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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenMenschenzoos - Die Erfindung des "Wilden"01.12.2011

Menschenzoos - Die Erfindung des "Wilden"

Eine Ausstellung im Pariser Branly-Museum über die Industrie des wilden Exotentums

Während der Kolonialzeit vor allem der europäischen Mächte wurden Menschen ferner Kontinente in der westlichen Welt ausgestellt wie exotische Tiere, bei Völkerschauen, auf Jahrmärkten und in Kabarettnummern: in Menschenzoos. Das Pariser Branly-Museum widmet diesen missbrauchten Menschen eine Ausstellung.

Von Suzanne Krause

In den abgedunkelten Räumen strahlen Porträtmalereien, historische Veranstaltungsplakate und Fotos von den Wänden geradezu heraus. Diese intime Atmosphäre fördert das Tête-à-tête des Besuchers mit den Abbildnissen all der "Anderen". Der "Wilden", wie sie erstmals in europäischen Königshäusern des 15. Jahrhunderts auftreten, als die ersten Eroberer aus fernen Ländern menschliche Beute heimbringen. Im 19. Jahrhundert, Blütezeit der Kolonialpolitik, wird es dann fürs Volk zur Mode, Afrikaner, Inder, Indianer, Letten und Aborigines im Zirkus, bei sogenannten Völkerschauen und auf dem Jahrmarkt zu bestaunen. Lilian Thuram bleibt vor einem alten Plakat stehen. Thuram ist nicht nur einer der größten französischen Fußballstars, er, der aus dem Übersee-Departement Guadeloupe stammt, hat auch 2008 in Paris eine Anti-Rassismus-Stiftung gegründet. Und nun leitet Lilian Thuram die Ausstellung im Branly-Museum. Er weist auf das Plakat: Es zeigt einen Menschen mit einer langen Mähne, die das Gesicht vollständig bedeckt. Darunter steht in Großbuchstaben: What is it?

"Dieses Plakat finde ich sehr interessant, denn – What is it?- was soll das sein? Da wird die Frage gestellt, ob es sich bei dem Abgebildeten um ein Tier oder um einen Menschen handelt. De facto aber handelt es sich bei dieser Person, die präsentiert wird wie das fehlende Bindeglied zwischen Orang-Utan und Mensch, um William Henry Johnson. Ein junger Afro-Amerikaner, der ab 1846 beim Zirkusunternehmen Barnum zur Schau gestellt wird. Man erfindet ihm eine unglaubliche Geschichte: Er sei als verwildertes Kleinkind in der hintersten Ecke Afrikas aufgegriffen worden. Man hat ihn also für das Publikum zum Wilden gemacht. Dieser Herr war mit einer Mikrozephalie geboren worden. Obgleich er sehr wohl sprechen konnte, durfte er vor Publikum nur grunzen. Dieser Fall steht emblematisch dafür, wie man den Blick auf den Anderen konstruieren kann."

In einem benachbarten Saal wirbt Castans Panoptikum in Berlin auf einem farbenfreudigen Plakat mit einer Schar kriegerischer Schwarzafrikaner für das abessinische Dorf, das im ersten Stock rekonstruiert wurde, inklusive 65 lebender Bewohner. Nebenan hängt das Poster vom Pariser Hippodrom, das einen messerwerfenden "echten" Chinesen zeigt. Die Impresarios zogen gekonnt alle Register der Schaustellerei, sagt Pascal Blanchard, der wissenschaftliche Leiter der Ausstellung. Der Historiker ist Experte für die Kolonialgeschichte und hat das Phänomen der Menschenzoos an die Öffentlichkeit gebracht.

"Hier hängt ein Plakat, das für die Nachstellung der Sklaverei wirbt, daneben eines für ein nachgebautes Eingeborenen-Dorf. Da, die ägyptische Karawane, man hat den Eindruck, dass uns solchermaßen der gesamte Orient und der Nahe Osten in Europa vorgeführt wurde. Diese ägyptische Völkerschau tourte damals durch Deutschland, Frankreich, Österreich und Italien. Im Saal hier wird deutlich, was der Menschenzoo pragmatisch gesehen eigentlich bedeutet: Es handelt sich um ein Spektakel, das den angeblichen Unterschied zwischen den Besuchern und den Ausgestellten inszeniert. Und dazu werden alle Codes des Spektakulären ausgereizt, um die Massen neugierig zu machen und anzulocken. Denn sie mussten ja Eintritt entrichten. Diese Schauen liefern, weil es eine Nachfrage gab, eine Erwartungshaltung."

Das Volk wollte in diesen Menschenzoos einen Blick auf andere Kulturen werfen. Diese jedoch wurden systematisch karikaturhaft dargestellt, als unzivilisiert und minderwertig. Pascal Blanchard sagt, zwischen Mitte des 19. und Mitte des 20. Jahrhunderts seien weit über eine Milliarde Menschen im Westen an den ausgestellten "Wilden" vorbeidefiliert. Deren Zahl wird auf mindestens 30.000 geschätzt. Sie waren teils mit ihrer gesamten Familie aus ihrer Heimat verschleppt worden, wurden umgetauft in Hans und Gretel, Pai-Pi-Brie oder Krao – wenn ihnen überhaupt ein Name zugestanden wurde. Die wenigen kritischen Stimmen gingen in der allgemeinen Begeisterung für die Menschenzoos unter. Für die damaligen Wissenschaftler waren diese menschlichen Attraktionen gefundenes Fressen und Mittel, eine Rassenlehre zu entwickeln – auf der die Weißen den Ehrenplatz einnahmen.

"Solche Menschenzoos entsprachen dem damaligen Zeitgeist. Und vor allem waren sie politisch sehr nützlich: Denn sie dienten einerseits dem Diskurs von den unterschiedlichen Rassen. Mit all den heute bekannten Auswüchsen, Stichwort Eugenik, Rassentrennung in den Vereinigten Staaten, Nationalsozialismus, Faschismus, Rassismus. Und sie dienten andererseits dem Kolonialismus. Die Japaner waren die Ersten, die dies praktizierten. Nachdem sie vorgeblich bewiesen hatten, dass die Koreaner Menschenfresser seien, haben sie Korea kolonialisiert. Und in Frankreich funktionierte das genauso. Da hieß es, die Völker in Übersee seien minderwertig, Kannibalen und gefährlich. Und das man sie erretten und sich selbst vor ihnen schützen müsse. Heute ist diese Dialektik in Vergessenheit geraten. Aber damals musste man die westliche Bevölkerung ja von der Notwendigkeit der Kolonialpolitik überzeugen, denn sie verschlang viel Geld."

Diese degradierenden Bilder des "Anderen" konditionieren das kollektive Unterbewusstsein bis heute, sagt Lilian Thuram. Selbst wenn das Kino ab den 30er-Jahren der Attraktion der Menschenzoos den Rang ablief. 1958 scheiterte das Projekt eines "kongolesischen Dorfs" in Brüssel an massiven Protesten: der Dolchstoß für diese frühere Vergnügungsindustrie. Ein knappes halbes Jahrhundert später ist endlich aus der berühmten "Venus der Hottentotten" wieder Saartije Baartman geworden– als ihre Überreste 2002 bei einer Staatszeremonie in ihrer Heimat Südafrika begraben werden. Auch heutige Diskriminierungen werden in der Ausstellung im Branly-Museum aufgegriffen: In einer Video-Collage kommen Roma, Homosexuelle, Dicke zu Wort – jene, die scheinbar anders sind als wir. Und im Raum steht die Frage, wer nun eigentlich der "Wilde" sei.

Die Erfindung des "Wilden" - Ausstellung im Pariser Branly-Museum (französisch)

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