Sonntagsspaziergang / Archiv /

 

Merkwürdige Meeresorgel

Die Adria-Stadt Zadar in Kroatien

Von Marilyn Veber

Meeresorgel in Zadar, Kroatien
Meeresorgel in Zadar, Kroatien (Marilyn Veber)

Zadar – eine uralte, dalmatinische Stadt an der adriatischen Küste – liegt in Kroatien – direkt am Meer. Obwohl sie schon oft zerstört, geplündert und besetzt wurde, sind dort Bauten aus der Antike, Renaissance und dem Mittelalter immer noch erhalten. In jüngster Zeit ist auch die vom Architekten Nikola Bašić erbaute Meeresorgel zur neuen Attraktion der Stadt geworden.

Zauberhafte Strände, einsame Buchten und Promenaden – eine der schönsten Städte der Adria ist zweifelsohne die kleine, beschauliche Stadt Zadar.

Mit ihrem mediterranen Stadtflair zieht sie jedes Jahr Besucher aus der ganzen Welt an. Über Jahrhunderte hinweg war sie das politische, geistige und kulturelle Zentrum Dalmatiens. Hier wurde nicht nur die erste kroatische Universität gegründet, sondern auch die erste Zeitung in kroatischer Sprache herausgegeben. Mit den Einheimischen, die heute vorwiegend vom Tourismus leben, kann man leicht ins Gespräch kommen und man weiß schnell, was sie an ihrer Stadt lieben:

"Was mir an Zadar gefällt ist, dass es ein gutes Klima hat. Die Stadt ist klein, das heißt 70.000 Einwohner. Es gibt kein großes Gedränge den Winter über, außer im Sommer, wenn es viele Touristen gibt. Und die Stadt ist sehr schön, weil sie sehr alt ist und es gibt hier viele Sehenswürdigkeiten, sodass der Gast, der kommt, viel zu sehen hat."

"Am meisten gefallen mir die Menschen, denn sie sind sehr offen, kommunikativ, man kann sehr leicht Freundschaften schließen und sie sind lustig. "

Zadar besteht aus vier Stadtteilen, hat einen großen Hafen und vier Tore. Die Altstadt, vorwiegend venezianischen Baustils, ist umgeben von einer mächtigen Festungsmauer aus dem 16. Jahrhundert und liegt auf einer langen Halbinsel. Viele kleine Gassen, die mit glänzenden, weißen Granit-Steinen gepflastert sind, führen hier durch die Stadt. An jeder Ecke finden sich kleine Geschäfte, Boutiquen und Restaurants.

Mit der Reiseführerin Meri Šuljak führt mein Weg auch zur "Kalelarga". Die Kalelarga oder "breite Straße", ist die bekannteste Hauptstraße in Zadar und führt von Osten nach Westen durch die ganze Altstadt. Für Touristen ist sie ein guter Orientierungspunkt, denn von hier aus kommt man zu vielen wichtigen Sehenswürdigkeiten der Stadt:


Eine davon ist die Kathedrale der heiligen Anastasia. Schon von Weitem sieht man ihren hohen Glockenturm. Sie ist die größte Kirche Dalmatiens und wurde im 13. Jahrhundert erbaut.

"Die heilige Anastasia war die Frau eines römischen Ritters. Sie hatte den Wunsch Christin zu werden, in einer Zeit, wo das Christentum verboten war und dann wurde sie im Jahr 304, das war zur Zeit des Diokletian, leider verbrannt."

Die hl. Anastasia gehört zu den Schutzpatronen der Stadt. Ihre sterblichen Überreste, die man heute noch in der Kathedrale besichtigen kann, brachte der hl. Bischoff Donatus im 9. Jahrhundert nach Zadar. Seine eigene Kirche, ein imposanter Rundbau und nach ihm benannt, ließ er auf den Resten des römischen Forums, gleich neben der Kathedrale bauen:

"Das Forum war der Haupt-Marktplatz. Die Römer bauten ihre Städte so, dass sie 2 Hauptstraßen erbauten, die sie 'Kardo' und 'Dekumanos' nannten, und an der Kreuzung dieser Straßen war der Hauptplatz, der sich 'Forum' nannte. Heute haben wir hier auch Veranstaltungen ...im Sommer Theatervorstellungen im Freien, die man besuchen kann und Musikabende im Heiligen Donat. Internationale Musiker kommen dann und spielen diese mittelalterliche Musik und im Übrigen war dieses Jahr auch das Konzert von Carreras."

Nicht nur Bauwerke aus vergangener Zeit kann man sich in Zadar ansehen. Entlang der Küstenpromenade, an der äußersten Spitze der Halbinsel, wurde im Jahr 2005 eine Meeresorgel gebaut - ein Instrument, das über die Wellen des Meeres angetrieben wird und so "Natur-Musik" erzeugt:

Die Orgel ist 70 m breit und besteht aus steinernen Treppenreihen, die ins Meer führen. An den Stufen wurden kleine Öffnungen angebracht, aus denen die Töne herauskommen. Insgesamt 35 Rohre unterschiedlicher Länge und Breite und an den Enden mit Pfeifen versehen, befinden sich unterhalb der Treppen. Die Kraft der Wellen drückt Luft in diese Röhren und ein steinerner Unterwassergang dient dabei als Resonanzraum.

Nicht nur Deutsche, Franzosen, Spanier oder Italiener – Menschen aus der ganzen Welt kommen angereist, um den Tönen dieser Orgel zu lauschen. Man trifft hier aber auch auf einheimische Spaziergänger und Urlauber – entlang der Promenade ist das Meer so sauber, dass man darin baden kann. Mileva Maravić sonnte sich gerade, als ich sie ansprach. Für sie ist die Meeresorgel schon längst zum Anziehungspunkt geworden:

"Die Orgeln sind wirklich wunderbar. Ich denke, dass sie eine große Attraktion für Zadar sind und dass Zadar dadurch viel gewonnen hat. Es gibt jetzt deutlich mehr Touristen, als früher. Es kommen viele Gruppen und die Leute hören zu, schauen und zählen sogar ... (sie lacht) ... die Öffnungen, wo die Töne herauskommen."

Erfinder dieses ungewöhnlichen Instruments ist der kroatische Architekt Nikola Bašić. Als er den Auftrag bekam, eine neue Anlegestelle für Kreuzfahrtschiffe zu bauen, sollte der Platz entlang der Hafenpromenade, auch dazu einladen, sich länger an diesem Ort aufzuhalten und auch auszuruhen.

"Man hatte sehr viel darüber nachgedacht, wie man die Menschen wieder zur Promenade bringen kann. Die Menschen sind dort überhaupt nicht gerne hingekommen. Dieser Platz war dunkel, unordentlich und sah irgendwie oberflächlich und vernachlässigt aus. Von daher dachte ich darüber nach, wie man etwas schaffen könnte, was paradigmatisch sein könnte, ein Beispiel dafür, wie man mit diesem Teil der Promenade weiter verfährt. Ich wollte mit der Natur kommunizieren, zu allererst mit dem Meer und die zweite Idee war, die Menschen auf den Sonnenuntergang aufmerksam zu machen."

Mit dem Meer fühlte sich Nikola Bašić schon als Kind eng verbunden. Aufgewachsen ist er auf der Insel Murter – ohne Autos und ohne Elektrizität – wo er die Begegnung mit der Naturgewalt des Meeres auf direkte Weise erfuhr. Er hörte wie Wind und Wellen in den Rillen des Meergesteins quietschen, atmen und pfeifen. Doch seine Idee, an der Promenade eine Meeresorgel zu bauen, bekam er erst, als er sein Projekt verteidigen musste:

"Am Anfang hatte ich nur die Treppen vorausgesehen, aber ich wusste immer noch nicht, wie ich diesen größeren Zusammenhang schaffen kann. Und was der Gegenstand vieler Widerstände war: Die, die das Projekt finanzieren sollten, sagten: Warum denn das? Da werden die Menschen runter fallen! Das ist doch überhaupt nicht charakteristisch für unsere Küste! Ich sagte: Wartet mal Leute, ich will einen besonderen Platz schaffen, einen Platz, der seinen eigenen Charakter, ... seine eigene Individualität hat. Am Ende sagte ich, wenn die Menschen an windigen und welligen Tagen dort sitzen, dass wir auch ganz andere klangliche Sensationen haben würden und als ich mich hörte, wie ich von Klängen redete, sagte ich zu mir selbst: Das könnte es sein!"

Nikola Bašić wandte sich dann an seine Freunde, den Experten für Meeres-Hydraulik, Vladimir Androćić, und den Akustiker Ivica Štamac. Mit ihrer
Hilfe konnte das Projekt in nur 1 1/2 Jahren realisiert werden – mit großem Erfolg, denn für sein Werk wurde Bašić nicht nur in Kroatien mit Preisen überhäuft. In Barcelona erhielt er den Europäischen Preis für einen städtischen öffentlichen Raum. Zu diesem Wettbewerb im Jahr 2006 hatten sich immerhin 207 Bewerber gemeldet.

"Ich bin natürlich zufrieden, weil diese positiven Reaktionen der Menschen, alle meine Erwartungen übertroffen haben ... und dieses Projekt hat auch noch etwas anderes bewirkt, von dem ich meine, dass es sehr wichtig ist: es ist zum neuen Symbol der Stadt geworden und ich habe irgendwie bewiesen, dass es auch möglich ist, in unserer Zeit starke, urbane Symbole zu schaffen, die nicht immer unbedingt aus unserer Vergangenheit stammen müssen."

Ein paar Schritte von der Meeresorgel entfernt, hat Nikola Basic auch der Sonne ein Denkmal gesetzt – "Gruß an die Sonne" heißt die Skulptur. Mit diesem Werk wollte er aufgreifen, was auch schon der berühmte Regisseur Alfred Hitchcock in den 1960er-Jahren sagte, nämlich, dass der Sonnenuntergang in Zadar der schönste der Welt sei!

Die Skulptur besteht aus 300 Glasplatten, die am Boden einen Kreis von 22 Meter Durchmesser bilden. Darunter liegende Solarzellen nehmen tagsüber die Sonnenenergie auf und geben sie abends in Form von Licht wieder ab. Es ist ein bisschen so, als würde man vor einer Tanzfläche in der Disco stehen. Im Rhythmus mit der Meeresorgel wechselt das Licht seine Farben und bildet geometrische Figuren, Kreise und Ornamente.

Es liegt schon eine Ironie darin, dass die Meeresorgel und die Sonnenskulptur – ursprünglich geplant als "Garnierung" des neuen Anlegers für Kreuzfahrtschiffe – mittlerweile zum Hauptanziehungspunkt der Stadt Zadar geworden sind. Nikola Basic Vision vom unmittelbaren Austausch mit der Kraft der Natur, vom Dialog mit Licht und Gezeiten, hat bei den Menschen einen Nerv getroffen!

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Sonntagsspaziergang

Entlang der Erft Als Brandt nach Bad Münstereifel kam

Deutsche AuswandergeschichteDie "Good old Germans" von Virginia

Mitglieder einer Amish-Gemeinde gehen am 4.10.2006 über eine Wiese in Nickel Mines, Pennsylvania.

Einwanderer aus dem Siegerland gründeten 1714 in Virginia die Kolonie Germanna, die erste zusammenhängende deutsche Siedlung der USA. 300 Jahre später hat sich eine Reisegruppe auf die Spuren ihrer Urväter begeben – und dabei ein sehr lebendiges Erbe erlebt.

12 Mal DeutschlandDurchs Maisfeld in den Tagebau

Angekommen: nach 24km endlich in Erkelenz

Die erste Etappe liegt hinter ihnen: DLF-Redakteur Jörg-Christian Schillmöller und der Fotograf Dirk Gebhardt waren am westlichsten Punkt Deutschlands und berichten darüber, was der Bund der Steuerzahler damit zu tun hat. Außerdem verraten sie, wie sie fast im Tagebau verlorengegangen sind.