im Fernsehen verfolgen konnten, wie die Rebellen sich über die Stadt Gao näherten. So wie der 19-jährige Mustapha Oul Sidi:

"Sie haben dort die Bars zerstört und die Menschen gezwungen, sich entsprechend der Scharia zu verhalten. Und sie haben Nachtclubs geschlossen und die Hotels."

Der junge Mustapha wirkt fahrig und nervös, während er redet. Auch sein Blick geht unruhig hin und her. Sein Dorf sei schließlich ebenfalls nicht mehr sicher gewesen:

"Sie kamen abends um acht und es hieß, sie würden die Grenzen dichtmachen. Am nächsten Nachmittag, gegen zwei Uhr, ist es uns gelungen, zu fliehen. Vorher hatten sie versucht, uns daran zu hindern. Als wir im Niger ankamen, fragte uns die Polizei nach unseren Papieren. Aber wir sind ja geflohen, wie wir waren, wir hatten unsere Papiere nicht dabei. Zum Glück haben sie einfach unsere Namen notiert und uns durchgelassen."

Das Dorf Mangaize hat selbst nur knapp über 1000 Einwohner, nun sind über 3.500 Menschen hinzugekommen, 750 allein in den vergangenen zwei Wochen. Die einheimische Bevölkerung hat hier, wie in anderen grenznahen Dörfern, die Flüchtlinge aus Mali aufgenommen, auch wenn sie damit rasch völlig überfordert war. Mohammed Hamadou und seine Frau hoffen deshalb jetzt auch auf weitere internationale Hilfe:

"Als wir hier angekommen sind, hat die Dorfbevölkerung alles mit uns geteilt, was sie hatten. Unterschlupf, Essen – aber die Leute haben hier selber nichts. Wie sollen sie und wir überleben?"

Nasarate al Housenie: "Die Hilfsorganisationen geben uns Essen, aber was wir bekommen, reicht nicht. Sie haben auch Kindernahrung versprochen, bisher ist die noch nicht eingetroffen."

Ralf Südhoff vom "UN World Food Programme Deutschland" war im Rahmen einer Erkundungsreise durch den Niger selbst im Flüchtlingslager:

"Man kann sehen, dass das alles noch sehr provisorisch ist. Die Menschen sind ja erst in den letzten Wochen dort vielfach hingekommen, niemand weiß ganz genau, wie sich die Lage weiter entwickelt. Deshalb gibt es jetzt den Plan, dass man aus diesem provisorischen Camp ein echtes Flüchtlingslager macht. Das heißt, man baut eine Schule vor Ort, man braucht eine Krankenstation und Ärzte, weil viele der Betroffenen natürlich mangelernährt sind."

Und ihre Reserven aufgebraucht nach mehreren Dürren in den vergangenen Jahren. Wie den Flüchtlingen von Mangaize geht es den meisten Menschen in der Sahelregion. Deshalb hofft Südhoff, dass die Geberländer schnell reagieren und weitere Unterstützung zusichern. Bereits seit Oktober sagen die Frühwarnsysteme eine Hungerkatastrophe voraus. Wenn aber erst im Juni wieder Bilder hungernder Kinder um die Welt gehen, sei es für viele schon zu spät und die viel speziellere, intensivere Hilfe würde sehr viel teurer. Noch kann man mit weniger Geld viel mehr erreichen, sagt Südhoff. Und selbst wenn die Regenzeit ganz regulär einsetzt, wird es viel zu tun geben:

"Spätestens im Juni beginnt ja höchstwahrscheinlich die Regenzeit und dort im Sand, wo die Menschen jetzt faktisch wohnen mit einer Plane über dem Kopf, werden sie dann nicht mehr bleiben können, wenn es irgend geht, weil sonst sitzen sie buchstäblich im Regen und im Matsch."

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