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Merkel besucht Trump(Fast) alles scheint möglich

Gibt er ihr die Hand oder lässt er sie wieder stehen? Wenn Kanzlerin Angela Merkel heute auf US-Präsident Donald Trump trifft, weiß sie nicht, was sie erwartet. Dieser Verlust an Berechenbarkeit und Verlässlichkeit sei dramatisch, kommentiert Stephan Detjen im Dlf.

Von Stephan Detjen

ARCHIV - Bundeskanzlerin Angela Merkel steht neben US-Präsident Donald Trump, der sich noch kurz sein Jackett richtet, 26.05.2017 beim Familienfoto beim G7-Gipfel in Taormina in Italien.  (dpa / picture alliance / Michael Kappeler)
Angela Merkel trifft Donald Trump zu einem kurzen Gespräch (dpa / picture alliance / Michael Kappeler)
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Noch ist offen, ob der Kanzlerin am Ende dieser Woche mit einem kurzen und nüchternen Arbeitsbesuch doch noch gelingen wird, was der französische Staatspräsident Emanuel Macron auch mit einer mehrtägigen Charmeoffensive nicht vermochte: den US Präsidenten dazu zu bewegen, auf die Verhängung von Strafzöllen gegen europäische Stahl- und Aluminiumimporte zu verzichten sowie am Atomabkommen mit dem Iran festzuhalten. Über beide Themen will Donald Trump bis Mitte Mai Entscheidungen verkünden.

Ob Europa weiterhin von dem protektionistischen Zollregime ausgenommen bleibt, das Trump im März eingeführt hat, soll schon Anfang nächster Woche entschieden werden. Die Hoffnung allerdings, Trump in letzter Minute noch in einen wahren Freund des Freihandels und Multilateralismus zu verwandeln, hat Merkel schon vor dem Betreten des Weißen Hauses fahren lassen. Wahrscheinlicher, als dass Merkel und Trump am Abend europäischer Zeit Arm in Arm vor den Kameras im East Room des Weißen Hauses erscheinen ist daher, dass auch dieser Besuch nur einmal mehr die Tiefe der Kluft illustriert, die sich seit dem Amtsantritt Donald Trumps zwischen den Kontinenten dies- und jenseits des Atlantiks auftat.

Trump setzt auf bizarre Gesten

Wenn Trump der Bundeskanzlerin heute, bei ihrem zweiten Besuch in "seinem" Oval Office heute immerhin den Handschlag gewährt, den er ihr vor einem Jahr noch demonstrativ verweigert hatte, genügt das nicht als Beleg für einen Klimawandel im transatlantischen Verhältnis. Der US Präsident ist ein Mann der seine Rolle auf der politischen Weltbühne gerne mit bizarren Gesten gestaltet. Kraftmeierische Händedrücke, rüde Rempeleien, demütigende Übergriffe prägen das darstellerische Repertoire dieses Präsidenten, der es auf seinem Weg ins Weiße Haus gelernt hat, sich so schrill wie erfolgreich in der elektronischen Medienwelt zu inszenieren.

Am Ende des Staatsbesuchs des französischen Präsidenten, der mit überschwänglichen Beteuerungen einer wunderbaren Männerfreundschaft begann, bleibt das Bild Donald Trumps, der seinem Gast vor laufenden Kameras mit paternalistischer Geste Haarschuppen vom Revers pickt. Ob und wie der US-Präsident heute der Bundeskanzlerin an die Wäsche geht, kann niemand vorhersagen. Fast alles ist an diesem Tag im Weißen Haus vorstellbar. Dieser Verlust an Berechenbarkeit und Verlässlichkeit ist dramatisch.

Noch immerhin gibt es eine Chance, dass die Mittel klassischer Diplomatie – Bezeugungen des gegenseitigen Respekts, der Austausch von Argumenten, die Suche nach Kompromissen – verhindern, dass es zu einer unkontrollierbaren Dynamik von Handelskriegen und unilateralen Machtdemonstrationen an den Krisenherden des Nahen Ostens kommt. Die Begrenzung des drohenden Schadens ist im Augenblick die realistischste Erwartung, die man an die Begegnung Angela Merkels mit Donald Trumps richten darf.

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