Sonntag, 19.11.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheSexismusdebatte ohne Hysterie und Scheinheiligkeit führen04.11.2017

#MeTooSexismusdebatte ohne Hysterie und Scheinheiligkeit führen

Unter dem Titel #MeToo berichten Frauen weltweit von sexueller Belästigung. Leider bleibe die Kampagne dabei in einem Modus der Passivität gefangen, kommentiert Joachim Frank von der Mediengruppe DuMont im Dlf. Künftig müssten sexuelle Übergriffe aus dem Halbdunkel des peinlich berührten Schweigens sofort ans Licht.

Von Joachim Frank

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Mit einem Skandal in Hollywood hat es angefangen - jetzt diskutiert auch Deutschland wieder über Sexismus. #MeToo - Ich auch - heißt das Hashtag, unter dem Frauen ihre Erfahrungen damit teilen. (dpa / Britta Pedersen)
Hashtag #MeToo (Symbolbild) (dpa / Britta Pedersen)
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Erste Frage im inneren Monolog: Ist es eine gute Idee, dieses Thema als Mann zu kommentieren? Eine falsche Frage. Aber sie ist dennoch bezeichnend. Die öffentliche Diskussion über Sexismus, sexuelle Belästigung oder Missbrauch – alles verschiedene Dinge, nebenbei bemerkt – soll und darf nicht bei den Frauen abgeladen werden. Männer müssen sich schon deshalb an der Debatte beteiligen, weil es ohne sie gar nichts zu debattieren gäbe.

Vielleicht ist das die Schieflage in der Kampagne unter dem Titel #MeToo: Rund um den Globus geben Frauen kund, dass und wie sie sich von Männern unangemessen, herabwürdigend und verletzend behandelt gefühlt haben. Auslöser waren die Vorwürfe sexueller Belästigung gegen den US-Filmproduzenten Harvey Weinstein, dessen Name in jedem zweiten Porträt mit dem sprechenden Titel Mogul verbunden wird.

Es ist gut, dass Frauen den Mund aufmachen

Es ist gut, dass Frauen den Mund aufmachen. Es ist gut, dass sie aus der Scham- und Tabuzone herauskommen und sich solidarisieren. Es gilt die klassische Regel für die Wirkmacht öffentlicher Kommunikation, die der Theologe Hans Küng sinngemäß so formuliert hat: Die Stimme eines Einzelnen geht unter, auf zehn beginnt man zu hören, an hundert kommt man nicht vorbei.

Trotzdem bleibt #MeToo - wahrscheinlich ungewollt – in einem Modus der Passivität gefangen: Frauen sagen, wie sie zu Opfern gemacht wurden. In der Rückschau auf das, was ihnen widerfahren ist, was ihnen angetan wurde. Nachdem es vorbei ist.

In einem nächsten und mindestens so wichtigen Schritt müssten sexuelle Übergriffe aus dem Halbdunkel des peinlich berührten, womöglich perplexen Schweigens sofort ans Licht. In vielen Situationen des alltäglichen Sexismus gibt es Teil-Öffentlichkeiten: Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz, Gäste auf Empfängen, Sitznachbarn im Restaurant.

Der Fall des zurückgetretenen britischen Verteidigungsministers Michael Fallon, der einer BBC-Journalistin vor 15 Jahren bei einem Dinner ans Knie gefasst haben soll, ist ein Lehrstück. Julia Hartley-Brewer sagt, sie habe Fallon schon damals Schläge angedroht, als er ihr zu nahe kam. Ob das auch andere am Tisch mitbekommen haben? Solch eine Form der Bloßstellung wäre die angemessenste Sanktion, die gerechte Strafe mit maximaler erzieherischer Wirkung.

Das ist es doch, worum es geht. Dass Frauen erstens Augenhöhe erreichen oder – um es einmal martialisch zu formulieren – Waffengleichheit herstellen. Und dass zweitens im Kontakt zwischen zwei Menschen zu jeder Zeit glasklar ist, was geht und was nicht geht.

Damit würden sich nicht zuletzt die scheinbar irritierten, besorgten Fragen erübrigen, ob denn künftig schon jedes Kompliment, das ein Mann einer Frau für – sagen wir – ein schickes Kleid macht, als sexistisch gelten müsse. Natürlich nicht!

Problematisch, wenn ein Machtgefälle besteht

Unstatthaft wird es erst in dem Moment, in dem sich die Adressatin mit einem Kompliment unwohl fühlt. Das ist umso eher der Fall, wenn zwischen den Beteiligten ein Machtgefälle, ein Gefüge von Überlegenheit und Unterlegenheit besteht. Darum sollte es sich jeder Chef zweimal überlegen, ob er sich – und sei es noch so harmlos - zum Äußeren von Mitarbeiterinnen äußert – oder ob er seine Wertschätzung nicht besser an deren Leistung knüpft.

Letztlich handelt es sich bei all den Fragen, "was denn nun geht zwischen Mann und Frau", um Nebelkerzen. Die kleinen und großen Sexisten wissen das nämlich sehr genau. Deshalb hat der Autor Christian Gesellmann recht, wenn er in der #MeToo-Debatte den Wunsch formuliert, dass "Frauen Männern öfter sagen, wenn sie Idioten sind". Damit wäre in der Tat schon sehr viel gewonnen.

Und noch etwas wäre wichtig: Die Sexismusdebatte müsste ohne die ständige Hysterie und die Scheinheiligkeit geführt werden. Es ist doch in hohem Maße verlogen, dass ausgerechnet das durch und durch sexualisierte Hollywood über das elende Sexualleben eines Harvey Weinstein oder eines Kevin Spacey jetzt schier außer sich gerät, von einer moralischen Ohnmachtsattacke in die nächste fällt.

Dass sowohl Weinstein als auch Spacey gerade mit einer Rasanz sondergleichen in den sozialen und beruflichen Kohlenkeller rasseln, das mögen sie verdient haben. Aber man wird den Verdacht nicht los, dass hier auf Umwegen auch Kämpfe ganz anderer Art ausgetragen werden.

Genau wie im Fall Fallon, bei dem es womöglich auch um politische Grabenkämpfe geht. Nicht umsonst hat ausgerechnet die seinerzeit von dem Ex-Minister begrabschte Journalistin zu Protokoll gegeben, Fallons Demission sei "ja wohl der absurdeste Rücktritt eines Ministers".

Das übrigens ist in der Debatte über Sexismus das Schlimmste, was passieren kann: dass sie zum Instrument in allerlei Intrigenspielen wird. Dann nämlich ist das Ziel wieder nicht – mit einem großen Wort – der herrschaftsfreie Diskurs im Verhältnis der Geschlechter. Stattdessen bleibt es bei dem alten, leidigen System von Macht und Ohnmacht, Oben und Unten. Und das geht wiederum zulasten der Frauen.

Joachim Frank, Chefkorrespondent der DuMont-Mediengruppe (Peter Rakoczy)Joachim Frank, Chefkorrespondent der DuMont-Mediengruppe (Peter Rakoczy)Joachim Frank, geboren 1965 in Ulm, gehört seit 1997 der heutigen Mediengruppe DuMont an. Er ist Chefkorrespondent für den "Kölner Stadt-Anzeiger", die Berliner Zeitung und die "Mitteldeutsche Zeitung" Halle sowie Autor der "Frankfurter Rundschau". Seit 2015 ist Frank Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten (GKP), des katholischen Journalistenverbands. Frank ist Verfasser mehrerer Bücher zu kirchenpolitischen Themen und Autor zahlreicher Aufsätze für Sammelbände und Fachzeitschriften. 2014 wurde er u. a. mit dem Wächterpreis ausgezeichnet.

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