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StartseiteInterviewMenschenfreund Bertolt Brecht14.08.2006

Menschenfreund Bertolt Brecht

Günter Kunert zum 50. Todestag des Autors

Der Schriftsteller Günter Kunert hat den vor 50 Jahren verstorbenen Dramatiker Bertolt Brecht als äußert umgänglichen Menschen gewürdigt. "Es gelang ihm, distanzlos mit anderen Leuten umzugehen", sagte Kunert. Zudem sei Brecht "ein großer Frauenfreund" gewesen.

Moderation: Jürgen Liminski

Vor 50 Jahren starrb Bertolt Brecht. (AP)
Vor 50 Jahren starrb Bertolt Brecht. (AP)
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Jürgen Liminski: Und nun bin ich verbunden mit Günter Kunert. Guten Morgen, Herr Kunert!

Günter Kunert: Guten Morgen!

Liminski: Herr Kunert, vielleicht darf ich Sie unseren Hörerinnen und Hörern kurz vorstellen. Sie berichtigen mich, wenn ich etwas Falsches sage. Günter Kunert gilt als einer der vielseitigsten Schriftsteller der Gegenwart. Neben der Lyrik sind es Kurzgeschichten und Erzählungen, Essays, autobiographische Aufzeichnungen, Aphorismen, Glossen, Satiren, Märchen, Sience Fiction, Hörspiele, Reden, Reiseskizzen, Drehbücher, eine Vielzahl von Vor- und Nachworten zu Veröffentlichungen von anderen Autoren, Libretti-Kinderbücher, ein Roman und ein Drama und anderes mehr, die Kunerts kaum noch überschaubares schriftstellerisches Werk ausmachen. Auch als Maler und Zeichner ist Kunert hervorgetreten. Er ist Vorstandspräsident des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, vielfach ausgezeichnet und - damit kommen wir nun zum Sujet - er hat Bertolt Brecht persönlich gekannt.

Herr Kunert, wie haben Sie Brecht kennen gelernt? Wo und wann war das?

Kunert: Das muss '49 gewesen sein. Ich hatte zu schreiben begonnen und auch schon veröffentlicht hier und da in einer Zeitung, war einer der wenigen jungen Autoren zu der Zeit in Ost-Berlin. Und da ich ein Manuskript hatte mit Gedichten und nicht so recht wusste, was damit tun, meinte ein Freund, Brecht ist doch jetzt gerade aus der Schweiz gekommen. Ich würde dir vorschlagen, such den doch mal auf und gib ihm mal das Manuskript. Der Brecht wohnt im Adlon.

Also ich habe mir ein Herz gefasst, bin in die Stadtmitte gefahren, bin ins Adlon gegangen, habe den Portier gefragt - das heißt es war noch eine Ruine; es stand nur noch das Hinterhaus -, wo, in welchem Zimmer ist denn Herr Brecht? Ja, im ersten Stock. Nummer soundso.
Ich bin dann klopfenden Herzens empor gestiegen, stand vor der Tür, wollte gerade klopfen, die Tür ging auf, heraus kam der Schauspieler Theo Lingen. Ich kannte ja die persönlichen Beziehungen dieser beiden, Brecht und Theo Lingen, gar nicht. Brecht hatte die Tochter von Theo Lingen adoptiert, die spätere Schauspielerin Hanne Hiob. Das wusste ich alles nicht.
Die Tür schloss sich wieder und Lingen verschwand.

Dann klopfte ich vorsichtig, die Tür ging auf, Brecht stand da und war sehr freundlich sofort, ließ seinen Kugelschreiber fallen, bückte sich, hob den auf, entschuldigte sich dafür und bat mich in das Zimmer. Am Tisch saß Helene Weigel. Dieser Tisch war voll gestellt mit amerikanischen Konserven, und zu der Zeit gab es ja nun auch noch nicht sehr viel, insbesondere in Ost-Berlin nicht. Ich konnte den Blick nicht von dem Tisch wenden, meldete aber dann mein Anliegen an und reichte ihm das Manuskript. Er tat so, als hätte er sein halbes Leben lang nichts anderes getan, als auf mein Manuskript zu warten. Er nahm das also und begleitete mich wieder zur Tür, und es war schon damals spürbar, was seinen Zauber ausgemacht hat: Es gelang ihm, distanzlos mit anderen Leuten umzugehen. Das ist ja nicht jedem gegeben. Er war also weder hochmütig, hochfahrend, noch distanziert, sondern als hätte er einen alten Bekannten wieder gesehen.

Liminski: Was haben Sie denn von Brecht als Schriftsteller gelernt?

Kunert: Es gab keine Brecht-Ausgaben zu der Zeit, und die Ausgaben vor '33 sind ja verbrannt worden. Die Auflagen waren nie so groß, dass man sie hätte antiquarisch bekommen können im Gegensatz zu Thomas Mann. "Buddenbrooks" bekam man in jedem Antiquariat; Brecht bekam man nie. Ich habe nur ein paar Gedichte gekannt, die in der Zeitschrift "Ulenspiegel", für die ich dann auch schrieb, erschienen waren.

Liminski: Und was haben Sie von Brecht später gelernt?

Kunert: Er hat mir dann geschrieben und mich eingeladen, ihn zu besuchen. Er wohnte dann in Weißensee in einer alten Fabrikantenvilla, und ich fuhr dann morgens etwas müde hin. Er war ein Frühaufsteher, ich damals noch nicht. Er brachte mich mit Unmengen Kaffee in die Welt zurück und war sehr neugierig. Er fragte dann, sagen Sie mal, Kunert, was denken die Leute, was reden die denn so? Dann sagte ich, ja wissen Sie, Herr Brecht. - Ich bin kein Herr, nennen Sie mich Brecht.

Also gut. Ich berichtete ihm dann ungeschminkt, was die Leute so reden und denken, was ihn sehr interessierte. Von dort an bin ich eigentlich diskontinuierlich, würde ich sagen, zu ihm nach Weißensee gefahren, nicht nur morgens, sondern auch mal abends, und er hat sich angesehen, was ich schrieb, geschrieben hatte, hat mit seinem Kugelschreiber auch darin herumgewirtschaftet und meinte, also man muss schreiben, dass es zitierfähig wird – a - und b, dass der Klassenfeind nichts aus einem Werk entnehmen kann und für seine Zwecke gebrauchen kann. Das fand ich natürlich eine etwas merkwürdige Forderung.

Liminski: Haben Sie denn Kontakt halten können zu seinen Bekannten oder Freunden? Sie haben ihn ja als sehr junger Mensch kennen gelernt.

Kunert: Ja. Ich habe mal den Paul Dessau bei ihm kennen gelernt und Barbara, seine Tochter, selbstverständlich. Wenn ich ihn morgens besucht habe, lud er mich ein, mit in die Stadt zu kommen. Er fuhr so einen alten Steirer Sportwagen, einen offenen Wagen, und fuhr mit mir dann in die Stadt. Es war ja zu der Zeit noch kaum Autoverkehr in Ost-Berlin, und beim Fahren nahm er die Hände vom Lenkrad, band sich seinen Schal um, belauerte mich aus dem Augenwinkel. Und als ich ihn erstaunt ansah sagte er, das einzige, was ich wirklich gut kann, ist Autofahren. Er nahm mich dann mit in die Probebühne in der Reinhardtstraße, und ich setzte mich dort hin und konnte ihn beobachten bei seiner Regiearbeit.

Liminski: Brecht wird nachgesagt, er habe seine Frauen in gewissem Sinne ausgebeutet. Elisabeth Hauptmann, Margarete Steffin, Ruth Berlau, Helene Weigel, sie alle sollen mindestens ganze Szenen seiner berühmtesten Werke verfasst haben. Das behauptet jedenfalls der amerikanische Biograf John Fuegis. Wie haben Sie Brechts Verhältnis zu diesen oder überhaupt zu Frauen erlebt?

Kunert: Ja, er war ein großer Frauenfreund, muss man sagen. Es gibt zum Beispiel auch den Bericht, für dessen Wahrheitsgehalt ich nicht einstehe, dass er in Weißensee morgens um fünf, sechs im Park gesessen hat mit einer Dame neben sich, doch innig umschlungen. Also er hatte sehr viel für Frauen übrig, was ich ganz gut verstehen kann. Er hat ja nicht nur Frauen einbezogen als Helferinnen für sein Werk. Er hat zum Beispiel jeden Morgen der Ruth Berlau Manuskriptseiten unter der Tür durchgeschoben in ihrer Wohnung, um das von ihr kritisch besprechen zu lassen. Er hat auch natürlich mit seinem, was man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann, ich würde fast sagen Charme, mit seiner Aura, mit seiner Anziehungskraft genauso Männer nicht ausgebeutet, sondern er hat sie zur Mitarbeit ohne Zwang gebracht, weil er sie als gleichwertig genommen hat und als Helfer für sich. Insofern war sein Verhältnis zu seinen Mitarbeitern oder zu seinen Schülern eigentlich auch ein ziemlich inniges.

Liminski: In seinen frühen Gedichten, Herr Kunert, besingt Brecht unter dem Pseudonym Berthold Eugen als 16- und 17-Jähriger das Vaterland, für das es so schön sei zu sterben. Patriotische Aufwallung oder nationalistische Verblendung in der Jugend ist freilich kein Privileg gestorbener Dichter und Schriftsteller, wie wir seit der vergangenen Woche wissen. Leben große Dichter aus solchen persönlichen Widersprüchen, die sie Zeit Lebens mit sich herumschleppen, sozusagen als existenzielle Wegzehrung, als Quelle der Rastlosigkeit ihres Schaffens?

Kunert: Nicht nur Dichter und Schriftsteller leben mit inneren Widersprüchen. Das ist ja, wie ich glaube, ein Spezifikum des Homo Sapiens überhaupt. Jeder Mensch lebt im Widerspruch, im Zwiespalt, in einer milden Stufe von Schizophrenie. Alle Leute sind gezwungen, hier und da Rollen zu spielen, den braven Hausherren, Vater oder Sohn, den braven Angestellten, den netten Chef. Wir sind alle keine homogenen Persönlichkeiten. Das muss man Menschen eben immer zu Gute halten.

Liminski: Milde Stufe der Schizophrenie. Gilt das auch für Günter Grass? Wie stehen Sie zu Grass’ später Enthüllung?

Kunert: Ich muss auch mit anderen sagen: sehr spät, zu spät. Es haben ja andere sich vorher zu dieser Vergangenheit bekannt. Er war ja ein ganz junger Mann. Das hätte ihm ja überhaupt nicht geschadet, wenn er es vor 20, 30 Jahren aufgenommen hätte. Ich begreife eigentlich auch gar nicht, warum er so lange damit gezögert hat. Es ist ja weiß Gott verständlich, dass so ein junger Mann zu der Zeit, auch noch zur späten Nazi-Zeit, ein begeisterter Anhänger des Systems war und des Führers. Ist ja alles verständlich. Es waren ja andere Schriftsteller, die auch sehr berühmt wurden, ebenso. Nur dieses Hinauszögern über 60 Jahre ist etwas, obwohl ich mich für Psychologie natürlich als Schriftsteller interessiere, unverständlich.

Liminski: Ich spüre eine gewisse Enttäuschung. Waren Sie auch mal von Brecht enttäuscht?

Kunert: Nein, eigentlich nicht, denn Brecht hat doch zwangsläufig natürlich für sich und für sein Werk sehr vieles getan, was vielleicht nicht notwendig gewesen wäre. Ich meine jetzt, er hat ja zu DDR-Zeiten ein paar doch ganz unsägliche Sachen geschrieben wie die "Erziehung der Hirse", also dieses Stalin-Lob, oder den Herrenburger Bericht und dergleichen. Er hat auch, was ich aber verstehen kann, während des Krieges Hymen auf die Sowjetunion geschrieben. Das ist aber begreiflich aus seinem Widerstand und aus seinem Hass auf Hitler, auf die Nazis. Er meinte damit doch eine Stärkung jener Macht der Sowjetunion zu bewirken, die tatsächlich ja auch den größten Blutzoll geleistet hat.

Liminski: Bertolt Brecht, gesehen und beschrieben von Günter Kunert. Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Kunert.

Kunert: Ja, danke.

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