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StartseiteCorsoDie Kleinkunst aufmischen06.10.2016

Michael Krebs: "An mir liegt's nicht"Die Kleinkunst aufmischen

Rock'n'Roll Kabarett nennt er das, was er tut. Michael Krebs jedenfalls ist einer der wenigen Musiker, die auch den Kleinkunst-Zuschauern kräftig einheizen können. Nun ist sein neues Album "An mir liegt's nicht" erschienen - mit Liedern, die unserer Gesellschaft zeitgeistkritisch auf den Zahn fühlen.

Von Achim Hahn

Michael Krebs mit seinen Bandkollegen, die Pommesgabeln des Teufels (Sven Hagolani)
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"Mein Leben ist nicht so bequem,
denn ich bin Teil der Lösung und nicht das Problem.
Ja, mein Leben, es ist kompliziert,
denn ich denk nachhaltig orientiert.
Und falls die Welt doch irgendwann zusammenbricht,
an mir liegt’s nicht."

Sein Markenzeichen: Songs voller rhythmischem Drive und jazzigem Flair, die das müde Sitzfleisch der Kabarettbesucher in Bewegung bringen. Michael Krebs. Retter der Pommesgabeln des Teufels, nach denen er auch seine Band benannt hat.

"Das sind zum einen Boris the Beast am Bass und der Oheim des Todes am Schlagzeug. Ich habe die beiden in Wacken kennengelernt und die beiden helfen mir jetzt, die Kleinkunst aufzumischen."

Speed-Entschleunigung für unsere to-go-Gesellschaft

Etwa mit bissigen Mini-Songs im Tweet-Format: Von den 17 unter Live-Bedingungen im Studio eingespielten Stücken ist eine Hand voll kürzer als 12 Sekunden:

"Ein Service für Menschen mit verkürzter Aufmerksamkeit!"

"Bitte lass die Strophen weg, spiel nur den Refrain, alles über 140 Zeichen sind Details."

Speed-Entschleunigung für unsere to-go-Gesellschaft, nennt er das auch.

"Darüber mache ich mich einerseits lustig und andererseits glaube ich, dass Musik und Humor auch Inseln sind, die wirklich dagegen stehen."

"Titanic geht drei Stunden, zwei Leute in ‘nem Boot verlieben sich, sinken und ertrinken."  

In seinen längeren Songs nimmt Michael Krebs die Selbstvermessung mittels Apps genauso aufs Korn wie stumpfe Fremdenfeindlichkeit, Bio-Mentalität, die nicht vor Flug-Mangos halt macht, oder Logik, die durch Ignoranz, Eigennutz und Autorität ersetzt wird. Oder auch den Zeitverlust durch überbordende Bürokratie, wenn es um den Neubau einer maroden Schule geht.

Krebs setzt den Verrücktheiten dieser Welt feine Ironie entgegen

"November im sechsten Jahr: Verzögerung des planmäßigen Baubeginns (PB) zugunsten einer "detaillierten inhaltlichen Abstimmung (DIA) des Bedarfsprogramms (BP), an die Anforderungen der Nutzer (AN) sowie dessen Anpassung an die Anforderungen der zukünftigen Nutzer (AZN) und die damit verbundene Bedarfsänderung."

Die Songs sind durchzogen von einer feinen Ironie, mit der Michael Krebs die Verrücktheiten und den ganz normalen Wahnsinn auf den Aberwitz bringt. Egal ob es um deutsche Songpoeten, die Humorlosigkeiten oder die Selbstverliebtheit unserer Zeit geht, um das konkurrierende Vergleichen mit anderen oder den zeitgeistig überlebensnotwendigen Selfie-Betrug.

"Gefällt Dir mein Bild von mir,
gefällt auch mir Dein Bild von Dir.

Daumen für Daumen, Like für Like
erlangen wir Bedeutsamkeit.

Ej, guck mal, guck mal, guck mal, guck mal, guck mal hier - wo?
Da ist der erste Like, ej, der ist ja von mir.
Smartphone, Smartphone, Smartphone, Smartphone, Smartphone in der Hand,
wer ist der, ist der, ist der, ist der Schönste hier im Land?"

Die Musik steht im Vordergrund

Ich-Bezogenheit, Verlorenheit und der Verlust der eigenen Träume sind das Thema dieser CD, mit der Michael Krebs auch live auf Clubtour zu sehen ist. Doch diesmal steht eindeutig die Musik im Vordergrund weniger die kabarettistischen Moderationen. Abgesehen mal von dem wacken-typischem Düsteroutfit und Pommesgabel-Gehabe seiner Kollegen. Denn:

"Bei Kabarett denkt man immer an den, der vorne steht und die Welt erklärt. Und das kann ich nicht sein, weil ich die Welt oft selber nicht verstehe. Aber ich möchte mich mit ihr auseinandersetzen und das mit viel Musik."

Die Lieder selbst aber lassen die unmittelbaren Ohrwurmqualitäten früherer Krebs-Hits vermissen - trotz vieler Hook Lines in den Refrains. Vielleicht, weil sie musikalisch deutlich ambitionierter sind und etwas mehr Zeit brauchen, obwohl es auch während der Aufnahmesession hörbar kaum an Spielfreude fehlte. Für Michael Krebs jedenfalls dürfte eines klar sein:

"An mir liegt’s nicht."

"Ja ich käm‘ wirklich prima klar, ganz wunderbar,
wär' später das was vorher war."

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