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Menschlichkeit lernen

Der Schulleiter einer Waldorfschule in Köln zum integrativen Lernen

"Das würde eine Verarmung der Gesellschaft bedeuten, wenn es keine Kinder mit Behinderungen und keine Erwachsenen mit Behinderungen mehr gäbe." Schulleiter Siegfried Cremers sieht integrative Schulen als emotionale Bereicherung.

Siegfried Cremers im Gespräch mit Jürgen Liminski

Behinderte und nichtbehinderte Kinder lernen gemeinsam (Ulfert Engelkes/Bertelsmann Stiftung)
Behinderte und nichtbehinderte Kinder lernen gemeinsam (Ulfert Engelkes/Bertelsmann Stiftung)

Jürgen Liminski: Die anhaltende Diskussion in den politischen Parteien vor allem in der CDU über die Präimplantationsdiagnostik verstellt den Blick auf jene Eltern, die mit unendlicher Ausdauer und Zuwendung sich um ihre behinderten Kinder kümmern und sie erziehen, und auch auf die Lehrer, die in den integrativen Schulen diese Kinder mit ins Leben führen. Einer von ihnen ist Siegfried Cremers, Gründer und Mitglied der Schulleitung der Waldorfschule Michaeli in Köln, und er ist zu uns ins Studio gekommen, weil wir ihn über seine Arbeit befragen wollen. Guten Morgen, Herr Cremers!

Siegfried Cremers: Guten Morgen!

Liminski: Herr Cremers, wie funktioniert Ihre Schule?

Cremers: Sie funktioniert, indem wir zusammenleben, alle Kinder sind bei uns in der Schule, wir leben und lernen zusammen, das heißt, in den Klassen, die zirka 25 Kinder haben, leben fünf bis sechs Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen. Und das ist ein wichtiges Kriterium, dieses "unterschiedliche Behinderungen", weil wir nicht nur eine Gruppe der Behinderten in die Klassen integrieren wollen, sondern eine Vielfalt haben wollen, sonst bildet sich in den Klassen wieder so eine kleine Sonderschulklasse, und das ist ja gerade nicht das, was wir uns wünschen.

Liminski: Gibt es denn spezifische Probleme, die andere Schulen so nicht haben?

Cremers: Die spezifischen Probleme beziehen sich eher auf die materielle Ausstattung und auf die Akzeptanz im politischen Bereich. Praktisch, im Zusammenleben, gibt es praktisch auch keine Probleme. Man lebt zusammen, die Kinder empfinden es als ganz normal, so in die Schule zu gehen, und ein kleines Beispiel dafür ist: Ein Mädchen aus der dritten Klasse kam vor einiger Zeit zu ihrer Betreuerin – und ich muss dazu sagen, unsere Schule ist in einem städtischen Schulgebäude untergebracht, in dem auch eine städtische Grundschule ist, und diese städtische Grundschule arbeitet nicht integrativ –, und dieses Mädchen hatte dort Kinder besucht und kam zurück zur Betreuerin und war aufgebracht und böse, und meinte dann: Ja, ist das denn wirklich hier wahr, dass in die Grundschule keine Kinder mit Behinderungen gehen dürfen? Für sie war das so selbstverständlich, dass sie Klassenkameraden und Klassenkameradinnen hat, die auf eine Weise mit einer Behinderung leben, dass sie sich etwas anderes schon gar nicht mehr vorstellen konnte.

Liminski: Wie kommen die Kinder in Ihrer Schule den miteinander zurecht?

Cremers: Die leben miteinander so, wie alle Kinder miteinander leben. Die haben Spaß zusammen, die zanken auch schon mal zusammen. Und sehr schön ist es für mich immer, zu sehen, wenn wir Besuch haben, Hospitanten, Praktikanten, die dann nach dem ersten Schulmorgen, den sie in einer unserer Klassen verbracht haben, zu den Lehrern kommen und sagen, können Sie mir denn jetzt mal sagen, wo die Kinder mit den Behinderungen sind oder welche Kinder das sind? Wenn das der außenstehende Beobachter gar nicht mehr feststellen kann, dann freue ich mich, dann bin ich froh, dass die Kinder so miteinander umgehen, dass man nicht mehr merkt, wer da jetzt im Büro als behindert geführt wird in den Akten und wer nicht.

Liminski: Herr Cremers, es gibt immer weniger Kinder demografisch, und deshalb auch immer weniger behinderte Kinder. Ist Ihr Schultyp existenziell bedroht, wird er überhaupt noch gebraucht?

Cremers: Das wäre schlimm, ein Leben ohne Menschen mit Behinderungen kann sich eine Gesellschaft im Grunde genommen gar nicht leisten. Die Menschen mit Behinderungen geben uns, die wir uns für normal halten, so viel, das würde eine Verarmung der Gesellschaft bedeuten, wenn es keine Kinder mit Behinderungen und keine Erwachsenen mit Behinderungen mehr gäbe. Es ist so viel Anlass für uns, von diesen Menschen zu lernen, dass es für mich unvorstellbar wäre, eine Schule ohne Kinder mit Behinderungen zu haben.

Liminski: Was haben Sie selbst denn von diesen Kindern gelernt?

Cremers: Ja, ich habe 14 Jahre in der Schule für geistig Behinderte gearbeitet, bevor ich zur inklusiven Schule kam, und ich würde sagen: Das, was ich von den Kindern mit geistiger Behinderung gelernt habe, ist in allererster Linie Menschlichkeit. Das musste ich wieder neu lernen, nachdem ich so verkopft worden war über die Schulausbildung zum Abitur und dann im Studium, hauptsächlich Wissen anhäufen. Und als ich dann wieder zurück in die Schulen kam, da war das schon etwas, was ich wieder neu lernen musste, wie man menschlich, so liebevoll und so rücksichtsvoll miteinander umgeht.

Liminski: Also eine emotionale Bereicherung?

Cremers: Auf jeden Fall eine emotionale Bereicherung.

Liminski: Von behinderten Kindern Menschlichkeit lernen, das war Siegfried Cremers, Gründer und Mitglied der Waldorfschule Michaeli. Danke für Ihren Besuch, Herr Cremers!

Cremers: Ich danke!

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