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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"Die Macht der Bilder - Thomas Mann und der Erste Weltkrieg"11.08.2014

Michael Vollmer"Die Macht der Bilder - Thomas Mann und der Erste Weltkrieg"

Der Politikwissenschaftler Michael Vollmer hat das Verhältnis Thomas Manns zum Ersten Weltkrieg untersucht. Anhand Manns "Betrachtungen des Unpolitischen" gelingt Vollmer eine wertvolle und wichtige Ergänzung in der aktuellen historischen Diskussion über Ursachen und Folgen des Ersten Weltkrieges.

Von Jörg Himmelreich

Der deutsche Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann, schwarz-weiß-Aufnahme, Portrait, zur rechten Seite guckend (dpa/picture alliance/Abraham Pisarek)
Der Mann'sche Blick auf die französische, russische und deutsche Kultur ist von den damals geläufigen Klischees und Stereotypen durchsetzt. (dpa/picture alliance/Abraham Pisarek)

Thomas Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen" - das sind 600 Seiten voller deutschtümelnder Phrasen und nationalkonservativer Klischees. Der ausufernde Essay widmet sich der Bedrohung und Verteidigung deutscher Kultur und Literatur im Ersten Weltkrieg. Im Kern geht es Thomas Mann darum, den vermeintlichen Anspruch der französischen Literatur zurückzuweisen, Deutschland und Europa zur Demokratie zu bekehren. Dieser kulturimperialistische Ansatz Frankreichs bedrohe die "wahre deutsche Kultur und Literatur", wie Mann schreibt. Michael Vollmer sieht in den "Betrachtungen eines Unpolitischen" im Wesentlichen den Versuch Thomas Manns, sich selbst in den kulturellen Strömungen Deutschlands und Europas zu verorten.

"Da es mir im Wesentlichen um das Seelenleben oder die Gefühlslage Thomas Manns geht, ging es mir darum, in der Studie festzustellen, dass Menschen nicht in allen Situationen rational denken, rational entscheiden und rational handeln. Wenn man das berücksichtigt, kann man auch fernab des Denkmals, das die Nachwelt von Thomas Mann errichtet hat, hier einen sehr menschlichen Dichter sehen, eben weil sich hier nicht nur seine Stärken offenbaren, sondern auch seine Schwächen."

Geläufige Klischees und Stereotypen

Vollmer bemerkt, dass Thomas Manns gefühlte, subjektive Wahrnehmung von der tatsächlichen strategischen und politischen Bedrohungslage im Ersten Weltkrieg erheblich abweicht. Großbritannien, immerhin der Hauptfeind des Deutschen Reichs im Ersten Weltkrieg, findet in den "Betrachtungen" kaum Erwähnung, weder politisch noch literarisch. Thomas Mann geht es vor allem um Frankreich, um Russland und - um Deutschland. Folgerichtig teilt Vollmer seine Arbeit in drei Teile ein und geht gewissermaßen geografisch-landeskundlich vor. Ausführlich - mitunter zu ausführlich - beschreibt er dabei immer wieder die tatsächlichen historischen Ereignisse und kontrastiert sie mit den Wahrnehmungen Manns. So gelingt ihm der Nachweis, dass der Mann'sche Blick auf die französische, russische und deutsche Kultur von den damals geläufigen Klischees und Stereotypen durchsetzt ist.

"Denn die über Jahrhunderte gewachsenen Vorstellungen hatten Thomas Mann zu der nicht mehr hinterfragten Annahme verleitet, dass sich die tatsächlich beobachteten Eigenschaften oder Mentalitäten der Menschen durch das Mittel der Verallgemeinerung zu Nationalcharakteren verdichten ließen."

Hemmungslos schusterte Thomas Mann Zitate und Gedanken aus der französischen Literatur zusammen, um seine Vorurteile gegen sie zu untermauern. So vermittelte er geradezu manipulativ den Eindruck, dass sogar die französische Literatur selbst seiner Kritik an der zeitgenössischen Kultur Frankreichs zustimme. Das führt nach Meinung Vollmers zu dem geradezu paradoxen Rückschluss, dass Mann auf diese Weise trotz aller geistiger Gegensätze nach deutsch-französischen Gemeinsamkeiten suche.

"Das Zusammentreffen von französischen Selbstbildern mit dem Mann'schen Frankreichbild erzeugte einen literarisch-politischen Konsens, der die Basis für die Suche nach Gemeinsamkeiten darstellte, die die in den "Betrachtungen" zur Schau gestellte Feindschaft "entnationalisieren" sollte."

Mystische Verklärung Russlands

So sehr er sich an der französischen Literatur reibt, so sehr versucht Thomas Mann die russische Literatur für sich und sein deutsch-nationales Kulturbild zu vereinnahmen: Geradezu hymnisch verehrt Mann Dostojewski und Tolstoi und die russische Kultur. Weil er Russland selbst kaum kannte, entnimmt er sein Russlandbild vor allem den "Politischen Schriften" und Romanen Dostojewskis, was fast zwangsläufig zu einer mystischen Verklärung Russlands führen muss.

"Aus der Unschärfe des deutschen Fernblicks bot sich dem Betrachter hier eine alte, archaische und ungekünstelte Welt, in der sich eine unverbildete Seelenreinheit hatte erhalten können, die bei den Menschen in Westeuropa verloren gegangen war."

Mit diesem verklärten Bild trug Thomas Mann zu einer Russland-Wahrnehmung bei, die prägend für viele deutsche Intellektuelle werden sollte. Mann konstruiert wortreich eine geistige Nähe und Seelenverwandtschaft der deutsch-russischen Kultur und versucht diese These anhand der romantischen Eichendorff-Novelle "Aus dem Leben eines Taugenichts" zu untermauern: Darin wird der unschuldige Tölpel vom Vater in die Welt geschickt und meistert allen Hindernissen und Widrigkeiten zum Trotz sein Leben.

Russland als kulturelles Gegenmodell zum Westen

"Der "Taugenichts" ist für Thomas Mann eine unpolitische Figur, einer, der in das Leben hineinschlittert, der auch betrogen wird, und am Ende aber trotzdem als eine Art "Hans im Glück" als Sieger hervorgeht."

In einer gewagten Analogie zwischen dem Taugenichts Eichendorffs und dem Kaiserreich Deutschland im Ersten Weltkrieg sieht Thomas Mann die verspätete Nation als Opfer einer bösen politischen Wirklichkeit voller Intrigen und Verschwörungen - und folgt damit dem weit verbreiteten Selbstverständnis des wilhelminischen Kaiserreichs: Deutschland sah sich eingekreist von übel gesinnten Nationen, die die deutsche Staatsgründung von 1870/71 am liebsten verhindert hätten. In dieser Lage helfe Deutschland nur noch Russland als kulturelles Gegenmodell zu den feindlichen Mächten im Westen, folgert Thomas Mann. Diese antiwestliche und antidemokratische Geisteshaltung Thomas Manns wirkt heute befremdlich - bewegte sich aber damals, nach Kriegsende im November 1918, innerhalb eines anerkannten öffentlichen Meinungsbilds. Vollmers Studie ist daher eine wertvolle und wichtige Ergänzung in der aktuellen historischen Diskussion über Ursachen und Folgen des Ersten Weltkrieges. Denn sie legt die ideengeschichtlichen Wurzeln eines antidemokratischen, nationalistischen Denkens frei, das innerhalb der konservativen Eliten des Kaiserreichs und der Weimarer Republik einen breiten Rückhalt hatte.

Michael Vollmer: "Die Macht der Bilder - Thomas Mann und der Erste Weltkrieg". 430 Seiten, Be.Bra Wissenschaft Verlag, 46 Euro.

 

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