Corso / Archiv /

 

Metapher auf ein sattes Europa

Jean-Luc Godards "Film Socialisme" auf DVD

Von Gerhard Klas

Jean-Luc Godard auf einem Bild von 1980.
Jean-Luc Godard auf einem Bild von 1980. (AP Archiv)

"Film socialisme" ist 2011 in französischen Kinos gelaufen. In Deutschland ist der Film des französischen Altmeisters nur mit einer 35mm-Kopie in den Verleih gegangen – so gering war die Nachfrage der Programmkinos. Trotzdem hat der Suhrkamp Verlag ihn in seiner Filmedition auf DVD veröffentlicht.

"Geld ist ein öffentliches Gut."

"Wie das Wasser also."

"Genau."

Mit diesem Dialog vor dem Hintergrund des unruhigen Mittelmeeres beginnt der letzte Film von Jean-Luc Godard, dem enfant terrible des französischen Kinos. "Film socialisme" hat Godard seinen Film genannt, denn nur "socialisme" hätte, so erklärt er, zu sehr nach politischem Manifest geklungen. Die Montage in drei Teilen beginnt und endet auf einem Kreuzfahrtschiff. Es steht bei Godard als Metapher für ein sattes und selbstgefälliges Europa, dass die in Vergessenheit geratenen oder nur noch fragmentarisch wahrgenommenen Stationen seiner Geschichte als touristische Höhepunkte anläuft: Kairo, Haifa, Odessa, Barcelona, Athen.

"Und wir, wenn wir wieder einmal Afrika im Stich gelassen haben."

Wohin, Europa?, fragt Godard in seinem Film, der immer wieder Kriegssequenzen, Revolutionen und Finanztransaktionen zur Sprache bringt, assoziativ und ohne handlungsweisende Charaktere. Die Figuren im Film: eine ehemalige russische Geheimagentin, ein mit einem jüdischen Namen getarnter Nazi-Kriegsverbrecher, eine an der Reling sinnierende Schwarzafrikanerin, eine fotografierende Asiatin, sie alle reden kaum miteinander, sondern wenden sich an die Zuschauer.

Godards Kreuzfahrt-Montagen drücken persönliche Leere, tiefste Einsamkeit und melancholische Sehnsucht seiner Figuren aus. Sie sind voneinander abgewandt, reden aneinander vorbei. Nur im Mittelteil des Films gelingt es einem Kind, zärtliche Gefühle für seine Mutter offen zu zeigen. Dialoge sind im Film kein Mittel des Schauspiels – die Worte sollen direkt ins Gehirn des Zuschauers dringen, Verwirrung stiften und Denkprozesse anregen.

""Dieses arme Europa. Nicht gereinigt, sondern korrumpiert vom Leid. Nicht erhöht, sondern erniedrigt durch die rückeroberte Freiheit."

Text, Bilder, Töne sind eine einzige Collage. Eher romantische Passagen brechen abrupt ab, wechseln mit ätzenden Störgeräuschen. Immer wieder bläst der Wind ins Mikrofon und überlagert den Ton.

Jean Luc Godard ist Rebell und Störenfried, sein "Film socialisme" ist wie viele seiner älteren Filme nicht marktkompatibel. Er ist anstrengend und will anstrengend sein, seinen Zuschauern Rätsel aufgeben und sie auf die Suche schicken. Dass diese Suche in einer Revolte mündet, steht für Godard außer Zweifel. Der Film endet mit Bildern einer aktuellen Demonstration von jungen und alten Anarchosyndikalisten in Barcelona und blendet einen Spruch ein, der auch als Aufforderung verstanden werden könnte.

"Wenn das Gesetz nicht gerecht ist, hat die Gerechtigkeit Vorrang vor dem Gesetz."

Film socialisme, so kündigte Godard an, sei sein letzter Film. Es ist das Vermächtnis des Altmeisters an das offizielle Europa, das, so sagte er in einem Interview, aus Kohle, Stahl und Geld gemacht sei und dem die Kultur fehle. Großen Eindruck wird Jean-Luc Godards letzter Film bei denen hinterlassen, die nicht an das Ende der Geschichte glauben und Kritik nicht mit Kulturpessimismus verwechseln.

Jean Luc Godard: "Film Socialisme". filmedition suhrkamp, DVD 97 min, 19,90Euro. Etwa 100 Minuten Originalfassung, deutsche Untertitel, 40 Seiten Booklet, FSK-Freigabe: ab 0 Jahre

Filmausschnitt "Filme Socialisme" von Godard auf Webseite des Suhrkamp Verlags

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Corso

Corso Spezial 15 Jahre "Mein Klassiker"

Die Statue von Sherlock Holmes in der Baker Street in London.

"Mein Klassiker ist ..." – diesen Satz hören Sie bei "Corso" jede Woche aus prominenten Mündern. In den vergangenen 15 Jahren haben uns mehr als 700 Schauspieler, Musiker, Künstler, Kabarettisten und andere Persönlichkeiten ihre Klassiker verraten.

Der fünfte BeatleEinsam, depressiv und tablettenabhängig

(L-r) John Lennon, George Harrison, Manager Brian Epstein, Ringo Starr und Paul McCartney relaxen in einer Hotel-Suite während einer Auslandstournee der britischen Popgruppe The Beatles. (Undatierte Aufnahme). Brian Epstein, erfolgreicher Manager der Pilzköpfe, wurde am 19.09.1934 in Liverpool geboren und am 27.08.1967 tot in seiner Wohung in Belgravia in London aufgefunden.

"Wenn es einen fünften Beatle gegeben hat, dann war es Brian Epstein", sagte Paul McCartney einmal. Der tragische Tod von Epstein läutete auch das Ende der Beatles ein. Vor Kurzem ist seine Autobiografie in deutscher Sprache erschienen

Corsogespräch Party-Proletariat und Backstage-Storys

Londoner Duo "We are shining" "Wir wollten uns einfach möglichst individuell ausdrücken"

Ukraine-Konflikt"Natürlich streiten wir. Schließlich geht es um Krieg"

Eine Frau in Donezk in den Trümmern ihres Hauses, das bei Kämpfen zerstört wurde.

Der Konflikt in der Ukraine ist mehr als 2.000 Kilometer weit weg. Aber er betrifft auch Menschen, die in Deutschland leben. Besonders in der russischsprachigen Community wird häufig darüber gestritten, wer Recht hat. Das wird zur Zerreißprobe für Freundeskreise und Familien.

Theater-Kollektiv Rimini-Protokoll "Politiker sind letzten Endes auch nur Schauspieler"