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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Basis des Zusammenlebens als komplexe Herausforderung 26.02.2015

Menschliche Verständigung Die Basis des Zusammenlebens als komplexe Herausforderung

Verstehen Sie, was ich sagen will? Nein? Weil das Verstehen der Anderen eben keineswegs selbstverständlich ist, prägte der Philosoph Hans-Georg Gadamer die Formel vom "Wunder des Verstehens". Unter diesem Titel trafen sich Wissenschaftler auf einer Tagung an der Ruhr-Universität Bochum, zu der Hans-Ulrich Lessing und Kevin Liggieri von der Mercator-Forscher-Gruppe "Räume anthropologischen Wissens" eingeladen hatten. Sie warfen einen interdisziplinären Blick auf ein außerordentliches Phänomen.

Von Dörte Hinrichs

Ein geöffneter Mund  (dpa / picture alliance)
Sätze, Absichten, Handlungen, aber auch Gesten, Mimik oder Ironie - um sein Gegenüber wirklich verstehen zu können, muss der Mensch viele Fähigkeiten mitbringen. (dpa / picture alliance)

Wer glaubte, Verstehen und Nichtverstehen, das allein sei hier die Frage, der wurde in Bochum eines Besseren belehrt: Die Philosophen, Pädagogen, Literatur- und Kognitionswissenschaftler beleuchteten zunächst die verschiedenen Ebenen des Verstehens. Dabei wurde schnell klar, was wir alles verstehen müssen, um den anderen zu verstehen: seine Sätze, Absichten, Handlungen, seine Gesten und Mimik, seine Anspielungen und Ironie. Gleichzeitig will auch der Sinn von Texten und Zeichen, Regeln, Traditionen und Gesetzen verstanden werden. Da bleibt viel Raum für Nichtverstehen und Missverstehen. Das Nichtverstehen ist auch der Ausgangspunkt für die klassische Hermeneutik, eine Methode des Verstehens oder der Interpretation von Texten, wie Volker Steenblock, Professor für Philosophiedidaktik und Kulturphilosophie an der Universität Bochum, ausführte:

"Man kann die Hermeneutik bis auf die Antike zurückführen, aber sie beginnt im eigentlichen Sinne als Bibelexegese, als Verstehenskunde sakrosankten Texten gegenüber, entwickelt sich dann im 18./19 Jahrhundert über diese Textgebundenheit hinaus und erreicht im 19. Jahrhundert eigentlich diesen Status als Grundmethode der Geisteswissenschaften . Also wenn der Historiker Johann Gustav Droysen sagt, unsere Methode ist forschend zu verstehen, dann bekennt er sich zum Paradigma der Hermeneutik. Ähnlich tut es Wilhelm Dilthey."

Wie lässt sich "Verstehen" definieren?

Am wissenschaftstheoretischen Begriff des Verstehens hat man einst die Abgrenzung der Geistes- von den Naturwissenschaften festgemacht. Der Philosoph Wilhelm Dilthey prägte im 19. Jahrhundert den Satz "Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir." Das Verstehen in der zwischenmenschlichen Kommunikation wird abgegrenzt vom Verstehen als Erklären der Naturerscheinungen. Verstehen ist also ein vieldeutiger Begriff – Verstehen wird dabei verstanden als ein Prozess, der im Ergebnis zum Beispiel zu einer Erkenntnis führen kann. Aber wie lässt sich nun Verstehen definieren?

"Das heißt also wir stellen unser Selbst- und Weltverhältnis in Prozessen des Nachdenkens über die Welt her – und immer wenn Sinn im Spiel ist, wenn wir also zwischen uns selbst und der Welt eine Beziehung herstellen, dann würde ich von Verstehen reden. Oder auf einen Punkt gebracht: Verstehen kann man nur Sinnzusammenhänge."

In vielen Vorträgen und auch in den Diskussionen kristallisierte sich schnell heraus, wie alt und gleichzeitig aktuell der Dualismus ist zwischen naturwissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen Erklärungs- und Verstehensmodellen. "Die naturalistische Bewegung hat etwas Unaufhaltsames" schrieb Dilthey schon 1888. Steenblock kritisierte zum Beispiel die heutigen Versuche, auch Kulturphänomene gemäß der Evolutionstheorie nach dem Mechanismus von Mutation und Selektion zu begreifen. Deutlich machte er dies am Beispiel der Mem-Theorie:

"Die Auffassung besagt, dass man an die Stelle der traditionellen Hermeneutik, die die Erzeugnisse der Kultur als Sinnerzeugnisse begreift, vielleicht nüchterner in der Kultur, sog. Meme, das heißt gedankliche Zusammenhänge, die weitergegeben werden, gelernt werden, anschauen sollte, und dass man die womöglich ähnlich betrachten kann wie Gene im Verlaufe der Evolution: Es setzten sich dann sozusagen erfolgreiche Meme durch, wenn bestimmte Gedanken, bestimmte einfache kulturelle Verhältnisse oder vielleicht auch komplexere kulturelle Sichtweisen von vielen Leuten aufgegriffen werden. Das ist dann der Siegeszug eines Mems."

Bei aller Faszination für naturalistische Erklärungsansätze, die Steenblock durchaus nachvollziehen kann, blickt die Mem-Theorie seiner Ansicht nach nicht adäquat auf die Sinndimension von Kultur:

"Es fehlt sozusagen die enge Tuchfühlung auch mit dem, was die etablierten Kulturwissenschaften machen, die konkrete historische Sinnzusammenhänge, Kunstprodukte, religiöse Riten untersuchen, hinter denen im allgemeinen Menschen eine Sinnabsicht vermuten und mit denen sie Sinn erzeugen wollen. Und wenn man die Kultur nicht in dieser Weise als das Prozedieren von Sinnzusammenhängen auffasst, dann hat man eine eher äußere Beschreibungsweise und man kann vor allem den Prozess der Bildung nicht beschreiben."

Professor Tobias Schlicht beleuchtete das Verstehen aus der Perspektive der jüngeren Philosophie des Geistes, die eingebettet ist in die Kognitionswissenschaft. Diese begreift sich als Naturwissenschaft des Denkens, hier werden Ergebnisse aus empirischen Disziplinen zusammengeführt, aus Neurowissenschaften, Psychologie, Anthropologie und Informatik. Schlicht kritisiert die Sichtweise des australischen Philosophen David Chalmers, dessen Unterscheidung zwischen sogenannten leichten und schwierigen Problemen des Geistes in den letzten Jahren sehr einflussreich geworden ist.

"Und zwar sind die vermeintlich leichten Probleme solche, die damit zu tun haben, dass wir auf Informationen zugreifen, Umweltreize unterscheiden können, dass wir auf die eigenen mentalen Zustände zugreifen, die willkürliche intentionale Handlungskontrolle betreffend. All diese Phänomene sollen im Prinzip rein durch neuronale Mechanismen, die man im Gehirn sucht zum Beispiel, erklärbar sein, und nur das bewusste Erleben wird als ein einzelner Aspekt des geistigen Bereichs eben herausgegriffen, der diesem reduktionistischen Ansatz nicht zugänglich sein soll. Diese Unterscheidung erscheint mir schief, insofern behauptet wird, dass all diese kognitiven Phänomene, dazu gehört auch das Verstehen, offensichtlich ohne jegliches Bewusstsein von einem völlig einfachen Automaten, einem Computer, prinzipiell in derselben Weise ausgeführt werden können, wie vom Menschen."

Kognition wird hier verstanden als reine Informationsverarbeitung und greift nach Ansicht von Schlicht zu kurz. Was ist mit den Vernunftleistungen?, fragt er. Die könne ein Computer nicht ausführen, da ihm jegliche Semantik, jeglicher Sinn nicht zugänglich sei. Gemeinsam mit Hirnforschern untersucht Schlicht die Fähigkeit der sozialen Kognition, um herauszufinden, wie wir einander verstehen:

"Wie kann ich davon wissen, was Sie gerade wünschen, beabsichtigen oder wovon sie überzeugt sind, was Sie fühlen? Wir gehen ganz alltäglich davon aus, dass wir diesen Zugang haben. Und die Frage ist: Welche Mechanismen spielen sich dabei ab, wie gehen wir dabei psychologisch vor? Und natürlich gibt es da auch eine phänomenologische Tradition der Einfühlungstheorie, schon bei Theodor Lipps. Heute hat die Hirnforschung eben die sogenannten Spiegelneuronen entdeckt, die offensichtlich neuronale Mechanismen im Gehirn sind, die automatisch aktiviert werden, wenn wir selbst eine Handlung ausführen, als auch wenn wir beobachten, wie ein anderer dieselbe Handlung ausführt. Da scheint eine Form von Simulation, von Spiegelung stattzufinden, auf die wir gar keinen kognitiven Einfluss haben. Das könnte einem Verstehen des Anderen zugrunde liegen, indem man einfach seine eigenen sozial-kognitiven Grundlagen des Handelns und Fühlens und wo weiter zugrunde legt und benutzt."

Das Verstehen als Grenz-Erfahrung

Die Wissenschaftler loteten die vielfältigen Dimensionen des Verstehens aus, den durchaus auch ambivalenten Charakter des Verstehens. Wir können zum Beispiel den anderen soweit verstehend durchschauen, dass wir in der Lage sind, Kontrolle über ihn auszuüben. Und indem wir empathisch sind und auf diese Weise den anderen verstehen, können wir ihn mit unserer Einfühlung, unserem Pathos aber auch vereinnahmen.

"Ich denke an dieses schöne Bild von Nietzsche: "Einschlürfung des Gegners". Da will er deutlich machen, wo all diese Aneignungsprobleme stecken. Das heißt, Verstehen muss angesichts dieser Problematik vollzogen werden und nicht mit der Okkupationsgeste: Ich verstehe den anderen besser als er sich selbst. Und deswegen war das ganz wichtig, was das besagt, den anderen besser zu verstehen als sich selbst: Weil, wenn ich etwas sage, sage ich immer mehr, als ich weiß, dass ich sage. Und an diesem surplus kann der andere anknüpfen. Aber das ist dann keine Einschlürfung des Gegners, sondern es ist im Grunde genommen das, was ihm unzugänglich ist, wird durch mich zur Sprache gebracht. Und zwar so, dass er sich damit einverstanden erklären kann oder nicht",

erläutert die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Käte Meyer-Drawe. Damit geht der bei der Tagung diskutierte Verstehensbegriff über den der klassischen Hermeneutik hinaus. Bei dieser frühen geisteswissenschaftlichen Methode war zum Beispiel das Verstehen anderer Kulturen kein Thema. Auch bei Martin Heidegger, der sich in seinem Werk "Sein und Zeit" mit dem Verstehen beschäftigt hat, kam der Andere noch nicht vor. Der Versuch, sich selbst oder den anderen zu verstehen, gar zu erkennen, das machte die Bochumer Tagung klar, ist auch eine Art Grenz-Erfahrung.

Meyer-Drawe:

"Wenn es uns um Fremderfahrung geht, müssen wir uns davon verabschieden, jedes Verstehen nach dem Muster des Erkennens zu interpretieren. Dann verfehlen wir das nämlich. Dann muss Verstehen als eigenständiges Phänomen gedeutet werden mit einer verbleibenden Intransparenz. Und zwar nicht nur der Intransparenz des Fremden, den wir nicht verstehen, sondern wir müssen uns auch damit auseinandersetzen, dass wir für uns selbst immer zu spät kommen. Wir können uns nicht in apodiktischer Evidenz erkennen."

 

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