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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenMenschen - die geselligen Affen16.07.2009

Menschen - die geselligen Affen

Was Soziologen über die menschliche Evolution zu sagen haben

Der Mensch ist unbestritten ein Produkt der Evolution. Doch offensichtlich ist auch, dass die Kultur der menschlichen Spezies keine Entsprechungen im Tierreich hat. Andererseits versucht die Biologie immer wieder zu zeigen, dass unser Sozialverhalten so speziell nicht ist. Ist menschliches Sozialverhalten nun ein Produkt unserer Kultur oder unserer Biologie? Diese alte Frage diskutierten an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ein Biologe, ein Psychologe und Soziologen auf einem Forum mit dem schönen Titel: "Die geselligen Affen".

Von Bettina Mittelstraß

Schaut man sich unser komplexes gesellschaftliches Verhalten an, ist das ein guter Grund, Menschen und Tiere zu unterscheiden.  (AP)
Schaut man sich unser komplexes gesellschaftliches Verhalten an, ist das ein guter Grund, Menschen und Tiere zu unterscheiden. (AP)

"Eine Kerneinsicht von Evolutionsbiologie ist, dass man Verhalten nicht allein intern erklären kann durch Motive, durch Präferenzen, durch Einstellungen - wie es ein großer Teil der Psychologie macht, von Freud bis heute. Sondern wir können lernen, dass das Verhalten eine Funktion von Umwelt und Gehirn ist. Und dann verstehen, wie abhängig die beiden voneinander sind."

Für den Psychologen Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, ist die Evolutionsbiologie eine wichtige Quelle für die eigene Forschung. Wenn er versucht intuitives Handeln beim Menschen besser zu verstehen, zieht er auch Vergleiche zur Tierwelt. Es gibt sie, die Bauchentscheidungen - so ein bekannter Titel eines seiner Bücher. Und sie werden seiner Ansicht nach schon lange unterschätzt, weil eine wichtige Vorstellung vom Menschen vorherrscht, nämlich die, dass er als Kulturwesen vor allem logisch rationale, also begründete Entscheidungen fällt.

"Viele von diesen intuitiven Prinzipien können wir schon im Tierreich sehen. Zum Beispiel: Imitation im begrenzten Fall. Nach einem guten Grund zu gehen, statt alle Gründe aufzuaddieren. Das finden wir in der Partnerwahl bei vielen Tieren. Oder Wiedererkennungsheuristiken - man geht nach dem, was man kennt und nicht nach dem, was man nicht kennt. Das heißt nun, wir haben es hier mit Prinzipien zu tun, die, wenn sie intuitiv sind, außerhalb von Sprache sind. Und die Tiere auch schon haben. Menschen auch haben. Und ich finde es sehr, sehr spannend zu erforschen: Was sind denn die Prinzipien, die wir selber nicht kennen, aber die dennoch vieles von unserem Verhalten steuern."

Psychologen können also durchaus etwas über menschliches Sozialverhalten lernen, wenn sie Tiere beobachten, sagt Gerd Gigerenzer. Ob dabei am Ende Unterschiede zwischen Mensch und Tier verwischt oder deutlicher werden, ist offen. Diese Hinwendung zur Biologie ist das Ergebnis interdisziplinärer Forschungen, wie sie in Bezug auf menschliches Sozialverhalten inzwischen möglich ist. Das war nicht immer so. Biologen und Sozialwissenschaftler, insbesondere Soziologen, kennen in der Geschichte ihrer Disziplinen heftige Auseinandersetzungen um die Frage, ob man menschliches Verhalten und damit menschliche Kultur biologisch erklären kann oder nicht. Sie waren geprägt von wechselseitiger Ignoranz und extremen Positionen, sagt der Soziologe Peter Weingart, Direktor des Instituts für Wissenschafts- und Technikforschung an der Universität Bielefeld.

"Der Sozialdarwinismus war das frühe Stadium dieser Diskussion und war im Grunde genommen die ganz einfache Übernahme des Darwinschen Topos, des Kampfes aller gegen alle und des Überlebens des Stärkeren auf die Gesellschaft und ist dann in vielfältiger Weise darauf angewandt worden, und hat natürlich dann auch ideologische Form bekommen. Also hat gewissermaßen dazu gedient, etwa die bestehenden Verhältnisse zu rechtfertigen, also die Hierarchisierung von sozialen Klassen."

Der Sozialdarwinismus spielt heute in keiner Wissenschaft noch eine Rolle. Allerdings hat eine Zeit lang in den 70er-Jahren eine Forschungsrichtung unter dem Namen "Soziobiologie" vor allem in den USA für Aufregung gesorgt. Ihre radikalste Annahme - vertreten etwa durch den amerikanischen Ameisenexperte Edward Wilson - war die, dass letztlich die Gene unser Verhalten bestimmen.

"Wilson kleidet das ja in den Satz "The genes hold culture on a leash" Also übersetzt: die Gene halten die Kultur am Zügel. Die Kultur kann sich nicht in jede x-beliebige Richtung entwickeln, so wie die Sozialwissenschaftler das eigentlich vermuten, sondern die Gene setzen da Grenzen, und insofern ist das determiniert."

Erstzunehmendere Theorien versuchen heute, die menschliche Kultur mit einer lockeren Kopplung von Evolutionstheorie und sozialwissenschaftlichen Theorien zu erklären. Unter dem Stichwort "Ko-Evolution" werden Wechselwirkungen zwischen genetischen und kulturellen Entwicklungen angenommen. Derzeit vorherrschend ist also ein Versuch der Annäherung der Disziplinen durch ein "sowohl - als auch": Kultur ist eben nicht Natur, kann aber auch evolutionsbiologische Gründe haben. Dabei interessiert die Evolutionsbiologen oft mehr, warum die menschliche Kultur überhaupt entstanden ist. Peter Hammerstein, Professor für Theoretische Biologie an der Humboldt Universität zu Berlin:

"Wie konnte es losgehen mit der Kultur? Wie kann man den Übergang verstehen? Dass aus wenig Kultur mehr Kultur wird oder aus gar keiner Kultur Kultur wird? Und für diese Frage reicht meiner Ansicht nach eine relativ simple Definition von Kultur, wo man sagt: Es handelt sich um Informationen, die durch soziales Lernen, durch verschiedene Formen von sozialem Lernen erworben wird. Wir hängen eigentlich den Kulturbegriff sehr stark daran auf, wie Kultur übertragen wird - also Transmission. Und das liegt daran - das muss ich ganz ehrlich sagen - dass wir natürlich in der biologischen Evolution normalerweise von genetischer Übertragung reden, von Eigenschaften! Und für uns ist die Kultur was Besonderes, weil es eben nicht die Genetik ist, die Übertragung vornimmt. Und deswegen pointieren wir das, indem wir auch Kultur so definieren: über den Übertragungsmechanismus."

Weingart "Vonseiten der Sozialwissenschaften ist meines Erachtens der Haupteinwand, dass die Modelle von Kultur, die die Evolutionstheoretiker verwenden, um die Evolutionstheorie anwenden zu können, dass der Begriff von Kultur da zu einfach ist. Umgekehrt sagen die Biologen - und meines Erachtens nicht ganz zu Unrecht - euer, also der Kulturbegriff der Sozialwissenschaftler, ist viel zu vage, und infolgedessen könnt ihr damit auch nicht viel anfangen. Und wenn man weiter kommen will in der Entwicklung der Wissenschaft, dann muss man mit kleinen einfachen Modellen beginnen, um darauf komplexere Modelle aufzubauen. Das ist ein gewichtiger Einwand."

Noch gibt es also Begriffs- und Verständigungsfragen zu klären, wenn sich Biologie und Sozialwissenschaften gemeinsam der Frage nach der Evolution des menschlichen Sozialverhaltens nähern. Sicher ist jedoch, dass weder Biologen noch Sozialwissenschaftler oder Psychologen von einer nicht zu ändernden Abhängigkeit menschlichen Sozialverhaltens von biologischen Voraussetzungen ausgehen.

Hammerstein: "Egal, wie die Erkenntnis über unsere biologische Natur ist: Wie wollen wir damit umgehen? Also das Letzte, was ich vertreten möchte, ist eine Philosophie, die sagt, weil etwas in der Natur passiert, müssen wir das so machen. Es lässt sich daraus überhaupt kein ethisches Postulat herleiten. Es gibt keinen Weg vom Sein zum Sollen."

Und alle Kultur wollen die Biologen auch gar nicht erklären:

Hammerstein: "Also ich würde gar nicht den Ehrgeiz haben, etwa zu erklären, wie das deutsche Recht formuliert ist mithilfe von biologischen Mitteln. Also das würde mir nun wirklich zu weit gehen. Aber was ich zum Beispiel machen kann: Also ich kann durch den Vergleich mit dem Tierreich mich fragen, was bedeutet das eigentlich, dass so etwas wie Recht existiert? Was hat das für Konsequenzen? Was fehlt den Tieren sozusagen?"

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