Montag, 20.11.2017
StartseiteInformationen am MorgenWindkraftindustrie in der Krise12.09.2017

Messe "Husum Wind"Windkraftindustrie in der Krise

Wo der Wind satt weht und sich viele Windräder drehen, beginnt die Messe "Husum Wind“ an der schleswig-holsteinischen Westküste. Doch die Branche hat es schwer. Erst vor wenigen Tagen warnte die IG Metall Küste, die Lage in der Windindustrie spitze sich zu - schneller und deutlicher als befürchtet.

Von Johannes Kulms

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Felder mit zahlreichen Windkraftanlagen bei Husum in Schleswig-Holstein (dpa picture-alliance/ Daniel Reinhardt)
Felder mit zahlreichen Windkraftanlagen bei Husum in Schleswig-Holstein (dpa picture-alliance/ Daniel Reinhardt)
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Es war ein feierlicher Anlass, zu dem vor wenigen Tagen in Nordfriesland eingeladen wurde: Vor den Toren Husums ging ein Windtestfeld in Betrieb. Sechs Windkraftanlagen stehen dort, allesamt Prototypen, die es so noch nicht auf dem Markt zu kaufen gibt.

In einer kleinen Halle am Rande des Felds spielte zur Eröffnung eine Kapelle auf, dazu wurden Häppchen und üppige Tortenstücke gereicht. Dabei war auch an diesem Nachmittag unüberhörbar: Die fetten Jahre sind für die großen Hersteller von Windkraftanlagen wohl erst mal vorbei:

"Wir hatten stürmische Ausbaujahre in Schleswig-Holstein aber auch in anderen Stellen der Republik, die sind jetzt aber abrupt abgebrochen", sagt der angereiste schleswig-holsteinische Energieminister Robert Habeck. Ebenso wie die Branchenverbände und die großen Hersteller von Windrädern sieht der Grünen-Politiker die Hauptursache für die Krise in den neuen Vergütungsregelungen für Windparks.

"Seit einem Jahr werden die EEG-Preise nicht mehr staatlich festgelegt. Sondern in einem Wettbewerbsverfahren ermittelt. Das ist auch klug und richtig. Dabei haben Bürgerenergieprojekte eine Bevorzugung, das ist auch klug und richtig. Aber die Art ist falsch gemacht. Sie dürfen nämlich einen Zuschlag bekommen, ohne eine emissionsschutzrechtliche Genehmigung zu bekommen."

Bürgerenergiegesellschaften haben das Rennen gemacht

Mehrere Runden hat es in diesem Jahr bereits nach dem neuen Ausschreibungsprinzip gegeben. Den Zuschlag für einen Windpark auf hoher See oder an Land erhält der Bieter, der mit der niedrigsten Förderung auskommt. Bei den letzten beiden Ausschreibungen für Anlagen an Land haben vor allem Bürgerenergiegesellschaften das Rennen gemacht. Für sie wurden längere Fristen zur Realisierung geschaffen. Doch viele Vertreter der Windkraft befürchten, dass die ausgeschriebenen Windparks am Ende gar nicht gebaut werden.

Wie viele der Anlagen in den nächsten Jahren tatsächlich realisiert werden, könne nicht vorhergesagt werden, erklärt das Bundeswirtschaftsministerium auf Anfrage. Doch der Gesetzgeber habe bereits auf die Bedenken reagiert, so eine Sprecherin. Für Ausschreibungen im kommenden Jahr wird die lange Realisierungsfrist für Bürgerenergiegesellschaften eingeschränkt – von viereinhalb auf dann nur noch zweieinhalb Jahre.

Hunderte Stellenstreichungen nach zwei Jahrzehnten Wachstum

In den Produktionshallen der großen Hersteller läuft es derzeit alles andere als rund. Die Aufträge und die Gewinne gehen zurück, hunderte Stellen sind beim Fabrikanten Senvion gestrichen worden, auch der Hersteller Nordex hat angekündigt, mehrere hundert Stellen zu streichen. Die Branche sei über rund zwei Jahrzehnte ein sehr hohes Wachstum gewöhnt gewesen seien, sagt Bernd Möller, Professor für das Management nachhaltiger Energiesystem an der Uni Flensburg. Nun käme eine Konsolidierungsphase:

"… wo die hohen Wachstumsraten nicht mehr so hoch sein können, verglichen mit anderen Industriebereichen. Aber gerade dieses hohe Wachstum hat natürlich auch dazu geführt, dass die Industrie langsam erwachsen wird und dass sich die Branche sich irgendwann wie jede andere auch dem Wettbewerb stellen muss."

Mehr Fusionen, mehr Wettbewerb

Aus Verbrauchersicht könnten sich die neuen Vergütungsregelungen am Ende sprichwörtlich auszahlen – in Form von niedrigeren Preisen für Ökostrom. Auf dem Markt könnten wiederum angesichts des Kostendrucks bald noch mehr Fusionen ablaufen. Möller weist nach Dänemark, wo bereits zur Jahrtausendwende der Schritt von einer festen Bezahlung zu einem marktorientierten Ansatz vollzogen worden sei.

"Und das hat auch zunächst viele Hungerjahre für die dänische Windindustrie zumindest auf den einheimischen Märkten bedeutet. Mittlerweile ist man wieder einigermaßen bei einem aber auch konsolidierten heimischen Markt für Windkraftanlagen."

Die Wirtschaftsminister der fünf norddeutschen Bundesländer fordern derweil von der Bundesregierung, den Ausbau der Offshore-Windkraft zu forcieren. Ohne neue Anlagen auf Nord- und Ostsee könne Deutschland seine engagierten Umwelt- und Klimaziele nicht erreichen heißt es in dem sogenannten Cuxhavener Appell.

 

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