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StartseiteBüchermarktMenschliche Zusammenbrüche haben viele Facetten23.11.2005

Menschliche Zusammenbrüche haben viele Facetten

Stefan Chwin erzählt in "Der goldenen Pelikan" von seelischen Krisen

Hauptfigur in dieser Geschichte ist ein Danziger Rechtsphilosoph namens Jakub. Die Arbeit an der Jura-Fakultät macht ihm Spaß. Er ist beliebt, sieht gut aus. Glücklich verheiratet ist er obendrein. Eines Sommers lässt er bei der Aufnahmeprüfung eine Kandidatin durchfallen. Als sie ihn darauf anspricht, weist er sie energisch ab. Kurz danach nimmt sie sich das Leben. Hat er ihren Tod auf dem Gewissen? Sein Leben nimmt eine merkwürdige Wende.

Von Marta Kijowska

Der Protagonist Jakub fällt in den mentalen Abgrund. (Stock.XCHNG / simon gray)
Der Protagonist Jakub fällt in den mentalen Abgrund. (Stock.XCHNG / simon gray)

Das Geheimnis der menschlichen Zusammenbrüche und Wiedergeburten habe ihn schon immer fasziniert: Wenn der Danziger Autor Stefan Chwin das sagt, muss man nicht lange nachdenken, um literarische Beweise für seine Behauptung zu finden. Seine ersten beiden Romane "Tod in Danzig" und "Die Gouvernante" handelten ausschließlich von Menschen, die aus einer tiefen existentiellen Krise herausgefunden haben. In dem einen Fall spielte die Handlung im Nachkriegsdanzig, in dem anderen im Warschau der Jahrhundertwende.

In seinem neuesten Buch, "Der goldene Pelikan", wendet sich Chwin dem Thema erneut zu, indem er eine in der heutigen Zeit angesiedelte Geschichte erzählt. Seine Hauptfigur, ein Danziger Rechtsphilosoph namens Jakub, hat allen Grund, mit sich und seinem Leben zufrieden zu sein. Die Arbeit an der Juristischen Fakultät macht ihm Spaß, er ist allgemein beliebt, gesund, gut aussehend und glücklich verheiratet. Eines Sommers lässt er bei der Aufnahmeprüfung eine Kandidatin durchfallen. Als sie ihn am Ende des Tages darauf anspricht - sie sieht die Situation als ein Missverständnis an -, weist er sie energisch ab. Doch als er kurz danach vom Freitod einer Bewerberin hört, beginnt er nach der jungen Frau zu suchen. Ist sie womöglich die Selbstmörderin, fragt er sich. Hat er ihren Tod auf dem Gewissen?

Von diesem Zeitpunkt an bekommt sein Leben eine merkwürdige Wende. Der angebliche Tod des Mädchens lässt ihm keine Ruhe, also sucht er Halt und Vergebung, wo immer er sie zu finden hofft. Doch niemandem gelingt es, dem Professor aus seiner seelischen Krise herauszuhelfen. Und obwohl er auch keine Beweise für seine Schuld findet, wird seine gesamte Existenz nach und nach zu einem einzigen Desaster. Es fängt mit kleinen Diebstählen im Supermarkt an, in seiner Ehe beginnt es zu kriseln, seine alltäglichen Rituale werden ihm langsam zur Last.

Was geschah eigentlich mit ihm? Ach, nichts Besonderes. Wie vielen von uns passiert so etwas! Da beginnt einer plötzlich, sich zu ändern. Würden wir ihn nicht länger kennen, bemerkten wir gar nichts. Die Zeitung fällt ihm aus der Hand, der Blick geht gedankenverloren zum Fenster hinaus. Der Zucker rieselt auf den Tisch, wenn er den Kaffee süßen will, und die Hand streift die weißen Krümel nicht mehr auf die Papierserviette. Doch noch wollen wir glauben, dass alles wieder ins Lot kommt. Noch ist er, wie aus einem Traum erwacht, hin und wieder in der Lage, sich beim Anblick seines Spiegelbilds über die ungekämmten Haare zu streichen. Wir wissen das zu schätzen und hoffen darauf, dass die Sache nicht weiter fortschreitet, aber wir sind nicht mehr so sicher wie früher.

Die Zweifel sind berechtigt, denn was anfangs nach einer kleinen Krise ausgesehen hat, wird zu einem gespenstischen Fall in einen Abgrund. Aus dem erfolgreichen Professor wird ein Obdachloser, ein Bettler, ein Ausgestoßener. Er verliert seinen Job, seine Frau, seine Wohnung, lebt eine Zeitlang in einer alten Backsteingrotte, bettelt in Bahnhofsunterführungen. Er geht durch die tiefsten Abgründe der menschlichen Erniedrigung, um schließlich, dank einer Frau, das Wunder eines Neuanfangs zu erleben. Es ist ausgerechnet die Frau, die er bei jener fatalen Prüfung hat durchfallen lassen. Ihr Name ist viel versprechend - er lautet Natalia, die Wiedergeborene, - doch das Glück, das Jakub an ihrer Seite erlebt, ist nur von kurzer Dauer.

Ein Buch über das Zerbrechen und die Rettung der Seele, nennt Stefan Chwin seinen Roman und scheint dabei viel Verständnis für seinen Helden zu haben. Vielleicht fühlt er sich ein wenig an seine Jugendjahre erinnert, als er dem so genannten "Danziger Kreis" angehörte - einer Gruppe von Wissenschaftlern und Studenten, die von vielen Arten der menschlichen Existenz ausging und Begriffe wie "psychische Norm" oder "psychische Krankheit" ablehnte. Vielleicht sieht er aber auch in Jakub ein Spiegelbild seiner selbst.

"Es ist auf jeden Fall ein Buch, dass für mich persönlich sehr wichtig war, denn es entstand in einem Moment, in dem ich eine gewisse Zeitgrenze überschritten hatte. Ich hatte ein bestimmtes Alter erreicht und fing deshalb an, das Leben als solches, die Geschichte, das Schicksal anderer Menschen durch das Prisma meiner eigenen Erfahrung zu betrachten. Es war einer dieser Momente, in denen der Lebenssinn plötzlich ins Wanken gerät, wo man anfängt, sich zu fragen, was wichtig, was unwichtig ist und wie man es anstellen soll, in der verbleibenden Zeit noch etwas Sinnvolles zu schaffen. Das war für mich der Grundimpuls, wobei der zeithistorische Kontext und Danzig als Schauplatz natürlich auch sehr wichtig waren. Denn ich siedele gern eine allgemeingültige Geschichte an einem Ort an, zu dem ich eine starke emotionale Bindung habe, der mir hilft, sehr persönliche Dinge in einer symbolischen Sprache auszudrücken."

Und in der Tat ist "Der goldene Pelikan" ein Werk, das außer konkreten topographischen und zeithistorischen Bezügen eine komplexe symbolische Ebene besitzt. Jakub ist in erster Linie ein polnischer Intellektueller, doch er ist auch ein Held unserer Zeit, der von zwei widersprüchlichen Instinkten geleitet wird: einerseits von der Angst, in dem Wettlauf, den die moderne Zivilisation unsereinem aufzwingt, durchzufallen - andererseits von dem Wunsch, all die Zwänge hinter sich lassen zu können. Seine Geschichte ist auch ein Diskurs über die moralische Situation eines Menschen, dem die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, abhanden gekommen ist. Diesen universalkritischen Anspruch stellt der Roman von der ersten Seite an. Nicht zufällig nimmt Chwin gleich zu Beginn die Perspektive eines allwissenden Erzählers an, der alle Konstellationen, die seinen Protagonisten umgeben, genau kennt.

In dem denkwürdigen Jahr, als er Jura zu lehren begann, waren am Himmel und auf der Erde rätselhafte Zeichen zu sehen. Der ganze Planet lebte in Erwartung. Man hoffte auf ungewöhnliche Ereignisse. Etwas ging zu Ende, etwas begann, nur was das genau war, wusste niemand.

Nach dieser kleinen Ouvertüre wird der Leser nach Danzig geführt - in jene Stadt, die zwar in Chwins Prosa von Anfang an eine wichtige Rolle spielt, zu der er aber lange Zeit ein ambivalentes Verhältnis hatte. Das lag an der ablehnenden Haltung seiner aus Wilna und Warschau stammenden Eltern, die er als Kind deutlich spürte. Erst als Heranwachsender begann er, Danzig mit anderen Augen zu sehen. Als er es später zum Schauplatz seiner Prosa machte, dauerte es nicht lange, bis er, ähnlich wie sein Kollege Pawel Huelle, zur polnischen Antwort auf Günter Grass gekürt wurde. In seinem Fall erschöpfen sich die Parallelen allerdings recht schnell, und die Andersartigkeit seines Stils ist ihm auch bewusst.

"Ich bilde mir ein, dass ich bei der Auseinandersetzung mit Danzig meinen eigenen Weg gehe, und dass dieser Weg anders ist als der von Günter Grass. Vor allem deswegen, weil ich nicht das Temperament eines politischen Schriftstellers habe. Selbst wenn ich ein Thema aufgreife, das mit der Geschichte beider Völker verknüpft ist, dann tue ich das weder aus der Perspektive irgendeiner Ideologie, noch berühre ich dabei überhaupt die Ebene der Politik. Typisch für meine Bücher ist, dass ich darin Schicksale einzelner Familien, einzelner Personen beschreibe, während das rein politische Verhältnis zwischen Deutschen und Polen darin gar nicht vorkommt. Deswegen bin ich ein wenig beunruhigt - obwohl ich es gleichzeitig auch verstehe -, wenn jemand behauptet, meine Bücher würden eine Brücke zwischen den beiden Nationen bauen. Ich habe nichts dagegen, dass sie eine Brücke bauen - sie sollen es ruhig tun. Doch das ist nicht das wichtigste Ziel, das ich beim Schreiben verfolge."

Die zweite Sache, die ihn von Günter Grass unterscheide, meint Stefan Chwin, sei der gesamte Ton seiner Prosa. Grass sei durch und durch laizistisch, beschäftige sich ungern mit Themen, die das geistige Leben betreffen würden, insbesondere das Thema der Religion. Er selbst hingegen sei zwar auch kein religiöser Schriftsteller, doch er stelle sich immer wieder Fragen, die aus der religiösen Erfahrung resultieren würden. Und das finde freilich seine Widerspiegelung in seinen Büchern.

Nicht anders verhält es sich mit dem Goldenen Pelikan. Ob es die Legende vom Heiligen Alexius, die Schriften des Heiligen Augustinus oder auch nur einzelne Gedanken von Seneca, Kierkegaard oder Nietzsche sind - an religiösen und philosophischen Bezügen fehlt es in diesem Buch weiß Gott nicht. Doch sein metaphysischer Anspruch geht nicht auf Kosten des Erzählflusses. Es stellt sich heraus, das selbst eine Geschichte, die von Leid, Verzweiflung, Einsamkeit und Todessehnsucht handelt, mit Schwung und Humor erzählt werden kann. Denn hat die Zerbrechlichkeit des menschlichen Schicksals nicht auch etwas Komisches an sich? Manchmal genügt dazu ein einziges unbedachtes Wort - und manchmal eben nur ein kleiner Federstrich.

Stefan Chwin: "Der goldene Pelikan"
Carl Hanser Verlag

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