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StartseiteKultur heuteMeursault, "der Fremde"29.10.2011

Meursault, "der Fremde"

Jette Steckel inszeniert den Roman von Albert Camus

Die Regisseurin Jette Steckel hat schon mehrere Camus-Stücke inszeniert – jetzt hat sie sich am Thalia Theater in Hamburg Camus Roman "Der Fremde" vorgenommen. Steckels junges Ensemble präsentiert ein Stück Denktheater.

Von Michael Laages

Das Thalia Theater in Hamburg (Thalia Theater)
Das Thalia Theater in Hamburg (Thalia Theater)

Zu Beginn der neuen Hamburger Beschäftigung mit Denken und Werk von Albert Camus fällen Jette Steckel und das Hamburger Team ein paar sehr grundsätzliche und ziemlich überzeugende Entscheidungen; zum Beispiel diese:

Monsieur Meursault, als "Der Fremde" die zentrale Figur dieser Erzählung, setzt sich aus mehreren Wesen zusammen; einer Frau und zwei Männern – "und eine davon", notiert Camus im Tagebuch, "bin ich". Darüber hinaus, jenseits von mehrfach gespaltenen Ich, gibt es naturgemäß (und nach dem Lauf dieser ebenso rätselhaften wie fundamentalen Fabel) das Außen, "die Anderen", die von außen auf den "Fall" des Monsieur Meursault schauen. Dreimal ich plus eins macht vier – zu vier Personen findet sich das Camus-Ich auf der Bühne; und die hat Florian Lösche konzipiert als stetig sich drehenden Kreis voll rotem (nordafrikanischem) Sand, mit dem Publikum an allen vier Seiten drum herum postiert. Jeder im Saal nimmt also immer mal wieder (wie er oder sie hinter einem der Darsteller zu sitzen kommt) dessen Position ein, schaut immer mal wieder aus dem Blickwinkel eines der Protagonisten auf den Fortgang der Geschichte. Und im Moment des tödlichen Schusses, der dem Drama den Ausgangspunkt gibt, tritt einer der vier dazwischen - und fängt die Kugel sozusagen auf mit der Hand. Die Zeit steht still - und Steckels Theater erzählt die Geschichte.

An der ist nur eines wirklich klar: Meursault hat einen Mord begangen – an einem Araber. Im noch französisch-kolonialen Algerien müsste sich damit doch umgehen lassen, meint der Verteidiger ...

Doch der Fall entwickelt sich anders; allen Beteiligten, auch und gerade Monsieur Meursault selber, scheint viel an einem Exempel gelegen zu sein. Schnell steht die Moralität des Angeklagten infrage – hat er etwa wirklich nicht geweint am Grab der eigenen Mutter? Hat er die alte Dame etwa ganz gefühllos in einem Heim entsorgt? Und war der tödliche Schuss womöglich nur eine Hilfsaktion für einen Zuhälterkumpel? Diese Fragen vor Gericht bilden das szenische Gerüst der Fabel, deren Motive und deren Fortgang Steckels Team grundsätzlich umgruppiert hat, um stärker auf den andauernden Diskurs des Dichters mit sich selber hinzuweisen: eben über Fragen der Moral, eben über die Frage nach grenzen- und schrankenlosem Leben wie nach grenzen- und schrankenlosem Sterben. Dazu ist Meursault bereit, wenn es denn nur ein Tod mit Grundsätzen ist – um denen keinen Schaden zuzufügen, geht er keinerlei Kompromiss ein mit den immer bedrohlicher agierenden Autoritäten.

Dabei scheint dieser Meursault kein schlechter Mensch zu sein, nur eben ein sehr kalter Engel – bis in die Liebe zu Mademoiselle Marie, die er auch heiraten könnte, ohne zu lieben; so sehr der Antiheld erratisch und unbehelligt von "Welt" dastehen will, so sehr ist er auch Projektionsfläche für viele um ihn herum. Und natürlich bekommt so auch das Sterben Sinn – fundamentales Leben wird ebenso wenig vergessen wie fundamentaler Tod.

Ein Stück Denktheater erzählt Steckels sehr junges Ensemble knapp zwei Stunden lang überwiegend sehr konzentriert; vier Personen suchen einen Autor, und sie investieren viel Gegrübel auf ganz viel Papier. Doch szenisch macht sich auch Mattigkeit breit - die klugen Regiegedanken vom Beginn (die Bühne, das Ich zu viert) verbrauchen die eigene Wirkung recht bald, der Zuschauer-Blick gewöhnt sich viel zu schnell daran, dass andere Perspektiven, andere Blickwinkel als die im ewigen Zwangsgekreisel der Bühne nicht möglich sein werden an diesem Abend. Und als dann im Finale beim Urteil zum Tod durch das Fallbeil der Guillotine ausgerechnet eine Schlinge fürs Aufhängen aus dem Bühnenhimmel herab führt, da wirkt das angesichts der formalen Strenge zuvor wie ein ziemlich blöder, geradezu lächerlicher Fehler.

Das ist das Risiko grundsätzlichen Denkens, auch im Theater: Kleinigkeiten wiegen doppelt schwer. Jette Steckel aber, allemal eines der herausragenden Talente der jüngeren Regiegeneration, kann sich auf den Hamburger Jubel trotzdem verlassen.

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