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StartseiteBüchermarktMetaphorische Werkzeuge09.11.2009

Metaphorische Werkzeuge

Lutz Seiler: "Die Zeitwaage", Suhrkamp Verlag

Schon die Gedichte von Lutz Seiler heben an, als würde er Geschichten erzählen wollen. Nun hat der Lyriker seinen ersten Erzählungsband vorgelegt, wobei Themen wiederkehren, denen sich der Autor bereits in seinen Gedichten genähert hat.

Von Michael Opitz

Uhrmacher messen mit Zeitwaagen die Ganggenauigkeit von mechanischen Uhren. (AP)
Uhrmacher messen mit Zeitwaagen die Ganggenauigkeit von mechanischen Uhren. (AP)

"Die Zeitwaage läuft, ich bin im Geräusch. Seltenes Zifferblatt, ruft Walinski nach vorn und spricht weiter, ist im Gehämmer der Waage aber kaum noch zu verstehen."

Was es mit einer laufenden, Geräusche machenden Zeitwaage auf sich hat, darüber erfährt man mehr in der Titelgeschichte von Lutz Seilers Erzählungsband "Die Zeitwaage". Die letzte von insgesamt dreizehn Erzählungen handelt von einem jungen Mann, der regelmäßig mit seiner wertvollen Uhr zum Uhrmacher Walinski geht, um sie dort auf eine Zeitwaage legen zu lassen. Bei dieser kleinen Maschine handelt es sich um keine Erfindung des Autors, sondern Uhrmacher messen mit Zeitwaagen die Ganggenauigkeit von mechanischen Uhren.

"Dieses Gerät registriert alle, auch die allerfeinsten Geräusche im Uhrwerk, kontrolliert nicht nur die Ganggenauigkeit des Uhrwerks, sondern kann im Grunde auch erlauschen, was alles mit dem Uhrwerk nicht stimmt. Das Frappierende für mich war, was mich gefangen genommen hat an der Zeitwaage, ist das Geräusch, das die Zeitwaage selbst macht. Die Zeitwaage eingeschaltet, verstärkt das Ticken der Uhr und es ist ganz laut. Also ich glaube, im Grunde war es das Geräusch, das mich derart fasziniert hat und veranlasst hat, etwas mit Zeitwaage zu machen."

Der Begriff Zeitwaage ist mehrdeutig. Lutz Seiler interessiert sich zwar für das Messinstrument, aber Zeit wird in seinen Geschichten nicht nur gemessen, sondern auch gewogen, wenn der Autor die vergangene ebenso wie die gegenwärtige Zeit auf eine Waage legt. Dabei wird in der Titelgeschichte jene Zeit in Erinnerung gerufen, die nach dem Mauerfall aus den Fugen geraten war. Im Frühjahr 1990 tickten die Uhren in der DDR anders. In jener Umbruchphase bezieht ein namenlos bleibender junger Mann illegal eine Wohnung in Ostberlin. Nach der schmerzlichen Trennung von seiner Freundin steht er am Beginn eines neuen Lebensabschnittes. Wie aus einer anderen Zeit muten da die Anrufe seiner Mutter an, die ihn daran erinnert, dass er einmal Maurer war und jederzeit wieder in diesem Beruf arbeiten könnte, da er doch noch das ganze Werkzeug besitzt. Aber er hat sich für einen anderen Weg entschieden. Er studiert und arbeitet nebenbei in der Assel, einer Kneipe in der Oranienburger Straße, wo ein Arbeiter zu seinen Gästen gehört, der eines Tages seine Uhr vergisst.

"Im Verlauf der Geschichte wird klar, welche Bewandtnis es mit dieser Uhr hat. Es geht um den ehemaligen Träger dieser Uhr, der vor den Augen desjenigen zu Tode gekommen ist, der die Uhr dann quasi wie eine Erbschaft behandelt."

Doch er tritt noch eine andere Erbschaft an: Durch die Uhr, eine Glashütte, Baujahr 1963, wird er mit dem vergehen von Zeit konfrontiert. Lutz Seiler, der wie ein Uhrmacher auf die Zeitgeräusche hört, kommt so der in der Geschichte waltenden Mechanik auf die Spur. Er erzählt von Figuren, die wie alte Uhren einen Gangfehler haben. Figuren wie Frank aus der gleichnamigen Erzählung sind aus dem Takt geraten und merken, dass ihnen die Zeit davongelaufen ist. Den Anschluss an die neue Zeit hat auch der ältere Herr in der Erzählung "Und jetzt erschießen wir dich, du alter Mann" verpasst. Für einen kurzen Moment gerät er aus dem Gleichgewicht, als er auf einem Spielplatz von einer Kindergruppe bedroht wird, sodass er sich aus einer für ihn ausweglosen Situation nur durch einen Schlag zu befreien vermag. Lutz Seilers Protagonisten gehen falsch, sie sind von der Zeit überholt worden und aus dem Gleichgewicht geraten.

"Wenn die Protagonisten aus dem Gleichgewicht geraten, dann passiert meistens wirklich etwas. Am Ende gibt es auch körperliche Konsequenzen, dann stoßen sie mit jemandem zusammen oder es gibt Faustschläge. In der Tat, das passiert in einigen Erzählungen, wobei ich zugeben muss, dass ich diesen Begriff der 'Zeitwaage' nicht so stark metaphorisch auf die Figuren hin gesehen habe. Eigentlich war es zuerst die spontane Überzeugung, die dieser kleine Apparat auf mich ausgeübt hat. Und natürlich gibt es im selben Moment, wenn man sich mit Literatur beschäftigt, dann die Erkenntnis, Mensch, und metaphorisch gibt das auch etwas her. Natürlich kann man dieses Wort auf vieles anwenden, auch in diesem Buch, aber so richtig legitimiert wird es aus meiner Sicht eben erst dadurch, dass es ein Gerät namens 'Zeitwaage' gibt."

Am Schluss der Erzählung "Die Zeitwaage" gesteht sich der Protagonist ein, dass er ein Träumer ist.

"Ich spürte die Feuchte im Gras, das mir weich und fraglos jeden Schritt von den Füßen nahm, und durch den dumpfen Nachhall der Musik, die sich abzukapseln begonnen hatte unter meinen Schläfen, um dort wie das Herz eines Parasiten weiter zu pochen, hörte ich endlich den Satz: 'Ein Träumer, ein verdammter Träumer bist du, ein elender Träumer.' Das war kein besonderer Satz. Zeitweise war das vielleicht eine Art Blablabla gewesen und für sich genommen lachhaft genug, aber nicht in diesem Moment. Es stimmt, was ich sagte. Ich hörte, dass es der Wahrheit entsprach. Und sooft ich es auch im Weitergehen Richtung Fluss und Richtung Insel wiederholte – 'ein Träumer, ein elender Träumer' –, der Satz kehrte nicht in die Hülse seiner Bedeutungslosigkeit zurück, es wurde nicht weniger wahr."

Dieser Träumende scheint beinahe verloren für die Zeit zu sein, durch die er wie benommen wandelt. Doch der Eindruck täuscht, denn zunehmend bewusster nähert er sich jenen Spuren, die die Zeit hinterlassen hat. Seilers Figuren nehmen im Traum Kontakt mit der Vergangenheit auf. Kennzeichnend für sie ist das Bemühen, das Verhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart auszutarieren, doch wiegt ihre Herkunft schwerer als das, was sie an Gegenwartserfahrungen auf die Waagschale legen können. Aus diesem Ungleichgewicht erklärt sich ihre Schieflage.

"Man könnte sagen, um in der Zeitmetaphorik des Uhrwerks zu bleiben: Diese Figuren ticken oft nicht richtig. Genau wie diese mechanische Uhr irgendwelche Fehler hat und die Ganggenauigkeit abnimmt, so kann die bei einer Figur plötzlich ganz rapide abnehmen. Die schaffen es nicht, im Takt der Zeit zu bleiben, wollen es teilweise auch nicht mehr. Es ist ja auch eine Mühle."

In der Erzählung "Der Stotterer" wird die Distanz zwischen dem Einst und der Jetztzeit thematisiert, wenn sich der Ich-Erzähler daran erinnert, wie er mit seiner Werkzeugkiste an den Wochenenden zu den Garagen ging, um an seinem Moped zu basteln. Damals fiel ihm auf, wie intensiv die Männer ihre Autos pflegten, wie sie den Unterboden mit Rostschutzmittel einstrichen, um ihn vor Erosion zu schützen. Diese Erfahrung kehrt in Lutz Seilers narrativem Verfahren wieder. Wie ein Schutzanstrich legt sich sein Erzählen über einstige Begebenheiten, die so vor dem Vergessen bewahrt werden. Auffällig an Seilers Erzählungen ist das Interesse für kleine Maschinen. Neben der erwähnten Zeitwaage ist von einer Seifenblasenmaschine die Rede und in der Erzählung "Turksib" wird ein Geigerzähler bedeutend. Ebenso wichtig aber sind dem gelernten Baufacharbeiter Lutz Seiler auch Werkzeuge. In der Erzählung "Der Stotterer" wird auf eine "Fühllehre" verwiesen, mit der man eigentlich den Abstand zwischen Zündkerzen misst.

"Ich könnte endlos über Werkzeuge schreiben, die in ihren Bezeichnungen auch oft so hoch metaphorisch sind, dass man es kaum glaubt. Ich hab als Kind endlose Garagensonntage gehabt mit meinem Vater und da spielte das Werkzeug und die Pflege des Werkzeugs auch eine große Rolle. Und jetzt bin ich Schriftsteller und kann sozusagen von der anderen Seite auf das Werkzeug schauen, habe immer noch so ein intensives Verhältnis zu den Dingen, aber die metaphorische Seite des Ganzen geht einem plötzlich auf. Plötzlich gibt es sehr viele Möglichkeiten, das in Literatur einfließen zu lassen."

Diese "Fühllehre" stellt für den Erzähler Lutz Seiler ein geeignetes Werkzeug dar, um die Distanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu messen. Allerdings misst er den Abstand nicht in Zahlen, sondern er registriert Gefühlsdifferenzen. Von daher erklärt sich der melancholische Ton, der Seilers Erzählungen unterlegt ist. Seine Protagonisten erinnern sich an Ereignisse, von denen sie berührt wurden. "Berührt/geführt" heißt es in der zweiten Geschichte der Schachtrilogie mit dem Titel "Gavroche". Mit dieser Schachregel stellt Seiler eine Beziehung zu dem Titel seines ersten 1995 erschienenen Gedichtbandes her. Themen der Gedichte werden in den Erzählungen aufgegriffen, wobei die Prosa mehr Raum bietet, um erzählerisch weiter ausschreiten zu können. In "Gavroche" erzählt Seiler die Geschichte eines jungen Mannes, der sich in eine Schachmeisterin verliebt, gegen die alle spielen wollen, nur er nicht. Die Gründe dafür liegen in seiner Kindheit.

"Eine Figur – wie es beim Schachspiel ist, die man berührt, muss auch gezogen werden. Es geht nicht, dass man sie fallen lässt und dieser Zwang beinahe oder man kann es Verantwortung nennen oder diese Bewegung, die steckt in dieser 'Gavroche'-Geschichte drin. Er kommt mit ihr zusammen und dann sind sie in dieser Beziehung eine Zeit lang aufeinander gepolt – sie müssen miteinander umgehen und er versteht diese Verantwortung auch, aber er kann sie in der letzten Konsequenz nicht wahrnehmen, weil er nicht begreift, worum es ihr in einer Beziehung geht oder was für sie vielleicht das Wichtigste ist. Er kann es nicht begreifen, weil er eben diese eigenen Erlebnisse in der Kindheit hatte oder weil ihm da ein Tabu vorsitzt, und er kommt nicht drum herum und letzten Endes ist es vielleicht ein Bild für die Schuld, wie sie über die Generationen immer weiter gereicht wird, für die Deformationen des Menschen, für die er nichts kann, die sich von Genration zu Generation fortpflanzen."

Lutz Seiler, der 2007 die Juroren des Ingeborg Bachmann Preises mit einem Auszug aus seinem Roman "Turksib" überzeugte, hat mit Die "Zeitwaage" einen sehr lesenswerten Erzählungsband vorgelegt. Seinen Texten merkt man ein besonderes Sprachempfinden an, das bei der Arbeit an den Gedichten geschult wurde. Dieser Lauschende versteht es auch in seiner Prosa einen ganz besonderen Ton anzuschlagen, der lange nachklingt.

Lutz Seiler: "Die Zeitwaage. Erzählungen", Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2009. 287 Seiten. 19,90 Euro.

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