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StartseiteCorsoDieser DJ kickt mit Bollenhut13.06.2017

Michael MayerDieser DJ kickt mit Bollenhut

Als Techno-DJ ist Michael Mayer eine Berühmtheit. Er ist Produzent mit umfangreichem Katalog und Mitinhaber des renommierten Kölner Kompakt Labels. Seit mehr als 30 Jahren legt der 1971 im Schwarzwald Geborene international auf. Sein neues Album erscheint in der stilprägenden Reihe "DJ-Kicks".

Michael Mayer im Corsogespräch mit Ulrich Biermann

Mit Würde und Bollenhut: DJ-Altmeister Michael Mayer (Deutschlandradio / Frederike Wetzels)
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Ulrich Biermann: Auf dem Cover Ihres neuen Albums in der DJ-Kicks-Reihe sind Sie - ganz Black-Magic - mit Bollenhut, also klassisch Schwarzwald zu sehen. Warum?

Michael Mayer: Naja, ich gelte im Allgemeinen in der Welt als Kölner Techno-Produzent und DJ. Und einerseits war es mein Bedürfnis, wenigstens einmal in meiner Karriere eine kleine Reminiszenz ... eine kleine Verbeugung vor meiner alten Heimat zu zeigen und zum anderen habe ich tatsächlich eine Bollenhut-Obsession seit meiner frühesten Kindheit.

Biermann: Warum?

Mayer: Ich weiß nicht, ob Sie so etwas schon mal angefasst haben. Die fühlen sich wirklich fantastisch an. Die Erinnerung daran ging dann irgendwann verschütt', bis dann meine eigenen Kindern aus dem Kindergarten zurückkamen mit diesen selbstgemachten Pompons. Und da keimte das wieder auf in mir.

Biermann: Es steht Ihnen und es gibt so ein ganz verrücktes Image. Das hat überhaupt nichts von Crossdressing oder so, sondern es machts plötzlich geheimnisvoll.

Mayer: Das ist auch überhaupt nicht ironisch gemeint. Was viele so verstanden haben. Aber ich finde, das Bild strahlt eine gewisse Würde und Ernsthaftigkeit aus, trotz oder gerade wegen dem Bollenhut und ich habe mir das einfach mal so rausgenommen, das zu machen.

Biermann: Nummer 58 in der DJ-Kicks-Reihe, wenn ich richtig nachgezählt habe, seit 1995 gibts die Reihe. Wenn es eine Mix-CD neben vielleicht ein, zwei anderen gibt, die prägend ist, dann ist das diese DJ-Kicks-Reihe. Hat das Label !K7 Sie gefragt oder war es umgekehrt?

Mayer: Ich glaube, man hat sich schon länger beschnuppert. Ich glaube, die erste Anfrage von !K7 selbst kam irgendwann mitten in den Nuller Jahren, während ich eigentlich noch mit meiner Immer-Triologie beschäftigt war, das ist die Mix-CD-Reihe, die ich auf meinem eigenen Label, Kompakt, veröffentlicht habe. Damals sah ich dann keine Notwendigkeit fremdzugehen, sozusagen. Sie Triologie war dann irgendwie abgeschlossen, ich hatte die fabric-Mixe, was einer der anderen wichtigen Mix-CD-Reihen ist, auch schon in der Tasche. Ich hab mir immer gesagt, falls ich nochmal eine Mix-CD angehen würde, dann nur für DJ-Kicks.

Biermann: Warum nur für DJ-Kicks?

Mayer: DJ-Kicks ist das große Flaggschiff einer Kunst, die leider fast schon in Vergessenheit gerät. Mittlerweile kann man Mixe überall im Netz, auf Soundcloud oder Mixcloud gratis anhören und das CD-Format selbst gerät ja langsam in Vergessenheit. Das spielt einfach nicht mehr die große Rolle. !K7 haben es trotzdem geschafft, das Schiff auf Kurs zu halten und haben mittlerweile über die Jahre eine ziemlich erstaunliche Ansammlung an Künstlern an Bord gekriegt, um eben Mixe beizusteuern.

"Eine gewisse Zeitlosigkeit anstreben"

Biermann: Die Frage ist nur: wenn Sie auflegen, dann machen Sie lange Sets, dann legen Sie acht Stunden auf, vielleicht sogar länger. Eine CD hat eine begrenzte Spielzeit. Wie geht man damit um als Künstler?

Mayer: Das ist ähnlich wie bei der bildenden Kunst, wahrscheinlich. Es gibt große Leinwände und es gibt kleine Leinwände. Und die Aufgabenstellung bei der Mix-CD ist eine ganz andere als wenn man jetzt bei einer Party spielt. Bei der Party geht es darum, eine Atmosphäre zu schaffen und die Leute am Tanzen zu halten über einen sehr langen Zeitraum hinweg. Bei der Mix-CD hat man vornherein diesen eng gesteckten Zeitrahmen und außerdem war ich immer der Ansicht, wenn man etwas auf CD presst, dann sollte das ein bisschen mehr Substanz haben als wenn man einfach nur ein paar Platten aneinanderreiht und dann den Kopfhörer fallen lässt. Das sollte schon eine gewisse Zeitlosigkeit anstreben.

Biermann: Wie lange haben Sie gebraucht?

Mayer: Von den ersten zaghaften Versuchen, ein Plattenregal zu besteigen und da irgendwelche alten Perlen ...

Biermann: Besteigen? Heißt das, Sie brauchen eine Leiter, oder was?

Mayer: Ich komm noch an die oberste Etage ran, weil ich relativ groß bin, aber das geht schon bis unter die Decke natürlich, ja.

Biermann: Über was für eine Stückzahl reden wir jetzt hier?

Mayer: Ich hab sie lange nicht mehr gezählt, ich hab aber bei meinem letzten Umzug mich doch auch von ziemlich vielen Platten getrennt. Das waren alleine etwa 5.000 Platten, die ich da verschenkt habe an jüngere DJs und momentan habe ich noch etwas zwischen 12.- bis 15.000.

Biermann: Da hat man keinen Überblick mehr, oder?

Mayer: Es gibt Kollegen, die schaffen es irgendwie, Ordnung zu halten in ihren Sammlungen, aber ich gehöre nicht dazu.

Biermann: Aber das macht es natürlich spannend. Man greift irgendwo hin und sagt, ach, was ist das denn? Ach ja, ich kann mich erinnern.

Mayer: Ich mag das sehr gerne. Ich suche eine bestimmte Platte, ich habe ungefähr einen Verdacht, wo die stehen könnte und dann finde ich sie natürlich nicht, aber während ich suche, finde ich dreißig andere Platten, die ich auch lange nicht gesehen hab und allein die Aktion schon wert waren.

Biermann: Also Zufall ein bestimmendes Element im schöpferischen Prozess?

Mayer: Zufall weniger, nein, das nicht. Das gilt dann eher für die DJ-Sets, dass man wieder einen alten Klassiker oder eine alte Geheimwaffe findet, die man komplett vergessen hatte und über die man sich dann sehr, sehr freut.

"Alte Schätze für die westliche Kundschaft"

Biermann: Wenn ich mir die DJ-Kicks-CD anhöre, dann finde ich darin Throbbing Gristle, Avantgarde-Legenden aus Großbritannien, neben Marc Almond und Jon Hopkins. Das heißt die Palette, aus der Sie schöpfen ist sehr breit. Karnevalslieder legen Sie auch auf, habe ich gelesen.

Mayer: Das ist nur bedingt richtig, das tue ich nur für meine Kinder. Ja, also die CD zeigt eigentlich nur einen ganz kleinen Ausschnitt aus dem, was sich in meinem Plattenschrank so tummelt. Ich höre als Privatmensch sehr, sehr viel unterschiedliche Musik. Ich bin ein großer Freund von dem, was man mal irgendwann als Weltmusik bezeichnet hat. Wir leben ja gerade in Zeiten, in denen es viele Re-Issues gibt, die Industrie hat sich - oder auch viele Independent-Label haben sich darauf verlagert, statt neue Bands aufzubauen, was ja immer schwieriger wird - eben eher alte Schätze zu heben und wunderschöne Anthologien zu erstellen, von sagen wir mal einem psychedelischen Singer-Songwriter aus den 70er-Jahren aus Pakistan oder so. Platten, die es im Westen eigentlich nie wirklich geschafft haben, die werden jetzt plötzlich aufgelegt und mit viel Brimborium und Linernotes der westlichen Kundschaft zugänglich gemacht. Da bin ich auch ein leichtes Opfer, also das sind Dinge, die ich leidenschaftlich sammle und eben auch Zuhause höre. Ich höre auch gerne Jazz oder sehr viel Ambientemusik, ob jetzt die alten Helden wie Brian Eno oder Harold Budd bis natürlich zeitgenössische Produktionen.

Biermann: Michael Mayer, danke für den Besuch hier, bei Corso.

Mayer: Sehr gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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