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StartseiteBüchermarktMental immun27.10.2003

Mental immun

Rüdiger Safranski über die Grenzen der Globalisierung

Zwei Themen haben in letzter Zeit die Globalisierungs-Debatte etwas in den Hintergrund treten lassen: Das war zum einen das Für und Wider um die Genforschung und die Aussicht auf einen ersten geklonten Menschen, zum anderen war es der Irak-Krieg und die damit verbundene Sorge um den Weltfrieden. Nur vereinzelt - etwa bei Ereignissen wie dem Weltwirtschaftsgipfel oder ökologischen Katastrophen wie der Ölpest oder auch beim Auftreten neuer Krankheiten wie der Lungenkrankheit SARS - spielte die Globalisierung eine bedeutende Rolle; also immer dann, wenn man erkannte, dass Globalisierung auch weltweite Vernetzung von Problemen, Katastrophen und Ängsten bedeutet. Hätte uns der Irak-Krieg in seinem konkreten Grauen und im unmittelbaren Hoffen auf Frieden nicht so gefangen genommen, wäre es natürlich auch hier möglich gewesen, die Fragen der Globalisierung ausgiebig zu diskutieren.

Hans-Jürgen Heinrichs

Coverausschnitt des besprochenen Titels
Coverausschnitt des besprochenen Titels

Das neue Buch des Philosophen Rüdiger Safranski Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? ist, in seiner Bedeutung für die Schärfung solcher Überlegungen, gar nicht zu überschätzen. In präziser Argumentation und brillanter essayistischer Form zeigt Safranski die Potentiale und die Gefahren auf, die dem Prozess der Globalisierung innewohnen:

Der ökonomische und industrielle Raubbau auf der Erde, in der Luft und zu Wasser verdichtet sich zu einer einzigen furchtbaren Drohkulisse. Globalisierung in diesem Sinne bedeutet Plünderung unseres Planeten. ... Krankheiten geraten wirklich oder phantasmatisch in den Sog der Globalisierung. ... Auch die Überbevölkerung gehört zum schreckenerregenden Aspekt der Globalisierung.

Besonders bedrohlich auch die Möglichkeiten, die Bio- und Gentechnik im Terrorismus global einzusetzen. Wo aber begann dieser Triumphzug des kapitalistischen Wirtschaftsmodells, dieser Prozess der Weitung und Vernetzung, der uns nicht nur den Zugang zu neuem Terrain, sondern auch Angst und Schrecken beschert hat?

Im 16. Jahrhundert wurde in Nürnberg der erste Globus angefertigt. Seitdem gibt es ein materielles, wenn auch nur modellhaftes Pendant zum globalen Bewusstsein. ... Die Mondlandung 1969 und der Blick aus dem Weltraum ... ist wahrscheinlich die Geburtsstunde des modernen globalen Bewusstseins.

Mit dieser Geburt begann aber auch zugleich die Erfahrung, dass sich die Euphorie in Panik verwandeln kann, dass mit der Größerformatierung des Menschen auch seine Konflikte und Probleme globalisiert werden, dass nicht alles, was der Mensch herstellt und verbreitet, von ihm auch wirklich vorgestellt und verkraftet werden kann, dass er in einer ihn überfordernden Weise aus sich und dem ihm eigenen Raum heraustritt.

Globalisierung - oder richtiger: Globalisierungen, da es sich um komplexe Vorgänge handelt - und "Globalismus” (also Ideologien des Globalen) vermitteln uns die Illusion von einer immer stärker zusammenwachsenden Weltgesellschaft; einer universalen Gesellschaft, in der die Unterschiede zwischen arm und reich geringer werden und die Verbreitung demokratischer Gesellschaften ständig zunimmt. Die von der Bush-Administration verkündete Vision einer Demokratisierung des Nahen Ostens gibt dieser Illusion noch zusätzlich Nahrung. In Wahrheit aber haben wir es auch weiterhin mit höchst unterschiedlichen Kulturen und Zivilisationen zu tun.

Nur in den Super-Visionen gibt es den handlungsfähigen Singular ‘Menschheit’, in Wirklichkeit aber gibt es Menschen nur im Plural. ... Hinter einer Macht, die sich als Menschheit in Aktion aufspielt, wird immer eine partikulare Macht stecken, die sich mit diesem Manöver in der Konkurrenz mit anderen Mächten Vorteile zu verschaffen sucht.

Globalisierung, die ein klares, scharf konturiertes Wirtschaftsmodell über die Welt verbreitet, ist ein ebensolcher Schein wie das Bild von den "sauberen” Kriegen, die die Militärindustrie verheißt. Begriffe wie etwa "Kapitalströme” erinnern noch an das Wildwüchsige und Unkontrollierte des ökonomischen und sozialen Geschehens. Wenn Globalisierung immer als eine hochentwickelte Bearbeitung der "ersten Natur” des Menschen erscheinen mochte, dann hat man jetzt zuweilen eher den Eindruck, dass das ursprünglich ganz von seiner Angst bestimmte Wesen Mensch wieder auf diese Stufe zurückgeworfen wird: Ist zum Beispiel das heutige Amerika, wie manche Theoretiker und Künstler dies auch bereits in den Raum gestellt haben, nicht völlig überwältigt von Angst und Irrationalität, angesichts überdimensional gefährlich erscheinender äußerer Mächte und Terrorgruppen? So gesehen steht die kulturelle Leistung des Menschen im Umgang mit seiner ersten Natur, die Safranski in der folgenden Weise beschrieben hat, doch sehr in Frage:

In seiner ersten Natur ist der Mensch ein angstbestimmtes Wesen ... in der bedrohlichen Außenwelt sieht er lauter phantastische Kausalitäten. Um von seinen eigenen Phantasien nicht überwältigt zu werden, mußte der Mensch das Erkennen erfinden. ... Die zweite Natur ... bedeutet Einschränkung der Angst.

Es ist das Verdienst von Rüdiger Safranskis Buch, unseren Blick für die Tatsache zu schärfen, dass der allgemeine Prozess der Globalisierung dem einzelnen nicht die Aufgabe abnimmt, sich selbst Welt geistig anzueignen und souverän darüber zu entscheiden, wie viel Fremdheit man tatsächlich will, was einen persönlich angeht. Wohnen, so Safranski, könne man im Globalen nicht, und die Weltoffenheit nähme gerade zu, wenn man emotional an einzelne Orte gebunden sei, wenn man dem eigenen Leben also Umrisse gebe und Grenzen ziehe, dem Geist und dem Körper so etwas wie " Immunschutz” verleihe.

Souveränität setzt existentielle Urteilskraft voraus. Man muß ... Abstufungen der Dringlichkeit unterscheiden und die Reichweite des eigenen Handelns erkennen können. Die Globalisierungshysterie besteht darin, dass diese Unterscheidungsfähigkeit zwischen dem existentiell Nahen und Fernen beeinträchtigt oder gar schon zerstört ist. ... So wünschte ich mir, dass man auch die Globalisierung auf Abstand halten könnte.

Damit hätte man das erreicht, was sich der große Gelehrte Wilhelm von Humboldt wünschte:
Wer, wenn er stirbt, sich sagen kann: ‘Ich habe soviel Welt, als ich konnte, erfasst und in meine Menschheit verwandelt’ - der hat sein Ziel erreicht.

Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch?
Hanser, 118 S., EUR 14,90

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